Thrakien: Schlechtwetter-Blues

White Tower 1911
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Weißer Turm, Saloniki, 1911
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Nochmal ein Griff in die Vergangenheit. Schad’ ja nix, denn …
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Alle Erinnerung ist Gegenwart. (Novalis)
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Makedonien Ford 1916
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Bei den nordgriechischen Straßenverhältnissen von 1916 müssen ein paar Extra-
Pferdestärken ran: Serbisches Artilleriegespann zieht britisches Armeefahrzeug.

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Salonica and afterEs gab im 1. Weltkrieg einen Witz unter den Alliierten, der sich auf die nordgriechischen Verkehrs- und Wetterverhältnisse bezog:
Uniformierter Chauffeur steht im Regen mitten auf der Straße Saloniki<>Serres, aber bis zum Bauch im Schlamm.
Kommt ein Fußgänger vorbei. Fragt ihn: „He, wo ist denn Ihr Auto?“
Antwort: „Ich stehe oben drauf!“
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Mud and Malaria“ ist eine Kapitelüberschrift in H. Collinson Owen’s Buch „Salonica And After“ (1919), das ich eigentlich nur gekauft hatte, weil Owen Augenzeuge war, als die Stadt Saloniki 1917 in einem Großbrand ein Drittel ihrer Häuser verlor. Owen war Redakteur der dort erscheinenden Tageszeitung „Balkan News“.
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Aber Owen beschreibt die Kriegsjahre sehr realistisch. In der ersten Zeit passierte an der bulgarisch-griechischen Front noch sehr wenig. Einfach darum, weil die Alliierten mit großem Materialeinsatz kämpfen wollten. Das war zunächst schwierig, da in Nordgriechenland praktisch keine Straßen existierten, die mit Motorfahrzeugen befahren werden konnten. Also verschanzte man sich in den Schützengräben und baute dahinter Straßen. Unter großen Schwierigkeiten. Die Straße von Saloniki nach Nordosten (nach Serres) überstand schon den ersten Winter nicht. Sie wurde einfach weggeschwemmt. Und im nächsten Sommer explodierte die Mückenpopulation. Es starben mehr alliierte Soldaten durch Malaria als durch Waffeneinsatz an der Front.
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Stavroupoli
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Ein neues Jahrtausend: Straße nach Stavroupoli im Nebel
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Neunzig Jahre später hatten wir (im Frühsommer) ähnliche Wetterverhältnisse. Graunasses Angelopoulos-Wetter. Natürlich war alles nicht weltkriegsmäßig, aber der ständige Wechsel von Regen und Nebel nervte. Ein großer Teil der 3210 Kilometer, die wir in 21 Tagen im Mietwagen abgefahren hatten, war dadurch zustande gekommen, daß es sich wegen des üblen Wetters oft nicht lohnte, irgendwo auszusteigen und zu bleiben …
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Thrakien Viehherde
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West-Thrakien. Die Anzahl der Pferde hat abgenommen. Aber so manche Viehherde bremst einen aus. Daß die Viecher sich auch mitten auf der Straße selbst melken müssen …
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Xanthi Altstadt
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Wir wohnten anfangs in den Bergen. Geplante Bergwanderungen in den Rhodopen wurden immer wieder durch eine Altstadtbesichtigung ersetzt: Es ging etwa nach Xanthi. (Xanthi hat auch einen großen Wochenmarkt, aber der ist im Nieselregen ziemlich reizlos.)
Die Sprache der Gegend ist durch einen starken Dialekt geprägt, offenbar mit Leihwörtern aus dem Türkischen und den Pomakischen. Und kaum jemand spricht Englisch. Wir haben in Xanthi im Restaurant gesessen, deren Speisekarte uns völlig unverständlich war. (War es „Masa Soura“ oder „Kivotos“? Nach meinem Notizen nicht mehr zu identifizieren.)
Wir kamen uns vor wie Ostfriesen im bayrischen Dorfgasthaus, wo es „Fleischpflanzerl“ (Frikadellen) und „Lüngerl“ (Kalbsinnereien mit Semmelknödel) auf der Karte gibt.
Es half das Paar am Nebentisch: Es waren in der Regel Gerichte, die jede griechische Taverne/Ouzeri anbietet, nur eben unter den speziell örtlichen Bezeichnungen! (Es war aber ein ‘Restaurant’ in der City, da konnte man nicht einfach in die Küche gehen und nachschauen …)
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Makabrerweise wurde in Stavroupoli wegen der Sintflut-Regenmengen eine Nacht lang die öffentliche Wasserversorgung gesperrt: Auf die Straße konnte man nur in Gummistiefeln, aus unserem Wasserhahn kam kein Tropfen. Abends teilten wir uns mit Thanasis, dem Bruder des Bezirksförsters, unseren Wein. Er hatte vorher mit dem Schneeschieber das Wasser aus unserem Hof geschoben. Der Abfluß war verstopft. Eine Sisiphos-Arbeit.
Unsere Dorf-Taverne (Oinos) mußte schließen, an der Platia gab es noch Pita Souflaki auf die Hand.
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Komotini Minarett
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Komotini, die Stadt der Kaffeeröster. Es regnet gerade mal nicht.
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Also ein paar Tage in Thassos eingeschoben (wo das Wetter und die Laune auch recht „durchwachsen“ war) und weiter nach Osten, wie vor Reisebeginn geplant. Schließlich konnte man inzwischen die Autobahn benutzen, die heute von der Türkei bis zum Ionischen Meer führt, quer durch das thrakische Mückenparadies.
Ja, Mr. Owen, die britische Pionierarbeit von damals und die EU-Subventionen zeigten Früchte … nur, auf den letzten dreißig Kilometern vor der türkischen Grenze sahen wir auf unserer Straßenseite kein einziges Auto!
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Thrakien Autobahn
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Die Autobahn war zu unserer Zeit noch durchsetzt von Baustellen, mit eingeschränkter Verkehrsführung und Radarkontrollen. Ja, einmal wurden wir sogar herausgewinkt. Statt mit den vorgeschriebenen 90 km/h seien wir mit 102 km/h unterwegs gewesen.
Der anfangs äußerst wichtigtuende Uniformierte beschloß am Ende, uns einfach weiterfahren zu lassen, kein Protokoll, keine Geldbuße. Dabei hatte er sich so sehr bemüht, uns wortreich und streng (50% griechisch, 50% englisch) auf unser asoziales Vergehen aufmerksam zu machen. Aber in Germania sei ja auf der Autobahn wohl sowieso alles erlaubt …
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Warum wir unbedingt nach Osten wollten? Seit ich 1991 „Didimóticho Blues“ von Lavrentis Mahairitsas und Giorgos Dalaras gehört hatte, mußte ich die Stadt sehen!
(Video am Seitenende)
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”Didymoteicho is just 2 kilometers away from the Greek-Turkish border, and as a result it is home to many Greek military units and Hellenic Army training centers. Hundreds of thousands of Greek men had to either receive military training or spend part of their military service here. The famous 1991 George Dalaras and Lavrentis Machairitsas song Didymoteicho Blues ( Διδυμότειχο Μπλουζ) pays homage to the personal stories and experiences of these soldiers while offering a more general commentary about life in the Army.” (Wikipedia.org)
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Und es gab den Plan, (A) kurz nach Samothrake überzusetzen, und (B) die Läden der berühmten Seidenstadt Soufli leerzukaufen …🙂 … und dazu die unberührte Natur!
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Dadia Geier Reservat
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Dadiá, das Geier-Reservat am Evros. Nur war uns plötzlich gar nicht mehr danach, eine Führung zur Fütterung der Aasfresser mitzumachen …
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Soufli Störche
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… denn eigentlich ist die Gegend am griechisch-türkischen Grenzfluß Evros eher durch die Störche als die Geier geprägt.
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Evros Sturmbericht
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Ja, wenn das Sturm-Wetter am Evros fünf Störche aus den Nestern fegt, bringt das sogar eine Notiz in der griechischen Presse!
Warum bauen die ihre Nester auch nicht nebenan im Vogelschutzgebiet …!? 🙂
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Soufli Hotel Koukouli
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Unser Hotel in Soufli
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Die Gegend ist nicht gerade durch den Tourismus belastet. Aber in Soufli fand sich ein nettes Hotel, das gerade in einer ehemaligen Seidenspinnerei eingerichtet worden war. Es hat bis heute überlebt (Xenodochion Koukouli).
Und Didimóticho? Ja, da kann man schon den Blues kriegen, wenn man als Wehrpflichtiger dort leben muß und Athen so unglaublich weit entfernt ist. (Ich weiß nicht, ob es Tarif-Vergünstigungen für Militärangehörige gibt, wenn sie von Alexandropoulis nach Athen fliegen wollen.)
In der Fußgängerzone der moscheedurchsetzten Altstadt von Didimóticho war jedenfalls am Abend echt was los, laute Musik und jede Menge Jungs mit Wehrpflicht-Frisuren und jede Menge Mädels dazu … und jede Menge Mücken. Nach unserem Tavernenbesuch am Abend war ich total zerstochen – besonders unterhalb vom Knie. (Eine Jeans ist kein Hindernis für Mücken!) Schon mittags auf der Kafeneion-Terrasse waren sie über uns hergefallen, trotz der überall verteilten qualmenden Konservendosen-Feuerchen.
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Soufli Seidenladen
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Soufli. Gar nicht so leicht, dort Seidenstoffe zu kaufen. Aber hier wird gerade zugelangt!
(Die meisten Läden bieten nur Fertigkleidung an, besonders Brautkleider. Aber daran lag der Couturière neben mir nun gar nichts.)
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Soufli hat außer dem Seidenmuseum, der Armut, den (Grill)feuerchen am Straßenrand und dem gelegentlichem Zugverkehr durch die Hinterhöfe der Hauptstraße nicht viel zu bieten. Die kleinen Städte am Evros (Soufli, Didimóticho und Orestiáda) sind ja auch seit dem Zerlegen des Osmanischen Reichs am Ende des 1. Weltkrieges von ihrem früheren Einzugsgebiet jenseits des Flusses abgeschnitten. Viele Maulbeergärten und die besten Stoffkunden blieben am anderen Ufer, in der Türkei. In den Bergen westlich vom Evros, in Richtung der bulgarischen Grenze, ist ja nun mal gar nichts los, was das Sozial- oder Wirtschaftsleben fördert:
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Evros Soufli Karte< (Quelle: Google Earth – vergrößern lohnt sich)
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Also haben wir die Fenster geschlossen, noch ein paar Insekten erschlagen und den Wecker gestellt, auf 5 Uhr. Damit wir in Alexandropoulis die Fähre nach Samothrake erreichen. Nur war um fünf absolut niemandem nach Aufstehen. Kurze Diskussion im Halbschlaf: Geben wir endlich den griechischen Nordosten auf und fahren runter zum Pilion!
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Acht Uhr, die Sonne kommt raus! Also diesmal nicht wieder direkt auf die öde Autobahn! Die Hügellandschaft im Westen ist nicht nur aus Sicht der Geier und Störche sehenswert. Wenn die Straße auch so bescheiden ist, daß man leicht zum Geierfrühstück werden kann (siehe Karte oben): Über Kyriaki, Mikro Dereio, Mega Dereio geht es auf schmalen Landsträßchen nach Arrianá.
Auf den letzten 70 irlandgrünen Kilometern kein Dorf, kein Mensch, kein Verkehr, auch keine fliegenden Aasfresser. Man freut sich schon über einen Armee-Lkw, der einem in einer engen Kurve entgegenkommt. Gegenverkehr …? Der Fahrer starrt uns ungläubig an.
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Mikro Dereio Brücke
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Das größte Zivilisationsbauwerk der Gegend ist die Brücke am Dorf Mikro Dereio (wo außer einer alten Frau mit einem Reisigbesen niemand zu sehen ist). Und was will uns das schwarz-weiße Verkehrszeichen sagen? Wechseln Sie die Straßenseite und fahren Sie zwanzig, weil …
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Mikro Dereio Brücke 2
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… die rechte Seite der Brücke nicht passierbar ist. Schon gar nicht für Lkws oder Kettenfahrzeuge. Schauen Sie mal genau hin …
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Schlagloch
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… es gibt Schlaglöcher in der Fahrbahn, mit Party-Pizza-Durchmesser, durch die man teilweise bis auf das Wasser hinunter schauen kann.
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Schlagloch 2
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Manchmal sind die Schäden auch (gewissermaßen) repariert. Mit losen Holzstücken.
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Mikro Dereio Furt
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Und was machen Sie, wenn Sie mit Ihrem Lkw oder Ihrem Schützenpanzer drüber wollen? Nehmen Sie besser die markierte Furt neben der Brücke! Nach dem Regen der letzten Tage hätte man das mit einem normalen Pkw natürlich nicht tun sollen.
(Es war dort nicht die einzige Brücke im bedenklichen Zustand. Wir hätten uns das Zusatzfutter für die Geier im Nationalpark doch mal genauer ansehen sollen …)
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Brücke Luftbild 2015Tja, und – wenn man das aktuelle Google Earth Luftbild der Brücke ansieht – an dem Zustand hat sich wohl wenig geändert. Die Auflösung ist leider nicht perfekt: Die Furt könnte jetzt durchbetoniert sein, und diese Betonplatte sorgt für einen kleinen Stausee im nach Norden führenden Flüßchen. Ob ich da nochmal hinfahre, um nachzuschauen …?
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Wir kamen am selben Tag noch bis ins Ossa-Gebirge, wo sie früh am nächsten Morgen anfingen, die Etage über unserem Pensionszimmer abzubrechen.
Übrigens, wir wollten zuerst in den äußersten Norden des Pilion, und zwar über die Küstenstraße östlich vom Mavrovouni-Massiv. Nur war wegen der Folgen des Winterwetters ab Melivia die Zufahrt gesperrt … man hätte es riskieren können weiterzufahren, aber wir hatten ja schon am zweiten Tag unser Auto auf einem Sandweg „ausgraben“ müssen, es hatte mit dem Fahrgestell aufgesetzt … manchmal trifft es einen eben härter als sonst …
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Giorgos Dalaras & Lavrentis Machairitsas: Didimotiko Blues (live)
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> THRAKIEN – POMAKENREGION

Siehe auch  > Website Dadia-Lefkimi-Soufli Forest National Park
Und schauen Sie mal auf deren  > KARTE
Siehe auch  > Restaurants in Ostmakedonien und Thrakien

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