Endlich mal Kastri

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Von der Bergstraße zum Hügel von Kastri, das kann doch nicht so weit sein …
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Moment, hat da nicht einer “der Hügel ist das Ziel” gesagt?
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Wenn man mit Leuten aus Ermoupoli nach Sa Michalis im bergigen Norden der Kykladen-Insel Syros unterwegs ist, wird gewöhnlich in einer bestimmten Kurve angehalten. Jemand zeigt dann nach rechts, auf das Gewirr der kahlen Gipfel der Hügel und erzählt von den “allerersten Bewohnern der Insel”, die vor 3000 Jahren da drüben gewohnt haben, auf Kastri.
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Aus der Entfernung aus ist es nicht einfach, diesen Hügel namens Kastri mit Sicherheit zu identifizieren, aber man fragt höflicherweise zurück: “Aha, interessant, sollen wir da nicht mal hinfahren?” “Nein, fahren geht nicht, das ist auch ein übler Weg zum Laufen und da ist nichts zu sehen!” wird gewöhnlich eilig abgewehrt.
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Auf diese Weise habe ich es geschafft, fast zwanzig Jahre lang an der Ausgrabungsstätte aus der Bronzezeit vorbeizukommen. Ich hatte es nicht einmal geschafft, mir die Exponate von dort im lokalen Archäologischen Museum anzusehen. Nein, um diese Gefäße mit diesen charakteristischen Henkeln und Ausgüssen zu sehen, reichten mir bisher Bilder in Büchern. Und daß die 1898 vom Kykladenforscher Tsountas auf Kastri entdeckte Akropolis in den 1960er Jahren doch von einer deutschen (!) Archäologin weitererforscht wurde, daran war ich von den Griechen auf Syros auch schon mahnend erinnert worden. Ähm, wäre das nicht ein Grund hinzugehen, aus Solidarität und Nationalgefühl …? Nicht wirklich …
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So ging es bis zum Mai 2011. Da hatten meine Freunde Thanasis und Meike aus Ermoupoli das Gefühl, mit meiner Ignoranz könne es doch nicht ewig so weitergehen …
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Auf Syros war ich in diesem Jahr überraschend gelandet. Eigentlich wollte ich von Sifnos aus nach Folegandros für die letzten Tage meiner Frühjahrstour, aber da gab es wöchentlich nur zwei Direktverbindungen, und die paßten zeitlich überhaupt nicht in mein Konzept.
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So stand ich dann plötzlich in der Taverne T’Aloni in Papouri. Thanasis war demonstrativ überhaupt nicht überrascht, na, ich käme doch immer (!) Ende Mai … und gerade sei gestern auch eine australisch-neuseeländische Wandergruppe dagewesen, für die die Meike auf Vorbestellung jede Menge gekocht habe, da könnten wir uns jetzt gemütlich von den Resten bedienen! Er könne den allerletzten selbstgemachten Wein aus dem Vorratskeller holen und dann könnten wir den Nachmittag verquatschen. Gäste kommen wahrscheinlich heute nachmittag sowieso keine mehr, wenn man sieht, wie sich da drüben die dicken Regenwolken zusammenziehen …
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Und morgen können wir wandern! Meike hat auch mal wieder Zeit. Wieder zur Kapernernte? Aber nein, noch keine Kapernzeit. Das Wetter. Dafür gibt es Kaparosalata à la T’Aloni. Ganz anders als auf Sifnos! Köstlich, und das Rezept ist so einfach, paßt auf die Rückseite einer Streichholzdose:
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Ob ich noch jemanden mitbringen kann? Ein Gast im Omiros, Christoph aus Berlin, zum ersten Mal auf Syros, erkundigt die Insel zu Fuß und mit dem Rad. Er hatte ohnehin vor, den Nordosten in den nächsten Tagen aufzurollen, hatte er erzählt. Nein, kein Problem.
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Christoph weiß noch gar nichts von meiner Idee. Wir sitzen abends zusammen beim Essen bei Giannena am Hafen … eine Taverne mit Tradition, die heute jedoch ihrem Ruf absolut nicht gerecht wird … und reden zum ersten Mal drüber. Er kommt mit. Ist auch besser, mit Thanasis und Meike mit dem Auto bis Chalandriani, statt auf dem Küstenweg ab Ermoupolis, und an der stillgelegten Müllkippe vorbei.
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Am nächsten Morgen geht es los, um neun. Jetzt habe ich gleich drei Leute, die alle einen Gang schneller laufen als ich, nicht nur Turbo-Thanasis …🙂 …! Meike, die anderthalb Jahre keinen Schritt gewandert ist, hält locker das Thanasis-Tempo mit und redet pausenlos ohne Luft zu holen mit Christoph über Reise- und Wohnerfahrungen in Nordamerika und Indien und in der Türkei, telefoniert noch zwischen zwei Nebensätzen. Und ich trabe mit meiner Kamera motivsuchend hinterher, versuche was von der Natur zu erwischen, die Ende Mai immer noch üppig frühlingsgrün wuchert und blüht, verliere Objektivdeckel und halte den Betrieb auf …
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Ab und zu gibt es kurze Atempausen im inselbewohnerüblichen Tempo. Wenn Thanasis etwa Christophs brandaktuelle Wanderkarte bestaunen muß (obwohl Thanasis sie ja eigentlich nicht braucht …). Oder wenn Thanasis mal wieder eine Schlange erschlagen muß (Er sei ja “unser Beschützer”, erklärt er grinsend nach unserem Einwand “das sei jetzt aber nicht nötig gewesen” und “woher die Griechen bloß immer diesen Schlangenmörder-Reflex” hätten …). Oder wenn es vielleicht was zu sammeln gibt (blühende Disteln, Keramikscherben, blanke Ziegenskelette …). Oder wenn mal wieder alte Nachbarn im Nirgendwo begrüßt werden müssen.
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So arbeiten wir uns durch die fast weglose Vegetation hinunter bis auf die Basis Null, Meereshöhe. Die Müllkippe südlich vom Dörfchen Plati Vouni ist inzwischen stillgelegt und renaturiert. Ihren Standort erkennt man immer noch daran, daß eine große Schar Möwen über ihm kreist. Sie glauben nicht an den ökologischen Fortschritt, hoffen immer noch auf frische Beute. Der Wind von der Müllkippe hat früher dafür gesorgt, daß das hier die Mülltüten-Gegend war, in der niemand wohnen wollte.
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Unsere “Basis Null” ist die Ghlisoura-Bucht. Für eine Kaffeepause in einer verrotteten und verlassenen Strand-Kantina, während die Morgenfähre aus Piräus, die Blue Star Ithaki, direkt vor uns in Richtung Ermoupoli vorbeigleitet.
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Hat jemand Feuer? Hier ist auch noch der alte Gaskocher!
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Und von jetzt ab geht es bergauf Richtung Kastri. Ja, senkrecht bergauf, so will es scheinen, und wieder fast weglos, oft über lose Steinplatten.
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Aber wenn man oben ist, kommt es einem so wunderbar leicht vor … da hinten liegt unser Kaffee-Strand …
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… und dummerweise müssen wir die ganze Strecke wieder runter. Und auf der anderen Seite des Tales wieder rauf. Wir müssen ja zurück zum Auto. Kein Wunder, daß die meisten Leute immer irgendwelche Ausflüchte gesucht haben, wenn man auch nur ein vages Interesse an der Kastri-Kultur und der Akropolis zeigte …
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Ach so, die Akropolis. Ja, wo sind sie denn, die Bauten der Akropolis?
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Ja, da hatten die Beschreiber der Anlage von Kastri recht. Da gibt es noch ein Stück Festungsmauer, aber von der Bebauung kann man nicht mal die Fundamente ahnen. Wenn man es nicht wüßte, daß hier ein Ausgrabungsort ist, daß hier vor 3200 Jahren eine befestigte Wohnanlage gestanden hat, dann würde man über diese Stelle weglaufen wie über tausend andere Schafwiesenhügel auch.
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Während man den Rundblick genießt, heißt es gut durchatmen. Es geht noch mal runter fast auf Null und wieder rauf! Und Thanasis lockt uns noch zu einem erst vor kurzem ausgegrabenen Gräberfeld aus der Bronzezeit auf dem Hügel gegenüber. Doch leider hatten die Archäologen die Gräber nach ihrer Arbeit schon wieder zugeschüttet. Seit dem Winter ist das hügelige Feld wieder grün überwuchert. Die Disteln stehen hüfthoch und blühen lila. Thanasis erntet ein paar Disteln zur Dekoration der Taverne. Mittlerweile ist es zwei Uhr, und bei mir meldet sich der Hunger … der Umweg zum Gräberfeld ist schon mit Visionen von der Küche in Papouri umschwirrt, und ich sehe schon keine Disteln mehr, nein, ich sehe statt Disteln fette Artischocken … :-) …

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Endlich, das Auto! Den Rest des Tages müssen wir Meike und Thanasis zwischen deren Taverne und Familie aufteilen. Da sitzen Christoph und ich zunächst wieder den Rest des Nachmittags mit Thanasis im T’Aloni und leeren die Teller … Kaparosalata, Tsatsiki, Maroulli, Keftedes, Meikes Zucchini-Quiche, Fava, Naxos-Käse, Obst, Schokoladenkuchen, Hauswein und Elleniko, spülen das alles mit Zitronen-Raki hinunter.
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Die Teller sind schon fast leer …
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Diskret auf der Lauer die Tavernen-Katzen … Tigri, Toula und Toulaki
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Und abends sitzen wir mit Meike vor Wein und Riesen-Mezedes-Tellern in ihrer Stammkneipe an der alten Markthalle und dann bis halb eins im Café an der Hafenstraße, wo die Mezedesportionen (zu Christophs Bedauern) leider bescheidener sind. Um halb eins läßt die Kondition meiner Begleiter (zu meinem Bedauern) endgültig nach, im Dauer-Sitzen sind sie nicht so gut wie im Turbo-Wandern …🙂 …
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KASTRI: Die “Kastri-Kultur” ist eine vorgriechische Kultur aus der Bronzezeit (2400 bis 2100 v.Chr.) auf den Kykladen und den griechischen Festland, nach dem Hügel auf Syros benannt, der 1898 vom Kykladenforscher Christos Tsountas entdeckt und ausgegraben wurde. In den 1960er Jahren wurden die Arbeiten von Eva-Maria Fischer-Bossert vom Deutschen Archäologischen Institut in Athen fortgeführt. Auf dem Gipfel des Hügels von Kastri lag eine befestigte Siedlung, von der nur die Außenmauern teilweise erhalten sind. Über die Gebäude im Innern läßt sich vieles nur mutmaßen. Es lassen sich mehrere Wohngebäude, eine Einrichtung zur Metallbearbeitung und (wahrscheinlich) ein Gebäude für sakrale Zwecke identifizieren. Die Siedlung von Kastri hat offensichtlich nicht lange bestanden. Dafür spricht auch die geringe Anzahl von Grabstellen. Es war auch problematisch, die Akropolis zu verteidigen, da der Hügel keinen Frischwasser-Zugang hat. Gefunden wurden bei den Ausgrabungen charakteristische Keramikgefäße (Henkelkrüge) und Metallwerkzeuge und Schmuckstücke.

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