Mark Twain, die Esel und Ephesus

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Das hier sollte ursprünglich nur ein kleiner Anhang zur Seite Wir und die Esel werden. Ein paar Zitate aus dem Kapitel über Mark Twains Ritt mit dem Esel von Selçuk nach Ephesus, aus der Reiseerzählung „The Innocents Abroad – or – The New Pilgrims Progress“ von 1869.
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Die Idee hatte ich einige Wochen liegengelassen (ja, ich lasse gerne Sachen liegen …), und in der Zwischenzeit hatte sich immer mehr Material zum Thema Ephesus angesammelt. Und es ging nicht mehr nur um die Esel ….
OK, lieber Leser, liebe Leserin, dann wird es eben ein neues Kapitel:
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Mark Twains Eselsritt war eine reine Tortur. Unter den Sonnenschirmen schwitzt die Reisegesellschaft wie im Backofen, die Esel sind für die langbeinigen Reiter viel zu klein, so daß man oft mit den Füßen am Boden entlang schleift, und außerdem haben die Esel eine ganz eigene Auffassung darüber, in welche Richtung es gehen soll. Da hilft es oft nur, abzusteigen, und den Esel mit Gewalt in die gewünschte Richtung umzusetzen! Bevorzugt an einer Stelle, wo es für den Vierbeiner keine direkte Ausweichmöglichkeit nach links oder rechts gibt.
Hatte sich der Esel nämlich erst einmal an die erzwungene gewünschte Richtung gewöhnt, trottet er auch einfach so weiter. Vorläufig jedenfalls. Wenn er nicht Lust bekommt, den Reiter aus purer Bosheit mal kurz abzuwerfen. Immer wieder sieht Mark Twain einen Sonnenschirmträger aus der Reihe fliegen, und Reiter und Esel landen im Dreck.
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Mark Twain: “The little donkeys had saddles upon them which were made very high in order that the rider’s feet might not drag the ground. The preventative did not work well in the cases of our tallest pilgrims, however. There were no bridles—nothing but a single rope, tied to the bit. It was purely ornamental, for the donkey cared nothing for it.
If he were drifting to starboard, you might put your helm down hard the other way, if it were any satisfaction to you to do it, but he would continue to drift to starboard all the same. There was only one process which could be depended on, and it was to get down and lift his rear around until his head pointed in the right direction, or take him under your arm and carry him to a part of the road which he could not get out of without climbing.
(Foto oben)
The sun flamed down as hot as a furnace, and neck-scarfs, veils and umbrellas seemed hardly any protection; they served only to make the long procession look more than ever fantastic—for be it known the ladies were all riding astride because they could not stay on the shapeless saddles sidewise, the men were perspiring and out of temper, their feet were banging against the rocks, the donkeys were capering in every direction but the right one and being belabored with clubs for it, and every now and then a broad umbrella would suddenly go down out of the cavalcade, announcing to all that one more pilgrim had bitten the dust.
(Foto unten)
It was a wilder picture than those solitudes had seen for many a day. No donkeys ever existed that were as hard to navigate as these, I think, or that had so many vile, exasperating instincts.”
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Im April 1987 sind wir Mark Twains Weg von Selçuk nach Ephesus (Efes) gefolgt. Aber zu Fuß. Nach dem ortsüblichen Frühstück (Tee, Gurken, Tomaten, Oliven, Schafskäse) …
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… ging es in Selçuk zuerst durch die Straße, wo die Einheimischen die Räume zwischen den Resten des antiken Aquädukts genutzt hatten, um ihren Häusern eine gewisse Erdbebenstabilität zu verpassen. Und auf jedem verbliebenen turmartigen Fundament der Wasserleitung nistete ein Storchenpaar:
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Um das Foto zu machen, mußte ich über das Gerüst eines Neubaus in die zweite Etage klettern, und den Arbeitern eine Packung Marlboro spendieren. (Eigentlich wollten die Jungs jeder nur eine einzelne sigara für die Aufstiegshilfe, aber ich bin ja Nichtraucher und mußte erst zum Kiosk an der Ecke, einkaufen. Und was sollte ich mit dem Rest der Packung?)
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Auch Mark Twain kam genau hier entlang: „At ancient Ayassalook, in the midst of a forbidding desert, we came upon long lines of ruined aqueducts.”
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Es war ein angenehmer Morgenspaziergang über die schmale Landstraße durch die Ebene von Ephesus. Um uns herum wucherte der wilde Fenchel, am fernen Horizont die alte Festung. Hier eine Postkarte von 1959:
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So hatte Mark Twain das Umland von Ephesus gesehen:
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“Behind you is the sea; in front is a level green valley, (a marsh, in fact,) extending far away among the mountains; to the right of the front view is the old citadel of Ayassalook, on a high hill. (…) Go where you will about these broad plains, you find the most exquisitely sculptured marble fragments scattered thick among the dust and weeds; and protruding from the ground, or lying prone upon it, are beautiful fluted columns of porphyry and all precious marbles; and at every step you find elegantly carved capitals and massive bases, and polished tablets engraved with Greek inscriptions. It is a world of precious relics, a wilderness of marred and mutilated gems.”
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Erst jetzt ist mir klargeworden, welchen Vorteil wir hatten, als wir 120 Jahre später den Ort besuchten! Und was Mark Twain alles verpaßt hatte!
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Nehmen wir nur die weltberühmte Bibliothek des Celsus, die im zweiten Jahrhundert unserer Zeit gebaut wurde: Mark Twain hatte nur verstreute Fragmente gesehen, teilweise auch mit griechischen Inschriften. Die Bibliothek wurde erst 1903 entdeckt, und in zweijähriger Arbeit wurden das Fundament und einige darauf errichtete Mauerreste freigelegt.
Erst 1967 machten sich österreichische Archäologen auf die systematische Suche nach den letzten Resten des wohl von einem Erdbeben zerstörten Gebäudes.
1908 wurde das Gebäude bereits von dem Archäologen Wilhelm Wilberg (1872-1956) anhand der verstreuten Funde vollständig und erstaunlich korrekt skizziert.

Wilhelm Wilberg: Die Fassade der Bibliothek in Ephesus.
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts 11:
https://archive.org/stream/jahresheftedess09austgoog#page/n135/mode/2up

Sein Vater war der Buchhändler Karl Wilberg in Athen. Ja, das war der Buchhändler, der den heute gesuchten Baedeker-Reiseführer “Athen” von 1871 vor Ort verlegte und verkaufte!
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Die Archäologen fanden 750 sorgfältig gestaltete Mauerteile, weit verstreut im Ort, die wie in einem dreidimensionalen Puzzle zusammengesetzt wurden. (Die vier Originalskulpturen aus den Nischen in der Fassade wurden nach Wien gebracht, in Ephesus sieht man nur die Kopien – ja, das ist ähnlich wie bei den Karyatiden auf der Akropolis in Athen …)
Daß so viel erhalten blieb, war Glücksache: Die Kalkbrenner blieben dem malariaverseuchten menschenleeren Marschland fern, und der alte Hafen von Ephesus war völlig versandet, niemand konnte per Schiff Marmor-Bauteile exportieren.
Und man kann auch froh sein, daß die vierzig Mitreisenden von Mark Twain durch die Umstände keine Gelegenheit hatten, sich illegal mit Souvenirs aus der Antike zu versorgen. In der Regel hatten sie Werkzeug dabei, um an antiken Stätten etwas abzuhacken oder auszuhebeln. (Das wird später epidemisch, wenn sie in Palästina auf “biblischen Pfaden” unterwegs sind!)
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Zwischen 1970 und 1978 wurde die Celsus-Bibliothek aus den gesammelten Fragmenten wieder zusammengesetzt.
Das war der vorherige Zustand der Bibliothek, abgebildet auf einer Postkarte aus den 1950er Jahren:
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Inzwischen war das Umfeld der Bibliothek freigelegt, und man hatte Platz, um die Puzzleteile erst einmal unsortiert vor Ort aufzustellen:
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Und so haben wir die Fassade der Bibliothek gesehen, 120 Jahre nach Mark Twains Reise:
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Das Ganze mit den „Greek inscriptions“, die 1867 noch verstreut am Boden lagen:
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Aber nicht nur die Bibliothek ist wiederentstanden. Davor erkennt man heute auch wieder den Tempel für den “Gottkaiser” Hadrian:
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Zur Wiederherstellung der Bibliothek konnte der türkische Staat nur wenig beitragen. Eine deutsche Bauunternehmung überließ den Ausgräbern einen Kran und Baumaschinen, und eine österreichische Baufirma brachte erhebliche Mittel ein, um die Arbeit der Archäologen und ihrer Hilfskräfte zu finanzieren.
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Ephesus (Efes) war 1987 noch nicht der touristische Hit, der inzwischen Ägäis-Kreuzfahrer zum Besuch zwingt. Aber vereinzelte Reisegruppen gab es schon. Man erkannte sie nicht an den mitgeführten Eseln, sondern an den hübschen uniformen Sonnenhütchen:
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Nein, niemand kam 1987 mehr mit dem Esel – der Parkplatz war reserviert für  Touristengruppen im „Otobüs“ (Bus-Parkplatz = 600 Lira) oder im „Minibüs“ (200 Lira).
Damaliger Umrechnungskurs 1000 Lira = 3,50 D-Mark = 1,70 Euro. Aber schon damals zog in der Türkei die Inflation scharf an. Um 2002 fand man die Bibliothek von Ephesus auf dem 20-Millionen-Lira-Geldschein:
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Keine Ahnung, ob der Millionen-Betrag für eine Portion Kebab-mit-alles-und-scharf damals noch reichte …
Aber manches hat mehr Bestand als die türkische Währung. Zum Beispiel das antike Theater von Ephesus. Hier zur Zeit von Mark Twains Reise, Blick nach Osten („We all stood in the vast theatre of ancient Ephesus,—the stone-benched amphitheatre I mean—and had our picture taken.”):
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Hier meine Version … 120 Jahre später, Blick nach Norden, mit der freigelegten Hafenstraße:
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„Heiß, nicht? Gibt es hier denn keinen Efes-Bira-Brauerei-Ausschank …?“
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> WEITER MIT: MARK TWAIN IN ATHEN 1867
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