Kartengrüße: Nachtrag

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AK Hafenstraße
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Photoshop 0.1917 …? Der Brand, der 1917 das Zentrum von Thessaloniki zerstörte. Blick auf die Hafenstraße.  Die lodernden Flammen und der dramatische Funkenflug sind für die Postkarten-Herstellung nachträglich hinzugefügt. Im Originalfoto ist nur diffuser Rauch zu erkennen:
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Original Hafenstraße
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Man sollte nicht vergessen: Die Ansichtspostkarte diente ja nicht nur für die Übermittlung der „schönen Dinge“ des Lebens! Der Mensch liebt ja auch Katastrophen und Chaos, solange er nicht als Leidtragender mittendrin steckt …
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Seit dem Krimkrieg (1853-1856) ist die Presse immer auf Augenhöhe dabei, wenn es über Katastrophen und Chaos zu berichten gibt. Die telegrafische Textübermittlung brachte wenigstens die städtischen Leser damals relativ schnell auf den neuesten Stand.
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In Thessaloniki gab es von den Balkankriegen (1912/1913) bis zur Folgezeit des Abkommens von Sèvres (1921, türkisch-griechischer „Bevölkerungsaustausch“) genug an Chaos zu erleben. Am 18.08.1917 brach im Zentrum von  Thessaloniki ein Großfeuer aus, das in etwa 30 Stunden fast 10.000 Gebäude zerstörte. 70.000 Einwohner der Stadt wurden obdachlos. Die Hälfte der Läden war zerstört, auch viele öffentliche Gebäude, Kirchen, Moscheen und Synagogen, zwei Drittel aller Arbeitsplätze waren vernichtet.
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Thessaloniki Brand Karte
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Wegen des Ersten Weltkrieges war eine große Anzahl britischer und französischer Truppen in Thessaloniki stationiert. Also wurden auch Journalisten und Fotografen zur Kriegsberichterstattung in die Stadt delegiert. Und wenn es bei dem gewaltigen Feuer auch kaum eine Möglichkeit gab, es zu löschen oder zu begrenzen, so konnten die Presse-Mitarbeiter die Katastrophe doch wenigstens gut dokumentieren. Umgehend wurden mit Eifer die verbrannten Trümmerstätten fotografiert. Doch meist reichte es, das am Tage danach zu tun, ganz in Ruhe. Aber auch während des Brandes selbst waren Bild-Berichterstatter schon unterwegs, um die Katastrophe festzuhalten.
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Balkan News Brand
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Zeitgenössischer Katastrophenbericht, noch ohne Fotos …
(Quelle: wikipedia)

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Ja, die Fotografen „hielten eben drauf“, wie TV- und Mobiltelefon-Kameras das heute auch tun. Da es noch kein Katastrophen-Live-TV gab, mußte man damals die Ergebnisse der Arbeit später noch entwickeln, lithografieren, drucken, verteilen. Und an die reisenden Postkarten-Freaks (die mit dem besonderen Geschmack) wurde natürlich auch gedacht. Touristen verschickten in der Zeit ja bündelweise Ansichtskarten:
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Brand Thessaloniki
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Postkarte aus Thessaloniki 1917: In einer brandzerstörten Straße
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Brand Thessaloniki 2
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Postkarte aus Thessaloniki 1917: Evakuierte Bewohner betrachten das Feuer. Mit Pferdewagen haben einige noch Dinge aus ihrem Haushalt gerettet.
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Viele der damaligen griechischen Ansichtskarten wurden in Italien verlegt und gedruckt. Aber auch Italien selbst hatte ja seine eigene Katastrophen-Erfahrung. Messina auf Sizilien zum Beispiel wurde am 28.12.2008 von einem Erdbeben fast total zerstört. Als die Fotografen kurz danach unterwegs waren, war die zertrümmerte Stadt offensichtlich menschenleer. (Die um 1908 aktuellen Kameras hätten bewegte Objekte miterfaßt.) Mehr als 70.000 Menschen starben in der Gegend von Messina und in Kalabrien.
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Kaum war es vorbei, stürzten sich die von und nach Sizilien durchreisenden Touristen auf die Katastrophen-Postkarten:
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Messina Erdbeben 1
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Messina 1908, das städtische Krankenhaus
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Messina Dom 1908
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Messina 1908, der Dom
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Aber auch noch ein paar Jahre später konnte man mit den Karten bei den zu Hause gebliebenen was hermachen. Ich habe ein halbes Dutzend dieser Erdbeben-Karten, und sie wurden alle am selben Tag (17.10.1912) in Neapel zu Post gebracht, und kamen laut Eingangsstempel (ja, sowas gab es mal) alle am 19.10.1912 in Vlissingen (Niederlande) an.
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Und die Karten waren allen Ernstes als „printed matter“ aufgegeben, also als Drucksache (heute: totale Schneckenpost)!
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Messina 4 Karten
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In 48 Stunden quer durch Europa, nun, das war im Dampflok-Zeitalter fast ein SMS-Tempo … heute braucht eine Postkarte aus Griechenland, Italien oder Spanien zwei Wochen und mehr nach Deutschland … per „air mail“. Da ist eine Brieftaube viel schneller. Ich hab auf dem Frachtflughafen in Köln mal nach diesen extra langsam fliegenden Post-Maschinen geschaut, vergeblich …!
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Und – besonders witzig – das Postkartenporto ist heute in Europa meist genauso hoch wie bei einem verschlossenen Brief! Gut, der Auslandsbrief kommt vielleicht schon nach 5 oder 6 Tagen an. Könnte ja was gaaanz Wichtiges drinstecken, in so einem Briefumschlag, da bemüht man sich im Postbetrieb. Das ist der Fortschritt …
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Gut, der „Fortschritt“ für die Text- oder Bildübermittlung ist woanders hin gewandert. Wer (außer mir) hat heute kein smartphone …?
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One comment

  1. Korrektur: Ich habe jetzt auch ein smartphone. Und kann nun für drei Cent pro Minute in/aus Griechenland anrufen (wenn der Gesprächspartner seine SIM-Karte bei einem gewissen deutschen Discounter eingekauft hat – sonst 11 Cent/Min.).
    Postkarten verschicke ich nicht mehr. Den Luxus kann man sich nicht mehr leisten.

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