In Schildts Kielwasser 1

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Göran Schildt habe ich immer wieder gelesen und immer wieder vergessen.
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ZURÜCK ZU  LEROS
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Der schwedisch-finnische Reiseschriftsteller und Kunsthistoriker Göran Schildt (1917-2009) hatte mit seiner Yacht Daphne seit 1948 das Mittelmeer und die Ägäis in monatelangen Reisen durchfahren – zunächst mit seiner ersten Frau Mona, mit der er von 1941 bis 1964 verheiratet war, und später mit seiner zweiten Frau Christine. Aber seine Touren gingen auch durch das Schwarze Meer oder den Nil hinauf.
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1950 war er zum ersten Mal in Griechenland erschienen, und 1965 hatte er auf Leros ein Haus gekauft, als viel genutzten Zweitwohnsitz. Seine Reisebücher hatte ich Anfang der 90er Jahre gelesen, als sie im Handel schon längst vergriffen waren.
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Göran Schildt auf der Amphoren-Jagd vor Kythera

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Mit der “Wunschreise” hatte es für ihn angefangen. Im Sommer 1948 hatte er die Daphne von Stockholm aus quer durch Schwedens Binnenseen und Kanäle gebracht, nördlich an Dänemark vorbei, durch die Nordsee, quer durch Frankreichs Kanäle und die Rhone bis zur italienischen Riviera, ins Winterquartier nach Lavagna. Damals waren Schildt und seine Frau Mona noch davon ausgegangen, daß sie das Boot im nächsten Frühjahr auf der gleichen Tour zurück nach Skandinavien bringen sollten. Aber es kam ganz anders …
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Völlig anders. Selbst am Ende seiner ersten Griechenlandreise 1950 schien es noch nötig zu sein, daß die Daphne wegen eines Motorschadens in Iraklion/Kreta auf einen schwedischen Frachter verladen werden mußte, der sie nach Stockholm bringen sollte. Doch im letzten Moment bot sich zufällig eine Alternative … das Boot konnte von einem italienischen Weintanker (!) nach Elba geschleppt werden – und blieb im Mittelmeer! Da hatten sich in Sekunden die Weichen für Schildts ganzes Leben gestellt!
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Ein wahres ‘Schicksalsbild’: Schild hatte im Sommer 1950 zum ersten Mal den Meltemi erlebt, jetzt, hilflos am Schlepptau, fürchtet er nichts mehr als den Nordwind
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Von 1965 bis zu seinem Tod 2009 gehörte Göran Schildt ein Ensemble aus zwei zusammenstehenden Landhäusern in Spilia auf Leros, mit Fernblick auf die türkische Küste. Am Ende dieser Zeit war die Daphne schon längst wieder verkauft (1984 an Joachim und Petra Fritz aus Deutschland). Sie wurde 1997 aus der Karibik als Hurrikan-Wrack zurückgebracht nach Finnland. Heute steht sie restauriert im  Forum Marinum in Turku (übrigens Europäische Kulturhauptstadt 2011).
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2001 war mir Göran Schildt wieder eingefallen. Wir waren auf dem Weg von Rhodos nach Ikaria, über Symi und Kalymnos. Wir waren auf Ikaria mit Freunden verabredet. Drei, vier Tage in Leros sollten drin sein. Die Nordstürme hatten uns jedoch in Symi tagelang aufgehalten, und es blieb uns nur eine einzige Verbindung übrig – der Delphin von Kalymnos nach Samos über Ikaria ging nur einmal die Woche. Er stoppte zwar in Aghia Marina auf Leros, in Sichtweite der Werft von Mastro Elephteri, auf der die Daphne immer überholt und gepflegt worden war, aber wir mußten sofort weiter. Ich hatte keine Ahnung, ob Schildt zu der Zeit auf der Insel war, und ob er überhaupt “Fan-Besuche” ertragen hätte. (Angeblich kriegte er gerne Besuch …) Wahrscheinlich hätte ich mich nicht getraut, er war da ja schon 84. Aber mir hätte es ja gereicht, mal das Umfeld gesehen zu haben, in dem er seine Bücher geschrieben hatte (“Mein Leben auf Leros”, 1976). Aber wir legten wieder ab, um uns im Boot jetzt eine Gruppe von so zutraulichen wie aufgeregten Kindern aus der Klinik von Leros und ihre zahlreichen Betreuer, die nach Samos wollten.
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Schildts erster Kontakt mit Griechenland, am 05. Juli 1950 auf Kephallonia, in der Bucht von Athéras: “Während wir unser Sonnensegel setzten, stieß ein elender Kahn vom Strand ab, auf ihm zwei Hirtenknaben, von denen der eine ruderte, während der andere, in Lumpen gekleidet (!), vorn mit einer Flöte in der Hand stand. Er grinste uns freundlich an …” (‘Im Kielwasser des Odysseus’)
Daß der “in Lumpen gekleidete” Junge Turnschuhe, Socken, Shorts und eine Baseballkappe trägt, wollen wir mal ignorieren … sein Vater hatte übrigens bei Ford in Detroit gearbeitet …
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Nach der Ikaria-Reise  hatte ich Schildt wieder vergessen. Bis Ron Walkey sein Buch “Luminous Encounters on the island of Tinos” veröffentlichte, 2007. Ron Walkey hatte ebenfalls “Im Kielwasser des Odysseus” (‘In the wake of Ulysses’) gelesen. Schildt besuchte auf seiner ersten Griechenland-Tour auch Tinos, ausgerechnet am 15. August, wenn auf der Wallfahrtsinsel der Teufel los ist …🙂 …
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Walkey fand Schildts Schilderungen recht oberflächlich! Zwar schön erzählt, aber thematisch eben das, was jedem Touristen beim ersten Besuch so auffällt. Er glaubt, Schildt wollte seine hellenistische Idealvorstellung erfüllt sehen. Nur zwei Sätze aus der Kritik: “This sailing couple saw the old fisherman, the donkeys, the beautiful landscape, the forms of all that truth – but nothing of how every Greek saw their world (…) I realized midway through the book that what he came in touch with was a construction of his own ideas of what he wanted Greece to be.”
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Schildt habe den griechischen Alltag der Nachkriegszeit einfach ausgelassen – er habe ihn kaum berührt, da er auf seinem Boot nur lose Berührungspunkte zur grimmen Realität hatte.
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Die Touristen auf Seriphos: Mona Morales-Schildt im Kafeneion, darf ich vermuten (Schildt nennt ihren Namen nicht, vielleicht wegen der Wasserpfeifen …)
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Also schreibe ich an Ron Walkey, ob er seinen Schildt denn zu Ende gelesen hätte … “In the wake of Ulysses” war doch nur der Anfang … ob er nicht wüßte, daß Schildt seit 1965 in Griechenland gelebt hat, und zwar ausgerechnet auf Leros, der Gefängnis- und Psychiatrie-Insel.
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Ron Walkey schreibt zurück, daß er Schildts “romantischen” Touch ja gut nachempfinden kann. Er selbst hat Griechenland zum ersten Mal zur Junta-Zeit erlebt, auch vom Boot aus. Auch das Leben in der Junta-Zeit ging an den segelnden Besuchern völlig vorbei. Denen wurde mit Absicht eine glatte Oberfläche gezeigt. Das weiß er erst, seit er tatsächlich rund ums Jahr unter den Insel-Griechen lebt:
“Some forty years ago I too, like him, had an opportunity to spend most of a year on a two masted yawl, coming from Malta and sailing around n the Cyclades. This was during the years of the Junta in Greece. My experiences were intense, and very memorable. But my awareness of the destructive role of that repressive government on the local people was nil. And that was what I was trying to say in using Mr. Schild’s writing. What I’ve learned from the people here on Tinos who lived through the war, the civil ware and the aftermath of destruction and poverty – it was a life in the early 1950’s very different from what he writes about. We arrive at places often seeing only their surface.”
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Allerdings … exakt dasselbe schreibt Schildt später über seine ersten Erfahrungen im Land auch! Als er “Mein Leben auf Leros” schreibt, wohnt er seit zehn Jahren auf der Insel. Aus dem romantischen Ansatz ist ein (selbst)ironisch-kritischer geworden. Aber er liebt das Land erst jetzt, weil er es erst jetzt richtig kennt. Nachdem er oft genug den Kopf drüber geschüttelt hat. Auch über sich selbst.
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Mit diesen Worten beginnt “Mein Leben auf Leros”: “Zum fünften Mal schreibe ich nun ein Buch über Griechenland. Es sind die Gedanken und Erlebnisse eines Skandinaviers, der das Land anfangs ein wenig naiv sah, dann aber, nach fünfzehn Jahren als fleißiger Tourist und weiterer zehn Jahren als ‘Einwohner’, zu etwas realistischeren Einsichten kommt. Noch heute weiß ich natürlich recht wenig von der griechischen Wirklichkeit in ihrer ganzen Breite …”
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So richtig habe ich Schildt seit 2007 nicht wieder vergessen. Ron Walkey und ich blieben in Kontakt. Dann, 2009, starb Göran Schildt.
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ACAArchitecture Nr. 37 enthält den Schildt-Nachruf in Antoniades’ Architektur-Periodikum, und merkwürdigerweise kann ich keinen Link herstellen, Sie müssen bei Interesse die URL kopieren:
http://www.acaarchitecture.com/Mag37%281%29.htm
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Und ich habe über den (sehr lesenswerten!) Nachruf von A.C. Antoniades tatsächlich zum ersten Mal erfahren, womit sich Schildt beruflich in erster Linie auseinandersetzte: Zeitgenössische Architektur. Unser Dr. Göran Schildt schrieb nämlich praktisch nie über seinen beruflichen Alltag in seinen Reise-Büchern. Schildt war der offizielle Biograph des berühmtesten finnischen Architekten des 20. Jahrhunderts, Alvar Aalto. (Aalto hat auch Schildts Haus in Finnland entworfen.)
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Witzigerweise hatten meine damalige Freundin Joan und ich 1991 ein Interview mit Alvar Aaltos Frau in Helsinki. (Mikro Kosmos …) Elissa Aalto war auch Architektin und Geschäftspartnerin ihres Mannes und hatte den Bau des Essener Opernhauses betreut, das Aalto 1959 entworfen hatte, das aber erst 1988 eröffnet wurde, lange nach seinem Tod (1976). Das Modell aus Sperrholz stand noch in seinem Atelier:
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Rechts Elissa Aalto (1922-1994), links Joan Gannij, hinter Frau Aalto das Mini-Opernhaus
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Ich kann mich nicht erinnern, ob damals Göran Schildts biographische Arbeit erwähnt wurde. Aber wahrscheinlich war mir 1991 sein Name noch gar nicht geläufig.
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Dem Besuch auf Leros kam ich jedenfalls schrittweise immer näher. Im Mai 2010 schaffte ich es erst einmal bis Tinos. Mit der guten Absicht, mich mit Ron Walkey über das hehre Thema griechische Architektur und Göran Schildt zu unterhalten. Ron Walkey ist ja schließlich Fachmann, er war Professor an der Universität in Vancouver in Kanada und rekonstruiert heute traditionelle Häuser auf Tinos. Na, es blieb bei der guten Absicht, es gab die Panagia in Arnados zu feiern, neue Tavernen zu entdecken und Wein zu trinken. Für Schildt blieb keine Zeit.
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Ron verwies mich zum Trost noch an seinen Freund Günter B. aus meiner Nachbarstadt Mülheim, der Schildt noch auf Leros kennengelernt hatte, doch der war Anfang Juni für den kompletten Sommer nach Griechenland verschwunden, ohne daß wir eine Chance hatten, uns zu treffen …
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Mai 2010. So schön (und kalorienreich) kann ‘Literaturforschung’ sein … von links: Ron Walkey, Regula Bänzinger und Johannes Schild (!) von der Sommerakademie Arnados Mousiki und unsere Wirtin beim Mezedes-Verkosten (das Feiern der Panagiri findet in Arnados nicht auf der Platia, sondern in den Privathäusern des Dorfes statt) … ja, ein unvergeßlicher Gourmet-Kollateralschaden der Schildt-Sache …🙂 …
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September 2010. Diesmal hatte ich mir rechtzeitig ein Ticket von Athen nach Leros besorgt, um mich definitiv direkt und ohne Umwege auf das Ziel festzulegen. Und ich hatte mir “Mein Leben auf Leros” eingepackt. Sonst nichts. Gut, ich hätte noch sein “Segeln im Mittelmeer” (1971) mitnehmen können. Das ist so eine Art Reader’s Digest der Daphne-Touren. Aber wofür soviel Papier, ich lese unterwegs ja sowieso nie was.
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Meine Reise nach Leros sollte auch eine “romantische” Reise sein. Keine Schildt-Zeitzeugen anbohren, keine Institutionen aufsuchen, nur “mal so gucken” …
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WEITER MIT  IN SCHILDTS KIELWASSER 2
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3 comments

  1. Die Bücher von Göran Schildt sind wunderbar – wünschte mir zur gleichen Zeit zu leben und auf dem Mittelmeer zu segeln. LEIDER werden sie nicht mehr gedruckt….. Auch gibt es sehr wenig Material (Pläne) über “DAPHNE” !

  2. Es lohnt sich aber immer, sich in den Antiquariaten nach den Büchern umzusehen. Meine Bücher sind alle aus solchen Quellen (oft mit Vermittlung des ZVAB).

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