Zentralkreta. Lentas 1986 und 2018

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Unsere Unterkunft in Lentas im Herbst 1986, direkt an der Bushaltestelle …
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… und ihr neuer Zustand im Januar 1986.
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Ursprünglich wollte ich in diesem Kapitel über Lentas und Matala schreiben. Die beiden Orte haben durchaus was Gemeinsames, ob sie das nun wollen oder nicht.
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1986 war es schon völlig uncool, in Matala auch nur gesehen zu werden. Und für alle, die eine „alternative“ Zuflucht suchten, hatte es sich herumgesprochen: Da bleibt nur Lentas, gut versteckt hinter der Asteroussia-Bergkette. Nacktbaden und Nichtstun. Überteuertes Essen, kein frisches Brot mehr ab halb zehn. Ein Bus am Tag.
Wir kamen aus Rethymno und warteten in Agii Deka auf den Anschluß. Der Bus kam aus Iraklio und war brechend voll.
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Der Gang zwischen den Sitzen ist schon belegt mit Rucksäcken. Wir packen unsere obendrauf. Freundin Christa klettert auf den Stapel. Ich stehe in der Treppe neben dem Fahrer, bis zum Ziel.
Die Aussicht auf der kurvigen Bergstraße war ziemlich abenteuerlich – man konnte aus meiner Position sogar nach unten durchschauen, zwischen dem ausgeleierten Bodenbrett und der Türkante war ein breiter Spalt entstanden. Sorgte wenigstens für gute Zugluft …
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In Lentas war fast jedes Bett ausgebucht, aber dank des Tips einer Freundin, die früher schon hier war, hatte ich direkt das erste Haus am Bushalteplatz angesteuert, im Laufschritt.
Hier vermietete eine Familie aus dem Bergdorf Krotos ihr Zweithaus. Wir kriegten das letzte Zimmer. Es war teuer. Sehr wenig Sanitäranlage für ziemlich viele Gäste …
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Mein alter Text über Lentas 1986
https://theo48.wordpress.com/1-3-griechische-inseln-k-l/kreta-1986-teil-1/kreta-86-4-lentas/
hatte immer ziemlich viele Leser. Nostalgische Leser …? Ob sich jemand an unsere Vermieter erinnert? Deren Namen sind mir längst entfallen.
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Frühstück im Hof. Mit Huhn. Im Zimmer ist eh nicht genug Platz.
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Und was die Griechen im Dorf nicht alles an alten Dingen aufbewahren … 🙂 …:
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Eine Sammlung von Säulenbruchstücken liegt heute noch an der kleinen platia, die die Bushaltestelle zwanzig Meter weiter dorfauswärts verdrängt hat.
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Und heute? Lentas, ein Winteraufenthaltsort für Neo-Hippies? Offensichtlich nein.
In der einzigen Taverne, die auf hat, sitzt – unter lauter Griechen zwischen 18 und 80 – ein einziger Deutscher vor seinem Tablet, er schweigt und denkt.
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Ich setze mich ja in griechischen Lokalen immer so hin, daß ich nicht auf den Fernseher starren muß. So entgeht mir der Bericht über den gerade begonnenen Einmarsch von Erdogans Panzern ins kurdische Syrien. Katharina, die so sitzt, daß sie die Fernsehnachrichten sehen muß, verzieht gerade so indigniert das Gesicht, daß ich sie lieber aus dem Foto geschnitten habe …
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Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich 1986 kein einziges Foto von der kleinen Siedlung Lentas gemacht, deren weiße Häuschen am Hang zum Strand herunter lose verstreut waren. 2018 ging es mir genauso. Aber da ist auch nicht viel zu sehen. Der Ort Lentas ist jetzt kompakt bebaut, aber immer noch winzig. Lentas ist keine Schönheit (wie Bochum, Herr Grönemeyer …) und existiert fast nur noch für die nordeuropäischen Sommer-Touristen:
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Die „Gourmets“ aus Frankreich werden sich eins grinsen bei dieser Speisekarte.
„Ca Boeufburger pour moi, s’il vous plaît!“ Gewöhnlicher geht’s nimmer …
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1986 gab es nur eine einzige autofähige Straße ins Dorf. Heute gibt es drei (wenn Fahrer oder Fahrerin keine Angst vor einem Stück Schotterpiste an der Küste hat – die meine Karte, Road Edition 1:50.000 von Mai 2016, als Asphaltstrecke ausweist).
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Bis Platia Peramata, im Westen von Lentas, ist die Straße asphaltiert. Bis hierhin haben sich die Gewächshäuser aus der Messara-Ebene nämlich inzwischen ausgebreitet. Sieht aus wie in Andalusien:
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Unsere Lentas-Erwartungen wurden 1986 ziemlich enttäuscht. Wir tauschten unser Zimmer mit dem kaputten Glasfenster (das jeden Morgen vollgedieselt wurde, wenn der Busfahrer den Motor warmlaufen ließ) bald mit einem unvollendeten Apartment in Agia Galini (Balkon- und Treppengeländer und ein Großteil der Kücheneinrichtung fehlte noch).
Aber Agia Galini, das das bedrückend enge Tal hinter dem kleinen Hafen mit Betonbauten langsam gefüllt hatte, verursachte bei mir auch keine nostalgischen Sehnsüchte.
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Trotzdem sind wir 2018 hergekommen, aus purer Neugier. Und das häufig schlechtgelaunte Ich sieht so aus, als gefiele es ihm im Café mit dem schönen griechischen Namen „C’est la vie“ doch ganz gut … 🙂 …:
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Foto: Katharina R.
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Agia Galini, Herbst 1986:
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Agia Galini, Januar 2018:
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So viel hat sich gar nicht geändert an dem Hafenpanorama.
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5 comments

  1. Hallo Theo,
    bin durch Zufall auf Deinen Lentas-Bericht gestoßen. Das Paar auf dem Foto ist Niki und Babis Apostolakis. Niki und ihre beiden Töchter haben heute insgesamt 3 Häuser, in denen sie Zimmer vermieten. Babis ist Anfang letzten Jahres nach kurzer Krankheit leider gestorben.

    Du sprichst von “teurem” Essen und hohen Zimmerpreisen 1986. Kannst Du Dich noch ungefähr die Höhe der DM-Preise erinnern? Würde mich interessieren.
    Und welche Taverne ist das auf dem Foto, die jetzt im Januar als Einzige geöffnet hatte?

    Danke und
    viele Grüße
    Belgofritz

  2. Hätte nicht damit gerechnet, daß jemand unsere Vermieter von 1986 noch erkennt – und sogar ihren Namen weiß.
    Danke!
    Kann mich nicht wirklich revanchieren mit Antworten auf die beiden Fragen.
    Preise 1986: Damals hatte ich noch kein Reisetagebuch geführt, und Quittungen gab es damals praktisch für nix. Definitiv nicht bei Privatzimmern und in Dorftavernen. Quittungen bewahre ich sonst meistens längere Zeit auf.
    Unser Vermieter Petros in Frangokastello zum Beispiel, der auch im Erdgeschoß eine Taverne führte, schrieb alles in sein “Gästeschuldbuch”, mit Bleistift, und am Ende des Aufenthalts rechnete er alles zusammen, vom Frappé über Souflaki bis zum Zimmer, und nannte nur eine einzige Zahl, die Endsumme. In sein Buch durfte eigentlich niemand hineinschauen, aber er hatte neben uns nur Stammgäste, und die leisteten jeden Eid auf Petros’ Ehrlichkeit.
    1986 kostete ein einfaches Privatzimmer auf den Inseln in der Nebensaison 800 bis 1000 (ohne Bad) bis 1200 Drachmen (mit Bad). Das waren 19 bzw. 24 bis 28 DM. Es konnte auch sehr viel billiger sein – in Chios-Stadt haben wir 1985 für 600 Drachmen (15 DM = 7,50 Euro) gewohnt. Billiger ging es da nur in der Türkei (Privatzimmer auf dem Land ab 2000 Lira = 7 DM).
    Das Zimmer in Chios-Stadt war auch sehr bescheiden … unsere vielfach geflickte Bettwäsche stammte wohl noch aus der Aussteuer der alten Dame, die das Haus führte, und die war gut über siebzig … 🙂 … für eine Nacht reichte das, dann ging es nach Pyrgi, in ein Zimmer der Frauenkooperative.
    In Lentas haben wir 1986 für das wirklich total primitive Zimmer (ohne Bad) so viel bezahlt wie später in Agia Galini für ein nagelneues Apartment mit privatem Bad und Wohnküche und Balkon. An exakte Zahlen kann ich mich nicht erinnern.
    Taverne Lentas 2018: Kann mich an den Namen nicht erinnern, liegt am Ostrand der Platia, von der es direkt runter zum Wasser geht. Gegenüber ist ein Telekarta-Telefon, ein Briefkasten, und Manourakis Souvenirladen, Bezahlt hat an dem Tag Katharina. Ich frage sie mal, ob sie sich an den Namen des Lokals erinnern kann.

  3. Danke für die Infos! Die Taverne muss dann Vavouris Bar gewesen sein.
    Ehrlich gesagt sind mir Quittungen für Übernachtungen auf Kreta fast völlig unbekannt. Die verlässlichen “Handschlagverträge” empfinde ich als äußerst wohltuend, zumindest in zwischenmenschlicher Hinsicht.
    Wirtschaftspolitik jetzt mal außen vor gelassen…

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