Kappadokien 2 – Nevshehir

< Kappadokien 1
Nevshehir Festungshügel
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Nevshehir 1987, Blick aus dem Hotel Hisar auf den Festungshügel.
(Wer hat da gesagt, anatolische Kleinstädte sähen oft eher öde aus …?
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„Hier (in Nevshehir) wurde Alparslan Türkes geboren, der Basburg („Başbuğ  = Führer), und hier gründete er seine Partei. Sein Geburtshaus kann ich nicht finden – dort steht jetzt ein großes Hotel und gehört einem seiner Brüder.“
(Hans-Georg Behr „Alltag mit Wölfen“, Kursbuch 62, 1980)
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Hm, laut wikipedia wurde Alparslan Türkes, der die paramilitärische Organisation der „Grauen Wölfe“ gegründet hatte, als Ali Arslan in Nikosia auf Zypern geboren, am 25.11.1917. Hatte Hans-Georg Behr sich geirrt? Gut möglich. Auch Journalisten sind nicht unfehlbar.
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Sehen Sie selbst:  WIKIPEDIA – GRAUE WÖLFE
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Ich muß zugeben, daß wir über die innenpolitische Lage der Türkei der mittleren 80er Jahre nicht so gut informiert waren. Es war ja ein ewiges Hin und Her zwischen links und rechts, und Kämpfe des türkischen Militärs mit der kurdischen PKK kamen im Osten des Landes dazu.
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Was davon schaffte es in die deutschen Medien? Manches, aber nicht alles. Gut, da gab es 1981 den Anschlag des „grauen Wolfs“ Mehmet Ali Agca auf den Papst Johannes Paul II. und die zweifelhaften Kontakte der türkischen Nationalisten zu Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und der Konrad-Adenauer-Stiftung. Im „kalten Krieg“ brauchte die NATO die Türkei ja als Gegengewicht zur Sowjetunion, da konnte man das Land ja nicht den „Linken“ überlassen. Aber die Hauptaktivitäten der Wölfe im politischen Binnen-Chaos der Türkei der 70er Jahre (allein fast 700 Morde an politischen Gegnern durch Rechtsextreme) schienen uns im Jahr 1987 schon etwas entfernt aus unserem Bewußtsein …
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was stört es mich, wenn weit hinten, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen (frei nach J.-W. von G.).
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Gut, es wäre politisch angemessener gewesen, in sozialistisch geprägten (und schöneren) Ürgüp zu übernachten, aber Nevshehir war verkehrsmäßig besser erschlossen. Das „Hotel Hisar“ (Burghotel) grüßte am Ende unserer Busfahrt von Selcuk über Konja die Passagiere an der  Bushaltestelle von Nevshehir (Karte unten: M5-B1). Jedwede „political correctness“ war am Ende der langen Fahrt vergessen, und wir bezogen ein Zimmer in der obersten Etage.
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Anfang April, Aussicht auf Frühlingssonne und gelegentliche Hagelschauer, im Souterrain ein Restaurant, dessen Zugang zur Küche nur durch den Gästeraum führte. Da konnte passieren, daß beim Abendessen die Küchenabfälle mit der Schubkarre zwischen den essenden Gästen hinausgefahren wurde. Der Kellner verwischte die Erinnerung an solche unappetitlichen Kleinigkeiten mit Raumspray, Duftnoten-Mix Rose-Nelke, und es war ja noch keine Fliegen-Saison … aber was machte der Küchen-Entsorger bloß mit den Resten – faules Gemüse, Fleisch, Verpackungen? Bio-Gas …? Unwahrscheinlich. Und Schweine hatte hier doch auch keiner.
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Hotel Hisar Nevshehir
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Hotel Hisar, Nevshehir, 1987
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Dem „Tourist Office“ der Stadt Nevshehir verdanke ich diese handabgezogene Karte der Gegend von Göreme (der namenlose Punkt in der Mitte der Umgebungskarte, das ist Nevshehir selbst … ja, kleiner Fehler vom Amt …). Mit so schlichtem Informationsmaterial mußte man sich in der touristischen Frühzeit in Anatolien zufrieden geben:
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Nevshehir Tourist Office Karte 1
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Ja, ich bin da wie ein Hamster. Ich hebe sowas auf, 30 Jahre lang. Und hier, das Zentrum des Ortes (beide Karten = Copyright Tourist Office Nevshehir):
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Nevshehir Tourist Office Karte 2
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Bei der Orientierung bitte beachten, der Norden in der Stadtkarte ist rechts, in der Umgebungskarte ist Norden oben.
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Nevshehir hatte (Stand 1985) etwa 40.000 Einwohner. Heute hat die Stadt schon 80.000! Und sieht, nach aktuellen Fotos zu urteilen, auch ganz anders aus. “Moderner” eben. Und es ist auch eine gewisse gehobene touristische Infrastruktur entstanden. (1985 kamen 400.000 Deutsche in die Türkei, heute angeblich 6.5 Millionen …) Aber bei der Orientierung im Ort fand man damals schon alles, was man so brauchte – die Haltestellen der Mini-Busse für die Dörfer, die Post, den Markt, und den Lebensmittelhändler seines Vertrauens (den bakkal):
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Nevshehir Supermarkt
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Den Alkohol-Monopolverkauf für landestypische Erzeugnisse wie Wein und Raki:
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Nevshehir Liquor Store
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Den Käsehändler:
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Nevshehir Käse Laden
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Und Orangen im Großangebot (na, wenn Sie beim Türken in Deutschland Obst und Gemüse einkaufen, dann wissen Sie, sowas gibt es sowieso nur in Großmengen):
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Und wenn Ihr Schweizer Messer nicht mehr scharf ist, sind Sie auf dem Basar auch richtig:
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Nevshehir Scherenschleifer
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Über den lokalen Rotwein gab es nichts zu meckern. Wir haben sofort auf die byzantinisch-griechische Orts-Tradition das Glas gehoben. Glas …? Schmeckte auch aus dem aus Almanya mitgeschleppten Kaffeebecher – besonders wenn das Aprilwetter Hagelschauer gegen das Hotelfenster wirft:
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Kappadokien Rotwein
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Und so findet in Kappadokien der Adler seine Schlange (auch der Wolf sein Schaf).
Die Schlangen werden offenbar vorher auf der Landstraße überfahren:
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Nevshehir Adler Lkw
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Es gab in Nevshehir sogar ein Museum und eine Festungsruine. Die Festung war angeblich von den Kreuzrittern ausgebaut. An den Besuch des Festungshügels kann ich mich erinnern, an einen Museumsbesuch aber nicht.
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Wovon wir 1987 nichts gemerkt haben, waren die „politischen Reviere“, in die die Gegend eingeteilt war. Hans-Georg Behr (1937-2010, seit 1955 Mitarbeiter von Spiegel, Zeit, Stern, GEO, Kursbuch usw., Buchautor, Spezialist für den Nahen und Fernen Osten) sieht 1980 Kappadokien als ein sauber geteiltes Land: Wer „links“ wählt, wohnt in Ürgüp oder Avcilar, wer „rechts“ wählt, wohnt in Nevshehir und Umgebung. Bei dieser Ortswahl wurde durchaus auch „nachgeholfen“. Auch mit Gewalt. Auch auf offizielle Anweisung, vom Militär-Gouverneur, zur Friedensstiftung.
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Behr findet „rechte“ Aktivisten in Nevshehir, die den Zustand der Trennung bedauern – es gibt nämlich als Folge nicht mehr die gutbezahlten Aufträge, die Gegenpartei zu drangsalieren. Und da man oft damit einen guten Teil seines Einkommens erzielt hat, überlegen einige, ob sie nicht lieber nach Ankara gehen sollen. Oder nach Istanbul: „Auch in Instanbul ist viel los – jeden Tag ein paar Tote.“ Viele, die „Unpolitischen“, wichen auch aus an die türkische Mittelmeerküste. Dort fing man ja gerade an, die spanischen Verhältnisse zu kopieren – Hotelbeton wuchs überall rasend schnell, um trotz der starken Inflation noch gute Gewinne zu machen. Bei den Banken ließ man das Geld besser nicht. Und im Touristen-Reservat sind politische Gegner plötzlich handzahm.
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Wer das Land nur oberflächlich erlebte (wie wir damals), und nicht türkisch verstand, kriegte von den „Revierkämpfen“ und den Ansichten der politischen Gegner nichts mit. (Selbst in Griechenland, wo Englisch praktisch zur Zweitsprache geworden ist, was die Kommunikation erleichtert, ist es für den Xenos nicht leicht, die politische Stellung seines Gegenübers anzubohren. Und die Griechen sind gewöhnlich sehr offen in ihren Äußerungen, während die Türken sich traditionell eher zurückhalten.)
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Hans-Georg Behr: „Ein eigensinnig eigener Schlag aber bleiben sie, die sich Kappadokier nennen und höchstens Behörden gegenüber Türken. (…) Auch in der Fremde gilt die Tradition der Stammesgebiete, und nur Berlin ist wie Istanbul eine Ausnahme. „Da trifft man alle möglichen Türken,“ sagt Yüksel und findet das eigentlich schlimm.“
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Kappadokien Basar Bohnen
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Politische Streitigkeiten in Kappadokien mögen einen solchen Bedarf ja geweckt haben, aber nein, es gab keine blauen Bohnen auf dem Basar …
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Noch mal ein Blick in die alten Reisebücher. Eins von 1871. Die griechischen Gräber und Kapellen in den Erosionstälern an der Strecke sind schon bekannt, von den unterirdischen Städten wußte wohl noch kaum jemand was, und der Begriff „Göreme“ ist noch nicht im Gebrauch. Hier ist der komplette Absatz über das im 12. Jahrhundert gegründete Nevshehir und seine Umgebung in Murray’s Handbook „Turkey in Asia“, 1871:
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„New-sheher is a kaza (Bezirk) of Nigdeh, Karaman eyalet (ein eyalet ist sowas wie ein osmanisches “Bundesland”), and seat of a mudir (ranghoher Verwaltungsbeamter). The road passes through Utch Hissar and Urgub, near both of which places are remarkable conical-pointed hills, varying from 100 to 300 ft. in height, which may be said almost to fill up the valley, so closely are they wedged together. Most of them are excavated as Greek tombs or chapels of the early Byzantine period.” (auf S. 369)
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Aber zurück ins 20. Jahrhundert. Hinein ins Welt-Naturerbe. Zuerst zu den Felsenburgen von Uchisar und Ortahisar.
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