Schulfahrt Hellas 1910

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Ausbooten von der Carniolia in Piräus
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Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Pauschalreise als Reiseform etabliert (siehe: Die Reiseagenten im 19. Jh). Auch auf klassischem Boden in Griechenland. Und 1910 war es zum ersten Mal soweit: Eine Schulreise nach Griechenland wurde durchgeführt. 256 bayrische Primaner machten sich für 14 Tage auf den Weg nach Hellas! Ein umfangreich mit selbstgemachten Fotos illustriertes und von den Schülern Hans Sielmann, Max Rohmeder, Burkhard Happ und Maximilian Uttenthaler selbst verfaßtes Erinnerungsbuch erinnert an die Fahrt: Die Erste Bayrische Gymnasialfahrt nach Griechenland 1910
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Mediterranes Konfliktpotential: Weißer Anzug und Seekrankheit …
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Die Namen auf der Teilnehmer-Liste (376 Personen) erinnern an 103 Schüler des Luitpold-Gymnasiums, des Wittelsbacher Gymnasiums, des Ludwigs-Gymnasiums, des Max-Gymnasiums, des Wilhelms-Gymnasiums und des Theresien-Gymnasiums aus München, und an weitere 153 Gymnasiasten aus dem restlichen Bayern und der Pfalz*.
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Dazu kamen 90 Lehrer und Schulleiter, 13 Ärzte (!), 15 Damen, und der Schriftsteller Hermann Roth, der zum Buch eine schwer komisches (ächz) gereimtes Reisetagebuch beifügt. Hermann Roth war der Vater von Eugen Roth (‘Ein Mensch’). Erstaunlicherweise reichen zur Reisebegleitung 2 Universitätsprofessoren, und … niemand der pädagogischen Teilnehmer gibt sich als Theologe oder Pfarrer zu erkennen. (Auf anderen Orientreise-Teilnehmerlisten aus der Zeit sind die sonst immer zahlreich …)
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Die Reise beginnt am 1. September, mit einer Zugfahrt von München nach Triest. In den Alpen ist schon der erste Schnee gefallen, bis hinunter in die Täler. In Triest geht auf die Carniolia, einen Dampfer des Österreichischen Lloyd, der auf der Tour als Kreuzfahrtschiff genutzt wird (spart Hotelkosten und erleichert die Organisation)! Die Schüler werden in 15 ‘Kolonnen’ aufgeteilt, und es wird ihnen erst einmal verboten, aufs oberste Deck zu gehen. Da halten sich nämlich die Lehrer und die Damen auf.
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Katakolo: Erlösung … hier geht es erstmals aufs Festland
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Katakolo (Olympia) wird als erstes Ziel angesteuert, und für die bayrischen Landratten ist die Adriafahrt eine echte Herausforderung. Sie schlafen zu je 15 Personen in überhitzten Räumen im Unterdeck, und das Dutzend Ärzte hat bald genug damit zu tun, die elenden Jung-Passagiere mit Chinin gegen die Seekrankheit abzufüttern. Schülerzitat:  “Mir ist alles egal, von mir aus kann das Schiff untergehen.”
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Olympia: Am Zeustempel
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Weil es “so schön” auf See ist, geht es nach dem Olympia-Besuch auch gleich rum um den Peloponnes, bis nach Nauplia (Besuch von Tiryns und Mykene). Und weiter nach Piräus. Dort bleibt das Schiff drei Tage. Die Großstadt Athen ist der Höhepunkt der Reise: “Jeden Abend kehrten wir aber an Bord zurück, damit wir auch auf unserer Reise die Schuldisziplin nicht verletzten, die da fordert: Es ist dem Schüler verboten, eine Nacht außerhalb seiner Wohnung zuzubringen.”
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Das ‘moderne Athen’, eine Gefahr für unschuldige Schüler-Seelen! (Nebenbei: Auch der Zeit-Autor Jens Jessen wohnte 1972 bei seiner Klassenfahrt nach Griechenland in Athen direkt über dem Bordell. Siehe ‘Diese Griechen!’, Die Zeit, 16.03.2010)
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Wer die Seekrankheit noch nicht überwunden hat, hat Pech gehabt. Die Carniolia ist zu groß für den Kanal von Korinth! Vor dem Besuch von Delphi macht das schwimmende Hotel eine Nachtfahrt … noch einmal herum um den gesamten Peloponnes!
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Primaner im Stadion von Delphi: Apollon könnte neidisch werden …
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Vom Ankerplatz Itea wird nach Delphi hinauf geritten. Sofern die Schüler sich das zutrauen. Manch einer verliert im Esel-Rodeo seinen Treiber: “… da raste plötzlich mein Grieche heran, fiel meinem munter dahinlaufenden Eselchen in den Zügel und fluchte und schimpfte in mir ganz unverständlichen Worten. Nun ja, auf diese Weise hatte ich wenigstens einmal einen Griechen richtig fluchen gehört.”
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Weiter geht die Reise nach Vathy (Ithaka, die Odysseus-Insel), wo sie für 10 Lepta so viel Trauben essen dürfen, wie sie wollen. Wo der Priester sie aber in der Messe die Bibel nicht küssen läßt, wie die frommen Einheimischen. Korfu ist der letzte Zwischenhalt, hier werden noch einmal Stapel von Postkarten im Briefkasten deponiert (in Nauplia wurde schon der gesamte Briefmarken-Vorrat des Postamts weggekauft). Von Korfu aus geht es zurück nach Triest. Inzwischen sind die beiden Ochsen verspeist, die zu Fahrtbeginn aufs Schiff getrieben wurden, und “sogar einen Schiffsball brachten die ‘Herren’ Primaner im Verein mit den immer tanzlustigen jungen Damen zustande.” Oh je …
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Pflichtbesuch: Was waren wir beeindruckt, der Parthenon …
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Was fiel den Herren Primanern denn noch auf? Abgesehen von der der pflichtbewußten Trümmerschau (die sie ordentlich ermüdet)? Na, auf Korfu schmeckte der Wein am besten. Und daß sie jede Gelegenheit nutzten, rudelweise im Mittelmeer zum Baden zu verschwinden (Phaleron war so wichtig wie die Akropolis …). Daß sie Scherben klauten, wo sie nur konnten, samt der Freude, daß der Zoll in Triest nachlässig genug war, die ‘Funde’ nicht zu entdecken.
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Daß auf der Bahn zwischen Piräus und Athen die gleichen Züge fuhren wie in München, daß sie auf der ganzen Reise nur zwei Automobile gesehen hatten, daß jeder Straßenbahnschaffner französisch sprach und mancher Kellner deutsch … aber die Tierschinderei auf den Märkten gefiel ihnen nicht und auch nicht die lästigen Schuhputzer. Und das ‘kalimera’ der jungen Griechinnen in Richtung der Primaner hörte sich an “wie eine Stimme aus einer andereren Welt”. Ja ja …
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Die armen Athener konnten die Primaner auch gar nicht übersehen … äh überhören … die bayrischen ‘Kolonnen’ pflegten durch die Straßen zu marschieren mit gemeinsamem Gesang von “Die Wacht am Rhein” und “Deutschland über alles” …
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Frisch aufgeworfenes Athener Gräberfeld: Hier waren die gymnasialen Maulwürfe mit großem Eifer unterwegs …
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“Schließlich fuhren wir zur alten Begräbnisstätte beim DIDYLON, die jetzt zwischen Gaswerk und Straßenbahndepot liegt. Da hier eben jetzt ausgegraben wurde, bot sich Gelegenheit, manchen alten Scherben mitgehen zu lassen.” Und im Museum konnte man die Scherben auch selbst produzieren: “Der nächste Vormittag ist nach einem Bade in Phaleron der Besichtigung des Nationalmuseums gewidmet. … Eine Gymnasiastin zerbrach eine Vase. O, das macht ja gar nichts; aber wehe, wenn das ein Gymnasiast gewesen wäre!”
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Ein aus zwei Gründen bemerkenswertes Schüler-Zitat: (A), daß man die Gelegenheit hatte, im Museum Exponate überhaupt anzufassen, und (B) offensichtlich versteckten sich auch Schülerinnen auf der Teilnehmerliste …
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Piräus: Der deutsche Konsul ist gerade gekommen, um den Besuch aus dem Kaiserreich zu begrüßen
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Die Schüler klassenweise nach Griechenland zu expedieren, ist noch nicht aus der Mode gekommen. Wenn man heute bei Google “Klassenfahrt Griechenland” eingibt, tauchen 74.000 Ergebnis-Seiten auf. Wenn der leidgeprüfte Klassenlehrer davon auch die üblichen 99% vergißt, hat er immer noch genug zu lesen. Nehmen wir gleich ein Angebot von ganz oben (wer geht schon mehr als 20 Google-Ergebnisse durch …?): Der Anbieter schulfahrt.de verkauft “Klassisches Griechenland”, den “Klassiker komplett”, 10 Tage ab 386 Euro.
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Nun, das sind keine 10 Tage Griechenland, es sind 10 Tage Busfahrt … Griechenland (Patras) wird am Nachmittag des 3. Tages erreicht und am Nachmittag des 8. Tages (Patras) wieder verlassen. In den fünf verbleibenden Tagen im Lande der klassischen Säulen wird folgendes Programm durchgezogen: Delphi, Athen (Stadtrundfahrt und Akropolis), Loutraki, Korinth und Akrokorinth, Epidaurus, Tolo, Nauplia, Mykene, Olympia. Die armen Kinder können möglicherweise zweimal ins Wasser (Loutraki und Tolo). Und haben Blasen am Hintern und einen Ohrenschaden vom Dauer-MP3-Hören beim Busfahren.

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Das ist ungefähr das Kultur-Programm, das vor 100 Jahren auch durchgezogen wurde. Damals wurden in Athen jedoch drei Tage verbracht. Damals wurde ab München 15 Tage gebraucht, auf Schiff und Schiene statt auf der Autobahn. So viel schneller geworden sind wir also heutzutage gar nicht …
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* Gymnasiasten aus Würzburg, Schweinfurt, Aschaffenburg, Bamberg, Linz a. Rh., Ludwigshafen, Speyer, Pirmasens, Kaiserslautern, Zweibrücken, Hof, Bayreuth, Regensburg, Freising, Amberg, Nürnberg, Fürth, Erlangen, Ansbach, Augsburg, Kempten, Günzburg, Ingolstadt, Rosenburg und Schäftlarn.

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