Astypalaia Vathy Drakospilia

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Drakospilia
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Astypalaia, Vathy, Aghios Thomas Halbinsel, die Drakospilia Höhle
(Foto Gerhard Luckner)
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Ludwig Ross …! Egal, an welchen entlegenen Winkel man kommt in der Ägäis, Ludwig Ross war schon da. Ross (1806-1859) war königlicher Beauftragter (Ephoros) für die antiken Stätten in Griechenland und Archäologieprofessor in Athen. Aber er war nicht nur auf dem eng begrenzten Gebiet des damaligen Königreichs unterwegs. 1841 führten ihn seine Inselreisen auf den Dodekanes, also ins Osmanische Reich. Nur, es gab im Osmanischen Reich viele Orte, an denen man von der osmanischen Herrschaft kaum etwas merkte. Ross schreibt, Astypalaia sei im Jahre 1841 „eine Insel, die vielleicht einmal im Jahre von einem Türken betreten wird.“
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Ansonsten entsprach die Insel in etwa dem heutigen Erscheinungsbild. Ross: „Die Stadt (Chora) hat 250 Häuser; außer diesen giebt es kaum noch ein paar Dutzend über die Insel zerstreute Wohnungen. Die Zahl der Einwohner erreicht nicht ganz 1500.“ (Inselreisen II, S. 62)
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Stampalia
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Chora und Burg von Astypalaia, vor 1912. Laut E. Savvari und V. Tsamtsouri (“Astypalaia”, Melissa-Verlag, 1985) wurde das Gebiet um die heutige Platia und (links) hinab zum Hafen erst danach besiedelt.
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Als Ross unter widrigen Windverhältnissen in den Hafen von Pera Ghialos einfährt, bereitet er den Inseleinwohnern eine kleine Sensation: „Ein Schiff unter königlich griechischer Kriegsflagge war hier eine nie gesehene und unter den jetzigen Verhältnissen unverhoffte Erscheinung, an die sich seltsame Erwartungen knüpfen mochten; wir sahen vom Verdeck aus, wie sich wohl die Hälfte der Bevölkerung am Rande der Stadt sammelte, um uns zu beobachten.“ (Inselreisen II, S. 57) Ross ist mit der Leon, der königlichen Yacht, unterwegs.
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Astypalaia ist ausschließlich von christlich-orthodoxen Griechen besiedelt, die die Willkür der ignoranten Politiker aus dem neuen griechischen Staat ausgeschlossen hatte. Ross:  „Hier gebietet (…) seit einem Jahrzehnt wieder der Sultan, und die Leute entrichten ihre Abgaben wieder an den Paschah von Rhodos, statt an den Gouverneur von Thera. (…) Die (Londoner) Conferenz* hatte nämlich (…) die erste Gränzlinie, obgleich im Meere Raum genug dafür gewesen wäre, dennoch so gezogen, daß die Nordhälfte von Amorgos nebst Kinaros an die Türkei zurückfiel, die Westhälfte von Astypaläa dagegen Hellas verblieb. Dann tauschte man die willkührlich aus einander gerissenen Inselhälften ebenso willkührlich gegen einander aus, und vergaß dabei nur, Kinaros an Griechenland zurückzugeben.“ (Inselreisen II, S.55-56)
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Steno
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Hier, bei Steno, die schmalste Stelle zwischen den beiden Hälften der Insel (im Hintergrund der Westteil)
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Ross: „Von den beiden großen Hälften der Insel ist die westliche, auf der die Stadt liegt, am kahlsten und steinigsten.“ Ja, das hatte 2010 auch schon festgestellt. Allerdings hatten meine Rundwege auf der Osthälfte der Insel, jenseits von Maltesana, nur einen eher kleinen Radius. Diesmal wollte ich unbedingt Vathy sehen, die letzte Ansiedlung im Nordosten der Insel.
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Ob ich Gerhard und Cornelia zu einem Ausflug überreden kann? Gerhard kennt Astypalaia schon seit 1976, Cornelia gehört zu den Leuten, die vor vielen Jahren anfingen, die verlassene Altstadt von Chora wieder zu besiedeln … da hat man, wenn man auf der Insel ist, andere Prioritäten als so ein Gelegenheitsbesucher wie ich …
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Sie wollen. Gerhard will mir die „Drachenhöhle“, die Drakospilia auf der Aghios Thomas Halbinsel, zeigen. Das sei wirklich das Ende der Welt da oben. Und Cornelia freut sich darauf, einfach mal den Jeep zu steuern. Am Ende sind wir allerdings gleich zu fünft im Auto, vier Chora-Nachbarn und ich. Zur Höhle wollen nur drei von uns.
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Am Ausflugsmorgen ist natürlich unser Auto nicht da. Der Mieter vom Vortag hat es nicht zurückgegeben. Es wird irgendwoher ein anderes besorgt. An Kostas’ Tankstelle steht immer noch was. „Ist aber eine Schrottkarre!“ flucht Cornelia. Sie hat schon einen Streit mit dem Vermieter hinter sich, als wir uns im Kafeneion Michalis am Hafen treffen.
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Vathy
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Ein erster Blick auf die Bucht von Vathy
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Um auf Ludwig Ross zurückzukommen … natürlich war er auch in Vathy, natürlich wußte er auch von der Drachenhöhle. Er ritt damals locker auf dem Maultier ostwärts, statt sich in einen verbeulten, übervollen Suzuki-Jeep zu zwängen. (Der Vermieter war schon entsetzt: Mit einem so vollen Auto nach Vathy! Naja, die hinten sitzen, hätten wenigstens gerne am Start ihre Beine zurückgelassen, und ich meinen überreizten Magen.)
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Ross: „Die Berge (im Ostteil) erinnerten mich in Form und Farbe ganz an Argolis und Attika: blaugrauer Kalkstein, dazwischen spärliches rötliches Erdreich, und mit Fichten, Wacholder und Lentiscus (Pistacia lentiscus = Mastix) bewachsen. Dann wandten wir uns (…) nach Exo Vathy (exo = außen), wie widersinnig genug der innere Winkel eines geräumigen und schönen, rings von Bergen umschlossenen Hafens heißt (…) und südlich über der kleinen Ebene erhebt sich ein isolierter Hügel mit einem verfallenen Kloster des h. Nikolaos. Das Vorgebirge an der Nordseite der Hafenmündung heißt Messa Vathy (…).“
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Mesa Vathy 1
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Mesa Vathy 2
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Frühstück in Mesa Vathy
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Mesa Vathy 3
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Nein, Sie müssen abends nicht zurück: Das “Hotel” in Mesa Vathy.
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Am leeren Exo Vathy fahren wir heute bloß vorbei. Ein Auto überholt uns, während wir einmal stoppen und die Aussicht bewundern. Sonnenverbranntes Weideland. Spätsommerstille. Aber am Kai von Mesa Vathy ist die Taverne auf. Drei Yachten und ein Fischer aus Kalymnos haben festgemacht. In dieser stürmischen Ecke ist der Fjord von Vathy oft die letzte Rettung für kleine Schiffe. Wir wollen hier frühstücken, unsere beiden Strandgäste zurücklassen, und zu dritt die letzten drei Kilometer zurücklegen, die man noch mit dem Auto fahren kann auf dem Weg zur Drachenhöhle. Am kleinen unbewohnten Kloster Panaghia tou Thoma ist absolutes Ende der Fahrstrecke. Von da an geht es weglos zu Fuß durch Wacholdergebüsch, über Karstfelsen und graues knöchelhohes Gestrüpp. Kein Schatten, kein Windschutz.
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Ross: „Eine Stunde weiter nördlich von dort ist an der Küste die Drachenhöhle (To Drakontospilaion), wo nach der Angabe unserer Führer eine Inschrift existiert und drei Quellen Wassers von verschiedener Temperatur und von verschiedenartiger Wirkung aus dem Felsen hervorkommen; also wahrscheinlich ein altes Nymphäon. Leider erlaubte die sinkende Sonne uns nicht mehr, diese Puncte zu besuchen.“
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Panaghia tou Thoma
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Panaghia tou Thoma
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Wir sind früh genug dran für den Höhlenbesuch. An der Panaghia treffen wir einen Bauern, der sich freut, daß ihn Josette auf den Weg anspricht. Er ist gerade da oben, um die Ziegen mit Wasser zu vorsorgen. Er kratzt für uns eine „Karte“ mit der Strecke in den trockenen Boden. Aber Gerhard ist nicht zum ersten Mal zur Höhle unterwegs, er weiß, wie er sich auf dem wüstenartigen Gelände orientieren kann, solange er immer unseren Abstand von diesem Leuchtfeuer auf der Hügelhöhe rechts einschätzen kann. Wegweiser gibt es nämlich keine.
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(Foto Google Earth)
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In meiner Terrain-Skai-Karte ist übrigens kein Leuchtfeuer auf dem Gipfel eingezeichnet, laut Karte steht es direkt unten am nördlichen Ufer. Und auf der Karte ist sogar eine FALSCHE Drachenhöhle gekennzeichnet! Nebst einem praktisch nicht existierenden Fußweg dorthin! Warum? Es gibt nämlich zwei Höhlen an der Bucht! Die Höhle in der Skai-Karte – am Buchtende – sehen wir von weitem. Sie ist laut Gerhard nur ein garagengroßer Ziegenstall. Zur richtigen Höhle muß man viel weiter nach Westen!
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Aghios Thomas Halbinsel
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Über das scharfkantige, karstige Gestein vorwärtszukommen, ist (auf zwei Beinen) kein großes Vergnügen. Gerhard führt uns schräglinks abwärts in Richtung Wasser, ohne daß er den Blick auf die runde Hügelspitze rechts verliert. Am Wasser hört die karge Vegetation völlig auf, steil abfallende Rinnen sind jetzt zu übersteigen. Aber von oben ist der Eingang der Höhle nicht zu erkennen. Gerhard ist meist weit vorne. Irgendwann winkt er uns zu sich. Er hat den Eingang gefunden.
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Drakospilia
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Der ist riesig, wie ein Scheunentor, liegt nicht weit über der Brandung, wendet sich nach Südwesten. Ich schaue in den Schacht hinunter, unten geht es nach rechts zu einem Wasserbecken, und nach links in die Finsternis. Direkt am Abstieg unter mir liegt das weiße Skelett einer Ziege. Na Mahlzeit. Ist es mein Hirn, oder ist es mein Magen, der mir nun sagt: „Du willst da gar nicht runter!“
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Drakospilia
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Blick aus der Drachenhöhle nach oben (Foto Gerhard Luckner)
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Ich steige auch nicht runter. Obwohl Gerhard mir vormacht, mit welch geringer Anstrengung man die Wand herunterkommt und wieder heraufkommt. Die Wände unten sind voller Spinnennetze und wirken moosig. Gerhard schüttelt den Kopf, er ist enttäuscht von mir: „Du wirst das echt bedauern, nicht unten gewesen zu sein!“ Ich fühle mich nur noch müde: „Nein, das ist nicht die erste Höhle, vor der ich stehe und in die ich nicht rein MUSS. Wahrscheinlich habe ich so’ne Art Geburts-Trauma, das Tiefenerfahrungen verhindern will …“
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Drakospilia
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Höhlendrachen, mit Laser-Augen … (Foto Gerhard Luckner)
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Auch Josette, unsere zweite Feldweg-Fahrerin, hat keine Probleme beim Abstieg. Inzwischen haben sie die Ziegen, die sich im Schatten der Höhle versteckt hatten, erschreckt. Die Vierbeiner flüchten nach oben, mit eleganten Sprüngen. Glocken klingeln. Ich sitze mit meiner Wasserflasche in der Sonne, dampfe aus und träume. Unten werden die Stimmen immer leiser. Ich habe vergessen, den beiden meine Taschenlampe zu geben. Aber der große Raum der Höhle mit seinem See kriegt ja jetzt, mittags, Licht aus einer zweiten Öffnung.
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Drakospilia
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Der Drachensee (Foto Gerhard Luckner). Wenn eine Höhle an den Namen “Drakospilia” kommt, sollten sich Molche im Wasser befinden.
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Beim Rückweg steigen wir die Hügelseite steil hoch, um die kantigen Schrägen in Wassernähe zu umgehen. Aber der Aufstieg zum nächsten Hügel, auf dessen nur 200 Meter hoher flacher Kuppe die Panaghia tou Thoma steht, hat am Ende noch was gemein Sisyphusartiges: Man kann von unten nicht absehen, wo denn nun der „Gipfel“ ist, es gibt ja keinen … und darum kann man nicht abschätzen, wann das Aufsteigen endlich zu Ende ist. Ein Gefühl, als sei der Hügel eine Kugel in der Erde, die sich einem entgegendreht beim Laufen … es hört einfach nicht auf.
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Noch eine Pause an der Kirche. Josette braucht ihre Selbstgedrehten. Motor an und zurück auf dem Geröllweg. Ziegen und Kühe neben der Piste. Auch ihre Stiere lassen die Bauern hier frei laufen. Es gibt sogar eine Warnung im Internet. Cornelia erinnert sich, daß eine Freundin von ihr von so einem Vieh mal hartnäckig verfolgt wurde.
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Vathy
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Gerhard bei der Arbeit: Ein Panoramafoto per Handy. Schauen Sie selbst:
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Vathy Panorama
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Tja, in der Taverne in Mesa Vathy soll nun die Belohnung für unsere Anstrengung kommen. Wir haben Riesenteller Oktopus, Kalamare, Salat, Fava, Patates bestellt, aber schon der Blick darauf schaltet in meinem Magen eine üble Rotation an. Cornelia redet mir aus, später mit Medikamenten gegen die Krämpfe vorzugehen, berät sich mit der Köchin, kommt mit einem großen Becher Fisch-Sud. Rofos, Wolfsbarsch, hatte man portionsweise gegrillt für die russische Yacht-Besatzung, die noch da drüben beim Bier sitzt. Und aus dem Rest des gigantischen Fisches läßt sich eine wunderbare Suppe kochen. Beim ersten Schluck muß ich mich noch überwinden. Wie das Zeug schon aussieht …!
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Mesa Vathy
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Die Teller sind fast leer, die Netze sind fertig, der Fischer aus Kalymnos gibt uns Nachhilfe-Unterricht in Meereskunde, Josette übersetzt ins Deutsch-Französische … (Foto Gerhard Luckner)
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Der stark eingekochte Sud wirkt Wunder. Essen kann ich zwar immer noch nichts, aber durch das Salz paßt wenigstens der Wein schon wieder ins System – erst am Abend schaffe ich einen „Tost“ bei Nikola, und die Krämpfe sind weg.
(Auf dem Rückweg im Jeep gab es für die drei hinten Sitzenden auch Krämpfe, jedoch in der Beinmuskulatur! Unterwegs hält Cornelia kurzentschlossen ein anderes Auto an, und teilt dem griechischen Fahrer ihren Gerhard als Beifahrer zu, bis zur platia in Chora …)
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Nikola Chora
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Wo es jeden Abend endet, wenn es nicht bei Arta endet, drüben an der Platia …
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Naja, Ludwig Ross hat in Vathy auch nicht viel gegessen. Ross: „Wir konnten nur kurze Zeit im Schatten eines Baumes bei Exo Vathy rasten; ein bejahrter Mönch, der einzige Bewohner dieses abgeschiedenen Thales, bewirthete uns mit frischen Feigen, und eilte dann ans Ufer, wo er sich auskleidete, und mit jugendlicher Rüstigkeit schwimmend und tauchend ein Körbchen voll eßbarer Muscheln für uns sammelte. Als er so mit langem Haar und langem Barte, an dem einige grüne Seepflanzen hängen geblieben waren, triefend von Wasser, wieder über die Felsen kletterte, konnte man einen alten Tritonen zu sehen wähnen, der eben seiner feuchten Behausung entstieg.“
(Inselreisen II, S. 65-66)
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Reisen auf den griechischen Inseln des Ägäischen Meeres
(2. Band)

Ludwig Ross
1843  Cotta, Stuttgart/Tübingen
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Siehe auch: LUDWIG ROSS, INSELREISENDER
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* 1830 war nach dem griechischen Unabhängigkeitskampf  im Londoner Protokoll von Großbritannien, Frankreich und Rußland Griechenland zum selbständigen Staat erklärt worden. 1832 wurde auf der Londoner Konferenz die Staatsform, die Staatsgrenze, die Abfindung an das Osmanische Reich für den Gebietsverlust usw. beschlossen.
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2 comments

  1. Habe die Drachenhöhle nach einem erfolglosen Versuch 2006 dieses Jahr auch gefunden! Die Beschreibung hier auf der Seite hat mir dabei auch geholfen. Wenn man von der Kapelle aus genau auf den Rand von Amorgos zugeht kommt man genau hin.

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