Die Diktatur der Gegenstände

Mesochori Haus
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Traditionell eingerichtetes Haus in Mesochori
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„Die Diktatur der Gegenstände“ … das stammt von Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) … soweit ich mich erinnere, aus dem autobiografischen Roman „Keiner weiß mehr“ (1968). Brinkmann beschreibt da die Situation eines Pädagogik-Studenten, der bedauert, seine „Single“-Situation aufgegeben zu haben, und jetzt mit Frau und Kind die Wohnung teilt.
Plötzlich ist er umgeben von Objekten, die quer zu seiner Lebensplanung stehen. Zahlreiche Funktionsgegenstände, die der Kleinkind-Erziehung dienen, Repräsentationsmöbel, mit der sich die Familie nach außen präsentieren soll. Was soll Brinkmann, der Underground-Poet, mit einer Wohnzimmer-Couchgarnitur, einem Wickeltisch? Und da er ziemlich mittellos ist, weiß er nicht einmal, wie sie in seinen finanziellen Rahmen passen. Er muß sich noch weiter beschränken als vorher. Das neue Leben nimmt ihm Zeit und Freiheit.
Das Buch war mir damals ziemlich wichtig, und ich habe sogar einmal den Platz in Köln besucht, auf den Brinkmann lange voller Frustration Tag und Nacht aus dem Fenster starren mußte. (Merkwürdigerweise ist das Buch aus meiner Sammlung spurlos verschwunden. Oder nur verschüttet in der Menge meiner überflüssigen Gegenstände …?)
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Mesochori HausDer Satz von der „Diktatur der Gegenstände“ fiel mir sofort ein, als ich im Karpathos-Dorf Mesochori eine weitere gut gefüllte Wohnung „traditionell karpathiotischen Stils“ anschauen konnte. Ich habe eine solche Wohnung bereits vor zwei Jahren beschrieben in
Ganz Europa ist von IKEA besetzt …“.
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Ich will mich da jetzt nicht wiederholen. Also nur ein paar ergänzende Bemerkungen. Im Grunde sind diese Wohnungen, die von den Familien gerne gezeigt werden, gar nicht „traditionell“ – geschichtlich gesehen. Der Zustand, den diese Ein-Raum-Wohnungen in der Zeit hatten, als ihre Bewohner noch in der Landwirtschaft arbeiteten, ist ja längst beseitigt. Als in den Holzverschlägen unter den „souphás“ noch Wintervorräte, Decken, Ziegenfelle, Stiefel, Bekleidung und Werkzeuge aufbewahrt wurden, als sich noch Großfamilien sich (mit Nasenklammern und Ohrenstöpseln?) in dem Raum zum Schlafen drängten.
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Gut, der Großteil des Lebens wurde ja draußen verbracht, in der externen Küche, auf dem Flachdach, im Hof, am externen Backofen, am Dorfbrunnen, in Ställen, den Feldhütten, den Mühlen.
Roger Jinkinson hat 2012 in „Windmills“ eine amüsante Analyse geschrieben, warum es für eine Familie aus Olymbos so wichtig war, eine Windmühle zu haben. Klar, auch wegen der Mehlproduktion. Aber die Mühlen (die rund um die Uhr betrieben werden konnten) hatten gewöhnlich ja eine Schlafgelegenheit. Dadurch wurde der Müller gleich in der ersten Morgenbrise aktiv … aber dort wurde, abseits der Gegenwart der Großfamilie, auch ein großer Teil der Kinder des Dorfes gezeugt …
Jinkinson: „Owning a windmill offered more than wealth: it offered privacy and status and opportunity with the opposite sex.”
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Die heute erhaltenen traditionellen Häuser/Wohnungen sind oft nur noch eine auf Repräsentation hin gestaltete Version des Alten. Es sind die „Guten Stuben“, die die Großmütter pflegten und pflegen. (So eine „Gute Stube“ hatte die entfernte Verwandtschaft meiner Familie auch, in einem Bauernhaus im Weserbergland – ausgestattet mit den besten Möbeln, und fast nie benutzt. Man saß gewöhnlich lieber in der Küche.)
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Auch die Wohnung von Gina M.’s Mutter ist kaum noch „bewohnbar“. Sie wird gepflegt wie ein Familien-Museum. Sie enthält Erinnerungen aller Art, die die Familie in der Welt jenseits der Insel erworben hatte, bis zum Eisenbett aus China (!), das den Platz auf dem „souphá“ besetzt! (Eigentlich schläft niemand in so einem Eisengestell, sondern direkt auf dem Holz-Boden.)
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Mesochori Haus Echtlicht
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Foto mit „Echtlicht“. Der Raum ist sonst nicht so hell wie auf den anderen Bildern.
Links das eiserne Bett.

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Mesochori Esstisch
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Hochzeit Kerzen
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Die Kerzen stammen vom Hochzeitstag der Enkelin.
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Das Haus wurde von der Großmutter an ihre Enkelin vererbt, es nutzt aber die ganze Familie (die ihren Erstwohnsitz auf Rhodos hat). Es war geradezu eine Erlösung, nach dem „traditionellen“ Teil den neueren Teil des Hauses zu sehen, der funktional und schlicht-elegant und optisch sparsam (!) eingerichtet ist. Mit einigen traditionellen Artefakten, nur als Akzent: Die hundertjährige Singer-Nähmaschine im Flur etwa.
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AnbaukücheModerne Anbauküchen können total kalt und abweisend sein (ein finanzieller Hochseilakt sind sie oft auch), aber wenn ich mich in dieser Kombination aus zwei Wohnstilen irgendwo hätte hinsetzen wollen, dann hätte ich hier in der modernen Küche gesessen und nicht „bei Oma“ – umgeben von den „Rumstehchen“, die drauf warten, versehentlich aus dem Regal gekippt zu werden.
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Gina, wie kriegt ihr das Sammeltassen-Chaos „bei Oma“ denn überhaupt so vorbildlich gepflegt? Gina lacht: Wir haben die Wände einzeln fotografiert und die Fotos archiviert. Und wenn saubergemacht wird, und die Regale ausgeräumt werden, dann nehmen wir am Ende die Fotos und stellen alles in alter Form wieder auf.
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Keramikteller
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Auf Skyros gibt es eine ähnliche Wohnungskultur wie auf Karpathos. Nur wird dort von den Nachbarn noch viel rigider darauf geachtet, wie die Artefakte in der Wohnung sortiert sind. Man kann nicht einfach die Dinge so sortieren, wie man will! (Ja, das nervt …)
Aber in der traditionellen Wohnung, in die wir uns mal ein paar Tage eingemietet hatten, wurden (neben altem Murano-Glas) auch besonders schöne alte handgefertigte Haushaltsgegenstände (Tabletts, Teller, Kannen aus Zinn und Kupfer) aufbewahrt. (Nicht nur Kitsch aus aller Welt.) Da hätte ich manches gleich mitnehmen wollen …
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Ja, das Familien-Museum eben. Das auf Karpathos nicht immer ganz der „historischen“ Wahrheit – also dem Alltagsleben der vergangenen Generationen – entspricht.
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Hatzuvasilis Olymbos 1
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Lebkuchenhaus
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Das „Lebkuchenhaus“ des Vasilis Hatzivasilis, hineingestemmt in den steilen Dorfhang.
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Das Wohnprinzip erkennt man auch in dem kleinen Museum, das dem Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker Vasilis N. Hatzivasilis in seinem ehemaligen Haus in Olympos gewidmet ist. Diesmal sind die Holz-Einbauten (lindgrün gestrichen …) schön klar zu erkennen, samt der Einstiegsstufen.
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Hatzivasilis Museum
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Hatzivasilis Arbeit ist in seiner naiven Ästhetik nicht jedermanns Sache (meine auch nicht). Er hat auf der ganzen Insel in den Dörfern der Patrizier gearbeitet, auch auf der Nachbarinsel Kassos. Jeder, der Diafani kennt, hat seinen Delfinbrunnen am Strand oder seine Basreliefs an der Schule mal gesehen:
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Diafani Schule
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Geht von diesem Gebäude eine Gefahr für die Psyche der Kinder aus …🙂 …?
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Ich hoffe ja drauf, daß die Schule eines Tages geschlossen wird. Sind ja immer weniger Kinder im Dorf. Dann könnte man sie in ein neues, großes Hatzivasilis-Museum umbauen, und den Brunnen unten abmontieren und oben auf den Schulhof stellen. Bei uns im Ruhrgebiet sind in den letzten Jahrzehnten auch so einige ganz entzückende „Marktbrunnen“ entstanden, oder „Denkmäler“ für Heinz Rühmann oder Günner, den Akkordeonspieler, die schenken wir dem Museum. Ist der gleiche Geist.
Sollte man doch wirklich mal der lokalen Bezirksvertretung vorschlagen …🙂 …
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In Hatzivasilis Haus sind noch einige seiner Handwerksgeräte erhalten, Schablonen etwa, mit denen man im feuchten Zement Leisten und Zierbänder ziehen kann, oder diese Form zur Fertigung von Gips-Engelchen. Das hat mir gefallen, echt:
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Hatzivasilis Museum
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Die Engelchen-Kultur ist heute auch auf den Friedhöfen der Insel präsent. Da sind die Engel allerdings aus Kunstharz, und kommen möglicherweise aus Vietnam. Und ihren Schöpfern wird nie jemand ein Museum bauen:
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Mesochori Friedhof Engel
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Hatzivasilis starb 2005. Sein Stil prägt heute noch das Dorf Olymbos. Hier ein erst 2013 fertiggestelltes Haus. Es wurde dafür gesorgt, daß für das Geländer keine Pseudo-Barock-Säulen aus dem Baumarkt verarbeitet wurden:
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Olymbos 2013 Haus
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Ach so, ich gehöre definitiv auch zu den Sammler-Typen, und in meiner Wohnung leide ich auch unter der „Diktatur der Gegenstände“. Aber diese Gegenstände (Bücher, Fotos, Zeitschriften, Tonträger, DVDs etc.) sind in der Regel auch „Werkzeuge“. Aber ich habe sogar zwei griechische „Sammel-Tassen“, vor fast 30 Jahren gekauft, in Ehren gehalten und quasi unbenutzt. Von der KKE, mit Hammer und Sichel und Goldrand.
(Es soll im Norden von Karpathos einen einzigen Wähler geben, der für die Kommunisten stimmt, schreibt Roger Jinkinson. Papa Minas aus Diafani wurde gefragt, wer das sein könnte. Er sagte, es sei wohl „jemand aus seiner Familie“, und lächelte lieb dazu …)
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Vielen Dank an Giannis Moskonas/Gina Moskonas-Maltas.
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3 comments

  1. Sag ich mal was zur “Diktatur der Gegenstände”:

    Öl gibt die Olive.
    Den Wein die Traube.
    Die Gräser und die Frau geben Mehl und Brot.
    Die Ziege gibt Milch und Käse und sich.

    Und das seit Tausenden von Jahren.

    Und jetzt steinigt mich.

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