Tinos 2017 – Arnados: Was für die Augen und die Ohren

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Arnados (oben rechts) ist das höchstgelegene Dorf auf Tinos, in etwa 500 Meter Meereshöhe, unterhalb der Gipfels des Kechrovouni-Berges (604 Meter). Sie fahren vom Hafenort hinauf ins weite Tal von Triandaros, passieren das Dorf und das darüberliegende Dio Choria, und sind wahrscheinlich der einzige, der an der Bushaltestelle in Arnados aussteigt.
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Noch 500 Meter, und Sie stehen vor dem Kloster Moni Kechrovouniou. Hier wird dem eiligen, religiös interessierten Touristen tatsächlich empfohlen, auszusteigen, und im Kloster eine Art Schnelldurchlauf vorzunehmen. Zwanzig Minuten später taucht der Bus aus der Hochebene von Steni nämlich wieder auf und nimmt Sie wieder runter zum Hafen. Wenn Sie auch so ein Turbo-Tourist sind, sagen Sie dem Busfahrer beim Aussteigen Bescheid!
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Wenn Sie mich jetzt fragen, warum die Tour von Chora nach Arnados 1,80 Euro kostet, und die von Chora zum Kloster nur 90 Cent, wüßte ich keine Antwort. Ich habe einmal 90 Cent bezahlt, siehe oben, und ich kam aus Falatados, das ist neben Steni/Mirsini die Endstation!
Ich habe auf meine 2-Euro-Münze 1,10 Wechselgeld gekriegt und nicht weiter gefragt …
Vielleicht hatte der Bisfahrer auch nur seinen konfusen Tag?
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Busfahren ist auf Tinos ein ganz seltenes Vergnügen, das Sie nicht vermissen sollten. Außerhalb der Saison fährt der Bus täglich dreimal zur Hochebene und zweimal nach Pirgos/Panormos. Ab und zu geht es auch zum Badeort Kionia.
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IMG_9329_A350_ArnadosIch wollte in Arnados nach dem Fortschritt der Arbeiten an der Dorferneuerung schauen, und dann abwärts nach Triandaros laufen.
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In Arnados hat sich 2016 ein gemeinnütziger Verein (Syllogos Arnadou) gegründet, der die Architektur des sich in letzter Zeit rapide leerenden Dorfes vor der Verrottung retten will.
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Barrierefrei können die tunnelartigen Gassen ja nicht werden, aber immerhin: Ein Geländer!
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Der Ort, der sich unter dem Hügelkamm vor dem oft wütenden Nordwind zusammenduckt, ist bei Wind, Regen und der ewigen Sommersonne zum großen Teil durch überdachte Gänge und Treppengassen erschlossen … aber die Baustruktur ist durch die extremen Wetterverhältnisse auch nicht gerade pflegeleicht.
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Arnados ist menschenleer. (Sogar der kanadische Bevölkerungsanteil des Dorfes ist gerade am anderen Ende der Welt unterwegs … 🙂 …)
Ein Kindergartenkind sitzt am offenen Fenster, der Fernseher läuft. Kein Wind, ein wenig Vogelgezwitscher, ab und zu klingt es in der Ferne des Dorflabyrinths kurz so, als arbeite jemand mit Hammer und Meißel. Aber ich finde keine aktive Baustelle. Quadratmeterweise ist in den Gassen der bröckelnde Putz von den Wänden und Decken geklopft, die feuchten Wände trocknen, und an einer Stelle gibt es eine Rutsche, um den Bauschutt Richtung Landstraße zu transportieren.
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Die kleine Taverne an der Platia, die sich im letzten Sommer angeblich vor Gästen kaum retten konnte, ist heute geschlossen …
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… und an der Landstraße sitzt im Café „Μπεεε…“ jemand vor seinem Kaffee und schaut Richtung Mykonos. Klares Wetter, drüben – zum Glück in sicherer Entfernung – ruhen die Kreuzfahrer. Der Kaffeetrinker grüßt: „Kalimera, cherete!“. Aha, er ist das Personal … aber es ist noch zu früh für eine Pause im „Bäää“-Café.
Ich plane eine Pause in der Taverne von Dio Choria – wo ich allerdings enttäuscht werde. Bier und Kaffee stehen bereit, aber keine Tische. Die stehen aufgereiht in der Gasse und werden gerade für die neue Saison vom rissigen Lack befreit. Staubwolken und Höllenlärm …
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Januar 2015. Winterkatastrophe auf Tinos, knietiefer Neuschnee auch unter dem dörflichen Neujahrsgruß an der Taverne von Dio Choria (Youtube-Video von Rafael Apergis).
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Ich wandere auf der Strecke abwärts, die Rafael Apergis im Schneesturm aufwärts gefahren ist. Vorbei am aggressiv wuchernden Ginster, der jetzt blüht wie verrückt. Der zugewanderte Ginster (gelb) verdrängt immer mehr den Oleander (rosa) und die Disteln (lila):
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Selbst die griechischen Kühe (ja, Kühe!) verstecken ihre Augen, vom grell strahlenden Ginster wohl geblendet:
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Vorbei geht es an der längst stillgelegten Schule auf halber Strecke zwischen Arnados und Dio Choria. Müßte da nicht inzwischen der Probenbetrieb laufen für Arnados Mousiki 2017? Gibt es das kleine Musik-Festival überhaupt noch? Nichts zu hören, nichts zu sehen, der Parkplatz ist leer.
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Ja, es gibt Arnados Mousiki noch! Im Juli schaffen sie es sogar in die nationalen Medien:
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Ξένοι «κατέλαβαν» τον Αρνάδο
= „Fremde haben sich in Arnados eingefühlt oder “Fremde übernehmen Arnados”
von Dimitris Athinakis, Kathimerini.gr
– online seit dem 20.07.2017
Text komplett übersetzt von Günter Brand, und von mir brutal auf das Wesentliche gekürzt …
http://www.kathimerini.gr./919154/article/politismos/moysikh/3enoi-katelavan-ton-arnado
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„Vor ungefähr 30 Jahren kam die Mutter der Mezzosopranistin Regula Bänziger gemeinsam mit ihren beiden Töchtern zum Urlaub nach Griechenland – sie wählten Tinos und dort das kleine Dorf Arnados, von wo es nur zehn Minuten (…?) mit dem Auto in die Chora sind.
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Etwas später entschloss sie sich ein Haus im Dorf zu kaufen. Mit den Jahren wurden die drei Frauen eins mit dem Dorf und seinen Bewohnern (…?) (…)
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Vor sieben  Jahren  beschloss Regula Bänzinger, nach Arnados zurückzukehren. (…) Mit dem Komponisten, Pianisten und Wissenschaftler Johannes Schild, Professor an den Musikhochschulen in Köln und Basel, beschloss sie, das Dorf – wenn auch nur für wenige Wochen – aus der Einsamkeit zu retten.
Seit sieben Jahren organisieren sie mit nur einer Unterbrechung im letzten Jahr die Sommer Musik Akademie „Arnados-Mousiki“,  an der 25 bis 30 Künstler  teilnehmen und die in einem großen Konzert auf der Plateia des Dorfes endet (…).
In diesem Jahr fand das Konzert statt am Sonntag, den 16. Juli, mit Szenen aus Opern von Mozart, Rossini, Händel. Aber auch mit Musik komponiert von den diesjährigen Teilnehmern zu Themen von Nikos Kazantzakis.
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(…) „Wir wollen neues Blut ins Dorf bringen – wenigstens für einige Wochen. Arnados ist leer geworden im Laufe der Jahre. Wir lieben das Dorf sehr (…) “,  sagt uns Regula Bänziger, mit der wir uns während einer Probenpause auf dem Hof der Schule trafen.
Die Einheimischen nehmen teil, auch wenn sie keinen unmittelbaren Zugang zu klassischer Musik und der Oper haben. (…) „Wir haben unsere Tür immer geöffnet. (…)“, bemerkt Johannes Schild gegenüber der Kathimerini.
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Jedes Jahr suchen sie die Zusammenarbeit mit griechischen Künstlern, wie dem Regisseur Konstantinos Arvanitakis und den  Pianisten Georgios Paterakis und Evangelos Sarafianos. Das tägliche Programm der Künstler ist sehr hart: Um 9 Uhr beginnt das Aufwärmen – um 10 Uhr die Proben in den verschiedenen Sälen der Schule, um 15 Uhr gibt es die erste Pause, die bis 17.30 Uhr dauert, dann werden die Proben bis 21 Uhr fortgesetzt.“
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Wozu die beiden (…?) Anmerkungen? An den Stellen bin ich mit dem Autor nicht so ganz einverstanden. Von Arnados nach Chora würde nur ein Formel-1-Pilot die Strecke in 10 Minuten schaffen.
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Ich bin mit Ron Walkey, Regula Bänziger und Johannes Schild beim Kirchenfest 2010 durch die Häuser des Dorfes gezogen, von einer Familie zur anderen … und ich hatte an dem Tag den Eindruck, daß Regula Bänziger sich im Dorf noch fremd fühlte. Mir ging es genauso, trotz der hochprozentigen Getränke zur Mittagsstunde … 🙂 …
(Nebenbei: Gastfreundschaft hin und her … man platzt als Nordeuropäer auch an hohen Feiertagen nicht einfach in irgendwelche fremden Häuser hinein, leert die Teller und die Gläser und geht wieder …)
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Ron lebt im Dorf, und ohne ihn und seine weltumarmende Art wären wir über den ersten Ouzo auf dem Dorfplatz nicht hinausgekommen und hätten uns bald still verabschiedet …
Und er mußte uns ständig ermahnen: “Esst euch nirgendwo satt, nehmt von allem nur ein bißchen, bedankt euch dafür sehr höflich, aber wir müssen noch sonstwo hin, und wir dürfen nirgendwo nichts ablehnen, das ist beleidigend …”
Das alles hätten Regula Bänzigers Mutter und ihre Töchter, die laut Kathimerini doch „eins mit dem Dorf waren“, längst wissen müssen, oder …?
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Die Angewohnheit, beim Kirchenfest nach der Messe auf dem Dorfplatz nur einen Aperitif zu sich zu nehmen, und dann das Festessen in einem Jeder-besucht-jeden-zu-Hause-System vorzunehmen, kenne ich von keinem anderen Ort in Griechenland. Wenn in Griechenland eine Gemeinschaft/parea/community feiert, dann tun das alle demonstrativ zusammen in der Öffentlichkeit, und nicht isoliert im Familienkreis.
Heute gibt es das in Arnados auch nicht mehr – zu viele Haushalte sind aufgelöst. Gestorben, weggezogen …
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Und die ‚Teilnahme‘ der Einheimischen? Ist das Musikfest jetzt besser integriert als im ersten Jahr? Ich erinnere mich an einen entsetzten Widerspruch des Kirchen-Kantors von Arnados, als Schild und Bänziger ihn fragten, ob sie für das Abschlußkonzert nicht die Dorfkirche nutzen könnten. Wir hatten den Herrn bei unserem dritten oder vierten Familienbesuch getroffen. Nein nein nein, das sei mit der orthodoxen Weise absolut unvereinbar, und die Liturgie sei für 365 Tage im Jahr streng und lückenlos festgelegt, und da könne nicht jeder kommen, mit so einem profanen Arien-Vortrag!
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Ja, wirklich … ist die italienische Oper überhaupt jugendfrei … 🙂 …?
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Ach so, Sie wollen jetzt wissen, wie Arnados im Winter aussieht?
Nehmen wir diese Stelle (Mai 2017):
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Januar 2015 … ja, links hinter dem Auto steht das Hinweisschild:
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3 comments

  1. Das Busticket zum halben Preis ist vermutlich der Rentnertarif. Stellt sich die Frage, warum du den sonst nicht bezahlt hast.

    Und heute tritt Christos Thiveos in Arnados auf:

  2. So frisch und jugendlich, wie ich aussehe, bietet mir kein Busfahrer freiwillig den Seniorentarif an … 🙂 … außerdem habe ich andere Fahrgäste und Fahrgästinnen im Alter um die 50 (!) gesehen, die haben auch den Normaltarif bezahlt.

  3. Der Normaltarif sind 1,80, für Leute unter 65.
    Die 90 Cent sind der halbe Preis für von der Altersarmut bedrohte Rentner über 65 Jahren (steht ja dahinter M50%). Vermutlich hast du an dem Tag besonders alt ausgesehen.. 😉

    Oder die Kirche bezuschußt Fahrten zum Kloster.

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