Mykene – La Belle Helene

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Mykene … UNESCO Weltkulturerbe seit 1999 … was wüßte man als deutscher Ex-Gymnasiast noch davon, wenn nicht ausgerechnet der BERÜHMTE DEUTSCHE ARCHÄOLOGE Heinrich Schliemann hier gearbeitet hätte. Und einige spektakuläre Entdeckungen gemacht hätte. Das blieb! Heinrich Schliemanns Geschichte gehörte ja seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil “klassischer Bildungsgeschichte” an allen deutschen höheren Schulen.

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Und über die Jahrzehnte tauchten seit Schliemanns Ausgrabungsbericht von 1878 in Mykene bildungsbeflissene Reisende auf, um seinen Spuren zu folgen. Dutzende veröffentlichten Reiseberichte. Vornehmlich Archäologen und Gymnasialdirektoren aus der Provinz (mit dem Baedeker in der Hand). Wer konnte, verbrachte einige Zeit in dem kleinen HOTEL BELLE HELENE, in dem auch Schliemann und sein Team ihr Quartier aufgeschlagen hatten. Später dazu mehr …

Auch wir wanderten vom Bahnhof in Fithi den Weg zur Ausgrabungsstätte hoch und stellten fest, daß all diese Figuren … Atreus, Agamemnon, Orestes und Klytemnestra irgendwo vage im Gedächtnis hängengeblieben waren: “So richtig schön spektakulär isses hier ja nich, oder? Weißt du noch was über die mykenische Kultur?” “Wer, ich? Nö.”

Ja, alles 3.000 Jahre her. Am Ende bleibt immer dasselbe hängen: Wer hat wann, warum und wie wen umgebracht …? Ja, die Familien- und Götterdramen liegen als Alpträume aus den “Sagen des Klassischen Altertums” schwer auf der nordeuropäischen Seele …

Egal. Der Weg hinauf war sehr ruhig, recht kalt und windig. Als wir das millionenfach fotografierte Löwen-Tor durchschritten, gab es nur müde Witze über “was für schwere Klötze, wenn das runterfällt … hoffentlich gibt es jetzt kein Erdbeben …”. Schon waren wir guttrainierten Kultursnobs durch, und ich hatte nicht mal dran gedacht, meine Kamera rauszuholen. Egal, das Foto gibt es ja schon …

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Viel zu sehen ist in der Oberstadt auch nicht mehr. Es wurde im Lauf der Zeit einfach zuviel zerstört und unermüdlich wieder aufgebaut und wieder zerstört. Fußböden gibt es, Reste von Grundmauern. Das Tor, die zyklopische Mauer, unterirdische Zisternen, die Grabzirkel, in denen sich Schliemann und Gattin nach unten gearbeitet hatten, um Goldblechmasken und Goldschmuck zu bergen. Zwei Reisegruppen waren gleichzeitig mit uns unterwegs, aber den Reiseleitern heimlich zuzuhören lohnte nicht, die historische Aufklärung wurde in Serbisch und Portugiesisch erteilt (ohne Gewähr).

Zurück also zur Basis, inzwischen mit roter Nase und klammen Fingern vom Winter, der Anfang April noch einmal über das Land hergefallen war. Von der Unterstadt ist bisher nicht viel gefunden worden, aber da sind ja noch die rätselhaften bienenkorbförmigen “Schatzhäuser”! OK, das Schatzhaus des Atreus “mußte” noch sein … aber das Plätzchen war von genervten griechischen Schulkindern besetzt, die sich mit Steinen bewarfen. Ein guter Grund, sich schnell zu verabschieden.

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Da! Das Belle Helene … das war dann tatsächlich der Höhepunkt unseres Banausentages. Keine Busreisenden, keine Schulkinder, wir waren die einzigen Gäste. Das Originalhaus steht noch (rechts), so wie Schliemann drin gewohnt hat. Es ist nur bescheiden bemessen. Es ist inzwischen mit einem großen Glasterrassenvorbau versehen worden, um auch in der Hauptsaison den Appetit der Kulturreisenden befriedigen zu können. Zwischen Vorspeisen und Hauptgericht “only from the grill today, sorry” strolchten wir im Haus herum und bewunderten die alten Fotos aus der Zeit der Ausgrabungen. Auch “Sissi” war hier. Franz Spunda findet 1925 noch ihre Unterschrift im Gästebuch: “Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth von Österreich”.

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Und ich erinnerte mich amüsiert an Reisende, die Jahrzehnte vor uns hier in dem alten Haus gesessen hatten und auch eifrig über die Generationen der Wirtsfamilie geschrieben hatten … und besonders nett war, wie die hübsche Wirtstochter Eleni um 1920 herum vom Schulmädchen zur jungen Frau heranwuchs, und welche Phantasien sich bei den jungen reisenden Herren entwickelten …! (Ich liebe es, solche Bagatellen miteinander zu verbinden …)

1914 fotografierte Agnes Ethel Conway im La Belle Helene:

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(Aus “A Ride Through The Balkans – On classic ground with a camera”, London 1917) Ms. Conway ist sehr angetan von der Qualität des Hauses: “We spent that night in Mycenae, at the exquisitely clean hotel “La Belle Helene”, which we believe to be the best in Greece.” Links im Bild die kleine Eleni, in der Mitte die Mutter, rechts ihr Bruder Orestes. Der Vater und Bruder Costa fehlen.

Etwa zwölf Jahre später war die Kleine erwachsen. Und Josef Magnus Weber ist Gast im Hause
(“Das Land Ohne Schatten”, München 1929):

“Um unsere Verwirrung vollkommen zu machen, rief der Vater nach seiner Tochter Eleni. Ein zwanzigjähriges Mädchen, sehr dunklen Auges, schmal, doch mit slavisch vollen Wangen trat zögernd an den Tisch (…) So sah ich oft in ihre glänzenden Augen, und wenn ich sie neckte, schlug sie leicht nach mir. Bald sah ich den Ring an ihrer Hand, Eleni versicherte, der Reif sei ihr von einer deutschen Dame geschenkt worden. Ob sie auch die deutschen Männer leiden möchte, fragte ich sie. Sie stellte sofort die Gegenfrage, ob ich eine Frau habe …”

Und einen Tag später: “Wir saßen noch lange unter den feingliedrigen Pfefferbäumen vor dem Gasthaus zur schönen Helena. Der Bruder Orestes leuchtete mir in mein Zimmer. Vor meiner Tür stand eine einfache Bettstatt. In farbige Teppiche eingehüllt lag dort Eleni in tiefem Schlaf. Als der Bruder gegangen war, klopfte mein Herz überstark …”

Ich will das Zitat hier beenden, obwohl es ab hier romantisch wird … ähm … Herr Weber blieb noch einige Tage im Hotel …

Ich habe die Dame, die uns bediente, nicht ausgefragt, ob sie auch zu dieser berühmten Familie gehörte … und ob da vielleicht von ihrer Ur-Oma die Rede war … sie hätte mich wohl für leicht verstört gehalten, wenn ich es getan hätte …

In der Wartezeit am Bahnhof gab es noch eine Überlegung, ob wir uns noch kurz in diesem entzückenden Tempel des mykenischen Tourismus aufwärmen sollten. Ein vollklimatisierter Platz, immerhin. Den Gipsgöttern geht’s heute gut. Aber wir haben verzichtet. Mein Vorgarten ist auch zu klein für sowas.

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4 comments

  1. Danke Katharina! Hab die Stelle gefunden! Seite 150 in “Im Kielwasser des Odysseus” von Göran Schildt:
    “Wahrscheinlich war es der alte Wirt Dimitri, der mit seinem persönlichen Scharm (…) dem anspruchlosen Hotel eine gemütliche Atmosphäre gab. Jetzt ist der Alte tot, und der Sohn Orestes (FOTO SIEHE OBEN) ist der Wirt. (…) Vielleicht war der Fehler, daß Orestes nicht mehr dem freundlich grinsenden Burschen glich, den man auf den Fotografien in den Reisebüchern der zwanziger Jahre sieht, sondern zum Leiter eines Unternehmens, das Geld verdient, herangewachsen ist.”
    Seite 157: “Orestes Lunch im Hotel “Schöne Helena” war ziemlich mäßig und unverschämt teuer.”

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