Post aus Patras und Saloniki, 1917

Saloniki Brand terk Viertel
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Saloniki 1917, das beim Großbrand zerstörte türkische Viertel.
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Mal wieder bin ich gefragt worden, warum ich diese alten Ansichtskarten aus Griechenland sammele. Vielleicht ist der Text auf dieser Seite ja eine Antwort auf die Frage.
Die Antwort ist: In den Karten spiegelt sich die Zeitgeschichte. Das ist spannender als im Geschichtsbuch zu lesen …

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Patras Hafenfront
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PATRAS
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Der erste Anblick, den der nordeuropäische Reisende vor 100 Jahren gewöhnlich vom griechischen Festland hatte: die Hafenfront von Patras. Schließlich kam man damals noch per Schiff, mit dem Lloyd-Dampfer, meist aus Triest.
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Gut, die erste griechische Station war auf der Fahrt nach Süden gewöhnlich die Insel Korfu, aber das war in der Regel nur ein kleines Vorspiel. Wenn man dort überhaupt von Bord ging, dann höchstens zu einem Spaziergang durch die Altstadt. Oft wurden auch schon da die ersten Ansichtskarten gekauft und zur Post gebracht.
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Aber erst Patras war „richtiges“ Griechenland. Von hier aus ging es nach Olympia, oder hinein in den Golf von Korinth, etwa nach Itea, um nach Delphi hinaufzureiten. Selbst als der Kanal von Korinth 1893 eröffnet wurde, drängte man sich noch nicht umgehend nach Piräus. Athen war oft genug der letzte Höhepunkt der Hellas-Rundreise.
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Patras Pier
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Patras, Blick aufs Pier
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Patras Zollstation
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Patras, Zollstation
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Patras Pier
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Rückblick aus der Stadt aufs Pier
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Patras Zoll
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Patras, der Fischereihafen, mit Schmalspurbahn
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Ein Blick in das Programm der „Wiener Universitätsreise“, Ostern 1911. Eine damals ganz typische Gruppenreise. 320 Kronen/Person für Universitätsangehörige.
Und wenn Universitätsangehörige auf Bildungsreise unterwegs waren, schrieben sie damals gewöhnlich ein Buch drüber …🙂 … aber ein solches Zeugnis dieser Reisenden aus Wien habe ich bisher noch nicht gefunden:
Am 08.04.1911 ab Triest mit dem Lloyddampfer „Amphitriti“ – Korfu – dann Olympia (Man ist mutig genug, Katakolon direkt anzulaufen und Patras auszulassen. Warnendes Zitat im Heft: „Katákolon ist ein schlechter, bei Südwind ganz ungeschützter Hafen …“. Heute liegen hier die dicken Kreuzfahrtschiffe für den Massen-Ausflug nach Olympia.) – Santorini – Delos – Nauplia/Tiryns/Mykene – Piräus/Athen – Itea/Delphi – Pola (Kroatien), von dort am 26.04.1911 mit dem Zug zurück nach Wien.
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Patras FeldpostDie Karte von Patras (Vorderseite oben) wurde von einem Korporal Stöger geschrieben und am 29.04.1918 von Budva (Montenegro) aus an das „wohlgeborene Fräulein Pauline Stöger (stud. päd.)” in Krems an der Donau geschickt. Zu dem Zeitpunkt (am 29.06.1917) hatte Griechenland seine Neutralität im 1. Weltkrieg bereits aufgegeben und stand auf der Seite der Alliierten gegen die Mittelmächte, zu denen auch Österreich gehörte.
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Wir können uns die Frage stellen, wie ein österreichischer Unteroffizier im Frühjahr 1918 an eine Ansichtskarte aus Patras kam. Auch vor dem griechischen Kriegseintritt im Juni 1917 hätte ein österreichischer Soldat in Griechenland nicht problemlos umherreisen können, da das Land den alliierten Truppen logistische Hilfe leistete. Die Briten und Franzosen operierten von Korfu aus und hatten ein großes Armee-Kontingent in Mazedonien stationiert, mit Saloniki als Basis.
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Wie die Antwort auch sein mag, die Karte wurde auch nicht aus Griechenland verschickt, sondern in Stögers k.k. Garnisonsstadt Budva (Montenegro) eingeliefert, zuerst „zensuriert“ und dann als Feldpost befördert.
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Nebenbei: Es gibt sogar im Internet Listen mit k.k. Weltkriegsteilnehmern aus der Zeit. Da findet sich „unser“ Korporal Stöger jedoch nicht. Nur ein Oberstleutnant Julius Stöger-Sterner, der 1914 der „Reitenden Dalmatinerer(!) Landesschützendivision“ vorstand. Ja sicher, das wollten Sie schon immer wissen …🙂 …
Und einen Fußballtrainer Peter Stöger aus Wien gibt es ja auch noch (2015 = 1.FC Köln) … egal, wechseln wir mal die Hafenstadt:
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Saloniki tuerk Viertel
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Saloniki tuerk Viertel
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SALONIKI
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Nochmal gesagt: Weil sich ein Ort auch in seinen Ansichtskarten spiegelt, lernt man dort etwas über die spezielle Zeitgeschichte. Oft ist nur das zeittypische Bild-Motiv auf der Vorderseite wichtig. Die Rückseite zeigt oft nur banale Grüße nach Hause.
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Es fällt auf, daß Thessaloniki erst seit 1915 als Reiseziel und Post-Versandort erscheint.
Saloniki und Mazedonien gehörten ja erst seit dem Balkankrieg (1913) zum griechischen Hoheitsgebiet, und der Tourist reiste vorher eher ins „klassische“ Griechenland als ins Osmanische Reich.
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12 Apostel Kirche saloniki
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Saloniki; die Zwölf Apostel Kirche, in osmanischer Zeit diskret ringsum „umbaut“.
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In Saloniki waren seit 1915 zahlreiche britische und französische Truppen stationiert. Der griechische Ministerpräsident Venizelos förderte die Stationierung trotz der (vorläufigen) griechischen Neutralität im Weltkrieg, denn Griechenland fürchtete eine Auseinandersetzung mit Bulgarien im Grenzgebiet des Vardar-Tals (Mazedonien).
Als die alliierten Divisionen eintrafen, war Venizelos allerdings bereits zurückgetreten. Die Alliierten störte das nicht mehr …
Der Fluß Vardar heißt im im griechischen Mündungsgebiet Axios.
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Bulgarien griff auch auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg ein. Es kam im Vardartal zu heftigen Kämpfen. Griechenland erklärte den Mittelmächten am 29.06.1917 den Krieg. Nach ersten Niederlagen konnten die Alliierten und die Serben den Krieg an der Vardarfront 1918 für sich entscheiden. Am Ende waren allein 18.000 der alliierten Truppen gefallen, und Hunderttausende starben im Kampfgebiet an Malaria.
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Noch 1917 schreibt Artur Dix in Richters Reiseführer ‚Bulgarien‘: „In raschem Siegeszug drängen die bulgarischen Truppen vor, auf der einen Seite zur Vereinigung mit den Heeren Deutschlands und Österreich-Ungarns, auf der anderen Seite zur Eroberung Mazedoniens. Der zähe Widerstand der Serben wurde in harten Kämpfen gebrochen, die von Saloniki aus herbeigeeilten Anglo-Franzosen wurden zu Paaren getrieben.“
Große Worte, die nicht lange galten … etwas kleinlaut geht es später weiter: „Erst an der griechischen Grenze machte der Siegeszug aus politischen Rücksichten auf den Nachbarn Halt.“
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Der 1. Weltkrieg ist – politisch wie militärisch gesehen – eine ziemlich unübersichtliche Angelegenheit. Wer da zwischen Verdun und Jerusalem und anderswo in welchen Kämpfen beteiligt war, und warum, das ist bei wikipedia gut lesbar zusammengefaßt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg
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Saloniki 1917 bordell < Alliierte Soldaten vor einem Bordell in der Altstadt.
Die alliierten Truppen hatten ihre Garnisonen am Rande der Vielvölkerstadt Saloniki großzügig angelegt. (1917 waren angeblich 600.000 Soldaten in Makedonien im Einsatz!) Und sie zogen wer-weiß-wen nach: Prostituierte, Journalisten, Flüchtlinge, Spione, und ja, auch Fotografen und Ansichtskarten-Produzenten …
(Saloniki war damals noch überwiegend sephardisch-jüdisch und osmanisch geprägt, Griechen waren deutlich in der Minderzahl.)
http://www.lexikon-erster-weltkrieg.de/Saloniki-Front
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Saloniki Karte< Saloniki 1917: Verbranntes Stadtgebiet
Nur war es „in der Etappe“ von Saloniki nicht allzu lange gemütlich. Im August 1917 brannte in drei Tagen das zentrale Drittel der Stadt völlig ab – ein Unfall, keine Brandstiftung. (Der Brand brach aus gegen 15:00 Uhr in der Straße Olympiados 3, einer Flüchtlingsunterkunft im Distrikt Mevlane. Dies geht aus den Vernehmungen durch das örtliche Amtsgericht am 5. September hervor. In einer Küche entzündete ein Funkenflug in der Nähe gelagertes Stroh.“ Quelle: wikipedia)
Darauf war niemand vorbereitet. Es gab ohnehin praktisch keine Feuerwehrkräfte – die in den verwinkelten Gassen der Altstadt ohnehin kaum Bewegungsmöglichkeiten gehabt hätten, und es gab auch kein Wasser. Die Holzhäuser der Altstadt verschwanden im Viertelstundentakt.
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Man hoffte, daß die Brandfront am breiten Egnatia-Boulevard gebremst wurde. Südlich dieser breiten Straße begann das aus soliden Baumaterialien errichtete Neubau-Zentrum der Stadt. Doch, durch den starken Nordwind unterstützt, übersprang der Brand die Schneise und arbeitete sich in rasendem Tempo vor bis zur Hafen- und Küstenstraße.
Die Gäste in den edlen Hotels im Zentrum ließen sich zunächst vom Feuer in der Altstadt und von den Brandflüchtigen auf der Straße nicht stören. Doch ein paar Viertelstunden später mußten die Hotels, Restaurants, Büros und Geschäftshäuser schon Hals über Kopf geräumt werden. Mehr als ein Viertel der Wohnbevölkerung Salonikis (damals 270.000 Einwohner) war plötzlich obdachlos.
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Saloniki Flüchtlinge
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Außerdem hatten sich noch viele Leute aus dem bulgarisch-griechischen Grenzgebiet in die Stadt geflüchtet. (Was für den muslimischen Teil dieser Flüchtlinge nur eine Zwischenstation war. Ab 1923 wurden sie in die Türkei deportiert.)
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Balkan News StraßenverkaufEs gab von November 1915 bis Mai 1919 sogar eine englische Tageszeitung in Saloniki, die „Balkan News“. Sie war in erster Linie für die „British Salonica Force“ gedacht und berichtete hauptsächlich über die lokalen Kriegsereignisse, war aber auf der Straße frei verkäuflich. Preis: 1 Penny. Sie berichtet unmittelbar nach der Brandkatastrophe (montags) über das Ereignis – das heißt, sie wollte schon während des Brandes berichten (in der Samstagsausgabe), aber das Personal hatte während des Druckprozesses die Werkstatt verlassen, aus „persönlichen Gründen“. Ja, Briten sind immer diskret …
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Balkan News 20-08-2017 < Abbildung läßt sich enorm vergrößern auf Lesbarkeit! (Quelle: wikipedia)
Die Ausgabe war nur ein schnell produziertes Sonderblatt. Wikipedia zeigt die Titelseite, und die ist schon leicht fragmentiert, aber sehr aufschlußreich. (Bei den gepunkteten leeren Stellen hatte wohl die Zensur den Text gestrichen, nachdem sie die Druckfahnen kontrolliert hatte.)
Der Redakteur ringt nach der Brandkatastrophe offenbar noch um seine Fassung. Redaktionsräume und Druckerei hatten das Feuer überstanden, aber ob man in den nächsten Tagen Papier und Druckfarbe auftreiben kann, weiß man noch nicht.
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Die alliierten Kräfte ignorierten die Katastrophe (wie später bei der Flucht der Griechen nach dem griechisch-türkischen Krieg in Smyrna 1922), ihre Standorte waren ohnehin außerhalb des Katastrophengebiets. Aber der dramatische Zwischenfall war eine gute Gelegenheit, mal nach Hause zu schreiben.
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Saloniki traf es gleich noch einmal. Der Friedensvertrag nach dem griechisch-türkischen Krieg forderte einen Bevölkerungsaustausch: Die muslimischen Bewohner Makedoniens wurden in die Türkei umgesiedelt, und griechischen (richtiger: griechisch-orthodoxen) Bewohner der Türkei mußten sich in Griechenland niederlassen. (30.000 griechische und armenische Einwohner von Smyrna starben 1922 beim türkischen Massaker während des Brands dieser Stadt, der ihre Wohnviertel total zerstörte.)
Ein großer Teil der Vertriebenen ließ sich (unter staatlichem Druck) in Makedonien nieder, ein kleiner Teil in Athen/Attika oder gleich in fernen Kontinenten (USA, Australien).
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Die Umsiedlung war für viele Betroffene eine Katastrophe. Die Griechen haben nun mal ein starkes Heimatgefühl.
Einen der aus Smyrna (Izmir) Vertriebenen habe ich noch kennengelernt, in Los Angeles.
Lou war zwei (!), als er mit seinen Eltern in die USA auswandern mußte, aber er hat sich 70 Jahre später immer noch für einen „Griechen“ gehalten, einen vertriebenen patriotischen Griechen, und er verhielt sich wie ein Grieche, in seinem Konsum- und Sozialverhalten. Obwohl er praktisch kein Wort Griechisch sprach und Zeit seines Lebens nie mehr an seinen Geburtsort zurückkehren konnte.
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Saloniki Max Harden
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Harden daily Times Georgia< International beachtet: Artikel über Max Harden
sogar auf der Titelseite der Daily Times, Georgia/USA
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Brandschaden-Chaos in der Max Harden Straße, in Hafennähe! Ich staune. Maximilian Harden (1861-1927) war ein international angesehener deutscher Journalist, der die Zeitschrift Die Zukunft herausgab. Vom Unterstützer wurde er zu einem erbitterten Gegner Kaiser Wilhelms im 1. Weltkrieg.
Aber … daß es 1917 in Saloniki eine Straße gab, die seinen Namen trug? Gab es vielleicht noch einen anderen Max Harden? *
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Und eine Generation später kam die Deutsche Wehrmacht. Gleich mitten durch den Triumphbogen des Galerius. Ja, Katastrophen ohne Ende für die Stadt.
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2weltkrieg galeriusbogen
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Aber die Kinder der Weltkriegsbesetzer kamen auch noch, so ab 1960, von „Zorba the Greek“ und „Sonntags nie“ inspiriert. Auf der Suche nach einem unberührten Plätzchen: Orte wie Ermioni, Inseln wie Ios, wo das “romantische Gasthaus” noch Petroleumlicht hatte. Wo „die Bevölkerung so reizend und gastfreundlich“ war. Sogar Tante Mimi und Tante Steffi sollten das wissen:
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Karte Mimi
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Karte Steffi
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* Die Straße scheint es nicht mehr zu geben. Oder sie trägt heute einen anderen Namen.
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Leseempfehlung:
A concise history of Greece, Richard Clogg, Cambridge University Press 1992
Salonica and after, H. Collinson Owen, Hodder & Stoughton, London 1919
Owen war Chefredakteur der Balkan News.
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> SIEHE AUCH: GRÜSSE AUS SMS-LOSEN ZEITEN
> SIEHE AUCH: KARTENGRÜSSE, EIN NACHTRAG
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