Iraklion, La Brasserie

La Brasserie, Toilette
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2016: Iraklion, La Brasserie, das WC … nee … die Sanitär-Lounge …
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Petros ToiletteSicher ist es Ihnen in Griechenland auch aufgefallen: Die Toiletten in öffentlichen Lokalen sind gewöhnlich vernachlässigt.
Unabhängig vom Niveau des Lokals. Gut, es ist nicht mehr so rustikal wie vor 30 Jahren (Bild links: Taverne Petros in Frangokastello 1986) und die Räume werden auch einigermaßen sauber gehalten. Aber die Toilettenräume sind gewöhnlich winzig und auf ihre Ausstattung wird kein Wert gelegt. Sie liegen im Keller, zwei Treppen hoch über dem Gastraum, draußen im Hof, neben den Mülltonnen, hinter der Küche. Es ist ein „peinlicher“ Raum in der Vorstellung der Einheimischen.
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An meinem ersten Tag in Iraklion bin ich mittags auf dem Weg zum Archäologischen Nationalmuseum, um mir die Funde aus der Minoer-Zeit anzuschauen. Auf dem Weg passiere ich eine idyllische Platia, etwas versteckt in der Fußgängerzone, trotz der Jahreszeit (Januar) grünüberwuchert und fast sommerlich. Drei Cafés und ein Musikladen, aus dem leise melancholischer Jazz über den Platz klingt. Ich brauche einen Kaffee, entscheide mich für das Lokal mit den schrägsten Stühlen. Regiestühle, buntgemustert, alle anders bezogen: La Brasserie. Mein Platz in der Vorfrühlingssonne hat die beste Aussicht.
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Kein anderer Gast außer mir im Lokal. Es dauert, bis die Barfrau auftaucht und nach meinen Wünschen fragt. Sie hatte was zu erledigen, sorry, entschuldigt sie sich. Ganz großes Lächeln, sympathisch-lässig.
Fast wäre ich schon nach nebenan gewechselt, wo ein junges Paar sitzt, dessen noch nicht zweijähriger Sohn gerade laufen gelernt hat und jetzt unsicher zwischen den Möbeln herumtapst. Vater tapst besorgt hinterher, Mutter macht ein Video mit dem smartphone.
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Der Nescafé, zesto kai metrio, 2 Euro, ist bald leer. Wo ist bitte die Toilette, frage ich an der Theke. Wieder ganz großes Lächeln: Oben! Aha, das übliche, unten repräsentatives Design, und oben …
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Oben bin ich baff erstaunt. Hier hat sich ein Designer voll engagiert. Ein bunt gekacheltes Dreieck mit 3 runden Waschbecken (pink, orange, silbergrau) in der Mitte des Raumes, 3 Toilettentüren, auf der linken Tür ein Frauenportrait, rechts zwei Adonisgestalten. Herren und Damen teilen sich diesen Raum. Alles blitzsauber. Runde Spiegel, Sitzwürfel (!) aus Kunstleder, ein bizarrer Kronleuchter, der Torso einer Schaufensterpuppe. Und das in Griechenland. Schon suche ich nach der Kamera. Das muß ich festhalten!
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Zehn Tage später, Samstag, abends. Katharina und ich haben im Peninda-Peninda in der Marktgasse sehr gut gegessen. Wir lassen uns durch die Fußgängerzone treiben. Kalt und stürmisch ist es heute, aber trotzdem ist halb Iraklion auf der Straße.
„Ich muß dir das Café zeigen, das diese irre Toilette hat, Katharina!“ Gar nicht so leicht zu finden, wir müssen um ein paar Ecken. Da ist es!
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Draußen sitzen geht heute nicht. An der Tür fängt uns der Barmann ab. Wir können nur an der Bar sitzen, die Tischchen und Sessel im Innenraum werden nämlich gleich abgeräumt, weil ein DJ die Szene übernimmt und Platz zum Tanzen gebraucht wird. Aha, das Café hat eine Tag- und eine Nachtphase!
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Die Bar ist lang und geräumig, wir sitzen am Kopfende. Ein junger Typ sitzt uns schräg gegenüber, starrt durch die Brille in sein Bierglas, hinten zwei Tische mit Gruppen von jungen Frauen. Der Abend fängt hier wohl erst um Mitternacht an. Ich blicke Richtung Tür, Katharina Richtung Getränkeregal hinter der Bar. Der Barmann erklärt freundlich-höflich sein Bierangebot, gezapft oder Flasche, Katharina will ein Glas Rotwein. Der Preis ist einer großstädtischen Music-Bar angepasst …
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Katharina zeigt auf zwei Kunstharz-Figurengruppen im Getränkeregal hinter mir: „Ist das hier eine Schwulenbar …?“ Die Figurengruppen zeigen (A) ein Frauen-Paar in Hochzeitskleidern, händchenhaltend, und (B) ein Männer-Paar in schwarzen Anzügen. Gleichgeschlechtliche Hochzeitsfeiern?
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„Schwulenbar? Kann ich mir nicht vorstellen, Katharina. Das ist nur eine ironische Anspielung. Geh mal nach oben auf die Toilette, hier hat überall nur ein schräg-origineller Innenausstatter zugelangt.“
Katharina bleibt auch nach ihrem Ausflug in die obere Etage mißtrauisch, und zwei Tage später, wir sind wieder in Deutschland, recherchiert sie. Ergebnis:
http://www.gayguide.gr/en/Heraklion-Crete/Cafe-Bar/LA-BRASSERIE/
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gay guide SeiteErstaunlich, es gibt unzählige Bars und Cafés in der Inselhauptstadt, und ich war am ersten Reisetag tatsächlich im einzigen Lokal gelandet, wo Männer es mit Männern und Frauen es mit Frauen haben. Wo aber jede sexuelle Orientierung ihren Platz hat, und wo eben ein „openminded place“ ist für „openminded people“.
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„Openminded“ waren die beiden Kleriker nicht, die Katharina vor ein paar Tagen bei ihrem Besuch im Kloster Gonia die nähere Betrachtung der Ikonostasis der Klosterkirche verweigert hatten. Scheinbar immer noch ein Platz für männliche Fundamentalisten. Obwohl sich die 1965 gegründete Orthodoxe Akademie daneben doch dem Dialog „mit der Welt“ öffnen will …
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Hm. Kenne ich das griechische Eherecht? Nein. Dürfen da gleichgeschlechtliche Paare heiraten? Ja, sagt wikipedia. Seit Ende 2015 sind „Eingetragene Lebenspartnerschaften für Homosexuelle“ möglich, allerdings ohne Adoptionsrecht.
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Und weiter: In Griechenland darf ja auch der untere Klerus heiraten und eine Familie gründen. Was ist, wenn der παπάς einer Kirchengemeinde nun den παπάς der Nachbargemeinde heiraten wollte, und mal nicht seine Haushälterin?
Kriegte das Paar den Segen des Patriarchen aus Konstantinopel?
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Man lernt nie aus.
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