Hermoupolis: Das Industriemuseum

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Ja, die Industrie auf Syros hatte ein ‚Alleinstellungsmerkmal‘: In den 1970er Jahren wurde hier ein batteriebetriebenes Elektroauto hergestellt, der Enfield 8000, in Handarbeit.
Der Entwurf des ‘Stadtautos’ kam aus England, die Finanzierung übernahm ein griechischer Multimillionär, Giannis Goulandris.
Gut, die Idee war ihrer Zeit weit voraus. Es war auch kein kommerzieller Erfolg, und es war in Griechenland gar nicht für den Verkehr zugelassen. Es wurden insgesamt nur 220 Exemplare gebaut, 120 auf der Isle of Wight, 100 auf Syros.
Das Industriemuseum von Hermoupolis hat noch ein Exemplar – bitte nicht anfassen, kommt gerade aus der Waschstraße … 🙂 !

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Idyllisch, nicht? Würden die Rebhühner und Karnickel der Insel nicht sagen. Es war u.a. auch mal eine Fabrik für Jagdmunition: Das Industrie-Museum von Hermoupolis.
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Antriebsrad der Patris, eines 1868 vor Kea gesunkenen Raddampfers, im Hof des Museums.
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Seit 1839 regelt eine Bauordnung die Architektur und Stadtplanung in Hermoupolis.
Syros war seit Beginn der Befreiungskriege ein Ziel für griechische Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich, aus Chios, Psara, Kreta usw.
Syros und seine katholische Bevölkerung stand unter französischem Schutz (es gibt heute noch ein stattliches französisches Konsulatsgebäude in der Stadt.). Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Rand des großen Naturhafens, an dem Hermoupolis liegt, jedoch kaum besiedelt. Man schätzte die Sicherheit und wohnte auf dem Berg von Ano Syros, im Schatten der katholischen Kirche und des Jesuiten-Klosters.
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Die Flüchtlinge kamen nicht ohne Kapital, sie waren vorher im Schiffsverkehr, in Handel und Transportwesen tätig. Ihnen war es vertraut, dicht am Wasser zu leben. Doch noch war völlig unklar, welches Ergebnis der Befreiungskrieg haben würde. Also wurden am Wasser nur Provisorien errichtet. Ohne städtebauliche Visionen reihten sich primitive Holzbauten an rustikale kykladische Steinhäuschen (sowas ging den lokalen Handwerkern leicht von der Hand). Das alles mußte ab Gründung des griechischen Nationalstaates 1834 verschwinden …
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1828 gab es eine Volkszählung auf der Insel: Hermoupolis, die Flüchtlingsstadt, hatte schon 13.805 Einwohner und 4.167 Gebäude. Es war inzwischen der wichtigste Hafen der Region. Hier kreuzten sich die wichtigsten Verkehrsströme der Ägäis – und noch niemand dachte an den Kanal von Korinth, der den Kreuzungspunkt nach Nordwesten verlagerte und Piräus als Hafenstadt erst begründete.
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Seit dem Einzug des griechischen Königs Otto aus Bayern lebte der Architekt und Stadtplaner Johann Erlacher in Hermoupolis. Er war dort einer der wichtigsten Ausbilder im Bauhandwerk, und die Umwandlung der improvisierten Ansiedlung in eine organisierte Stadt etwa nach Münchner Vorbild konnte schon weitgehend mit lokalen Arbeitskräften vorgenommen werden. Baumaterial kam aus Tinos, Santorini, Malta (!) und vom Festland, aber die Facharbeiter aus Italien brauchte man am Ende nicht mehr.
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Etwas wie eine ‚Bauordnung‘ muß die Einheimischen doch irritiert haben – sie war so umfassend und von so ‚deutscher‘ Gründlichkeit … es gab nun exakte Vorschriften über die Baumaterialien, den Brandschutz, die Fassadengestaltung, die Grundstücksgrößen, die notwendigen Enteignungen, um Raum für öffentliche Einrichtungen und Verkehrswege zu schaffen, die daraus folgenden Schadenersatzansprüche usw.
Für die Wohn-, Verwaltungs- und Geschäftsbezirke war die Ebene am nördlichen Ende der Hafenbucht vorgesehen, die Gewerbeflächen sollten südlich von einer Linie entstehen, der heute die Folegandros-Straße folgt.
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Seit circa 1850 wurden in dieser Gegend Industriebauten errichtet, für die verschiedensten Zwecke: Metallverarbeitung, Munitionsherstellung, Schiffbau, Gerbereien, Webereien, Färbereien, Getreide-Mühlen, Druckereien, Glaswerke.
Ein riesiges und zentrales Stück aus diesem Gewerbegebiet fiel an die Griechische Dampfschiff Gesellschaft von 1857, die hier ab 1860-1861 die Neorion Werft aufbaute.
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1879 zählte man hier 23 größere Fabriken, von denen 16 mit Dampfmaschinen betrieben wurden. Der damalige Kykladen-Reisende hat sich sicher irritiert die Augen gerieben, als er in den Hafen einfuhr, über dem der Qualm aus den Fabrik-Schornsteinen aufstieg.
In der Regel mußte der Fremde ja zunächst in die Quarantäne-Anstalt am südlichsten Ende der Bucht, bevor er sich auf der Insel frei bewegen konnte. In der Ferne kletterte die neue, schon dicht besiedelte Stadt mit ihren klassizistischen, strahlend weißen Bauten in Treppengassen die Hügel hinauf … und im Vordergrund Lärm, Gestank und Rauch, der aus Dutzenden industrieller Zweckbauten strömte.
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Erstaunlich ist, wieviele von diesen Zweckbauten bis heute überlebt haben. Viele Gebäude werden noch irgendwie genutzt, manchmal stehen nur noch die Außenmauern. Oft muß man zweimal hinschauen, bis man merkt, das ist wieder eine Struktur aus der Gründerzeit! Vieles wurde umgewidmet. In einem solchen Gebäude in der Aphroditis-Straße existiert heute in den oberen Etagen die Pension Ostria. Von ihren Balkonen schaut man auf die leerstehenden Werk- und Lagerhallen auf der anderen Straßenseite:
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Ecke Aphroditis-/Hafenstraße: Im Foto sieht man vorne ein Kafeneion, das wohl ursprünglich Teil eines Fabrikgebäudes oder einer Werkstatt war, und rechts oben kann man den Stumpf eines abgetragenen Schornsteins vermuten.
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Viele der Fabrikgebäude wurden auch noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer ursprünglichen Form genutzt … nun ja, bei vielen Betrieben hatte die Nutzungsart auch ab und zu gewechselt. Da existierte, ab 1905, bis zum Krieg die Färberei Katsimantis (gegenüber vom Krankenhaus). Das Gebäude war 1898 noch eine Nudelfabrik, und davor, ab 1888, ein Betrieb, der Nägel und Nadeln produzierte.
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Das Gebäude war mit einer weiteren, heute ebenfalls denkmalgeschützten Einrichtung verbunden, der Aneroussis Schrotmunition-Fabrik, schräg dahinter – beide waren von (heute noch erhaltenen) viereckigen Türmen überragt. Sieht fast aus wie in San Gimignano in der Toskana …
Flüssiges Blei verwandelte sich im Fall-Turm in kleine feste Kugeln – es wurde im Inneren des Turms wie Regen tröpfchenweise von ganz oben auf den Boden fallengelassen. Die erkalteten Bleikügelchen wurden dann in Patronenhülsen gefüllt.
In den 1980er Jahren gehörte das Ensemble noch der Neorion-Werft (die damals noch verstaatlicht war).
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Turm der Aneroussis-Munitionsfabrik
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Neorion war der Ankerpunkt des Gewerbegebiets. Und mit den Ergebnissen der industriellen Produktion wurden einige Familien-Clans zu Multi-Millionären (Goulandris zum Beispiel).
Nebenbei: Wenn man im Museum die Belegschaftsfotos aus den frühen 50er Jahren sieht, fällt einem auf, daß viele Frauen in Produktionsbetrieben beschäftigt wurden. Eine Folge von Krieg und Bürgerkrieg? Erinnerte mich an das Trümmerfrauen-Phänomen in Deutschland …
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Mitarbeiter(innen) der Spinnerei Vardakas, 1950
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Zustand der Färberei Katsimantis vor 1984 …
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Die Katsimantis-Färberei war, als sie 1984 unter Denkmalschutz gestellt wurde, noch tadellos erhalten. Sie beherbergt seit 2010 (Gründung der Museumsstiftung im Jahr 2000) das Industrie-Museum der Stadt Hermoupolis.
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Ganz einfach war es wohl nicht, Exponate der industriellen Vorzeit zu finden … ohne daß am Ende die Museumseinrichtung aussieht wie ein insolventer Baumarkt. Das meiste war wohl inzwischen verrostet und auf dem Schrott gelandet.
Also kamen (neben Schiffsmodellen und Architekturskizzen) auch ordenbehaftete Portraits von Firmeneignern, das Denkmal des Unbekannten Harfenspielers, die Tuba des städtischen Orchesters oder die Einrichtung eines Dessous-Ladens (Pictures of Lily …) in die Ausstellung:
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Auf der website des Museums steht noch irreführend, die Ausstellung des Museums sei über vier alte industrielle Bauten verteilt, eins davon sei die die Weberei Velissaropoulos. Und siehe da, ich besitze noch eine Doppel-Aktie dieser Weberei, herausgegeben am 15. Mai 1932, Registriernummer 01503-0-01504. Ersteigert bei ebay.
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Klar habe ich eine Kopie davon mitgenommen beim Besuch des Museums, und der Dame an der Information grinsend vorgelegt: Mir gehörten ja immerhin einige 10.000stel der Einrichtung, ob ich wohl freien Eintritt hätte?
Sie lacht. Die Weberei sei leider nicht Teil des Museums, das Gebäude existiere aber noch in seiner ursprünglichen Form von 1905, aber nicht mehr als Weberei, sondern als Supermarkt! Es hätte so einen ordinären gelb-roten Anstrich gekriegt, am Fischereihafen, sei nicht zu übersehen. Ich könne da ja mal hingehen und versuchen, als ‚Miteigentümer‘ umsonst einzukaufen … und der Eintritt hier im Museum sei inzwischen ohnehin kostenlos.
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1905 bzw. 1932 (oben) … und heute (unten):
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Die Dame hatte eine solche Aktie noch nie gesehen, und ja, die sähe ja echt edel aus … sie erkennt sofort die beiden darauf abgebildeten Gebäude – das zweite hätte irgendwann auch mal den Goulandris-Brüdern gehört.
Oh, da bin ich ja als Aktionär in nobler Gesellschaft … 🙂 …
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Leider müssen wir uns kurzfassen, zwei Scouts tauchen auf im Auftrag einer Fernsehfirma, die eine Dokumentation über die Stadt produzieren will. Ob sie hier … und unter welchen Umständen … auch im Museum drehen könnten? Für das Rathaus und das Apollon-Theater haben sie schon die Genehmigung. Meine Gesprächspartnerin habe ich nun verloren, fürs Fernsehen greift sie sofort zum Telefon …
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Gut, die vielfältig genutzten alten Industrie-Immobilien im Ruhrgebiet sind etwas eindrucksvoller … 🙂 … Zollverein/Ruhrmuseum, Landschaftspark Duisburg-Nord, Jahrhunderthalle Bochum usw., aber in Griechenland ist alles etwas kleiner dimensioniert. Und wer vermutet auf einer Insel eines Landes, das seine Einnahmen hauptsächlich aus dem Tourismus bezieht, ein umfangreiches ehemaliges Gewerbegebiet? Von der Kranführerkabine der Werft schaut man bis nach Mykonos …
Und was war wohl der ursprüngliche Zweck dieser Gebäude:
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Auch die alte Werkstatt neben der Feuerwache hat inzwischen eine neue Verwendung gefunden. Ein Süßwarenladen? Hat ja wohl irgendwas mit Karamell-Bonbons zu tun … 🙂 …
Der Slogan “You never know what is inside” klingt ja eher bedrohlich …
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Und das nächste „Industrie-Museum“ auf Syros ist doch schon in der Vorbereitung!
Die Neorion-Werft selbst nämlich:

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Die Docks heute (oben) … und das Hauptgebäude im 19. Jahrhundert:
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Seit Monaten kein Schiff im Dock, seit Monaten keine Löhne bezahlt, das Betriebskapital ins Ausland verschoben (das ist nur ein gemeines Gerücht, klar …) *.
Noch kommt die Belegschaft der Werft jeden Tag zur Schicht, für nix, hält das Werk in Schuß, trinkt Kaffee, und um 14 Uhr geht die Frühschicht gut ausgeruht nach Hause.
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Wenn die Belegschaft mal endgültig das Werkzeug fallen läßt, ist ewiger Betriebsschluß angesagt. Wir dürfen alle raten, wann das so sein wird. Die Werft hatte ständig um die 600 Fest-angestellte … und die Insel hat nur 25.000 Einwohner. Da steigt die Arbeitslosenzahl um 10 Prozentpunkte. In den bescheidenen Arbeiter-Cafés rund um die Werft ist schon Beerdigungsstille eingekehrt:
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Und für die Mittellosen unter den örtlichen Rentnern gibt es als wetterfesten Treffpunkt ein leicht vergilbtes Zelt am Bootshafen, mit Möbeln vom Sperrmüll und betagtem Fernseher. Getränke sollte man mitbringen:
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Wenn Sie ein bißchen (angejahrtes) Eigenlob vertragen können, bittesehr:
http://www.neorion-holdings.gr/Syros.html
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Übrigens, mein Stadtplan von Hermoupolis (von Anavasi) schneidet das Gewerbegebiet samt Museum am Ende der Hafenstraße einfach ab. Was geht die Gegend dahinter die Touristen an?
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1 = Industriemuseum (gegenüber vom Krankenhaus), 2 = Neorion Werft, 3 = Linie
Folegandros/Aphroditis-Straße (Nähe Fährenanleger), 4 = “mein” Supermarkt.
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* Ein kurzes Zitat aus “The New Greek Invasion”, Tatler’s Magazin, 10.02.2016:
“But since 2010, after the extent of Greece’s debt was revealed and the Eurozone started discussing bailout options, Hellenic money has been pouring into this country at an unprecedented rate. Some say €10bn (£7bn) has been taken out of Greece since then; others put the figure at €20bn (£14bn). Either way, a lot of cash left the country and a lot of it arrived in London, with Greeks fearful that Greece might revert to the drachma, devaluing savings, and/or that the government would seize  any cash reserves.
‘In some cases, we didn’t really know where the money was coming from,’ a private banker says of the sudden influx. ‘We just had to accept it without checking, and then we worked it out afterwards.’
In 2010 and 2011, Greeks were the biggest property buyers after the Russians and Arabs.”
http://www.tatler.com/news/articles/february-2016/the-new-greek-invasion
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