Mesochori: Lieber Tourist oder Gast?

Mesochori Screenshot
.
Mesochori. Links im Bild, direkt an der Kirche der Panaghia die Dramountana Grill & Bar, das Café Skopi rechts unten, rechts neben den Kapellen über der Felswand. An der Kirche links beginnt der Fußweg nach Spoa, an der kleinen Christuskirche rechts außen beginnt der Fußweg nach Lefkos.
.
Ich hatte mich bereits (zögernd) für Mesochori entschieden als Basis für den Aufenthalt im südlichen Teil von Karpathos, da fand Katharina die Website tripinview.com, von der ich diese Luftaufnahme des Dorfes habe. Tripinview präsentiert die griechische Küste in Luftbidfolgen. Schöne Perspektive, schöner Ort. (Als ich nach fünf Tagen Mesochori für zwei Tage ins fade Arkasa umzog, habe ich „mein“ Dorf richtig vermißt.)
.
Mesochori bietet nur zwei Möglichkeiten zur Übernachtung, Akropolis und To Steki, mit gerade einem Dutzend Zimmern und Apartments. Es ist also nicht unbedingt ein Touristenort (Karpathos bietet fast 9.000 Gästebetten, die Hälfte davon im Großraum Pigadia). Wie die meisten Pensionen auf der Insel, bieten solche Häuser einen interaktiven (teils mehrsprachigen) Webauftritt, den allerdings gewöhnlich niemand betreut.
Funkstille auf der Reservierungsseite der Akropolis-Studios – dort wendet man sich besser telefonisch an Manolis Nouarakis vom Cafe Skopi, der vermittelt den Kontakt (0030 697 3796 004). Ich wußte davon nichts, mir blieb nur das To Steki. Und auch an die Inhaber kam man nur indirekt heran, über eine kleine externe Agentur (pureplaces).
.
Mein Urteil über das To Steki (Restaurant wie Zimmer) erspare ich Ihnen, denn Vassilis und Evgenia geben das abgewohnte Haus noch in diesem Jahr an ihre Tochter ab. Vassilis ist schon über 80 und das Ehepaar scheint inzwischen dem Betrieb nichts mehr abgewinnen zu können. Verständlich. Also wird demnächst renoviert und neu angefangen …
.
Der Tourismus ist trotzdem der Haupterwerbszweig für Mesochori. Fast alle Häuser im nahen Badeort Lefkos werden von Familien aus Mesochori geführt, und viele sind auf Rhodos aktiv in dem Geschäft. Aber zu Hause hält man sich die Touristen lieber auf Abstand. Nein nein, nicht, daß sie jetzt einen falschen Eindruck kriegen, die Leute in Mesochori sind äußerst freundlich, nett, neugierig und hilfsbereit, wenn sie merken, da kommt nicht jemand nur, wie üblich, für zwei Stunden mit dem Mietwagen ins Dorf, um Katzen zu fotografieren und eine Cola zu trinken.
.
Skopi MesochoriDie meisten Rundfahrt-Touristen landen am Ende bei Manolis in seinem Café Skopi. Im Dorf wird nur ganz diskret Werbung gemacht, aber Manolis hat es geschafft, einige handflächengroße Hinweise auf den Gassen anzubringen, die die potentiellen Gäste zu seiner Tür bringen. Das Skopi ist ausschließlich auf Touristen eingestellt, die Einheimischen kommen kaum hierher. Höchstens die Gartennachbarn, um sich zu beschweren, daß der Nordwind mal wieder Servietten und leere Bierdosen auf ihr Grundstück geweht hat.
.
Ja, es ist paradox, Skopi heißt Aussichtspunkt, und Dramountana Nordwind, nur ist es in der Realität völlig umgekehrt: Das Skopi unten an der Steilwand kriegt den Wind ab, und das Dramountana hat die Super-Aussicht:
.
Mesochori Küste
.
Aussicht vom Dramountana auf die Küste, in der Mitte die Aghia Sophia-Kapelle. Edel, was? Wenn dann beim Essen die Abendsonne auf das Panorama und den Teller scheint, dann läßt sich selbst Wirt Giannis (Mitte rechts) vom Wahlkampf im TV ablenken:
.
Mesochori Dramountana
.
Mesochori Skopi Platia
.
Mesochori, die untere Platia. Links (blau) das Café Skopi.
.
8000 Gäste haben sich im Café Skopi verewigt. Sagt Manolis. Ihre Namen und Botschaften finden sich auf Tischen, Stühlen, Blumentöpfen, einfach überall:
.
Karpathos Skopi
.
Karpathos Skopi
.
Manolis fördert dieses „touri-tagging“ mit Nachdruck, und er ist in stillen Stunden eifrig damit beschäftigt, verwischte alte Eintragungen zu restaurieren. Da er die vielen Sprachen seiner Gäste nicht kennt, können beim Nachziehen der Texte gelegentlich auch skurrile Fehler entstehen …
.
Skopi Manolis
.
Auch ich kriegte – nachdem wir zwei Stunden verquatscht hatten – den Stift in die Hand gedrückt, mit der Anweisung, den Stuhl zu beschriften, der schon mit „2014“ für die Saison vorgekennzeichnet war. Manolis hatte erst vor drei Tagen wieder eröffnet und lauerte auf Kundschaft. Die kam nur spärlich. Deswegen war immer nur bis halb fünf nachmittags geöffnet. (Ursprünglich war das Skopi wohl ein Privathaus, die Café-Toilette ist nämlich ein regelrechtes Wohnungs-Badezimmer, mit Badewanne! Sehenswert …)
.
Manolis bietet außer Getränken nur ein paar Kleinigkeiten zum Essen. Ja, Manolis ist aus sich heraus äußerst kommunikativ, aber beim zweiten Besuch merkt man schon, wie er den Kontakt zu seinen Kunden professionell-routiniert ablaufen läßt. Im Gespräch mit den drei älteren deutschsprachigen Damen, die da jetzt auf seiner Terrasse sitzen, läßt er kaum ein fälliges „Griechen“-Klischee aus, um seine Besucherinnen auf ihren Stühlen festzuhalten.
καλοπιάνω κάποιον
.
Karpathos DramountanaDas Dramountana ist komplett anders konzipiert. Es ist, wie die drei anderen kleinen Cafés im Dorf, eher auf die Einheimischen als auf Zufallsbesucher fixiert. Ja, das Dorf, so klein es ist, ist in mehrere Fraktionen aufgeteilt, und jede Fraktion hat „ihr“ Café und ignoriert den Rest.
Beispiel:
Ich war von Lefkos aus nach Mesochori getrampt, und wollte den Besitzer des altersschwachen Twingo am Ende der Fahrt zu einem Kaffee einladen, im Café ganz oben am Dorfparkplatz. Aber er lehnte höflich ab. „Sein“ Café sei jenes schräg gegenüber vom Dramountana. Hier oben ginge er nicht rein.
Er hatte früher in Berlin gearbeitet, als es noch eine von der Mauer geteilte Stadt war. Da mußte er sich nach seiner Rückkehr ins Dorf nicht umgewöhnen … die Mauern der „Milljöhs“ existieren hier in den Köpfen.
.
Nach meinem erschreckenden Abendessen im To Steki gehörte ich zu 100% in die Dramountana-Fraktion. (Ich hatte kein Amulett gegen den Bösen Blick dabei, aber Evgenia ließ es mit unbewegtem Gesicht geschehen, daß ich ihre Küche ignorierte …)
.
Mesochori Dramountana
.
Blick von der Panaghia-Kirche aufs Dramountana
.
Mesochori Panagia Kirche
.
Blick auf die Kirche aus dem Dramountana
.
Das Dramountana hat ein wunderbares schlichtes Design. Es ist in eine Nische der Felswand hineingebaut, der natürliche Fels ist unverkleidet, und auf der Talseite ist die Wand aus recycleten Glas-Terrassen-Türen hergestellt, die man bei Bedarf öffnen kann. Sie schließen die Terrasse gegen Wind und Wetter ab. Genial. Und so viel besser als die üblichen Plastikfolien-Rollos. Da der Gastraum durch seine Bauweise offiziell als „Terrasse“ gilt, darf dort auch geraucht werden.
.
So banal das klingen mag: Das Geschickteste an der Raumgestaltung ist der schöne alte Schrank unter dem Großfernseher, der den Blick auf die Klo-Tür verhindert.
Im Zwischenraum hinter dem Schrank kann man bei Bedarf diskret verschwinden, ohne von den Fernsehzuschauern angestarrt zu werden.
.
Der Wirt (Giannis Moskonas) ist in Baltimore geboren. Nikos Phillipakis aus Olymbos kennt er natürlich („a good friend“, nickt der Koch), die Familie Lentaki auch, klar. Die kommen nach Mesochori, um Krithama (Meerfenchel) zu sammeln. Marta, die polnische Kellnerin (fließend englisch und griechisch), die seit elf Jahren im Dorf lebt, serviert zum Helleniko Wasser aus der Quelle der Kirche (Giannis grinst: „It’s sacred water!“). Marta ist gerne hier, und beliebt ist sie auch, aber sie mußte sich zuerst energisch durchsetzen: „But I’m from the North, and you can’t push me around!“
.
Giannis Bruder führt die Küche, und er serviert ein tadelloses traditionelles Essen! Lassen Sie den flambierten Oktopus nicht aus, oder Kalamarakia mit Maroulli-Salat, den pürierten Käse (Tirisalata), das cremigste Tsatsiki der Welt, schon gar nicht den krümelig-saftigen hausgemachten Fruchtkuchen! Allerdings verlangen die Einheimischen, und besonders die Kinder, bevorzugt nach den hausspeziellen „hot dogs“ …
.
Giannis Moskonas Familie
.
Die letzten Gäste am Freitag: Giannis Familie.
.
In der Woche war der Betrieb schwach, aber am Samstagabend ist kein Stuhl mehr frei. Da kommt die ganze Nachbarschaft, und Giannis Verwandtschaft aus Rhodos ist auch da (mit Olympic eingeflogen). Schon am zweiten Tag grüßt mich fast jeder der Stammgäste, mit freundlichem Lächeln, und alle bemühen sich in jeder Weise um mich. (Da es im Dorf keinen Bäcker gibt, jeder backt ja in den Bergdörfern selbst, und nur einen – laut Manolis – völlig überteuerten, winzigen Lebensmittel-Laden, den ich allerdings im Häusergewirr nie gefunden habe, kann man hier auch alles mögliche zum Mitnehmen bestellen, Eis etwa oder den Hauswein in der Plastik-Wasserflasche, ¾ Liter für 4 Euro.)
.
Schon Freitag habe ich mit Gina, Giannis Schwester, verabredet, daß ich das traditionell eingerichtete Haus ihrer Mutter besichtigen kann – und der Familie liegt wirklich was daran. Nachdem wir uns am Samstag verpaßt haben, machen wir einen Termin am frühen Sonntagmorgen aus. Wirt Giannis steht (für seine Verhältnisse viel zu früh) auf und bringt mich zum Haus. Der Besuch muß leider kurz sei, denn gleich geht der Flieger zurück nach Rhodos. Zum Abschied kriege ich noch eine Tüte Gebäck, für meine Wandertage. Das Haus der verstorbenen Großmutter ist jetzt an ihre Enkelin Fani vererbt, die es sich mit ihren Eltern teilt.
Siehe dazu Seite “Die Diktatur der Gegenstände”.
.
Und Sonntagabend helfe ich, den Entwurf der Speisekarte für den Sommer ins Englische zu übersetzen. (Große Diskussion, wie immer: Woraus macht man Fava, wenn man keine gelben Linsen aus Santorini hat? Und was läuft alles falsch in der europäischen und griechischen Politik?) Jetzt im Mai gibt es noch keine Karte. Giannis oder Marta zählen am Tisch eben auf, was da ist. Es ist immer mehr als genug da.
.
Mesochori Dramountana
.
Sonntag, vor der Tür des Dramountana, mit Katharina und Barbara und ihren Giagiades. Hier kriegt man alles mit, was auf der Gasse passiert. Oder träumt Richtung Horizont. Heute gibt es ab Erzeuger geflochtene Knoblauchstränge, drei Stück zum Sonderpreis, fünf Euro. Sind eigentlich die Roten Bete schon reif? (Im Hintergrund das Twingofahrer-Café.)
.
Dramountana SChildNachtrag: Kaum, daß Katharina dieses Kapitel gelesen hatte, kam ihre Frage: Warum hast du im Text nicht die schönere Seite des Dramountana-Schildes abgebildet? (Also die dem Dorf zugewendete Seite, mit dem Lyra spielenden Engel.) Meine Antwort war: Die Seite habe ich nie gesehen. Nie.
Als ich beim ersten Mal dort vorbeigekommen bin, auf dem Weg Richtung Kirche, habe ich nur neugierig nach rechts geschaut, um zu sehen, was die beiden Leute, die vor der Tür saßen, auf dem Teller hatten. Ich weiß nicht, wie oft ich in den folgenden Tagen dort war, um Kaffee zu trinken, zu essen, eine Verabredung einzuhalten, nach Spoa zu wandern, Wein zu holen … nicht einmal habe ich diese Seite des Schildes gesehen. Nicht einmal.
Ignoranz? Demenz? Vielleicht sind Engel für Nichtgläubige auch prinzipiell unsichtbar …
.
Foto: Katharina R., 2014
.
NACH OBEN
.
> KALI LIMNI, NICHT KLEIN, ABER FEIN
> MESOCHORI: LIEBER TOURIST ODER GAST?
> LEFKOS – MESOCHORI – SPOA
> DIE DIKTATUR DER GEGENSTÄNDE
> OLYMBOS. MEIN BUCH, MEINE FAMILIE UND ICH …
> ZWEIMAL RAKI FÜR DEN WELTFRIEDEN
.
< KARPATHOS MAI 2014
< ZUR STARTSEITE

< KARPATHOS – DER NORDEN (2012)

5 comments

  1. “Ja, das Dorf, so klein es ist, ist in mehrere Fraktionen aufgeteilt, und jede Fraktion hat „ihr“ Café und ignoriert den Rest.”

    jassou Theo, sehr interessanter Artikel über das Bergdorf Mesochori.

    Im Mai habe ich beim Dionysian Drone Festival in Berlin die Gruppe The Mesochorians aus Mesochori/Karpathos gesehen.

    schöne Grüße aus Hamburg, kv

  2. Irgend so ein Typ hat immer geschrieben, es wären die Mesochians gewesen. Die sind ja dann eher aus Mesochi. Wo auch immer das ist.

  3. Ich klau auch mal wieder was. Das ist ein Text aus der Selbstdarstellung des Donysian Drone Festivals:
    The
    Mesochorians is a band performing for the first time in Germany, the traditional tunes (skopous) from the remote island of Karpathos, where music is an everyday life necessity. One of the few performed without percussion instruments, the style involves a continuous improvisation, by shifting within hundreds of drone melodies and creating new ones of changing rhythmic frequencies , of improvised rimes and real dialogues between the musicians and the singers. The sessions are very long middling on 10 hours and are always accompanied by dancers (Giannis Sarris (lyra), Nikos Lykos (tsambouna), Fotis Lykos (laouto), Lytos Giannis (laouto) +special guest star).

  4. Hallo,
    schaut so aus, als ob dir der gemeinsame Inselurlaub mit Katharina gut tut,
    dann siehst du auch die Rückseiten der Schilder !!!! o-)))))))))
    lg printy

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s