Elpis Melena: 20 Jahre auf Kreta, 1892

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Agia Deka, Messara-Ebene (Foto: Fred Boissonnas 1911)
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img831_Titel20JahreKreta_350Erlebnisse und Beobachtungen eines mehr als 20jährigen Aufenthaltes auf Kreta
Elpis Melena
Überarbeitete Neuausgabe des 1892 bei Schmorl & von Seefeld in Hannover erschienenen Buches.
Pandora Verlag Marianne Schneider
Zehdenick 2008
340 Seiten

ISBN: 978-3-938878-02-6
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Versprochen ist versprochen … 🙂 … auf der Seite Seefeld – Winterreise nach Kreta 1888 hatte ich betont, daß ich das Buch, wegen dem der Verleger aus Hannover nach Kreta gereist war, auch noch vorstellen wollte. Und zwar die von Marianne Schneider überarbeitete Neuausgabe von 2008 (ohne Frakturschrift und Dehnungs-h etcetera, dafür mit unzähligen nützlichen Anmerkungen). Das Buch ist (auch) im Online-Handel problemlos erhältlich. Wer die Insel und ihre jüngere Geschichte schätzt, muß dieses Buch gelesen haben.
Ich beschränke mich hier auch nur auf ein paar Zitate, im wesentlichen aus der Reise der Autorin in Kretas Osten.
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img835_ElpisMelena1862_AK350Eins zuerst: Erwarten sie nicht, daß Sie zu lesen kriegen, was der Titel verspricht.
Elpis Melena (Marie Espérance von Schwartz, 1818-1898) konzentriert sich auf wenige Ereignisse aus den ersten der zwanzig Jahre, die sie auf der Insel verbrachte.
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Es gibt eine ganze Reihe von Schriften von ihr zu kretabezogenen Themen (osmanische Verwaltung/Tierschutz/diverse soziale und politische Ereignisse), die im Laufe der Zeit von ihr veröffentlicht wurden. Und die nicht bei Verlag Schmorl & Von Seefeld erschienen sind. Elpis Melena war nie an einen speziellen Verlag gebunden. Ihre Arbeiten erschienen bei verschiedenen Verlegern und in den verschiedensten Publikationen quer durch Europa.
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Offensichtlich scheute sie sich, ihr komplettes Inselleben zum zweiten Mal zu auszubreiten. Sie streift das nur im letzten Kapitel: „Meine Tätigkeit widmete sich [später] mehr der Versorgung der Armen, der Pflege von Kranken und Kindern, der Gründung und Verwaltung eines Tierschutzvereins und eines auf meinem Grundstück befindlichen Tierasyls sowie der Beteiligung an humanistischen Bestrebungen der Jetztzeit.“
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Platia Mavrovouniou, Chania (Foto: Fred Boissonnas 1920)
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So beschränkt sich das Buch wesentlich auf bislang unveröffentlichte Themen. Etwa auf ihren ersten  Kreta-Aufenthalt, der wegen der revolutionären Unruhen auf der Insel schon nach relativ kurzer Zeit (1867) beendet werden mußte.
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Beschrieben sind aus dieser Zeit u.a. Ausflüge über die Halbinsel Akrotiri bei Chania (Elpis Melena wohnte in Chalepa, einem Dorf bei Chania), das Kloster Arkadi, eine Fahrt nach Santorin (wo der Vulkan gerade aktiv war).
Elpis Melena hielt sich nicht immer an die Anweisungen der türkischen Behörden. Denen lag ja nichts an herumreisenden Fremden. Sie beschreibt z.B. einen nicht genehmigten Ausflug in den äußersten Nordwesten, über Kissamos hinaus bis zur Festung von Gramvoussa, zusammen mit dem Maler Josef Winkler. Der Ausflug brachte den beiden den Verdacht ein, Spionage fürs Ausland oder für die griechische Befreiungsbewegung zu treiben. Sie wurden in der Nähe der Insel-Festung festgesetzt und von der Gendarmerie nach Chania zurückbefördert …
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Schon ihr Besuch im Kloster Arkadi (ein Zentrum des griechischen Widerstands) hatte sie verdächtig gemacht. Gern gesehen ist sie auf der Insel von den Autoritäten ohnehin nicht, aber in einer Stadt wie Chania, wo es einige europäische Konsulate gab und wo etwa 100 Ausländer lebten, schränkten die Behörden ihre offenen Schikanen vorsichtshalber ein.
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Und wenn Elpis Melena mal was nicht paßte, oder wenn sie von den Griechen um Hilfe gebeten wurde, schreibt die Freundin von Guiseppe Garibaldi und Franz Liszt auch mal schnell einen offenen Brief an den weltberühmten Schriftsteller Victor Hugo, der ihr in einem offenen Antwortbrief seine Sympathie für ihr Anliegen bekundet …
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Im November 1868 kehrt sie auf die Insel zurück. Neben politischen Betrachtungen folgen im Buch Berichte über Ausflüge nach Aptera und in die Sfakia, und eine ausführliche Beschreibung ihre Reise in den Osten der Insel, die nicht immer so verläuft, wie die Autorin sich das vorgestellt hat.
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Ierapetra (Foto: Fred Boissonnas 1911)
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DIE REISE IN DEN OSTEN
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Elpis Melena ist unterwegs mit ihrem maltesischen Diener, ihrem Schweizer Arzt, und in der Regel mit dem örtlichen Bezirkskommandanten mit wenigstens zwei Gendarmen. Die sind offiziell „zu ihrem Schutz“ dabei, sollen aber in Wirklichkeit ihre Reise-Aktivitäten beobachten und kontinuierlich an die Inselbehörden melden.
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Einen Arzt mitzunehmen sorgt für Aufsehen. Es gibt ja kaum eine ärztliche Versorgung auf der Insel, und in jedem Dorf laufen die Menschen zusammen, um sich behandeln zu lassen. Doch bleiben dem Schweizer Doktor meist nur gute Worte und das stille Entsetzen über das Elend der einfachen Leute. Elpis Melena: „Doch der Doktor war kein Jesus von Nazareth.“ Da hatte Lazarus mehr Glück …
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Elpis Melena wollte für die Reise in den Osten eigentlich ein Segelboot mieten, aber „die Regierung hat dem Kapitän verboten, mich zu fahren, indem es ihr nicht recht sei, daß ich Kreta bereise“. Auf See wäre sie ja nur schlecht zu kontrollieren …
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Sie ist auf der Reise in den Osten also ab Iraklio per Pferd unterwegs, und Zelte werden auch mitgenommen. Doch „die muselmanische Gastlichkeit“ läßt es oft nicht zu, die Reisegesellschaft im Freien kampieren zu lassen. In den christlichen Klöstern sind Übernachtungsgäste auch immer willkommen. Empfehlungsbriefe kann dort gewöhnlich niemand lesen, der Bildungsstand der Geistlichen ist erschreckend niedrig, und … wer ging überhaupt ins Kloster? Elpis Melena: „Die große Anzahl von Frauen, Mädchen und Kindern jeden Alters, die in den Klöstern auf Kreta vorhanden sind, befremdete mich nicht wenig, bis ich aus zuverlässiger Quelle erfuhr, daß hierzulande viele Laien den Mönchsstand wählen, einzig und allein, um ihre Familie versorgen zu können.“
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Von Iraklio geht es auf die Lassithi-Hochebene „mit 4000 Einwohnern“ und „fruchtbaren Getreidefeldern“ und „mehr als zwanzig Windmühlen“ auf der nördlichen Paßhöhe.
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img843_Spinalonga_Boiss1911_400Spinalonga (Foto: Fred Boissonnas 1911)
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Ein unfreundlicher Empfang folgt auf der Festungsinsel Spinalonga. Elpis Melena: „Etwa neunzig Familien, die am westlichen Teile eine kleine Ortschaft bilden, bekennen sich ohne Ausnahme zum Glauben des Propheten und brüsten sich nicht wenig damit, daß kein einziger Christ unter ihnen weile.“ Und sie empfinden „unsere Gegenwart als Ärgernis“.
Und ohne ihre türkischen Aufsichtsbeamten hätte sie wohl ohnehin keinen Zugang zur Insel erhalten.
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Weiter nach Agios Nikolaos, der als Hafen der Stadt Kritsa galt: „Obschon der Flecken San Nicolo damals nur vierzehn Häuser zählte, so ging er einer günstigen Zukunft rasch entgegen, weil der Generalgouverneur verschiedene große Bauten hier anlegen ließ, die diesem Flecken Bedeutung geben mußten; heute zählt er bereits mehrere hundert Häuser.“
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img845_Sitia_Boiss1911_400Sitia (Foto: Fred Boissonnas 1911)
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Bis Kavousi geht es am Golf von Mirabello entlang durch menschenleere Gebiete. Aber in Kavousi gibt es keine Lebensmittel und kein Futter für die Pferde, und es hieß, auf der ganzen Strecke über Sitia bis zum Kloster von Toplou wären auch keinerlei Vorräte zu erwarten.
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Also kehrt man um und wendet sich nach links, südwärts, Richtung Ierapetra. Auch mal ohne Empfehlungsbrief. Denn das ist auch „der nächste Ort, wo ein Hufschmied zu finden war“. „Das heutige Hierapetra, wenngleich Kretas vierte Stadt und die Hauptstadt des östlichen Distrikts der Insel, ist eigentlich nur ein großes Dorf zu nennen.“
Um seine 400 Häuser große Stadt ziehen sich weite Olivenhaine, die einen jährlichen Export von 2000 Tonnen Öl ermöglichen. Es ist auch ein Anlaufhafen der Schwammfischer aus Symi, Chalkis und Kalymnos. Die Schwämme werden hier auch getrocknet – und dabei mit einer feinen Sand-Klebstoff-Mischung getränkt. Der Preis des Schwamms hängt ja von seinem Gewicht ab …
Elpis Melena wägte ausführlich die Argumente ab, die dafür oder dagegen sprechen, daß Napoleon Bonaparte 1798 auf dem Weg von Ägypten nach Toulon hier für eine Nacht an Land gegangen ist. Nun ja …
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Weiter geht es, der Südküste entlang, dann durch die Asteroussia-Bergkette. Ein unbedeutender Übernachtungsort reiht sich an den anderen. In Bobia (Pombia) schließt sich ihnen der Kaimakam (eine Art Landrat) mit bewaffneter Begleitung an. Elpis Melena will durch wegloses Gebiet zurück zur Südküste nach Kali Limenes (westlich von Lentas), weil da mal der Apostel Paulus an Land gegangen sei, und es ist des Kaimakams liebstes Jagdgebiet.
Das verlangsamt das Vorankommen, es wird auf alles geballert, was sich bewegt, und bei der Übernachtung im Kloster Odygytria (Moni Odigitrias) kehrt der große Herr die standesgemäße Arroganz aus. Peinlich genug …
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Zurück geht es in die Messara-Ebene. Was von Gortyna und Festos zu der Zeit noch zu sehen ist, wird nicht ausgelassen, und erst in Dibaki (Timbaki) werden sie den türkischen Beamten und sein Gefolge los. Der Herr steuert umgehend das Kloster Odygytria an, um seinen Bericht für die Regierung zu schreiben. Der per Eilboten verschickte Bericht liegt in Iraklio schon vor, als Elpis Melena die Nordküste erreicht.
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Am Ende der Reise in den Osten (also am Ende des Buches) beschreibt Elpis Melena in einem Schlußwort nur noch summarisch ihre weiteren Aktivitäten im Laufe der nächsten Jahre. Da hätte man gern mehr gewußt …
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NOCH EINMAL:  SEEFELD UND ELPIS MELENA
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img833_SeefeldTitel_A170Man findet eher bei Seefeld einige Anekdoten zu diesen übergangenen Themen, beispielsweise die Betrugsversuche der Kreter nach der Gründung ihres Tierasyls.
Elpis Melena sammelte ja die kranken Reit- und Lasttiere der Insel ein, und pflegte sie, um sie wieder zurück ins Arbeitsleben zu bringen. Im Jahr 1888 hatte sie über 40 verstoßene Tiere aufgenommen und 25 davon wieder so von ihren Krankheiten und Verschleißerscheinungen geheilt, daß sie den ursprünglichen Besitzern zurückgegeben werden konnten.
Das hatte sich inzwischen herumgesprochen, und nun waren einige clevere Leute im Land unterwegs, die herrenlose kranke Tiere einsammelten, um sie anschließend (im Namen der vermeintlich besorgten Eigentümer) im Tierasyl abzugeben und kostenfrei gesundpflegen zu lassen. Am Ende konnten sie die arbeitsfähigen Tiere dann abholen und (für teures Geld) im nächsten Ort auf den Markt bringen …
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Chania, autofrei … (Foto: Fred Boissonnas 1911)
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Es ist amüsant, wie Seefeld auf seiner Reise einige von Elpis Melenas Erlebnissen nachempfindet – oder nacherlebt: Beide haben schwere Unfälle mit Knochenbrüchen, beide verkehren auf ihren Touren in abgelegenen Lokalen, die nach ihrem gleichlautenden Urteil „von Rembrandt gemalt werden müßten“ usw. …
Elpis Melena: „Ein doppelter Beinbruch, der mich nicht etwa bei einem meiner nicht gefahrlosen Ritte über das zerklüftete Gestein der Insel, sondern während eines ruhigen Spazierganges an der Seite der Gemahlin des englischen Konsuls ereilte, fesselte mich dauernd und hinterließ eine Schwäche, die mich noch zur Schonung zwingt.“
Das bringt ihr „ein siebenmonatiges Krankenlager“ ein, und es folgt prompt ein neuer Unfall, der ihr „den schon früher auf dem Isthmus von Korinth gebrochenen Arm zerschmetterte“.
Es gibt auch ein paar geringfügige Widersprüche in beiden Texten, aber es lohnt nicht, diese zu erwähnen.
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Übrigens: Das Hachette-Handbuch „Itinéraire de l’Orient“ von 1861 führt alle namhaften Orte um den Mirabello-Golf im Osten der Insel auf – aber Agios Nikolaos (=San Niccolo) fehlt noch völlig. Sitia fehlt übrigens auch …
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Was die Illustrationen auf dieser Seite angeht: Ich habe auf (spätere) Arbeiten von Fred Boissonnas zurückgegriffen. Der Maler Josef Winkler, dessen Bilder das Buch in der Neuausgabe enthält, hatte Elpis Melena ja nur im ersten ihrer zwanzig Kreta-Jahre begleitet.
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5 comments

  1. Die Reisen auf den Griechischen Inseln des Ägäischen Meeres von Ludwig Ross, 1835 – 1941 kennst Du sicher auch

  2. da habe ich wohl Eulen nach Athen getragen! Aber durch Theos Anregung habe ich mal wieder Ludwig Ross`Briefe gelesen. mmerhin 50 Jahre früher geschrieben. DieRoss warz.B auf Amorgos und den Eremonissia. Unglaublich, was er damals noch an antiken Schätzen gesehen hat, die heute fast alle verschwunden sind.

  3. Kleiner Trost, Xristo: Ross und seine Zeitgenossen haben im frühen 19. Jahrhundert auch viele antike Sachen nicht gesehen – nämlich die, die zu ihren Lebzeiten noch gar nicht entdeckt waren! 🙂
    Und, soweit ich mich erinnern kann, er war auch nie auf Kreta!

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