Olymbos. Mein Buch, meine Familie und ich …

Olymbos. Nikos Fotobuch
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Ein Unikat, das sein Sohn Nikos hat fertigen lassen: Das Buch mit einer großen Auswahl von Fotos aus den 50er und 60er Jahren von Filippas Filippakis. Auf dem Einband das allererste Auto, das in Olymbos zugelassen war.
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Nikos Filippakis
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Zweimal Nikos Filippakis. Oben und rechts unten.
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Filippakis Fotolabor Rhodos
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Das Personal des Papanikitas-Foto-Studios in Rhodos bei der Arbeit.
Nikos Vater ist der zweite von rechts.

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Im zweiten Buch von Roger Jinkinson („More Tales from a Greek Island“; Racing House Press, 2012) gibt es ein Kapitel, das sich mit der Selbstironie der Bergdorfbewohner von Karpathos befaßt (Kapitel „What makes you happy“). Dort erzählt Jinkinson einen Witz, der im Dorf kursiert. Kurzgefaßt übertragen:
Gott will drei Leuten auf dieser Welt je einen Wunsch erfüllen, einem Deutschen, einem Amerikaner und einem Olymbioten. Der Deutsche will einen Mercedes Geländewagen. Kriegt er. Der Amerikaner eine Villa mit Swimmingpool. Kriegt er. Der Mann aus Olymbos meint, er sei eigentlich völlig zufrieden mit seinem Leben, nur daß sein Nachbar eine Ziege hätte, die viel mehr Milch gebe als seine eigene, das gefällt ihm nicht.
Ob er auch so eine Hochleistungsziege will, fragt Gott.
Nein, ich hätte lieber, daß du seine abmurkst!
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Nach zwei Jahren wieder in Olymbos. Jorgos vom Hotel Glaros fährt mich von Diafani hoch zum Abzweig, er muß weiter, irgendwo auf der Strecke nach Spoa eine britische Wandergruppe absetzen. Vor uns das Dorana-Mobil. An Bord Katharina, Barbara und die Giagiades. Sie wollen heute im Dorf eine Unterkunft für die nächsten Tage aussuchen. Auf dem Weg ins Dorf hinein sieht sein Panorama so eindrucksvoll aus wie immer:
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Karpathos Olymbos
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Seit Tagen hat kein Ausflugsboot und kein Bus hier Tagesausflügler abgeliefert. Mein Rundgang ist auch nur kurz. Was ist mit dem Haus von Vasilis Hatzivasilis, dem allgegenwärtigen „Volkskünstler“? Kann warten. Ich steuere das Café Parthenon an der Hauptkirche an …
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Olymbos Parthenon
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… und meinen „Stammplatz“ hinten rechts in der Ecke:
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Olymbos Parthenon
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Ist übrigens hausgebrannter Raki in den Wasserflaschen im Regal. Das Kafeneion ist leer. Zwei Holländerinnen auf der Dachterrasse. Nikos Schwiegermutter versorgt sie gerade mit Kaffee und frischgepreßtem Orangensaft. Und was ich gerne hätte? Ich hätte gerne gewußt, wo der Nikos ist! Nikos ist gerade mit seiner geländegängigen Karre Richtung Dorfparkplatz unterwegs, Koffer transportieren. Warte auf ihn. Kaffee? Ja, helleniko, metrio. Ah, nur bisschen Ssucker, gleich!
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Es dauert. Immer wieder die Schwiegermutter an meinem Tisch. Fünf Jahre München, gut deutsch! Ob ich was essen will, essen, Pastitio? Später. Ob ich sie mal fotografieren kann? Sie sitzt meist malerisch vor der Tür, neben der Pizza-Werbung, und stickt an einem riesengroßen Tuch (das eigentlich so aussieht, als sei es längst fertig). Das kann keiner übersehen, der vorübergeht, und wenn einer bremst … mit oder ohne Blickkontakt wird er angesprochen. Routine im Touristik-Alltag in Olymbos …
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Nikos Schwiegermutter
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Beachten Sie die ortstypischen Stiefel. Ziegenleder. Ab 300 Euro das Paar, mit lebenslanger Wartungsgarantie. Tracht und Stiefel trägt die ältere Generation hier nicht für die Touristen.
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Nach einer Dreiviertelstunde mache mich ich mich doch auf den Weg, angelockt von den Gorgonen am Hatzivasilis-Haus. Die sehe ich unter mir, wenn ich aus dem Fenster schaue. Als ich zurückkomme, ist die parea aus Germania schon da, samt Jörg aus Hattingen, dem Phänomen ohne Bargeld. Ihm hat niemand gesagt, daß es in Nordkarpathos keinen Geldautomaten gibt. Ihm muß bei jeder Gelegenheit seine Kreditkarte helfen, das ist aber kein Problem für die Geschäftsleute von Olymbos und Diafani …
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Olymbos Parea Parthenon
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Hatte da jemand am Tisch Zahnschmerzen? Die Dame, die da ihr Kinn abstützt, vielleicht?
Die anderen sind beim Bestellen jedenfalls fröhlich und munter.

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Nikos ist auch eingetroffen, hatte den Damen schon die Zimmer gezeigt. Zwei hat er noch, ab Montag. Was machen die Fotos, Nikos? (Wie es 2012 angefangen hat, siehe: “Nur halb zurück aus Maryland“)
Nikos wartet, bis seine Schwiegermutter verschwunden ist, dann erzählt er. Er hat jetzt den größten Teil der Fotos seines Vaters gereinigt und digital bearbeitet. Einen Verleger hat er nicht gefunden, der die Bilder publizieren will, aber er hat wenigstens ein einziges Exemplar drucken und binden lassen, in angemessenem Großformat, mit einer vorläufigen Bild-Auswahl. (Vorläufig? Das Buch ist schon verdammt umfangreich!) Nikos hat viele Bilder kommentiert, noch fehlt oft die Datierung. Die kann nachträglich eingefügt werden, sein Vater habe seine Arbeit gut dokumentiert.
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Bis zu 150 Dollar hat er für das Unikat schon geboten gekriegt, aber er gibt es natürlich nicht her. Er hat sich umgehört bei Druckereien in Athen, er könnte es ja auch selbst publizieren. Da war ein Angebot: 4000 Euro für 1000 Exemplare.
Das ist unglaublich günstig, Nikos, ich kenne die Preise von Druckereien in Deutschland. Das sei auch unglaublich günstig in Griechenland, aber wegen der Krise machten die Firmen solche Angebote, bloß um zu überleben.
Und, hast du dem das Geld gezahlt? Nein. Wieso das denn nicht? Wenn ich das tue, bringt mich meine Schwiegermutter und meine Frau um. Für so einen Retro-Blödsinn so viel Geld ausgeben, das sei krimineller Wahnsinn.
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Ich bin fassungslos. Kann dir das Geld sonst keiner geben? Die Gemeinde, oder ein privater Sponsor? Das ist doch eine unglaubliche Dokumentation, die dein Vater da angelegt hat!
Kinder- und Honoratioren-Portraits, Dorf-Alltag, Kirchen- und Trauerfeiern, hochoffizielle Besuche, auf dem Maultier (!), Musik und Tanz, die harte Arbeit der Bauern …
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Die Kosten hast du doch im Nu wieder drin, wenn du das Buch für, sagen wir mal, 40 Euro verkaufst. Im Hatzivasilis-Museum verkaufen sie das Heftchen mit seiner Biografie schon für 10 Euro. Nikos zuckt mit den Schultern. Die „community in Baltimore“ würde auch hunderte von Exemplaren abnehmen, meint er. Hast du da einen „agent“ oder eine Buchhandlung? Da brauche man keinen, das spräche sich rum. Nur die teuren Versandkosten. Aber egal, das geht alles nicht. Nicht solange das Geld für die Druckkosten aus einer Quelle kommt, auf die seine angeheiratete Familie Anspruch zu haben glaubt.
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Welche Chance wird da vertan.
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Zum Abschied schenkt die Schwiegermutter noch jedem ein Stück Olivenseife, handgefertigt, in Zellophanpackung. Schnell wegstecken, wir sollen das die Nachbarinnen bloß nicht sehen lassen! Die verkaufen diese Seife ja, und dann kriegte sie mit denen direkt Ärger …
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Ich bin am nächsten Tag noch einmal oben in Olymbos, habe aber keine Chance, mit Nikos Schwiegermutter zu sprechen. Es wäre wohl auch zwecklos. Egal, welche Motive bei ihr die totale Verweigerung munitionieren. Irgendwas aus der Dorf-Vergangenheit sollte wohl nicht wieder aufgerührt werden, und von ihrem Schwiegersohn hält sie sowieso nicht viel. Der braucht keinen Prestigegewinn! Und wenn jemand was nicht verstehen will, dann will er/sie eben nicht …
Im Kafeneion gegenüber spielt gerade einer der berühmten örtlichen Lyra-Spieler. Das kann in der Nachbarschaft keiner überhören. Schön. Hier sitzen ein paar Jungs und hören aufmerksam zu. Einer hat eine Laute dabei und improvisiert leise zu den Lyra-Klängen.
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„We don’t have women, we have commandos.“ Auch das steht irgendwo bei Roger Jinkinson. Die Frauen hier sind wie Kampftruppen. Und wäre Neid und Mißgunst eine „Todsünde“, dann kämen nur wenige Leute aus Olymbos in den Himmel …
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Fußweg Diafani Olymbos
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Wir laufen am Spätnachmittag auf dem Fußweg hinunter nach Diafani. Nur zu viert. Jörg ist noch im Dorf unterwegs, und eine der Giagiades findet einen Bauern, der sie in seinem Pick-Up zum Hafen mitnimmt. Ihre freiwillige Benzinkostenspende nimmt er gerne. Und ich versuche, mir einen Film über Olymbos vorzustellen, in dem Robert de Niro in Dorftracht die Schwiegermutter spielt …
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2 comments

  1. Hallo Theo,
    stöbere gerade mal wieder in Deiner unendlich großen Sammlung. Vor allem, weil ich mich vorbereite auf Epirus (Zagoria Dörfer).
    Bei dem Fotobuch von Nikos Filipakis’ Vater (oben), erinnere ich mich daran, dass ich drauf und dran war ihm das Buch abzukaufen. Er wollte aber 99 Euro. Weiß nicht, ob er es dann wirklich hergegeben hätte. Jedenfalls war mir das zu viel. Vielleicht schafft er es ja doch noch, den Neudruck in Auftrag zu geben. Ich wäre sein erster Kunde.
    Wünsche Dir ruhige Weihnachstage und alles Gute im Neuen Jahr!
    Ich werde über Silvester auf Syros sein (hab ich auch noch nicht gemacht).

    Lieben Gruß,
    Lothar Hoppen

  2. Nikos hat ja schon mehr für das Buch geboten gekriegt, aber er gibt sein einziges Exemplar ja wohl nicht ab. Gut zu verstehen. (Er testet damit wohl nur den potentiellen Markt …)
    Silvester auf Syros? Schön! Häfen sind immer gut für Feuerwerk. Hatte das letztes Jahr am Hafen von Hydra (Ostern) und dieses Frühjahr zur Kommunalwahl auf Tinos. Gut, die “Kölner Lichter” sind immer ein bißchen eindrucksvoller …

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