Italien wie es wirklich ist …? Teil 4

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Foerster-Unteritalien-1866_A300Ich habe mir gestern noch einmal den Band „Mittel- und Unteritalien“ von Ernst Förster  (8. Auflage, 1866) vorgenommen, um an einer längeren Text-Stichprobe festzustellen, ob sich (A) in den drei Jahrzehnten ‚nach Nicolai‘ und (B) nach der italienischen nationalen Einigung wirklich etwas für die Reisenden geändert hat.
Besonders dort, wo es für Nicolai nicht mehr weiterging:
N e a p e l !
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Stichprobe:  Die Seiten 377-469 (von 1047), die den Weg von Rom nach Neapel und ins dortige Umland (Pompeji usw.) beschreiben.
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Und – zu meiner Überraschung – im südlichen Italien hat sich an den Zuständen, die Gustav Nicolai 1833
kritisiert hat, gar nicht so viel geändert. Hat man ihm wenigstens teilweise unrecht getan?
Gut, das Wort „Flöhe“ fällt beim Italienkenner Förster nirgendwo … 🙂 …
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Noch gehört der Kirchenstaat nicht komplett zu Italien. Doch inzwischen ist der Hafen von Civita Vecchia ausgebaut, und es gibt regelmäßigen Dampfboot-Schiffsverkehr mit Marseille (48 Stunden), Livorno, Neapel usw. – und es kommen jährlich bereits 20.000 Passagiere dort an (nicht unbedingt nur Touristen oder Vatikan-Pilger). Die Eisenbahnfahrt von Civita Vecchia nach Rom dauert drei Stunden!
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Neapel_Foerster1866_A700
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Förster empfiehlt von Rom nach Neapel nicht den Weg übers Meer, obwohl er für den Landweg einiges einschränkt: „Wohl gibt es Fahrstraßen (in Süditalien), aber Verbindungswege zwischen den Provinzstädten fehlen, wenn sie auch auf den Landkarten stehen, oder sind völlig unbefahrbar. (…) Die wenigen Wirthshäuser, die man trifft, sind unerträglich; Empfehlungsbriefe desshalb unumgänglich nöthig.“
Doch wenn man sich auskennt, trifft man es ganz gut, z.B. in Vellétri: „Schöngelegene Stadt mit 12.000 Einw., sehr gutem Wein und ausgezeichnet schönen Frauen.“
Wie? Haben Sie das nicht bemerkt, Herr Nicolai? Sie haben doch in Velletri übernachtet.
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Es folgt der Weg durch die Pontinischen Sümpfe: „Ihre Bewohner haben ein abschreckendes, fieberbleiches Aussehen, durch welches allein sie vor einem Aufenthalt in dieser Gegend warnen, wo nur im Wagen zu schlafen schon schädlich ist.“
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Dann lieber schnell durch bis Neapel, wo Förster ein geradezu großstädtisches Angebot beschreibt: Spezialisierte Warenhandlungen, Restaurants, Buch- und Musikgeschäfte, Antiquare, Sprachlehrer, Optiker, Coiffeurs, Reisebüros, Ärzte, Apotheken, Banken, Theater, sogar eine deutsche Bierbrauerei! (OK, Neapel hatte schon 420.000 Einwohner!)
Allerdings ist es doch in den kühleren Monaten schöner als im Sommer. Konsequenz für die Übernachtung: „Die Preise sind im Winter und Frühjahr um das Doppelte höher als im Sommer.“
Baedeker (Unter-Italien, 1872): warnt: “Die angenehmste Jahreszeit ist der Frühling (April, Mai, bisweilen schon März). Am Wenigsten sollten die Wintermonate Januar, Februar gewählt werden; bei schlechtem Wetter läßt sich nirgends weniger anfangen als in Neapel.”
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Pizzabaecker_A300Neapel, Pizzaioli, 19. Jahrhundert … die Frage ist: Wo ist der Belag? Vielleicht ist es eine pizza calzone? Nee, zu flach …
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Das „Leibessen“ der Neapolitaner sei „Polpeti“ (polpette = Hackfleischbällchen in Tomatensauce). Förster empfiehlt die Austern. Die besten gibt es am Lago di Fusaro, außerhalb des Golfes von Neapel: „Wo man, wenn man Brod, Limonen und Wein mitbringt, ein köstliches Austernfrühstück haben kann.“ Außerdem die Ravioli und die Lasagne – „eine Art breitgedrückter Maccaroni“. Und „pizzajuoli“ (Pizzabäcker) gibt es an allen Straßen.
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Verständigungsschwierigkeiten müsse man in Kauf nehmen: „Der Dialekt ist sehr schwer verständlich.“
Und „eigenhümlich ist dem Neapolitaner seine Zeichensprache, mit der er ohne Laute fast so weit kommt als andere mit diesen.“
Das dient einem gewissen Erwerbszweig besonders: Dieberei, namentlich Taschendieberei, ist sehr gewöhnlich, und der Fremde verwahre Taschentuch, Uhr, Börse und sonstige Mobilien sorgfältig.“
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Lazzaroni_Kinder_A600
So schnell ändert sich nichts … (Postkarte, angeboten um 1900)
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An den Lebensumständen, an der Armut hat sich in drei Jahrzehnten nicht viel geändert: „Der Lazarone, fast ohne alle Kleidung, lebt nur von dem was der Zufall des Tags ihm in die Hand wirft. Mit dem Geringsten ist er zufrieden, wenn er nur nichts dafür thun muss.“
Betteln, Trinkgelder (offiziell verboten) gibt es immer noch: „Ich bemerke übrigens, daß viele der ‚Sehenswürdigkeiten‘ das Trink- oder Einlassgeld nicht werth sind, das man den Fremden abpresst. Auch mache man sich auf eine Unzahl von Bettlern, vornehmlich weiblichen Geschlechts jeden Alters gefasst (…), für die auch die vollste Börse nicht ausreichen würde.“
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Und das Armen- und Waisenhaus (Albergo reale degli poveri) ist das größte Gebäude in der Stadt! Am Findelhaus (Casa santa dell‘ Annunziata) wurden (im Jahr 1838) noch 2022 Kinder ausgesetzt, von denen 1440 starben. Und es gibt zahlreiche andere Häuser „für Verwahrloste und Herabgekommene.“
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Förster beschreibt das Erscheinungsbild von Pompeji ausführlich, erwähnt aber nichts von
irgendwelchen antiken ‚Obszönitäten‘, die Nicolai so irritiert hatten.
Aber in Ariano „mit 15.000 Ew., mehreren Kirchen, schönen Frauen und einigen alten Inschriften“ findet er wieder etwas, das Nicolai besonders interessiert hätte 🙂 . Aber da ist Nicolai nie hingekommen.
Man wundert sich, daß Förster die ‚schönen Frauen‘ mehrfach erwähnt. Sind das Anspielungen? Hat er Nicolais Buch wohl gelesen? Davon könnte man ausgehen. Wenn man daran denkt, welchen Wirbel es nach der Veröffentlichung in der Presse gab.
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Weder Förster noch Baedeker erwähnen die Tarantella bzw. Pizzica, nach der Nicolai im Raum Neapel geforscht hatte. Dazu hätte er weiter in den äußersten Südosten des Landes fahren müssen, nach Apulien/Salento. Immerhin hatte Nicolai in Neapel selbst festgestellt, wie anstrengend der Tanz sein kann. Die ursprüngliche Absicht war ja, durch den Tanz bis zur völligen Erschöpfung Krankheiten oder Vergiftungen auszuschwitzen.
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Förster schreibt über Neapel: “Das Volk liebt Vergnügen, aber ohne Anstrengung. (…) Von der Fröhlichkeit wird der Fremde sehr selten Zeuge sein, und Volksgesänge in Büchern aufsuchen müssen.”
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Für ‘Volksgesänge’ muß man heute nicht mehr verreisen, oder in Bücher schauen. Das findet man heute bei youtube …
Und niemand kann es besser als die Tamburellisti di Torrepaduli. Unten ein 15 Minuten Live Video. Manchmal, besonders am Anfang sind die Sequenzen leider etwas brutal geschnitten. Am besten fangen Sie erst ab der fünften (oder zwölften) Minute an zuzuschauen, da geht es richtig zur Sache. Die Frau mit der e-Violine beim Paartanz, genial! Hätte Gustav Nicolai zuschauen können, wäre sein Buch vielleicht ganz anders ausgefallen … 🙂 …:

Konzert-Termine für die nächsten Monate hier:
http://www.tamburellistiditorrepaduli.it/blog/
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