Bulgarien-Tour zur Wendezeit – 4

Slayer Graffiti
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Slayer Logo GHier hat jemand mit Mühe und Fleiß das Logo der Trash-Metal-Band Slayer aufs antike Gemäuer in Veliko Tarnovo übertragen. Der Schriftzug paßt so einigermaßen. Aber wenn man nun mal die kyrillische Schrift in der Schule gelernt hat … und wenn ich daran denke, wie in Sofia der Begriff „Suicidal Tendencies“ (Punkband aus Kalifornien) von Graffiti-Sprayern verunstaltet wurde … ist auch egal, die Bulgaren des Wahlkampf-Jahres 1990 lieben scheinbar aufmüpfige Musik.
Der Band Slayer (= Totschläger) wurden immer Sympathien für die rechtsradikale Szene nachgesagt. Schauen Sie mal auf die runenartige Gestaltung des Buchstaben S im Begriff Slayer. Stellen Sie sich zwei solcher Zeichen nebeneinander vor …
Die bulgarische Armee stand übrigens im 2. Weltkrieg fest auf der Seite der Achsenmächte, von 1941 bis 1944 besetzte Bulgarien das griechische Makedonien und Thrakien, und mühte sich ab mit den griechischen Partisanen. Zar Boris III. von Bulgarien freute sich mächtig über den Territorialgewinn im Windschatten der Nazis, er starb aber schon im August 1943. Möglicherweise wurde er ermordet.
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Das nur nebenbei, zurück zu unserer Tour in der Wendezeit:
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Veliko Tarnovo und Jantra
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Veliko Tarnovo (Велико Търново), die Altstadt der früheren bulgarischen Hauptstadt klebt am Steilufer der zur Donau fließenden Jantra.
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30.05.1990. Veliko Tarnovo. Um 22 Uhr kehren wir zurück aus der Altstadt-Kneipe ins Hotel, können uns gerade noch der Einladung zum Varieté-Spätprogramm entziehen. Die noch munteren (männlichen) Busgäste freuen sich offenbar drauf , aber sie haben auch alle ein Glas in der Hand und glasige Augen dazu.
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31.05.1990. Am Morgen entziehen wir uns nicht der Stadtbesichtigung … Burgberg-Mauern-Kirchen-Tortürme-Ausgrabungen-Richtfelsen, Todor Schivkovs Sommerhaus und noch viel mehr, was ich mir nicht notiert habe. Gestern in der Altstadt war es schöner.
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Zarewetz Festung
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Tor von Zarewez, der ummauerten Festung, um den sich die heutige Stadt entwickelte.
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Es muß schnell gehen mit der Stadtbesichtigung, denn mittags wollen wir in Gabrovo essen (mit Folklore-Programm) und abends sollen wir in Kazanlak vom Bürgermeister begrüßt werden.
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Gabrovo Tag des Kindes
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„Tag des Kindes“ in Gabrovo. Ran an den Gratis-Kicker! Wenn es jetzt noch Gratis-Cola gäbe, was wäre das für ein Tag …
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Die Stadtbesichtigung in Gabrovo machte ich alleine. Viel Zeit habe ich nicht. Das Wetter ist heute vorbildlich, wir essen im Gartenhof des Restaurants. Ich stehe beim Folkloretanzprogramm (ist so laut wie nervig) nach dem gemeinsamen Mittagessen einfach auf und gehe raus, ohne dabei jemanden anzusehen. Joan beruhigt unsere Betreuerin Iliana, die mir schon hinterherlaufen will. Gut, wenn ich mir nur mal die Beine vertreten will, und allerspätestens in einer Stunde zurück sei …
Möglicherweise ist da jemand auch froh, daß ich gehe. Vielleicht hatte ich mich am Tisch zu lange mit den falschen Leuten unterhalten …
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In jeder Reisegruppe mag man ja den einen, und den anderen eben nicht. Ist wie in einer Schulklasse. Mittlerweile war dieser „menschliche“ Zug auch in der Goldstrand-Reisegruppe gewachsen, mitsamt verschiedener Abneigungen und Verbrüderungen. Hier gab es die Unscheinbaren, die keinesfalls auffallen wollten, und die Selbstdarsteller, die auf jeden Fall auffallen wollten. Hier gab es Leute, die zu einer „Dienstreise“ in den Osten gezwungen waren, und solche, die …
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Ich könnte selbst heute noch so manchen Text über einige Charaktere schreiben. Andere Leute widerum sind komplett aus meiner Erinnerung gestrichen.
Nur ein Charakter-Beispiel, das soll reichen:  Ich rede mal nicht darüber, welchen Status unser britischer Reiseteilnehmer hatte, und nenne auch seinen Namen nicht. Aber der Herr hatte ein halbes Jahr später einen brandneuen Bulgarien-Reiseführer geschrieben. Acht Reisetage und ein Stapel Balkantourist-Broschüren reichten dazu.
Er hatte vorher bereits Dutzende andere Reiseführer geschrieben, über die verschiedensten Reiseziele der Welt. Er war totaler Opern-Freak (Zitat: „I thought music died with Elvis Presley. Elvis was the pits for me.“). Er hatte angeblich für Ghaddafi in Libyen das Bibliothekssystem organisiert und war Verfasser des spanischen Gegenstücks zum Oxford Dictionary … und er hatte zu jedem Thema umgehend eine Meinung, der er unüberhörbar äußerte. Umgehend.
Rule Britannia …!
Wir nannten ihn „A1“. Das A steht für … nein, das erkläre ich hier lieber nicht …
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Gabrovo ist kein klassisches Touristenziel. Eine von der Industrie geprägte Kleinstadt am Lauf der Jantra, praktisch im nirgendwo, zusammengewachsen aus alten Steinhäusern und aufgetürmten Plattenbauten. 60.000 Einwohner. Wir besuchen vor dem Essen das Museum für Humor und Satire, und wissen nicht warum. „Das einzig komische an diesem Museum ist seine eigene Existenz“, habe ich mir hinterher notiert.
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Gabrovo Plattenbau
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Gabrovo, die Wohnsituation
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Gabrovo Todesanzeigen
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Der frühere Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) würde hier in Gabrovo sicher auch nicht gerne „tot überm Zaun hängen“. Seine Bemerkung galt übrigens den Zäunen im Ruhrgebiet …
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Die dörfliche Angewohnheit, Todesanzeigen an Bäume, Hausecken und Telegraphenmasten zu kleben, hatte sich in Gabrovo erhalten. Im Eingang der städtischen Hochhäuser gab es dafür nun spezielle Pinnwände. Der Anblick der Pinnwände deprimierte noch mehr als die Plattenbau-Architektur.
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Vorhin waren wir mit dem Bus am Obst- und Gemüse-Markt der landwirtschaftlichen Kooperativen vorbeigefahren. Eine kleine Dorfkirmes gehörte dazu. Heute ist der „Tag des Kindes“, da gibt es Freifahrten für die Kleinen. Da wollte ich hin, um mit der Kamera ein paar Eindrücke festzuhalten.
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Als ich am Kartoffel-Stand die Frage andeute, ob ich dort fotografieren darf, schüttelt mein Gegenüber mit dem Kopf. Noch habe ich nicht völlig verinnerlicht, daß Kopfschütteln auf bulgarisch „ja“ heißt und Kopfnicken „nein“, und nehme die ausgestreckte Kamera wieder herunter. Mein Gegenüber ist enttäuscht, führt meinen Arm mit der Kamera in Richtung seines Kollegen, lacht aufmunternd. Sicher soll ich fotografieren! Diesen Stand, den nebenan, den Limo-Verkäufer gegenüber, was ich will.
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Gabrovo Markt 1
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Gabrovo Markt 2
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Wir verstehen alle kein Wort aus der anderen Sprache, aber wir improvisieren: Woher ich komme? Deutschland, Герма́ния. Ost oder West? West. Welche Stadt? Essen. Aha, Ässän … ja, Krupp! Krupp Metallurgica! Essen, eine Industriestadt! Gabrovo sei auch eine Industriestadt … mit Gesten wird Schrauben und Hämmern dargestellt … gut, Daumen hoch. Darauf müssen wir trinken. Unter der Theke steht die Flasche Brandy. Hoch die Plastikbecher! (Gabrovo sei von einem Schmied gegründet worden, erfahre ich später.)
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Gabrovo Markt 3
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Rose und KirschenVom Nebenstand her wird mir eine rote Rose überreicht. Ein Geschenk, lieb. Foto? Heftiges Kopfnicken.
Also: nein! Die Dame ist zu schüchtern, wendet mir den Rücken zu, ihre Kartoffelstand-Kollegen kräuseln sich vor Lachen. Eine aus Zeitungspapier gefaltete Tüte Kirschen kriege ich noch dazu. Bezahlen darf ich sie nicht.
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Etar MuseumsdorfEtar, das 1964 gegründete Freilichtmuseum, ist unser Nachmittagsziel. Um eine alte Wassermühle herum wurden in der Umgebung demontierte Bauernhäuser und Werkstätten zu einem Museumsdorf zusammengetragen. Nett.
Mal wieder durch im Galopp. Aber Iliana weiß, wo wir uns vor den Funktionären verstecken können für eine gemütliche Kaffee-Runde. Den Funktionären ist der Termin beim Bürgermeister ja sehr wichtig. Da darf man nicht zu spät kommen. Vielleicht wird den Verantwortlichen ja sonst das Parteibuch entzogen …

Etar Dorfcafé
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One comment

  1. Nachtrag – Über Gabrovo schreibt Meyers Reisebuch “Orient” (1882):
    “Gabrowa, lebhafte moderne Fabrik- und Handelsstadt an der Jantra (…), ein Ort von nahezu italienischem Charakter mit stattlichen Gebäuden, Kirchen, guten Schulen und 6800 sehr intelligenten christlichen Einwohnern, meist Bulgaren, welche, die Wasserkraft der Jantra benutzend, sich hauptsächlich mit Industrie, besonders mit der Messerfabrikation, beschäftigen.”

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