Die Vogelperspektive

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Das Tal von Kolymvithra auf Tinos, wie es der Zugvogel … sorry … wie es der Google-Earth-Satellit sieht. Das kunstvolle Mosaik wurde aber nicht vom visionären Land-Art-Künstler, sondern bloß von den Inselbauern entworfen, die nur den Sachzwängen folgten. Sie haben das Ergebnis ihrer Arbeit auch nie aus der Ferne gesehen. (Von nahem sieht es ganz und gar unübersichtlich aus …)
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Das hohe und dichte Schilfrohr begrenzt die Felder und schützt sie vor dem erbarmungslosen Nordwind. Bei Bedarf kann man das Rohr teilweise abschneiden und lagenweise auf die Dachbalken des Insel-Hauses packen. Darüber kommt die festgewalzte Ton- und Lehmschicht, die das Hausinnere vor dem Winterregen schützt. Ein multifunktional nutzbares Roh(r)produkt,  ja ja … und traditionelle Agrokultur kann so schön sein! Wenn man nicht wie ein Idiot schuften muß mitten in in der Schönheit …
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So sieht Google-Earth die Terrassen bei Kira Xeni. Die Aufnahme wurde wohl im Spätsommer gemacht. Hier mußte ich schon mit Photoshop nachhelfen, um die verwelkten Terrassen sichtbar zu machen. Im Gegensatz zu den (wenigen) Hochebenen und den (ebenso wenigen) Bachtälern werden die Terrassen von Tinos nämlich immer weniger genutzt. Im Herbst sehen sie vom Satelliten aus wie ein Kreisliga-Aschenplatz bei Saisonende …
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Mai 2010. Ein verwilderter Hang im Tal südöstlich von Kambos. Im Norden von Kambos liegt das berühmte Tal von Tarambados, wo die durchreisenden Fotografen noch bei schlechtesten Lichtverhältnissen ihre Stative aufbauen, um das dortige Muster-Ensemble von Taubentürmen abzulichten. Aber Tinos hat mehr als 800 solcher Gebäude, und Taubentürme sind (trotz ihres hehren Namens) in erster Linie nun mal … landwirtschaftliche Nutzgebäude. Und sie mögen auf der Welt einmalig sein, diese Peristerones, sie sind trotzdem oft weniger gepflegt als die ebenso zahlreichen Kapellen auf der Insel.
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Und so eine Kapelle mag noch so erzgewöhnlich sein, sie wird auf dieser frommen Insel wenigstens einmal im Jahr (zum Gedenktag ihres Heiligen) abgeschrubbt und durchgefegt und eingesegnet. Ja, das rituelle dörfliche Feiern ist noch ein bißchen lebhafter als anderswo im Land …
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Mal etwas näher ran an das Taubenhaus auf dem Hang da oben. Naja, nicht mehr in bester Form, auch nicht mehr dauerhaft von Tauben bewohnt, aber immer noch ein Dach drauf. Da ist noch Hoffnung …
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Das zweite Taubenhaus auf diesem Hang. Oh je! Schon ohne Dach. Die Schieferstrukturen der Vorderwand sind auch schon eingestürzt. Was vorher mal eine Sonne darstellte (das Leben), oder eine Zypresse (den Tod), ist nur noch ein Haufen Schutt. Keine Hoffnung mehr …
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Mai 2010: Taubenturm bei Mesi, in der Nähe des Franziskanerklosters
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Hier oben auf der Hochebene zwischen Steni, Mesi und Falatadhos wird noch Landwirtschaft getrieben, hier gibt es noch Familien mit kleinen Kindern und Großeltern. (Das Kloster betreibt offenbar sogar eine Altentagesstätte …!) Das Taubenhaus wirkt gepflegt, aber die Schafweide davor ist wohl seit Jahren nicht genutzt. Es ist ein dichter, meterhoher, ummauerter Urwald draus geworden. (Nebenbei: Ich sehe ringsum viele mit Stahldrahtmatten geschützte Gemüse- und Kartoffelbeete, aber kein einziges Schaf und keine einzige Ziege.Und auch keinen Hirten. In den Drei-Generationen-Familien waren früher doch immer die Großeltern mit den gefräßigen Vierbeinern unterwegs …?)
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So sah das Taubenhaus im April 1994 aus, baumlos, in frühlingsgrüner Wiese:
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“Nearly all of the physical changes that are happening here are destructive (…) The locals have precious little nostalgia for their own land. That old life was dirty and backbreaking for them, and death was always a close companion in every family.” (Ron Walkey: Luminous Encounters on the island of Tinos, 2006)
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Tinos: Blick auf Exobourgo. Landwirtschaftliches Terrassenland wird zum Bauland, besonders wenn es eine interessante Aussicht bietet …
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Wenn die Landwirtschaft auf der Insel eine Zukunft hat, dann wohl nur noch als Ausnahmephänomen. Eher als Hobbybetrieb als als Nebengewerbe. (Auch der Senior-Chef meines Hotels in Tinos-Stadt verbrachte den Hauptteil seiner Freizeit auf seinem Bauernanwesen im Nordosten, ritt dort sein Pferd und zog sein Gemüse.)
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Und … Tinos hat nicht mehr 25.000 Einwohner wie vor 100 Jahren, sondern nur noch 8.000. Also: Da fehlen zwei Drittel der Konsumenten. Und die Ansprüche der Einwohner (und der Touristen) sind heutzutage andere (nicht mehr 365 Tage Brot+Feta+Oliven), und die lokalen Supermärkte werden täglich von den Fähren aus Piräus und Kreta beliefert. Da kommt eben nicht mehr freitags der Bauer mit dem Esel zum Markttag …
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Und das Netzwerk der in Millionen Arbeitsstunden gefertigten zehntausendplus Kilometer Steinmauern an den Hängen der Insel wird auch kein EU-gefördertes Weltkulturerbe werden … und es wäre naiv anzunehmen, daß jemand das schwierige Terrassen-Terrain in Zukunft in großem Stil pflegen und nutzen wollte. Und die 800 Taubentürme auch nicht. Bloß die allgegenwärtigen Kapellen werden bleiben, die liegen sturmfest hinter den Hafenmauern der griechisch-orthodoxen Sentimentalität.
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Aber … eben weil die griechische Regierung doch den Tourismus als wichtigste Industrie des Landes fördern will … wer kommt schon wegen der Allerwelts-Kapellen nach Tinos? Und putzige Wallfahrtskirchen und uniforme Marienwunder gibt es auch quer durch das alte Festlandseuropa …
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Also was? Also, hoffen wir, daß in dreißig Jahren nicht nur das Ensemble der Taubentürme von Tarambados geblieben ist (inzwischen einzig wie das Taj Mahal, eingezäunt und unter strengem Denkmalschutz). Der abgelegene Terrassen- und Taubenhäuser-Rest … den die Bauern nicht mehr gebraucht und gepflegt haben … ist dafür zerfallen und die Hänge runtergerutscht. Nur ein paar zentral gelegene Türme überleben (jedoch nur als Fassade), weil sie sich zu Gäste-Apartments umbauen ließen, so wie diese funktionslose Mühle hier vor dem Hügel von Triandaros (man hört, Triandaros habe inzwischen den Ruf, das “deutsche Dorf” zu sein …):
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Um am Ende auf die Google Earth Perspektive zurückzukommen … man sollte vielleicht nicht so nahe ran gehen an die Dinge, da wird man nur ganz trübsinnig und pessimistisch …
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WEITER ZUR SEITE: DIE TAUBENTÜRME
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“Takis once told me that it took thirty years to finish one of the highly decorated dovecotes, a thousand of which are scattered about the island.” (Ron Walkey: Luminous Encounters on the island of Tinos, 2006)
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Die Taubentürme wurden von den Venezianern auf der Insel eingeführt. Die Nord- und Nordost-Seiten der Gebäude sind immer ungestaltet, wegen des Nordwindes, die gestalteten Mauern mit den Einfluglöchern richten sich immer zur Sonne. Die Mauern im unteren Bereich des zweistöckigen Gebäudes sind immer ohne Dekoration, um den Zugang für Schlangen und Raubtiere zu verhindern, ins Taubenhaus steigt man bei Bedarf mit einer Leiter. Der untere Raum dient als Zwischenlager- und Abstellraum. Die Taubenhäuser stehen immer entfernt von den Siedlungen, dort, wo die Tauben sich sicher fühlen. Das Gefühl von Sicherheit ist natürlich ein Irrtum: Die Tauben wurden mit Vorliebe gebraten verzehrt, sie wurden auch in großen Mengen (eingelegt) exportiert, der Taubenmist wurde als Dünger benutzt.
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One comment

  1. NACHTRAG: Ich hatte ja bereits in “Anavasis Pilgerpfade” gesagt, daß ich keinen großen Bezug zu den Bewohnern der Taubenhäuser habe.

    Gerade habe ich noch einmal “Ghost dog – The Way of the Samurai” gesehen, den Film von Jim Jarmusch mit Forest Whitaker (1999), in dem ausgerechnet Tauben eine große (Neben-)Rolle spielen.

    Aus dem Film also unkommentiert ein (ins Englische übersetztes) Zitat aus dem Hagakure, dem Buch des Samurai: “Although one would like to change today’s world back to the spirit of one hundred years or more ago, it cannot be done. Thus it is important to make the best out of every generation.”

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