Der Viertelrundweg

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Im Norden von Karpathos ist man am besten zu Fuß unterwegs. Und wenigstens einmal wollte ich den uralten Weg von Olympos aus nach Süden laufen, den schmalen Maultierpfad, westlich am Profitis Elias entlang in Richtung Aposkínou. Dafür blieb mir nur mein letzter Freitag. Es ging nicht ganz wie geplant, wie immer, wenn man sich etwas bis zum Schluß läßt …
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Am Abend vorher hatte ich im To Corali meine „private“ Wanderkarte aus dem Michael-Müller-Reiseführer vorbereitet. (Wie es so ist, wenn man nicht das ganze Buch mitnehmen will auf die Tour, dann macht man sich die nötigen Skizzen auf die Karte und steckt diese in die Plastikhülle für die Hosentasche.) Der Abend war nett, Michalis und Manolis Baláskas hatten endlich mal wieder die Instrumente rausgeholt, keiner hörte zu, aber man hatte sich festgequatscht, es war spät geworden.
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Chaos? Nein, ich komme damit zurecht …
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Halb sieben. Ein Blick durch den Fliegenfänger auf den Hafen …
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Trotzdem, um halb sieben bin ich plötzlich hellwach. Donner bebt durchs Tal von Diafani, aus schwarzen Wolken schüttet es, nichts mehr zu sehen von der Bergkette im Nordwesten. Bloß nicht vor die Tür! Erst um halb zehn wird es besser. Ich hoffe nun wenigstens auf den Schulbus nach Olympos um halb zwei. Jorgos, der Wirt vom Glaros-Hotel, verspricht, mich abends um 21 Uhr oben im Dorf abzuholen. Und ich solle doch bloß nicht die ganze Rundtour machen, wie die Schwabs sie beschrieben hätten, viel zu anstrengend, und die beste Aussicht hätte man ohnehin im ersten Drittel des Weges. Also nicht in diese Schlucht, durch diesen Wald, zur Panaghia-Kapelle, heute nicht …
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Traue normalerweise nie einem Griechen, was das Wandern angeht, aber Jorgos stammt aus Diafani, ist ein „Draußen-Mensch“ und kennt die Gegend hier in- und auswendig …
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Um ein Uhr ist das Wetter schon fast „heiter“. Ich schalte Hubert von Goisern aus und nehme den Rucksack. Auf dem Weg zum Bus sehe ich Ulrike im Corali, sie schaut Michalis beim Gemüseputzen zu. Ob sie Lust hat, Olympos anzuschauen, und einen Nachmittags-Spaziergang ins Land hinein dazu …? „Jorgos holt uns abends ab!“ Ulrike aus Innsbruck ist seit zwei Wochen in Nord-Karpathos, hat am Vrougounda-Strand und am Papas-Minas-Strand kampiert, wohnt inzwischen im Glaros, und hat Olympos bisher ausdrücklich vermieden. Sie fürchtet, es sei ihr zu touristisch …
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Aber wenn die Gelegenheit so ist, wie sie ist, warum nicht? Nur … es wird halb zwei … wo ist der Schulbus? Kurze Rundfrage bei Leuten, die aussehen, als hätten sie schulpflichtige Kinder … nein, kein Bus heute, die Schule ist ausgefallen, wegen des Wetters. Keine Panik, Ulrike hat noch eine Idee: „He, bist du Pazifist oder würdest du auch mit dem Militär fahren? Wenn ja, schmeiß ich mich vor das Auto da …“ Sie hat einen Tarnanzug entdeckt, der gerade in seinen Privat-Pkw steigen will, er muß nach Pigadia, da kann er uns am Abzweig Olympos rauslassen.
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Sie lacht, als wir aussteigen: „Jetzt hat er sich die ganze Fahrt nicht getraut, seinen Joint anzustecken!“ „War das‘n Joint? Ich dachte, die Griechen sind es nur noch nicht gewöhnt, sich ihre Krisenzeit-Zigaretten selbst zu drehen, darum sah das Ding so verbeult aus …“
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Olympos empfängt uns wolkenfrei und sonnig, und Ulrike hat Hunger … das kommt davon, wenn man lange genug beim Gemüseputzen zuschaut … und schon sitzen wir im Parthenon und lassen uns Fassoulada servieren. Ulrike hat mißtrauisch genug in die Souvenirläden geschaut, aber ist doch ganz gemütlich, die Taverne hier, ja … Wirt Nikos läßt Nikos-Dampf ab, und bald tauchen wieder die ersten dicken Wolken hinter den Fensterscheiben auf. Jetzt sollten wir doch mal gehen …
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Foto: Ulrike C.
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Rechts vorbei am Kafeneion Tsambouna, und raus aus dem Dorf auf der Meeresseite. Hübsch, die Brühe da unten, das Dorf pumpt wohl gerade das Abwasser raus. Der Maultierpfad ist jedoch  ungewöhnlich schön, hätte an anderen Tagen eine sensationelle Sonnenuntergangs-Aussicht … wenn da heute nicht die grauen Wolken im Tiefflug angesegelt kämen. Eine Zeit lang ignorieren wir die Tropfen, aber als man doch von „Niederschlag“ reden muß, entdeckt Ulrike den Hirten-Unterstand.
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Rechts über dem Weg, geformt wie eine hohle Hand. Nicht einmal von Schafen zugeschissen, wie sonst üblich. Wahrscheinlich fürchten sie den Widder-Gott, der den Unterstand bewohnt:
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Wir sitzen da noch keine zwei Minuten im Trockenen, da hören wir Schritte. Schritte und Stockscharren. Aus der Gegenrichtung. Eva.
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Eva ist, wenn ich das hier sagen darf, 75 (fünfundsiebzig). Eva kommt aus Berlin, sie ist einer von dem kaum halben Dutzend Leute, die zur Zeit in Olympos übernachten. Sie ist heute, Sauwetter hin, Höhenunterschied her, den kompletten Rundwanderweg gelaufen, alleine, und ist jetzt auf dem Weg nach Hause. Sie ist nass, aber gut drauf. Karpathos kennt Eva seit 30 Jahren, es scheint für sie nicht mehr als eine Art Trainingsgelände zu sein, sie liebt die Wüste, fährt sonst nach Afrika. Sie will sich nicht lange aufhalten, wir sollen uns beeilen, sie will uns, wenn wir zurück sind, in Olympos auf einen Wein einladen, und tschüß …
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Alleinlaufen, hm, auf dieser Strecke, in einem Lebensalter, wo viele andere höchstens noch den Rollator zum Tagesstätte schieben. Ich stand vor ein paar Tagen alleine auf dem Weg nach Tristomo, Steigung und loses Geröll, aber noch ganz am Anfang der schwierigen Strecke bei Xiloskala, und bin lieber umgekehrt (was viele Leute tun) (Schwab-Weg 22) …
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Lose Steine hat der Maultierpfad auch genug. Manchmal scheint es so, als seien die faustgroßen Steine da absichtlich hingekippt worden. Vielleicht, um ein so sinnloses wie erträgliches EU-Projekt zu erfüllen … Dekonstruktion von Fußwegen in strukturschwachen Gegenden:
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Manchmal haben (natürliche) Geröll-Lawinen den alten Weg fast verschüttet. Man kann gerade noch das in den Hang hineingesetzte Fundament des Maultierweges erkennen. Und traut sich beim Laufen nicht zu husten, um den Hang nicht wieder in Bewegung zu bringen …
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Und immer wieder bleibt man stehen für einen Blick ins Unendliche …
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… oder nur nach unten, auf den Schwung der Serpentinen:
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Der Regen hat ein paar Minuten nach unserer Begegnung mit Eva aufgehört. Wir lassen uns nieder an dem Punkt, wo wir das Meer auf beiden Seiten der Insel gleichzeitig sehen können. Ein Blick auf die Uhr … Schluß für heute. Hier hat man das gesamte Panorama der Rundstrecke unter sich, die Wege und die winzigen Außensiedlungen … Aposkínou, Masiá, die Panaghia Evgónimas sind deutlich zu erkennen.
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Da drüben rechts, die kleine Hochebene, die kleine Siedlung Péi, nur weiße Pünktchen in der Landschaft, bestimmt beim nächsten Mal …
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Eva wartet schon auf uns, für den Abend fein gemacht: „Ihr habt euch aber Zeit gelassen da draußen!“ Jorgos ist superpünktlich, 21 Uhr 15, der Wein ist alle, Eva bleibt auch nicht länger bei Lentaki, der Rundweg hat sie doch müde gemacht, aber im To Corali in Diafani wird es wieder spät. Michali, der Wirt, will schon ins Bett, lange bevor die letzten Gäste die Terrasse verlassen haben. Er scheint etwas raki-angeschrägt. “Wo willst du hin, Michalis, ins Bett?” “Nein, nach Vrougounda.” “Wieso denn das?” Er strahlt Ulrike an, eine Mantinada scheint sich in seinem Herz zu formen: “Vrougounda hat es doch so einsam heute nacht!“
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NACH OBEN
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WEITER MIT  KARPATHOS DER NORDEN
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WEITER MIT  NUR HALB ZURÜCK AUS MARYLAND
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WEITER MIT  GANZ EUROPA IST VON IKEA BESETZT …
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WEITER MIT  DANKE FÜR DEN KUCHEN
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WEITER MIT  WENN ICH MAL GROSS BIN
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WEITER MIT  VROUGOUNDA, ELF STUNDEN
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2 comments

  1. WAS DAS ZU-FUSS-GEHEN angeht: Unten ein Zufallsfund zum Thema … ich war nämlich heute mit dem Archäologen Heinrich Nikolaus Ulrichs “unterwegs”, und der hat bereits 1863 über seinen Besuch auf dem Ochi bei Karystos berichtet.
    Das rätselhafte Drakospiti (Drachenhaus) am Gipfel, in 1400 Metern Höhe aus Riesensteinen errichtet, war in seinen Spekulationen ein urzeitlicher “Juno/Hera-Tempel”. Egal, was es nun war … es ist bestimmt toll, da mal raufzukommen, nur zum Spaß. Um zum Drakospiti auf dem Ochi zu kommen, braucht man angeblich echte ‘Bergsteiger-Qualitäten”. Aber im Ochi-Gebirge sind ja angeblich 20 solcher Drachenhäuser verstreut:
    „Für die Griechen irgendwo hinzugehen ohne dort eine Arbeit zu verrichten, d.h. nur zu wandern oder gar Bergsteigen ist für die meisten nicht vorstellbar. Die Griechen wandern nicht. Zu Fuß gehen ist Arbeit, keinesfalls Vergnügen.“
    Das Zitat ist aus:
    http://www.euboea.de/urlaub/berg/berg.php

  2. Und wer unseren Wirt Michalis mal hören+sehen will … da wird man ja gleich ganz nostalgisch … die Umgebung beim Spielen ist allerdings nicht die Taverne, sondern eine Schreinerei. Aber da ist Michalis ja genau so zu Hause:

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