Bulgarien-Tour zur Wendezeit – 5

Kazanlak Bürgermeister
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31.05./01.06.1990. In Kazanlak, dem Hauptort des Rosentals, wartet der Bürgermeister auf uns. Proletarisch-schwarze Lederjacke, dezente Krawatte. Iliana, ihr Outfit heute mal pink, übersetzt. Nicht alle Mitreisenden sind bei der Ansprache so ganz wach.
Draußen beginnt eine Art alemannische Fasnacht, oder eine Art Karneval aus Skyros, jedoch nur in kleinem Maßstab. Masken, Perücken, Mädchen-Puppen als Kopfputz, scheppernde Ziegenglocken:
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Kazanlak Kostümtanz
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Der Kindergarten trägt uns ein paar Lieder und lokale Tänze vor, in Nationaltracht, mit Rosen im Haar und Akkordeonbegleitung. Sie verteilen an die Gäste Blumensträußchen und kriegen Kalenderblatt-Kärtchen zur Belohnung. Hm, sie sehen noch nicht so aus, als würden sie einen Kalender lesen können. Egal:
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Kazanlak Kindergarten 1
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Kazanlak Kindergarten 2
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Kazanlak Kindergarten 3
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Am Ende wieder patriotische Ansprachen. Höchstwahrscheinlich patriotisch. Wir verstehen kein Wort, Iliana hat sich bei Beginn der Veranstaltung sofort verdrückt:
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Kazanlak Parteiveranstaltung
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Und hektografierte Flugblätter der Opposition werden uns auch diskret zugesteckt. Auch in deutscher Sprache, geschrieben vom „Verband der demokatischen Maechten“. Die kommunistische Partei mißbrauche das traditionelle Rosenfest als Wahlpropagandaveranstaltung. Und das Fest gehöre doch dem ganzen Volk:
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Flugblatt Opposition
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Das „Volk“ steht an der Seite, schräg hinter den internationalen Gästen, es lauscht und schweigt:
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Kazanlak Publikum
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Aber wir haben unsere Begegnung mit dem „Volk“ ja noch vor uns. Eine Überraschung wartet nämlich auf uns: Heute abend erwartet uns das Dorf Turija, wo sich unsere Reisegruppe in Zweier- und Dreiergruppen aufteilt und bei den Bauernfamilien zum festlichen Abendessen erscheint.
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Nach dem Einchecken im Hotel noch ein Spaziergang. Da drüben, ein Supermarkt! Ob es irgendwas gibt, das wir unseren Gastgebern auf dem Dorf mitbringen können? Der Supermarkt ist offen, aber die langen Regale sind praktisch leer. Exakt vier (!) Artikel stehen zum Verkauf, Rosenwasser und drei verschiedene Sorten Tomaten-Konserven. Hat der Laden gerade Ausverkauf wegen Insolvenz, oder ist das normal hier?
Rosenwasser als Gastgeschenk im Rosental …? Hm, nee. Würde man einem Apfelzüchter eine Flasche Apfelsaft mitbringen? Einem Konditor-Meister eine Torte von Coppenrath & Wiese?
Seppo, der für einen Finnen ungewöhnlich fröhliche Mitreisende, der immer ungewöhnlich viel Durst und Hunger hat, entdeckt irgendwo an einer Ecke einen kleinen Marktstand, wo er gleich zwei Kilo gelb-weiße Kirschen kauft (2 Leva). Er probiert sie sofort, ungewaschen. Bringt ihm eine heftige Magenverstimmung.
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Auf dem Land geht es noch ganz rustikal zu. Eselskarren und Leiterwagen mit braven Ochsen:
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Turija Ochsenkarre
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Turija Dechov-Haus
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Wir haben ein Riesenglück mit unserer Dorf-Familie, und Iliana darf uns begleiten als Übersetzerin. (Leider ist Jutta aus Graz woanders eingeteilt, und sie hat einen total öden Abend.) 1990 wird das bulgarische Ackerland noch fast vollständig kollektiv* bewirtschaftet, aber jede Bauernfamilie hat gewöhnlich ein kleines Stück Land zur Selbstbewirtschaftung. Auch unsere Familie (Vater Decho D., seine Frau, beide Mitte vierzig, die zwölfjährige Tochter Marijana und die Oma) bewirtschaftet einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb.
Der Sohn macht gerade seinen Militärdienst. Im Stall steht Maria. Maria ist eine gut geschulte Esel-Dame. Marijana kann ihr was ins Ohr flüstern, dann fällt Maria um, rollt über ihren Rücken zur anderen Seite, und steht wieder auf. Beeindruckend …
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Turija Esel
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Balkantourist Funktionär
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Ich will doch unsere bulgarischen Funktionäre nicht völlig übergehen! Sonst fühlen sie sich noch diskriminiert. Also: Oben erklärt der Balkantourist-Offizielle Giurev die große Welt der Rosen und Kolchosen …
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Laut Giurev haben die Dorfbewohner 10 Leva pro bewirtschaftetem Gast angeboten gekriegt, aber sie wollten es unbedingt umsonst machen … und ja, Frau D. ist gelernte Köchin und arbeitet in der Gemeinschaftsküche des Dorfes … und sie fährt heute geradezu obszöne Unmengen an Essen und Getränken auf. Vater D., der Herzprobleme hat, darf weder rauchen noch trinken, aber mir ständig das Glas füllen und zuprosten, das darf er natürlich. Der Wein ist im Dorf erzeugt und hat einen ordentlichen Alkoholgehalt.
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Turija Familienessen
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Schopska SalatWas ja nie fehlen darf, ist der Schopska-Salat. (Gurken-, Tomaten- und Paprikastücke werden in eine Tasse gefüllt, vorsichtig zusammengedrückt und dann auf den Teller gestürzt, geriebener weißer Käse wird drübergestreut.) Bei D. gibt es noch aus Tomatenschalen geschnitzte „Rosen“ obendrauf!
Zwei Hauptgerichte folgen und noch ein weiteres Groß-Sortiment Desserts (Erdbeeren, Kirschen, Gebäck, Petits Fours, Baisers, Schokoladekuchen, Creme Caramel).
Eine Menge, die für eine Großfamilien-Hochzeit reichen würde, steht auf dem Tisch und auf der Anrichte. Ein Überfluß, wie ich ihn sonst nur aus russischen Restaurants kenne. Gut, auch bei griechischen Familienfeiern werden oft  verschwenderische Mengen angeboten.
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Dessertauswahl
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Das Nachtisch-Sortiment vor uns auf dem Tisch. Aber keine Sorge, es ist von jeder Sorte noch mehr da:
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Petits fours Tablett
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Und wir wußten bis heute nichts von dem Besuch im Dorf und konnten nicht einmal ein Gastgeschenk mitbringen, wie superpeinlich. Und es geht noch weiter: Ich kriege noch ein Flasche selbstgebrannten Brandy geschenkt und Joan ein Paar Hausschuhe, die die Oma angefertigt hat!
Das alte Gesetz der Gastfreundschaft gilt noch. Der Fremde wird eingeladen und oft beschenkt, wobei seine noble Pflicht zum Gegengeschenk nicht vergessen werde sollte, schreibt Baedeker 1969.
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Marijana schreibt mir ihre Adresse auf, damit ich ein paar Fotos vom heutigen Tag schicken kann. Hoffentlich gilt mein Foto-Päckchen als Gegengeschenk. Marijana ist ganz stolz darauf, wie gut sie mit der lateinischen Schrift umgehen kann.
Gut, das ganze sollte wohl nur eine Show sein, eine Inszenierung zum Thema „so gut geht es unsrem Landvolk“, aber mit Ilianas Unterstützung hatten wir einen wunderbar heiteren Abend. Wir diskutieren und lachen über alles mögliche, aber kein Wort fällt über Wahlen, Weltanschauung oder Wirtschaft. Wäre ja unhöflich.
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Und was ist mit den Resten vom Abendessen? Es ist ja der größte Teil übrig geblieben! Die Reste bringt die Familie mit unserer Hilfe um halb elf ins Dorfgemeinschaftshaus. Die Bustour und die Dorfbewohner sitzen und stehen da schon zusammen. Quer durcheinander. Es sind gar nicht genug Stühle da. Wir sind die letzten, die zurückkommen. Die wirklich exzellenten Desserts werden umgehend runtergeputzt, und es wird gründlich nachgespült:
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Feier Dorfhaus
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Tochter Marijana kämpft sich mit dem petits-fours-Tablett durch die leicht angeheiterte Gästeschar (aber Papa hat sie immer im Auge). Am Ende großer Applaus für die Famlie D.! Marijana sammelt im Bus bei allen Leuten noch die Kugelschreiber ein, kann man ja nie genug von haben, und zurück geht’s nach Kazanlak. Ich bin nicht der einzige, dem im Bus schon die Augen zufallen.
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*   “Nach der 1950 begonnenen Kollektivierung, abgeschlossen 1961, werden 99% des Bodens von gegenwärtig 972 Kolchosen bewirtschaftet, die etwa den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in der DDR entsprechen. Von Ausnahmen abgesehen, z.B. in den Bergen, gibt es heute in Bulgarien keine Bauern mehr auf eigenem Land.”
Baedeker Autoreiseführer Bulgarien, 1969
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