Chios – Erdbeben 1881

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Matrosen der Bouvet retten unter Lebensgefahr Schwerverletzte
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Am 03.04.1881 wurde die Insel Chios von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Am 30.04.1881 berichtet Le Monde Illustré (Paris) mit 3 Bildseiten und einem recht kurzen Textbeitrag. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie schwierig es damals war, Nachrichten aus der Welt zu erhalten und zu verbreiten. Kein CNN, kein Internet … da war niemand auf Chios mit einer Kamera, niemand telegrafierte, selbst von Smyrna aus dauerte es Tage, bis die Insel per Schiff erreicht werden konnte. Sich auf dem zerstörten Gebiet zu bewegen, war nur schwer möglich … keine Rettungshubschrauber, keine Planierraupen. Und noch Monate später waren viele städtische Straßen nur unter Lebensgefahr passierbar … daher konnten viele Leichen aus den Trümmern nicht geborgen werden. Ende April schätzte man die Opfer auf 5000. Le Monde Illustré hatte einen Vorteil: Die Franzosen hatten ein Konsulat auf der Insel, das Blatt hatte in Smyrna einen eigenen Korrespondenten (Ch. Salzani), und zufällig lag beim Erdbeben ein französisches Schiff auf der Reede vor Chios-Stadt, die Bouvet.
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Erste Hilfe für Erdbebenopfer durch Schwestern des Vincent-de-Paul-Ordens
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Die im Blatt veröffentlichen Zeichnungen sind also nicht authentisch, es sind auch keine Stiche nach Fotos, sie wurden aus Skizzen (croquis) des Smyrna-Korrespondenten in der Redaktion in Paris erstellt. Und die Redaktions-Zeichner waren wahrscheinlich noch nie in Griechenland …
(Medialer Fortschritt? Beim ebenso großen Erdbeben in Messina 1909 wurden bereits Trümmer-Ansichtskartenserien für die katastrophensüchtigen Touristen erstellt und vor Ort verkauft …)
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Flucht aus einem zusammenbrechenden Haus in Chios
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Der zentrale Teil der Textreportage in Le Monde Illustré
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Chios-Stadt, links der zerstörte Gouverneurspalast, in der Mitte Notlazarette, rechts die Trümmer des Kapuzinerklosters

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“Um Mitternacht langten wir vor Chios an. (…) Die Zerstörung, welche die furchtbare Erderschütterung im Jahre 1881 angerichtet hat, übertrifft die schlimmsten Ahnungen. Sogar die Hauptstraße der Stadt, die sogenannte Aplotariá, mit behäbigen, zum Teil noch aus der Genueserzeit stammenden Häusern, ist der entsetzlichen Katastrophe unterlegen; überall regen zwischen Schutt und Wirrnis einzelne Mauerreste empor.”
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“Wir traten in den Klosterhof (von Nea Moni); mit Schutt gefüllte Thorwölbungen, grasbewachsene Mauerreste und ein wirres Chaos von Steinen deutet uns die Stelle an, wo vor der letzten Erderschütterung die berühmte Abtei stand. Nach langem Rufen zeigte sich endlich ein Mönch, den ich freilich als solchen nicht erkannt hätte; statt der Mönchskutte trug er die kurzen Pumphosen der Inselgriechen, eine zerlumpte Jacke und eine schmutzigbraune fezähnliche Mütze.”
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aus “Griechische Reise” von Karl Krumbacher, 1886
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One comment

  1. 1882 schreibt Meyers Reiseführer “Orient” über die Insel (Redaktionsschluß war November 1881):
    “In jüngster Zeit wurde Chios von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht, welches, zuerst am 3. April 1881 auftretend und nach kurzen Pausen sich in zahllosen Stössen wiederholend, den grössten Teil der Hauptstadt zerstörte und viele Tausend Menschen unter den Trümmern begrub. Ein neuer heftiger Erdstoss erfolgte am 27. August 1881.”

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