4 Im Dutzend billiger …

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Wichtig: Für die Durchführung der Reise ab Stuttgart im Jahre 1906 braucht die Leitung einen Gruppen-Paß des Württembergischen Königs (Foto = Ausschnitt). Er ist nötig, um später die lokal nötigen Papiere zu erhalten.
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Nun, das Reisen war plötzlich Allgemeingut … wenn man wohlhabend genug war … aber nicht alle waren alle Zeit zufrieden mit den Angeboten der professionellen Reiseveranstalter. Und wem man am meisten zu mißtrauen hatten, das waren die Subunternehmer am Reiseziel: Wirte und Hoteliers, Behörden, Pferde- und Barkenführer, alle waren noch auf einen Extra-Schnitt aus …
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Da hilft nur die Eigeninitiative, um Geld zu sparen zund Ärger zu vermeiden. Und als erster kommt gewöhnlich ein … Lehrer auf sowas! Der reiseerfahrene Professor Miller, Naturkundelehrer am Realgymnasium in Stuttgart, hatte in den Osterferien des Jahres 1900 für die erste Gruppe von 60 Personen eine Italien-Rundreise organisiert, auf Selbstkostenbasis. Eine Art Pre-Studiosus-Initiative …
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Das war so gut gelaufen, daß unter Professor Millers Leitung im Herbst 1900 eine weitere Reise veranstaltet wurde, die 18-tägige “Württemberger Romfahrt”. Hier wurden gleich 500 Teilnehmer von Stuttgart nach Rom transportiert, und zurück, als Inklusivleistung mit “voller Verpflegung auf der ganzen Reise, Übernahme aller Trinkgelder, Eintrittsgelder, Droschkenfahrten auf die Kasse”. Wieder ein Erfolg, besonders dank des sehr günstigen Reisepreises – die Fahrt wurde 1903 wiederholt!
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1904 folgte die “Württemberger Palästinafahrt” mit 492 (!) Personen, wovon 350 Personen quer durchs Land in Galiläa unterwegs waren, “was vorher nur kleinere Karawanen gewagt hatten”. Die 25tägige Reise war mit 240 Mark in der III. Klasse unschlagbar billig … das entsprach dem Preis einer einfachen Fahrt Hamburg-Konstantinopel mit dem Liniendampfer!
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1905 folgte die 1. Deutsche Mittelmeerfahrt nach Algerien, Tunesien und Süditalien … und das mitten im Hochsommer! Und 1906, auf der 2. Deutschen Mittelmeerfahrt an Bord der Etoile, stand Griechenland und Kleinasien auf dem Programm!
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“Miller legte bei seinen Organisationen allen Wert darauf, daß die ganze Reise soweit als möglich organisiert, und der Teilnehmer jeder Art von Ausbeutung überhoben sei”, hieß es.
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Die Vorbereitungen und Durchführungen der Reisen erforderten ein großes Verhandlungsgeschick, und Miller hatte sich dazu mit einem achtköpfigen Kuratorium umgeben. Dazu kamen ehrenamtliche Gruppenführer, die die nach Hunderten zählenden Reisenden in Kleingruppen betreuten. (Für die Mittelmeerreisen meldeten sich gewöhnlich mehr als 1000 Personen provisorisch an, und zwar anmeldegebührenpflichtig, aber nur 30% von ihnen buchten die Reise am Ende tatsächlich.)
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Gewöhnlich waren Nachforderungen für die Verpflegung vor Ort zu erwarten, die Eisenbahngesellschaften rechneten chronisch zu Ungunsten der Reiseveranstalter, und auch über das Schiff, die Etoile der Pariser Reederei Berteaux, wurde bis zum letzten Moment verhandelt, insbesondere um die Qualität des Bord-Essens. Miller wußte nur zu gut, daß sich am Essen jeder Frust der Reisenden entzündet bzw. abreagiert …
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Die Etoile war ein reines Fahrgastschiff (selten in der Zeit) und hatte Kabinen für 220 Personen, und Schlafplätze in der III. Klasse für 288 Personen. Und sie bot sogar eine eingerichtete Dunkelkammer für Fotografen. (Auf der Afrikareise waren 30 fotografierende Amateure dabei, in der Sommerhitze schmolz jedoch das damals noch primitive Filmmaterial …)
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Die 2. Deutsche Mittelmeerreise (04.-29.08.1906), die uns interessiert, hatte folgende Strecke: Genua-Olympia-Itea (Delphi)-Nauplia (Mykene/Tyrins)-Korinth-Athen-Athos-Troja-Konstantinopel-Nicäa-Pergamon-Ephesus-Smyrna-Santorin-Neapel-Genua. Nicht schlecht …
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Die Reise kostete in 3 Klassen zwischen 345 und 605 Mark. Den Teilnehmern war zugesagt: Freie Fahrt nach Genua, der Schiffsschlafplatz, Aus- und Einschiffung, freie Gepäckbeförderung, die Sonderzugfahrten (teilweise), volle Verpflegung an Bord und auf den Landtouren, ein gedruckter Reiseführer, sämtliche Eintrittsgelder und sonstige Gebühren, freie ärztliche Behandlung im Notfall, und ein illustriertes Gedenkbuch nach Ende der Reise.
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Was man selber organisieren kann, das tut man auch, und man lernt sehr schnell: “Man vergleiche unsere Verpflegung in Delphi, wo der Hotelier sie übernommen hatte und für 2 L 50 pro Kopf jedem in einer Papiertüte etwas Fleisch, Eier, Käse reichen ließ – jedenfalls für keine Lire Wert, wer zuletzt kam, erhielt überhaupt nchts mehr – und andererseits das, was in Mykenä, Biledschick, Pergamum, Ephesus geboten wurde, wo wir selbst einkauften und statt des harten Fleisches saftige gebratene Hühner, Beefsteak, Kuchen, Früchte, selbst Kaviarbrot, alles im Überfluß anbieten konnten. Das können wir leisten, weil ein Stab arbeitsfreudiger, uneigennütziger unbezahlter Kräfte zur Verfügung steht.”
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Aber man verlasse sich nicht auf die Deutschen im Ausland – zum Beispiel betrügt sie die deutsch geführte Anatolische Eisenbahn, die Rabatte streicht, eine ganz schlechte Kurswechselrate hat, und für den Pferdetransport plötzlich das Dreifache des ursprünglichen Angebots verlangt: “Darum im Auslande lieber Griechen und Türken und Engländer, die alle kulanter waren als unsere Berliner Landsleute.”
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Daß telegraphische Nachrichten in Griechenland und der Türkei ihr Ziel erreichen, und zwar rechtzeitig, scheint die Ausnahme zu sein. Deutsche Reiseführer sind unpünktlich, auf Santorin fehlten zunächst die Pferde und später “zum Piknik” die “am Spieß gebratenen Hämmeln”. Für den Ausflug nach Troja sind 250 Wagenplätze bestellt und bezahlt, doch können nicht so viele Teilnehmer an der Fahrt teilnehmen.
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Aber man sollte bedenken: “Wie viel mußte bei des Kaisers Orientreise geändert werden!”
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Ein ganz bemerkenswertes Zitat, aus dem Athen-Kapitel des Buches: “Viele von uns, von der Ansicht ausgehend, daß es südlich von den Alpen keine saubere Stadt mehr gebe, waren erstaunt, in Athen breite von Trambahnen und eleganten Droschken durchfahrene Straßenzüge zu finden. (Es war) so schön, daß man es auch im deutschen Vaterlande kaum schöner finden kann, da hätte man Athen am liebsten gegrollt, denn man wäre gar zu gern durch orientalisch schmutzige Straßen gewandelt.”
Na bitte. Ähnliche Zitate über andere Plätze in Griechenland, die “zu zivilisiert” geworden sind, habe ich in letzter Zeit öfter gehört, und ich habe auch selbst oft so romantisch gedacht …🙂 …
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Von Athen scheidet man mit Bedauern. Es ging alles so schnell. Und man hat ja schon einiges hinter sich. Katakolo – auch heute der Landeplatz der Kreuzfahrtschiffe zum Besuch von Olympia – war der erste Landeplatz in Griechenland. Nach Olympia geht es mit dem Zug, und hinterher erst einmal kopfüber ins Wasser!
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In der Nacht zieht die Etoile weiter, bis zum Ende des Golfs von Korinth, nach Itea. Von Itea geht es hinauf nach Delphi: “Da sah man alte Staatskarossen griechischer Dorfpotentaten, Landauer älterer und neuerer Konstruktion und besonders viel Karren, die weit eher zur Beförderung von Backsteinen als zur Personenbeförderung gebaut wurden.”
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Unterwegs in Chrysso werden die Pferde versorgt, für die Passagiere gibt es Retsina und Kaffee. Hier schwärmen die Bordphotografen aus … ja, ländliches Leben in Fülle! Geschlossen zieht man vom Dorf Kastri zum Museum von Delphi, “unter den Klängen einer schrill klingenden von Bewohnern von Kastri verbrochenen Musik.” (Es steht im offiziellen Reisebericht … Seite 72/73 … nichts über das mangelhafte Mittagessen …)
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Übrigens tragen alle Reiseteilnehmer ein weißes Armband mit einer persönlichen Nummer drauf (das ist heutzutage auch nichts Neues). Das ist praktisch bei der Besichtigung des Stadions von Delphi, wo ein spontaner Wettlauf stattfindet: Teilnehmer Nr. 299 (laut Teilnehmerliste ein Münchener Theologie-Student) brauchte 1 Minute und 20 Sekunden zum Sieg, bei 40°C im Schatten …
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Von Itea geht’s nachts mit der Etoile nach Korinth, von da aus mit dem Zug nach Nauplia (Navplio). Vor dem Mittagessen “das man aus Korinth in mächtigen Körben mitgeführt hatte” wird aber zunächst Mykene besichtigt, wo die Proviantkörbe ausgepackt werden. In Mykene herrscht die übliche deprimierende Stimmung … “das Schweigen des Todes”, wie das Erinnerungsbuch sagt. Dafür gewöhnt man sich langsam an den bitteren Retsina …
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Auch für die Stadt Navplio und Tyrins bleiben nur ein paar Stunden, denn man will abends wieder in Korinth sein und auf dem Schiff übernachten. Gegessen wird jedoch in einem Restaurant am Hafendamm, “bei kühlem Bier” und angestarrt von den Einwohnern des Ortes. Das alte Korinth und die Festung Akrokorinth stehen am nächsten Tag auf dem Plan.
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Die Aussicht von Akrokorinth ist toll, obwohl die Luft dunstig ist, aber die Griechen “hätten in den Trümmern ein Restaurant bauen sollen, wie sie im deutschen Vaterlande so stilvoll jeden Maulwurfshügel verzieren.” Leider muß man vor dem Essen wieder auf’s Pferd, denn das Schiff will frühzeitig ablegen und im Tageslicht durch den Kanal von Korinth Richtung Piräus. Nicht alle Passagiere schaffen es rechtzeitig, sie werden mit dem Zug nachbefördert.
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Der Kapitän der Etoile hatte am Vortag schon mit dem Beiboot den Kanal durchfahren, denn eigentlich galt sein Schiff als zu groß für die Durchfahrt. Es wird aber problemlos durchgeschleppt.
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In Piräus gibt es eine Seeschlacht zu sehen, aber nicht zwischen Griechen und Persern, “sondern nur zwischen den griechischen Bootsleuten, welche um das einträgliche Ehrenamt kämpften, uns ausbooten zu dürfen.” Die Ausbootung ist – wie üblich – totales Chaos. Ein mit sechs Passagieren besetztes Boot kommt sogar ohne Schiffer am Kai an … der hat nämlich inzwischen ein anderes Boot geentert, um dessen Führer zu verprügeln, weil der ihm unterwegs sein Ruder geklaut hatte …
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Der Athos ist das nächste Ziel, die Damen müssen an Bord bleiben, die Herren steigen hinauf nach Karies, wo sie das Kloster Panteleimon besichtigen können (Führung durch deutschsprachige Mönche, im Empfangssal ein Portrait von Kaiser Wilhelm II.!). Heißes, schwarzes “pumpernickelartiges” Brot gibt es und roten Wein, doch “die Lebensweise der Mönche dürfte wohl keinen von uns verlockt haben, sein Leben als Athos-Mönch zu beschließen.”
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Mal wieder werden Gruppenfotos im Klostergarten gemacht, und die Reiseleitung posiert mit dem Klostervorstand und dem türkischen Athos-Gouverneur.
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Die Landung in Troja ist nicht ohne Schwierigkeiten. Die Reiseleitung kann nur zwei Boote auftreiben zur Übersetzung. Nachdem diese zum ersten Mal von der Etolie ablegten, wird der Seegang zu hoch. Sie kommen nicht mehr zurück. Ein großer Teil der Ausflugswilligen muß leider an Bord der Etoile bleiben! Die kleine Gruppe an Land hat 6 unbequeme Kilometer im Pferdewagen vor sich bis Troja. Die Rückkehr zum Strand nach der Besichtigung der Ausgrabungsstätte ist überflüssig, die Bootsführer legen wegen Sturm und Brandung nicht mehr ab.
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Im primitiven türkischen Leiterwagen geht es von Hissarlik nach Tschanak-Kalessi, drei Stunden rasende Fahrt durch Schlaglöcher und Staubwolken, bis das griechische Dorf Erenkioi erreicht wird, wo es Kaffee, Wein und Zigaretten gibt. Es gibt noch eine weitere Pause, da gibt es sogar Flaschenbier (1 Fr.), was auch dringend gebraucht wird. Inzwischen ist es nämlich einigen Pferden nicht mehr zuzumuten, weiter die schweren Wagen zu ziehen. Noch 2 1/2 Stunden Fußweg bis zum Ort Tschanak-Kalessi, wo die Etoile inzwischen liegt, weit draußen im Meer. Den ganzen Ausflug jedenfalls treu überwacht von türkischen Gendarmen. Auch beruhigend …
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Ismid, das nächste Tagesziel, muß nun aus Zeitgründen ausfallen. Es geht direkt nach Konstantinopel. Jedoch nicht ohne Protest der Troja-Fans, die den stürmischen Tag auf dem Schiff verbringen mußten. Sie wollen zur Not auch mitten in der Nacht noch los, und dann nach Konstantinopel nachkommen … viele fürchten, ihr Leben lang hier nicht mehr hinzukommen … und Professor Miller, der Reiseleiter, hat eine bewegte “Bord-Volksversammlung” vor sich, um es ihnen auszureden.
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Nun ja, der Besuch von Konstantinopel, Smyrna und den kleinasiatischen Ausgrabungsstätten, der den zweiten Teil des Buches füllt, sei hier mal leider, leider aus Platzgründen nicht berücksichtigt. Den Tagesausflug nach Santorin lasse ich nicht aus, Sie finden ihn auf der nächsten Seite!
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