Tinos 2015 – der grüne Steinbruch

TAMA
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Die Ausgabe des TAMA-Magazins von 2014 mit den Fotos von Giorgos Kardakis (oben) kannte ich noch gar nicht, als wir uns im Mai 2015 den grünen Marmor-Steinbruch angesehen haben.
Günter und Monika Brand (die auf Tinos ihre Bildhauer-Werkstatt hat) meinten einfach, ich müßte die Anlage mal gesehen haben.
Karte330Vor ein paar Jahren war ich mal von Pirgos Richtung Nordwesten aufgebrochen, zu Fuß Richtung Marlas. Damals wollte ich vor dem Dörfchen Marlas nach links abbiegen, um den Weg an der der Westküste zu nehmen.
Aber das hatte ich schnell aufgegeben … Mittagssonne, schattenloser Weg, und keine Taverne am Ziel, das mußte man sich nicht zumuten. Danach hatte ich die Erinnerung an die Gegend von Exo Meria verdrängt.
Hier, wo man über den Sund nach Andros hinüberwinken kann, gibt es mehrere Marmor-Steinbrüche und zwei größtenteils wohl illegal angelegte Strandorte – Koumelas und Mali.
Das grüne Kreuz zeigt die Lage des von uns besuchten Steinbruchs.

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Hier hatte damals die Foto-Session im Steinbruch stattgefunden. Achten Sie auf die senkrechten Linien der Bohrlöcher:
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Wand grüner Marmor
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Kein Wunder, daß Giorgos Kordakis sein Fotomodell oben auf den Marmorblöcken posieren ließ. Unten am Boden liegt der fein zermahlene Marmorstaub oft knöchelhoch … und verdirbt die Kollektion.
Ich hatte ja auch mein eigenes Model mitgebracht …🙂 … es zeigt die Herren-Freizeit-Mode der nächsten Sommersaison:
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Günter Grüner Marmor
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Nein, ich will mit diesem Foto nur die Größenverhältnisse vor Ort darstellen. Man sieht so, welche Maße die Stein-Quader haben, wenn sie aus der Wand geschnitten werden: Länge und Breite meist etwa 1,5 Meter, Höhe etwa 2,5 Meter. (Das sind ca. 5,5 Kubikmeter und ein Gewicht von ca. 15 Tonnen.) Wenn man sich vorstellt, daß diese Quader auf Tiefladern über diese improvisierten Wege transportiert werden müssen:
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Tinos Weg zum Steinbruch
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Hier durchschneidet die Erosion den Weg gerade auf voller Breite. Um Stoßdämpfer und Auspuff zu schonen, steigen die Passagiere vor der Überquerung der Querrinne besser aus. Die Übung machen wir mehrfach – obwohl das japanische Fabrikat solche Strecken gewohnt ist. Denn nur bis zum Dorfparkplatz von Marlas ist die Straße noch asphaltiert, aber danach muß man sehen, wie man zurechtkommt.
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Steinbruch von oben
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Nach 2,5 Kilometern Staub-Geröll-und-Schlagloch-Strecke taucht links unter uns der Steinbruch auf. Er existiert seit 1911. Er ist zur Zeit so gut wie stillgelegt, das Betreten ist verboten. Nachmittags taucht tatsächlich ein Transporter auf, um Material abzuholen. Der Arbeiter, der die Blöcke verlädt, ist voller Sorge. Da könne man noch in alle Richtungen mindestens 70 Meter weiter in den Berg hinein und grünen Marmor abbauen, und er hätte für sein Leben ausgesorgt, aber „der Euro“ sei schuld daran, daß man die Steine kaum mehr verkaufen kann. China und besonders Indien sind die weltweit größten Anbieter beim grünen Marmor, und deren Preise seien auf Euro-Basis nicht zu unterbieten. Da läuft nichts mehr im Export, und die lokale griechische Bau-Industrie ist ja jetzt im Leerlauf.
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Also mal vorsichtig hinein in den Taleinschnitt, wo scheinbar die Riesenkinder von Tinos ihre Bauklötzchen abgelegt haben. Links sehen Sie eine Halde voller Stein-Abfall. Der geäderte grüne Marmor (Ophicalcit) reißt und bricht leicht, wenn man ihn nicht lieb behandelt, und mit dem Bruchstein ist nicht viel anzufangen (obwohl „mármaros“ doch „gebrochenes Gestein“ bedeutet). Man läßt ihn einfach liegen:
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Weg in den Steinbruch
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Ein richtiger Hohlweg führt ins (ausgesägte) Tal hinein. Man fühlt sich wie in einer Halle. Die Akustik ist beeindruckend. Hier ein Abend mit den Rolling Stones …🙂 …
Von links und rechts stürzen kleine Wasserfälle in die Tiefe und verwandeln am Talboden den Sägestaub in weißen Brei.
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Weg in den Steinbruch 2
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Und still verrostet der alte Werksbus. An der Seite erkennt man noch die Aufschrift „Tinos Green Marble“:
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Werksbus Steinbruch
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Zunächst ist man ohnehin irritiert: Grüner Marmor? Hier ist doch alles mehlweiß bis hellgrau! Ich schöpfe mit den Händen etwas Wasser aus dem schlammigen Bachlauf und verreibe es auf einem Block: Tatsächlich, unter der Staubablagerung ist alles schwarzgrün und weiß geädert! Man müßte also in der winterlichen Regenzeit kommen, um den richtigen Eindruck vom Material zu haben!
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grüner Marmor freigelegt
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Aber der Staub läßt heute deutlich das Relief erkennen, das der gespannte Stahldraht beim Heraussägen des Blocks hinterlassen hat. Von unten links bis oben rechts wurde hier gesägt:
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grüner Marmor Sägespuren
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Und wie wird hier gesägt? Das war mir noch unklar, bis ich auf der Website von azalas.de gesehen habe, wie im Steinbruch von Kinidaros auf Naxos gearbeitet wird! (Ich darf das hier mal ganz laienhaft nachvollziehen, und hoffe, daß mich kein Fachmensch zurechtweist. Ich war nämlich nie gut in Chemie und Physik …) Also zunächst braucht man eine saubere, senkrechte und gut vorstehende Kante, so wie diese hier …
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grüner Marmor Kante
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… nee, das ist zwar eine saubere Kante, von der im rechten Winkel zwei glatte Flächen abgehen, aber man arbeitet sich ja im Steinbruch gewöhnlich stufenweise in den Berg hinein. Hier, an der Wand neben dem Werkzeug-Container könnte man unten schon keine Säge mehr ansetzen, um einen Block zu schneiden!
Drei der sechs Flächen des auszusägenden Quaders, besonders die obere Fläche, müssen nämlich schon frei sein! Hier ist es sehr gut erklärt und vorbildlich illustriert:
http://azalas.de/blog/?page_id=6947
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Ich fasse das nur ganz kurz zusammen: Auf meinem Foto sieht man nämlich noch die Bohrlöcher, durch die der Draht der Drahtseilsäge (exakt: Helikoidal-Säge) geführt wird:
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grüner Marmor Sägetechnik
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Die erste Bohrung mit der im Stein fixierten Preßluftbohrmaschine geht (von links) waagerecht am Boden in die Steinwand hinein (1). Die zweite Bohrung kommt in gleicher Höhe von rechts (2) und trifft die Bohrung 1 im rechten Winkel. Hier muß äußerst präzise gearbeitet werden, um das erste Bohrloch zu treffen. Jetzt wird es noch schwieriger! Die dritte Bohrung kommt von oben (3), und trifft genau auf die Kreuzung der beiden waagerechten Bohrlöcher (4).
Da braucht man schon ein bißchen Fachverstand und eine exakte Werkzeugführung …
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Jetzt von oben ein flexibles Seil ins senkrechte Bohrloch einführen und es unten durch die waagerechte Bohrung wieder herausziehen. Das Sägedrahtseil dran befestigen und durch die L-förmige Bohrloch-Verbindung ziehen. Das Ende des Drahtes über das Triebrad der motorgetriebenen Stahlsäge ziehen, die beiden Enden unlöslich verbinden (verschweißen?), stramm spannen und lossägen! Die Säge fährt dabei langsam auf Schienen nach hinten, damit die Spannung des Stahlseils erhalten bleibt. Und das ganze drei Mal.
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Was die Begriffe “waagerecht” und “senkrecht” betrifft – das ist nur eine Vereinfachung: Je nach Lage des Gesteins im Berg kann natürlich ein Schnitt auch mal “schräg” angesetzt werden!
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Konstante Wasserzufuhr für die Kühlung beim Sägen nicht vergessen und ein paar Stunden warten, während die Maschine läuft. Arbeitsschutzvorrichtungen beachten. Vor dem Abschluß des letzten Schnitts Keile in die Fuge treiben. (Mit Wasserdruck aufgeblähte Metall-Kissen funktionieren auch, siehe azalas.de!)
Block vorsichtig aus der Wand lösen. Den Block mit dem Bagger auf die Lagerfläche oder auf den Tieflader bringen, ohne daß was abbricht. Gegebenenfalls den Block nachschneiden. Dünne Steinplatten in einem Holzgestell sichern und stehend lagern.
Ist doch ganz einfach, oder …🙂 …?
Das bißchen Handwerk ….
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Steinbruch Wasserdruck
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Für die Kühlung braucht man nicht unbedingt das Quellwasser, das hier in den Steinbruch läuft. Günter hat gerade die Wasserleitung entdeckt, und deren Hahn steht ordentlich unter Druck.
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Gut, der Lärm, gelegentlicher Steinschlag und der superfeine Staub ist nicht gut für Ihre Gesundheit. Der Sägedraht kann auch reißen und Ihnen um die Ohren fliegen. Der angesägte Block kann Ihnen auf die Füße fallen. Und in sehr vielen Fällen zerspringt der Stein beim Sägevorgang. Dann können Sie die Reste oft nur noch auf die Abraumhalde schmeißen und von vorne anfangen …
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Für einen Block von 1,50 x 1,50 x 2,50 Metern kriegen Sie dann auch eine vierstellige Summe. In Carrara/Italien kostet der Kubikmeter weißer Marmor im Rohblock zwischen 1.500 und 10.000 Euro, je nach Qualität. Keine Ahnung, was auf Tinos der grüne Marmor kostet. Am Ende Ihrer Fleißarbeit sieht das Tal dann so aus:
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Steinbruch gesägte Wand
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Daß die Schnittflächen hier bräunlich sind und nicht grün, liegt am Rost. Das Wasser, das die Wand hinunterläuft, legt die Metallbestandteile im Ophicalcit frei und läßt sie an der Luft oxidieren.
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Die industrielle Arbeit in den Steinbrüchen von Exo Meria hatte noch einen Nebeneffekt:
Da Wasser und Strom in diese gottverlassene Gegend geführt werden mußten, haben sich im äußersten Norden der Insel, an der Pourghia-Bucht, zwei kleine Dörfer gebildet. Dörfer aus Ferienhäusern, die nur im Hochsommer und vielleicht an Feiertagen genutzt werden. Ferienhäuser, für die es möglicherweise keine Baugenehmigung gibt. Normalerweise sind beide Orte – Koumelas, mit den feineren Häusern, und Mali, mit den schlichteren Häusern, aber dem besseren Strand – völlig menschenleer …
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Mali Tinos
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Mali
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… aber – illegal hin, illegal her – für Wasser und Strom ist gesorgt. Hier der betriebsbereite „Gemeindebrunnen“ von Mali:
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Mali Wasserzufuhr
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Und hier …
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Mali Tinos Strom
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… wird (in Mali) gerade offiziell darauf hingewiesen, daß am Samstag, den 2. Mai, zwischen 10 und 15 Uhr wegen Arbeiten an der Zuleitung der Strom abgestellt wird. Das ist doch mal ein Service … und wohl nicht so schlimm, fürs Frühstücks-Ei und den Morgenkaffee hat jeder, der zufällig hier ist, garantiert einen Gaskocher.
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Weitere Information:
http://www.yiorgoskordakis.com/
= Fotografien von Giorgos Kordakis (auf das große Foto klicken!)
http://www.hellenicompanyofmarble.com/#!tinos-quarry/crtv
= Hellenic Company of Marble (HCoM)
https://de.wikipedia.org/wiki/Helikoidals%C3%A4ge
= die Helikoidalsäge (Drahtseilsäge)
http://www.graniteland.de/naturstein/verde-tinos
= grüner Marmor aus Tinos
https://de.wikipedia.org/wiki/Ophicalcit
= der Stein an sich
http://www.litosonline.com/de/articles/de/236/gr-n-marmor-aus-indien
= grüner Marmor aus Indien

7 comments

  1. Hast du gut recherchiert und dargestellt Kompliment
    Grüße Hartwig eingeregnet in den italienischen Alpen

  2. Das Kompliment darf ich weiterleiten an azalas.de! Die (Foto-)Dokumentation aus Naxos hat mich die Arbeitsweise im Steinbruch erst verstehen lassen.
    Ich hoffe, ich hab auch alles richtig verstanden …🙂 …

  3. Als sehenswerte Ergänzung zu “Tinos 2015 – der grüne Steinbruch”, “Tinos – Marmor in Prgos” und “Tinos- Marmor in Vathy”:
    45 Minuten über die Marmorgewinnung in Indien, über Kunstgewerbe, Götter und auch den grünen Marmor.

    War heute auf arte, ist auch weiterhin als Video bei arte+7, “Marmor – Der verborgene Schatz”, von Petra Haffter:
    http://www.arte.tv/guide/de/051601-002/das-gedaechtnis-unseres-planeten

    Wird auch wiederholt, am 08.11.15 um 14:20.

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