2 Die “moderne” Kreuzfahrt 1896

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Adam Karrillon – war er der erste, der für die Rundreise im Orient den Begriff “moderne Kreuzfahrt” erfand? Karrillon war Arzt und Schriftsteller. Seine erste “Orientreise” fand 1896 statt, an Bord der Stefanie des Österreichischen Lloyds.
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Was mir an seiner Reisebeschreibung auffiel, war sein spezieller Blick: Er interessierte sich für die Typen, die mit ihm unterwegs waren, offenbar viel mehr als für die Trümmer, die zu besichtigen waren! 32 Leute, deren Charakter in der Enge der zufällig gebildeten Reisegesellschaft sich langsam offenbahrte. Und ihn interessierte die Dynamik der Beziehung von Gruppe und Individuum. Der (Sozial-)Psychologe ist hier unterwegs, weniger der Archäologe. Beziehungsweise, erst unterwegs wird langsam aus dem philologisch Gebildeten der psychologisch Interessierte …
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Die Eigenschaften eventueller Mitreisender waren für den Hellas-Reisenden des 19. Jahrhunderts immer nur am Rande mitteilenswert. Gut, eine kleine Karikatur hellte manchmal die Geschichte auf: Gebildete Preußen amüsierten sich über britische Originale, weltläufige Briten über bornierte Preußen. Aber die Personen, die gewöhnlich schwerpunktmäßig erwähnt wurden, waren die Personen aus den Sagen des klassischen Altertums …
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Karrillon hat sich mehr oder weniger liebevoll mit den Schwierigkeiten auseinandergesetzt, der eine solche Gruppe in der ungewohnten, ja exotischen Umgebung ausgesetzt war. Da gab es eine bestimmte Hierarchie, da gab es Kleingruppen, die sich absetzten, da gab es Angepaßte und schräge Individuen. Man muß schon feststellen, das größte Kreuz auf dieser Kreuzfahrt sind des öfteren die Mitreisenden …🙂 …
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Ein Beispiel: Der menschenfreundliche Sarkastiker Karrillon mag diesen Bauern aus Schweinfurt, der so gar nicht in die kleinbürgerliche Gruppe paßt, und er amüsiert sich über seine Eigenarten (seine Saatgut-Sammelsucht, seine Naivität). Der Bauer hat nie konventionelles kleinbürgerliches Verhalten erlernt. Er ist nicht weltmännisch, er versucht es auch gar nicht … er ist er selbst. Er merkt ja nicht mal, daß er auffällt!
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Und die Gruppe hat ihr Opfer gefunden: Der Mann ist der Schwachpunkt, der an ihrem Ruf als sozial arrivierte Gruppe zweifeln läßt. Da sind sich alle einig. Ja, irgendeiner ist in jeder Gruppe immer derjenige, über den sich alle lustig machen. Das befreit kollektiv den Rest der Gruppe: “Wir sind auch alle blöd+unsicher+ängstlich, und wir sind zum ersten Mal im Ausland, aber wir sind wenigstens nicht so blöd und sichtbar wie der …”
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Aber Karrillon sieht sie alle mit ihren Macken und komischen konventionellen Sitten, schon vom ersten Abend im gemeinschaftlichen Unisex-Gemeinschafts-Schlafsaal des Schiffes, wo die junggefreiten Hähne ihre Hennen ins Etagenbett schicken:
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“Ich fand in der ersten Kajüte alle Betten belegt und wandte mich nach der zweiten. Speisesaal und Schlafgemach waren hier der gleiche Raum. In der Mitte war ein langer, gedeckter Tisch und an den Wänden hinauf die schmalen Bettstellen. Der Auskleideraum war allen Menschen gemeinsam. Aber wer sollte mit dem Entkleiden den Anfang machen? Zwei Flitterwöchner hatten sich voller Eifersucht vor ihr ausschließliches Eigentum gestellt und statt die armen Bräute zu entkleiden, bedeckten sie dieselben noch mit ihren wasserdichten Regenmänteln. (…) Da ich der schneeigen Weiße meines Unterzeugs sicher war, so fing ich an, mich zu entkleiden. Darauf schwang ich mich mit Aufgebot der sämtlichen mir zur Verfügung stehenden Grazie in eines der obersten Betten.” (gekürzt)
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Wie schon gesagt, Dr. Karrillon wird anfangs noch von seiner Schulbildung verfolgt. Er ärgert sich zum Beispiel (als Korfu am Horizont auftaucht), daß der gute, alte Odysseus damals nicht frühzeitig ertrunken ist. Dann hätte Homer “viele Gesänge weniger geschrieben” und Karrillons letztes Schuljahr hätte sechs Wochen kürzer sein können, und Karrillon wäre trotzdem noch “genügend reif geworden für die Früh- und Abendschoppen meiner Universitätszeit.”
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Und jetzt – das wird er gleich auf Korfu feststellen – nützt ihm das eingepaukte Altgriechisch überhaupt nichts mehr, die modernen Griechen sprechen es nämlich nicht …
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Aber die “modernen Griechen” kriegen auch manche Salve ab. Beim Tagesausflug fällt Karrillon sechs Mal unter die Schuhputzer, ohne flüchten zu können: “Es ist erstaunlich, was dieses Volk einen Reinlichkeitswahn entwickelt, wenn es sich um andere Leute handelt.”
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Von Patras geht es mit dem Zug nach Athen, während das Schiff der Gruppe, die Stefanie, den Peloponnes umfährt. “Der Reiseunternehmer hatte unseren ganzen Sklavenzug nach dem Orient in zwei Coupes zusammengetrieben.”
Unterwegs wird die Fahrt immer wieder unterbrochen (Korinth, Eleusis), aber Karrillon kriegt keinen Besucher-Streß: “Ich saß allein unter der Markise einer Kaffeeschenke, dem Trümmerhaufen gegenüber. Der Sklavenzug stolzierte, mit Meyer und Bädeker ausgerüstet, derweilen zwischen den bloßgelegten Fundamenten der Tempel herum, beschnüffelte alles, und was die Ziegen tags vorher hatten fallen gelassen, das sammelten sie und begutachteten es sich gegenseitig als wertvolle Überbleibsel aus der Zeit des Perikles.”

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Jedenfalls erfreut er sich daran, daß er mit einem hübschen griechischen Mädchen um gefälschte antike Objekte feilschen kann, leider “ohne die Sprache des Xenophon” benutzen zu können, aber “unterdessen kam die Reiseherde unter Blöken näher und störte meine Idyllle.”
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In Athen wohnt die Gruppe im Hotel d’Angleterre, und wird schräg angesehen … es gibt zwar Ungeziefer im Bett, aber die Kellner sind nicht ohne Dünkel: “Nur an einem blitzte dieser Glanz (im Speisesaal) wirkungslos ab. Es war ein Bauer aus dem Schweinfurter Gau. Die Hauptnummer in dem Reiseprogramm bildete für ihn Jerusalem, und den Hin- und Rückweg zu diesem Ziele benutzte er dazu, sich eine Sammlung landwirtschaftlicher Produkte anzulegen. Er hatte in Korfu Kartoffeln eingekauft, in Patras Zuckerrohr ausgerissen, in Ägion Melonen mitgenommen. In einem grauen Sack trug er all diese Schätze über die Schulter gehängt. Das Gesicht des Servicekellners hatte etwas herablassendes angenommen, als er ihn unter uns sah; der Oberkellner nun gar betrachtete die ganze Gesellschaft mit Mitleid und Geringschätzung, und als nun der biedere Schweinfurter die Speisen mit dem Messer hinunterschaufelte, die silbernen Löffel aus dem Pudding versuchsweise durch den Mund zog und dann den Rest mit dem Ausdruck seiner entschiedenen Missbilligung wieder in die Schüssel zurückschickte, da fehlte wenig daran, daß er uns unter samtverbindlicher Haftbarkeit an die Luft gesetzt hätte.” (gekürzt)
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Dem Schweinfurter Landwirt gefällt es gar nicht in Athen: “Er hat seine Kartoffelsammlung um eine bedeutende Anzahl neuer Arten vermehrt, sieht aber trotzdem unbefriedigt aus. Er sucht eine Bierbrauerei, wo es Sauerkraut und Schweinsknöchle oder wenigstens ein paar Geselchte gäbe und ärgert sich, daß sie in Griechenland so einfältige Buchstaben machen, daß kein Mensch die Aufschriften lesen könne.”
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Die Führung der Reisegesellschaft überlegt nun, ob sie aus Sicherheitsgründen (wegen der aktuellen Armenier-Unruhen) den Umweg nach Konstantinopel aufgeben soll, aber da ist der bayrische Bauer vorneweg beim Prostestieren … und der Rest der Gruppe schiebt ihn nur allzu gerne nach vorn: “Zwischen den Fisch und den Hammelbraten hatte er eine gute Flasche Rotwein gegossen, wie man Mörtel zwischen die Backsteine gießt, uns so mauerte er ruhig weiter durch die 12 Gänge des Menüs. Beim Nachtisch war er in einer Verfassung, in der dem Oberbayern das Raufen ein Bedürfnis wird, und so viel Türken, als er Finger an den Händen zählte, hätte er zu einer Keilerei gerne um sich versammelt gesehen. Er plädierte aufs lebhafteste für den Besuch der türkischen Hauptstadt: ‘Und wenn’s Stuhlbeine hagelt, und wenn’s Kartoffeln regnet, wir wollen den Sultan sehen!’ Die kurze Rede hatte gewirkt.”
Ende der Diskussion. Der Reiseveranstalter läßt telegraphisch in Piräus die Schiffskessel anheizen: Abfahrt Richtung Marmarameer!
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“Es ging gegen Abend, als sich vor dem Hotel der Wagenpark staute, der uns nach dem Piräus bringen sollte. Leute, die sich voneinander angezogen fühlten, suchten in einen Wagen zu kommen und wußten durch allerlei Manöver andere fern zu halten. Aber es gab auch solche, die eigentlich niemand recht wollte, und die sich gegenseitig auch nicht sympathisch waren. Diese, von der Mehrheit mehr oder minder rücksichtslos ausgestoßen …”
Ich breche das Zitat hier ab. Na, wann waren sie zuletzt in einer Gruppe unterwegs? Kommt ihnen das bekannt vor?
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Smyrna. Karrillon in einem türkischen Bad, irritiert: “Es wird einem hier recht sauer, zu glauben, daß der Mensch das Ebenbild Gottes sei.” Aber Smyrna hat ein ‘fränkisches’ Viertel, wohin es Karrillon jetzt doch dringend zieht – weil er da Frankfurter Würste mit Sauerkraut zum Riesling kriegt.
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Man könnte mit Karrillons Kreuzfahrt-Zitaten Seiten füllen. Ich breche hier mal ab … hier ist ja nicht books.google. Von Adam Karrillon nur noch der letzte Satz auf dieser Seite: “Es bestätigt sich die alte Erfahrung, daß Reisen in ihren Vorbereitungen und den Erinnerungen daran am genußreichsten sind.”
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EINE MODERNE KREUZFAHRT
Fr. Ackermann-Verlag/Weinheim(Baden), 1898
Adam Karrillon (1853-1938), Arzt und Schriftsteller (Georg-Büchner-Preisträger). Er lebte und praktizierte in Weinheim an der Bergstraße. Die Reiseerzählung “Eine moderne Kreuzfahrt” war das erste Buch, das er veröffentlichte. Spätere Reisen führten ihn nach Italien, Norwegen und Afrika (Kamerun). Die Orientreise von 1896 war auch der Hintergrund für seine Weltreise-Erzählung “Sechs Schwaben und ein halber” (1919).
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WEITER MIT SEITE: 3 DIE REISEAGENTEN im 19. Jahrhundert
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