Lakki Leros-County CA?

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Oder ist das doch Hellas?
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“Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto ist schöner als die Nike von Samothrake.”
aus: Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus (1909)

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Leros. Lakki, Kino neben dem Hotel Roma
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Es hat nicht gedauert, bis ich am Hafen im Café saß, neben der coolen griechischen Rentner-Gang mit den Al-Capone-Hüten, nicht bis die überblonde und überoberweite Bulgarin den übergroßen Kaffee brachte, daß ich mir vorkam wie in XXL-Kalifornien. Es fing schon an, als ich die überbreite schnurgerade Straße herunterkam von Vromolithos und plötzlich zwischen den übergroßen Palmen und den Eukalyphtus-Giganten die ersten überdimensionierten Villen sah …
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Hier in Lakki ist vieles “über-“ … dabei ist der Ort doch so klein! Das hier ist jedenfalls nicht wirklich Postkarten-Griechenland. Das hat eher was von San Diego, von Monterrey, aber das Gesamtformat eines abgelegenen Steinbeck-Sardinen-Kaffs an der südkalifornischen Pazifikküste.
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Und manches Kafeneion sieht hier genauso schrecklich schlicht aus wie früher die billigen Cafés auf dem Farmer’s Market in Hollywood, wo vergessene Comedystars und Scriptwriter von vergessenen TV-Serien ihre Zeit totschlugen … wo Lou aus Smyrna mir vor 15 Jahren einen Sitzplatz zwischen seinen weißhaarigen “buddies” gesucht hatte, die nicht glauben konnten, daß ich ihre besten Pointen nicht kannte, ja nicht mal die “Stars” kannte, die diese Worte auf dem Bildschirm doch unsterblich gemacht hatten.
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Lou, der für mich ein archetypischer Kalifornier war. Der in seinen Augen ein Leben lang “Grieche” war, aber kein Griechisch konnte. Der sein Leben lang den Ort sehen wollte, aus dem er 1922 als sprachloses Kleinkind vertrieben wurde. Smyrna. Er hätte sich in Lakki wie zu Hause gefühlt. Eine Insel wie Leros wäre groß genug für ihn gewesen. Lakki hat mehr für Kalifornier mit griechischem Herzen als das heutige Smyrna … das Izmir heißt und in Türkiye liegt …
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Gerade, weil Lakki eine von Italienern gebaute Stadt ist. Gestaltet von Italienern, die sich für Weltbürger hielten und nicht für Faschisten …
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Das “italienische” Lakki wurde als Porto Lago in den Dreißiger Jahren gebaut, im “internationalen Stil”. Als die Filme von Howard Hawks, Frank Capra und George Cukor entstanden sind. Als Lou zum ersten Mal ins Kino ging. Lakki ist heute noch das Kalifornien der 1930er Jahre im Westentaschen-Format. Aber so viel im heutigen Kalifornien hat auch nur Westentaschengröße, was macht das schon aus …
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In Lakki ist alles rund. Die Architekten liebten den Kreis als Grundriß. Und es ist alles weit. Als hier Straßen am Reißbrett gezeichnet wurden, da galt als Planungsprämisse wohl: Überall müssen zwei Schwarzhemd-Marschkolonnen oder vier Möbelwagen bequem nebeneinander her passen! Und eine Kolonne im Gleichschritt kommt auch schlecht im rechten Winkel um die Straßenecke, also sind die Ecken abgerundet … wenigstens da hatten die Avantgarde von Kultur und Architektur und die römischen Machthaber was gemeinsam …
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Rund: Die Bank am nördlichen Hauptplatz
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Rund: Ein Markt im Zentrum
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Rund: Die Grundschule
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Rund: Eine Ladenreihe an der Hafenstraße
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Und an die Bilder von Edward Hopper habe ich in Lakki gedacht. Sein “Nighthawks” von 1942 zeigt die Rundung einer nachtleeren Bar. Die liegt zwar in einem großstädtischen Ambiente, aber die könnte auch hier in Lakki sein. Einsamkeit, Distanz, irritierende Stille, leere Blicke. Der ganze Ort hätte Hintergrund für seine Arbeit sein können!
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Google Earth: Das Zentrum von Lakki, rechts die Straße nach Vromolithos
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LAKKI, EIN WENIG ZUM HINTERGRUND: Nach dem Italienisch-Türkischen Krieg von 1911 besetzte Italien die Inseln des Dodekanes. Die überwiegend griechisch besiedelten Inseln sollten nach dem Venizelos-Tittoni-Vertrag von 1919 eigentlich an Griechenland übergeben werden, mit Ausnahme von Rhodos. Nach der Niederlage Griechenlands im griechisch-türkischen Krieg und der Vertreibung der Griechen aus Kleinasien regelte der Vertrag von Lausanne von 1923 jedoch, daß die Inseln im italienischen Königreich verblieben. In den 1930er Jahren begann unter Mussolini eine Ära der Italienisierung der Inseln. Für ihn waren sie die Basis der Machterweiterung im östlichen Mittelmeer. Es wurde erheblich in die Modernisierung investiert. Doch die Italiener blieben eine Minderheit. Nach der Volkszählung von 1936 lebten auf den Inseln 129.135 Menschen, davon nur 7.015 Italiener, und die zu 80% auf Rhodos, der südlichen Militär- und Verwaltungsbasis.
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Leros galt als nördliche Militärbasis, bzw. es sollte aus einem verschlafenen Maultierinselchen dazu entwickelt werden. Leros lebte bis dahin davon, daß es die Besten seiner Jugend nach Istanbul und nach Ägypten “exportierte”, wo sie bei Hof und im Kaufmannsgewerbe Karriere machten …
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Um die Insel für die Kolonisation attraktiv zu machen, sollte ab 1930 eine mustergültige, moderne Stadt aus dem Nichts geschaffen werden: Porto Lago. (Zu Ehren des damaligen Gouverneurs des Dodekanes, Mario Lago, nehme ich mal an.) In Sichtweite des Marine-Hafens sollte auch die Stadt liegen. Eine Stadt, in der man auch eine italienische Muster-Familie gründen konnte, wie zu Hause. Eine Stadt mit Kino, Märkten, Krankenhaus, Schulen und Sozialeinrichtungen, mit großzügigen Straßen für die Zukunft, wo vielleicht jede Familie einen FIAT haben konnte ….
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Es ist kein Generalplaner für die Stadt bekannt, von den Architekten sind die Namen Rodolfo Petracco und Armando Bernabitti erhalten. Sie nutzen die Gelegenheit, um avantgardistische Architektur-Ideen in die Tat umzusetzen. Ornamentlosigkeit und Schlichtheit der Formen, die Ideen der Neuen Sachlichkeit, wenn nicht hier am Ende der Welt, wo dann? Die Gelegenheit war günstig, man war weit weg von Rom, und Mussolini hielt sich selbst ja auch nicht für einen Über-Architekten wie Adolf H. und redete nicht überall rein …
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Man vergleicht Lakki oft mit der vom Deutschen Werkbund initiierten Weissenhof-Siedlung in Stuttgart (1927, Le Corbusier, Gropius, Mies van der Rohe, Scharoun etc.). Das ist vielleicht ein bißchen geschmeichelt, was die Wohnbauten angeht, aber vielleicht läßt man sich von den großen Namen in Deutschland ja auch blenden (allerdings ist Lakki als funktionsfähige Stadt mit allen Funktionen geplant!). Die Weissenhof-Siedlung war den kleinbürgerlich-miefigen Nasen der Nazis jedenfalls ein bißchen näher, und sie wurde bald von Kultur-Funktionären als “Araberdorf” beschimpft und wäre kurz vor Weltkriegsbeginn fast abgerissen worden …
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Wenn Sie Griechisch können und an Architektur interessiert sind, wird Sie der Artikel von A.C. Antoniades bei ΑΝΘΡΩΠΟΣ ΚΑΙ ΧΩΡΟΣ (Mensch und Raum) interessieren. Ich habe ihn nur per Google-Übersetzer “gelesen” … http://www.akx.gr/20-07.aspnaja, ich habe erahnt, worum es geht. Der Text ist offenbar 1984 im Journal of Architectural Education (JAE) vorab erschienen (auf englisch), liegt mir aber leider nicht vor: “Italian Architecture in the Dodecanese: a preliminary assessment”.
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Nachtrag: Nur selten, in Bauten aus den späten 20er Jahren, liegt ausnahmsweise noch was Venezianisch-Orientalisches in der städtischen Architektur von Lakki:
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5 comments

  1. Hallo Theo,

    ich kenne außer Lakki eigentlich nur eine Stadt, wo die italienische Architektur des Faschismus als italienische Variante des international style so geschlossen erhalten ist, nämlich Asmara, die Hauptstadt Eritreas. Dazu ein vielleicht für Dich interessanter Link: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23913/1.html

    Viele Grüße aus Stuttgart
    Gerhard

  2. Hallo Gerhard, sieht ja interessant aus! Mir gefällt die Bar Zilli, weil da mal das Senkrechte betont wird. Ein sehr harmonischer Bau.
    Theo
    Ach so, noch was Schräges am Rande: In Los Angeles gibt es den Stadtteil LITTLE ETHIOPIA, im Fairfax District, und witzigerweise ist etwa da der oben erwähnte Farmer’s Market. (Ecke Fairfax Avenue/3rd Street, Nähe CBS-Studios). Ist traditionell eine überwiegend jüdische Gegend, aber mit vielen Einwanderern aus Eritrea und Äthiopien.

  3. “Lakki, a monument to 1930s Italian rationalism”, von Giorgos Lialios:
    http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite4_1_18/02/2014_537453

    Eine gute Analyse, mit einem aufschlußreichen Luftbild des Zentrums. Und, wer hätte das gedacht: Nur das Kino, das Hotel und die Markthalle stehen wirklich unter Denkmalschutz. Das Stadtzentrum ist zwar seit 1978 als “traditionelle Ortsanlage” geschützt, in der man nicht einfach neu bauen darf, aber die Grenzen des Schutzgebiets wurden nie festgelegt. Es gibt auch keine fixierten Richtlinien, die den Ort vor willkürlichen baulichen Veränderungen bewahren können. Lakki hat bisher einfach nur Glück gehabt, meistens jedenfalls …

    Die Architektin Donatella Manzella hat in einer Studie (‘Saluti da Leros – Portolago: una citta razionalista nell’ Egeo’) aber schon festgestellt, wie bei Renovierungen bereits jetzt strukturelle Veränderungen an einigen Gebäuden vorgenommen wurde, und wie neuzeitliche Baumaterialien und Anstriche einzelne Gebäude nachträglich verändert haben.

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