Kythera

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Avgo, das “Ei”, der unzugängliche Felsen vor der Bucht von Kapsali/Chora
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Vor kurzem war ich auf Robert Liddells Reisebücher gestoßen. Liddell reiste kreuz und quer durch Griechenland in den 1950ern (“Aegean Greece”, siehe Seite Amorgos 1951). Inzwischen hab ich mir auch ein Exemplar von “The Morea” besorgt, in dem er den Peloponnes und die unmittelbar vor dessen Küste liegenden Inseln beschreibt … und natürlich fehlt im Buch auch nicht ein Kapitel über KYTHERA.
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Liddell war 1955 hier, zur Weihnachtszeit. Auch damals hielten die Fähren schon im Inselnorden, in der Ödnis von Agia Pelagia. Dafür gab es keinen vernünftigen Grund, außer daß das eben der kürzeste Abstand zum Festland ist, und die Taxifahrer der Insel sich darüber freuten, die Schiffspassagiere in den Süden der Insel transportieren zu können, zum Doppelort Chora/Kapsali. (Heute ist der Haupthafen in Diakofti im Osten, aber auf die Taxifahrer sind Sie weiterhin angewiesen, Kythera hat praktisch keinen Busverkehr!)
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Chora und Kastro
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1955 gab es in Agia Pelagia nicht einmal einen Anleger, die Passagiere mußten in Ruderboote umsteigen, die den Transfer zum Strand übernahmen, wenn das Wetter es zuließ. Weihnachten 1955 ließen es die Winterstürme nicht zu, und Liddell konnte (mußte) direkt im Hafen von Kapsali aussteigen. Was er nicht bereute, denn nachdem er die Insel mit dem Auto erforscht hatte, empfand er sie insgesamt als “dull” (langweilig). Von malerischen Chora und Kapsali mal abgesehen!
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Wir hatten den gleichen Eindruck. Unsere “Reise nach Kythera” war eher zufällig. Joan, meine damalige Lebenspartnerin, schrieb für einen US-amerikanischen Reiseführer-Verlag – über Holland, Finnland, Paris und Malta. Krankheitshalber war der Berichterstatter des Verlages für den Bereich “Southern Mainland Greece and Athens” vorübergehend ausgefallen, und sie hatte sofort und laut genug “Dann mach ich das!” gerufen. Ein schöner Zufall, denn Griechenland war voll mit Reise-Korrespondenten, und so ein Auftrag war sonst kaum zu kriegen.
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Wir hatten bereits die reizvolle Test-Aufgabe hinter uns, in Athen im Hilton und im Interconti beim room service eine Flasche Retsina (!) zu bestellen … klappte tadellos, und im Hilton gab es hausgemachte warme mezedes dazu, morgens um halb zwölf (!), und der room-service- Kellner arrangierte alles auf der Terrasse, weißes Leinen für den Tisch hatte er mitgebracht, die Akropolis-Aussicht war schon da!
(Ob man im Adlon eine Flasche Amselfelder beim room service kriegt?)
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Wir hatten inzwischen Sparta/Mistra, Nafplio und die Mani hinter uns und einen Termin in Monemvasia noch vor uns. Nun saßen wir in Githion, und hatten fast eine Woche freie Zeit. Hätten freie Zeit gehabt, wenn nicht unter unserer Nase dieses Schiff gelegen hätte. Interessant. Wo fährt es hin? Und wann?
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Es fuhr am nächsten Tag. Es war die erste Rundfahrt der MARTHA in diesem April: Githion, Agia Pelagia, Neapoli, Elafonissi, Githion. Es gab Baustahl und holländischen Feta zu transportieren, und uns (575 Drachmen/Person). Kythera hat Ende April keinen Tourismus. Ich erinnere mich lediglich an einen griechisch-australischen Zahnarzt, den wir auf der Burg von Chora getroffen hatten. Er besuchte die Heimat seiner Familie und war ganz nostalgisch.
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Die Kirchen im Kastro. Gleich lang sind sie ja …
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Blick vom Kastro hinunter nach Kapsali
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Kythera heißt in dieser Ecke des Peloponnes übrigens die “Känguru-Insel”. Und die Leute auf Kythera selbst nennen Australien bloß “Megalo Kythera” = Groß-Kythera …
Ja, die Auswanderung zu dem Kontinent am anderen Ende der Welt war jahrzehntelang ein typisches Kythera-Schicksal. “Alas, they’ve all gone to Australia!” so klagt auch der Cafébesitzer Niko Daponte bei Robert Lidell.
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Und irgendwann kommen sie alle mal zurück, und das Hotel Margarita in Chora ist ein typisches Aufenthalts-Plätzchen, wenn man nicht bei der Verwandschaft wohnen kann oder will. Auch wir standen dort an der Rezeption (offiziell zum Reiseführer-Erkenntnisgewinn) und stellten fest, daß absolut nichts los war. Alle Zimmer frei. Dorothee E., die Schriftsteller-Nichte aus Hamburg, die das Hotel betreute, was ihr eine karge Existenz auf der Insel ermöglichte, hatte Langeweile. Und Christo, der aus Lefkada stammte und in Chora einen Souvenirladen betrieb, hatte auch Langeweile. Das war eine gute Gelegenheit, sich ins Auto zu setzen und zu viert was gegen ebendiese Langeweile zu tun. Polizeiliche Alkoholkontrollen gab es auf der Insel keine (das hab ich jetzt nur mal so gesagt …), und in Kapsali am Hafen (Yacht Inn …) hätte ich bei vielen Stammgästen gerne gewußt, wie sie ihren Lebensunterhalt bestritten. Aber ich hätte mich nicht getraut, zu fragen …
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Joan und Dorothee trinken in der Taverne in Livadhi auf die Männer …
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Dorothee kannte die Insel sehr gut und die Personen der Inselpolitik mehr als zu genüge. Ihr typischer Satz uns gegenüber war jedenfalls ein “Darüber schreibt ihr jetzt aber nichts!” Und daran haben wir uns auch gehalten. Bis heute. Oder vielleicht doch mal ein schneller Blick in die schöne alte Taverne in Mitata, nach 18 Jahren …? “Das sind Freunde von uns, die sind schon über achtzig. Und brauchen ihre Ruhe. Darüber schreibt ihr jetzt aber nichts!”
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Gekocht wurde bei Maria und Antonis nur noch auf Anfrage am Vortag
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Wie jeder Grieche hatte Antonis, der Wirt, zwei Berufe. Er war auch Bau- und Möbel-Tischler, und hatte in der Werkstatt hinter der Kneipe schon die selbstgezimmerten Särge für sich und seine Gattin bereitstehen …
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… aber noch wurde gelebt, und getanzt. Hier die rebetikogefüllte Jukebox!
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Weitere Geschichten will ich auch nicht erzählen. Aber wem es auf den Kykladen gefällt, der sollte sich mal die Mühe machen, nach Kythera zu kommen. Wenn es in Kapsali/Chora noch frühlingsstill ist, per Boot ab Neapoli oder Githion. Im Hochsommer ist die direkte Anfahrt von Piräus aus möglich. Manche Kreta-Fähren stoppen auf der Insel. Und einen kleinen Flughafen (Flüge ab Athen) gibt es auch.
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Chora, die Hauptstraße
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Das wirklich nette traditionelle Hotel Margarita existiert heute noch, es hat inzwischen eine französische Leitung. Und wieso die Aphrodite-Insel Kythera zu den weit entfernten Ionischen Inseln gezählt wird, obwohl man von hier aus doch fast Kreta sehen kann? Na, da fragen Sie die venezianischen Herrscher des Mittelalters, die alle ihre Handelsrouten mit einer Kette von Befestigungen versehen hatten. Venedig beherrschte darum auch Kythera (damals Cerigo), mit Hilfe einiger lokaler Kleinadeliger. Bis die Insel 1537 vom Piraten Barbarossa (im Auftrag der Osmanen) erobert wurde. Heute gehört die Insel allen Ernstes zur Verwaltungsregion Attika (!). Ist irgendwas zu regeln, orientieren sich die 3500 Einwohner nach Piräus, nicht nach Sparta. Oder sie orientieren sich gleich nach Sydney und Melbourne …
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