19 Fermor: Sarakatsani

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Roumeli – Travels in Northern Greece
Patrick Leigh Fermor, Harper & Row, New York 1966
(2006 New York Review Books, ISBN-13: 978-1-59017-187-5
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Leben und Geschichte und Brauchtum und Glauben der Sarakatsani kann ich hier nur kurz andeuten, und ich hoffe, daß durch die Verkürzung nicht allzu viel “daneben” gerät. Selbst jemand, der so sprachgewaltig ist wie Patrick Leigh Fermor, braucht für eine kurze Betrachtung des Themas auch 62 Buchseiten von “Roumeli – Travels in Northern Greece”. (Das ist weit mehr als der zehnfache Umfang dieser Seite.)
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Fermor verweist auf die frühe Arbeit des Dänen Axel Hoeg, des Anthropologen John Campbell und besonders von Angeliki Hatzimichalis (deren Buch leider nicht aus dem Griechischen übersetzt ist). Deren Arbeiten stehen mir alle nicht zur Verfügung, und sie scheinen auch kaum zu finden zu sein.
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Vor Fermors Arbeit kann ich nur eine kurze Zusammenfassung geben, und ein paar Dinge herausgreifen, die neugierig machen. (Und empfehlen, den Text selbst zu lesen!)
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Nomadische Hirten, 1887 (Schweiger-Lerchenfeld: Griechenland)
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Fermor hatte 1935 seine erste (zufällige) Begegnung mit einer Sarakatsani-Siedlung in Makedonien. Was ihn am meisten fasziniert, ist die völlige Weltabgeschiedenheit des Clans. Ein paar Kilometer weiter … in Hörweite … kämpfen Plastiras- und Venizelostruppen gegeneinander um die Regierungsmacht, und die Sarakatsani-Gruppe weiß nichts davon. (Fermor muß eingestehen, daß sie sich vielleicht “dumm stellen” und den jungen Engländer, der so eine witzige Aussprache hat … er hat Neugriechisch auf dem Athos gelernt … auch nur politisch aushorchen wollten …)
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Aber die Sarakatsani halten sich prinzipiell fern von allen, und die gesamte Gruppe (80.000 Personen) heiratet auch nur untereinander. “If nomads pass through a village, they do it at dead of night”, hört Fermor.
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In der Hütte, in der er bewirtet wird, erinnert fast nichts an die Neuzeit. Alle tauchen ihre Löffel in die gleiche Schale von mit warmer Milch übergossenem Brot, und alle teilen sich die einzige vorhandene Kaffeetasse …
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Patrick Leigh Fermor beschreibt in “Roumeli” (1966), wie er einen Sarakatsani-Clan-Chef in Alexandroupolis (Thrakien) im Kafeneion trifft, der für eine Hochzeit einkauft. Er wünscht ihm dazu höflich alle Gute und wird prompt nach Sikarayia (Sikorraki) zum Fest eingeladen. Das Dorf war noch von Sarakatsani-Hütten dominiert. Es diente als Winterquartier für die im Sommer in den Rhodopi weidenden Herden und Hirten.
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(Ich war 2003 in der Gegend … die wenigen Dörfer dort waren inzwischen so wie alle anderen in Thrakien und nicht sehr attraktiv. Nomadenhütten habe ich keine gesehen. Aber die Gegend an der Bezirksgrenze Rhodopi/Evros ist immer noch unglaublich weit, still, leer, arm und vernachlässigt. Wenn Sie von Soufli nach Arriana über die Landstraße durch die Berge fahren, finden sie zerfallene Brücken, die Sie vorsichtig im Slalom um große offene Löcher im Brückenboden oder auf einer Furt umfahren müssen, und Menschen sehen sie gar keine.)
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Der altertümliche Zug Alexandropouli-Komotini bringt Fermor mit den Hochzeitsgästen zur Feier. Die Empfangsgesellschaft bringt Kreuze und Fahnenstangen zur Begrüßung zum Zug, die mit Granatäpfeln geschmückt sind. (Der Granatapfel bringt Glück, zu Neujahr werden mit Granatapfelsaft auch die Herden “geweiht” …)
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Inzwischen ist Fermor besser vertraut mit dem Dialekt der Sarakatsani, aber trotzdem kann er den Gesprächen nicht immer folgen. Besonders wenn es um interne Dinge wie die Herden und um die Natur geht: “Their talk was hard to understand, as the Sarakatsans have a vast and arcane vocabulary for the minutiae of their calling: for different kinds of springs and qualities of grass, for ways of hut-building and belltuning and for breeds of sheep and goats and horses and watchdogs. They have their own expressions for all the tupping, lambing, weaning, shearing, carding, spinning, milking, seething, scalding, straining, basket-weaving, path-finding, tent-pitching, camp-striking, trough-scooping and weather-divining round which their whole life turns.”
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Fermor hat gehört, daß das Wort sarakatsani aus dem Türkischen stammt und karakatchani = “the black ones who depart” (etwa: die reisenden Schwarzen) bedeutet. So? Seine Gesprächspartner staunen selbst drüber. Aber sie seien Griechen und keine Türken und entlehnten keine Begriffe aus dem Türkischen und hätten auch nichts mit den Koutsovlachen (heißt “hinkende Vlachen”) oder Karagouni (Arvanitovlachen) zu tun.
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Es wird in einem gemauerten Haus gefeiert! (Einer der alten Männer unter den Gästen hat an dem Tag, neunzigjährig, angeblich zum ersten Mal ein Haus betreten …) Das Essen wird draußen an Feuern und in den Backöfen zubereitet, Fermor muß sich in aller Höflichkeit dagegen wehren, ehrenhalber immer die “besten Bissen” zu kriegen, Schafshirn (direkt im halbierten Schädel serviert) zum Beispiel und Schafsaugen. Alles von den Hirten hochgeschätzte Spezialitäten …
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Er staunt über die Bekleidung. Deren Farben sind alle “Schafsfarben”, von weiß über beige und braun zu schwarz. Die Braut trägt dazu zahlreiche Goldmünzen, und ihre Kleidung ist schwer wie eine Ritterrüstung. (Die Sarakatsani seien komische Figuren, aber reich, sie hätten ihr Geld in Töpfen in den Bergen vergraben, hatte man ihm vorher zugeraunt.) Alle Muster sind streng geometrisch, so als sei seit 3000 Jahren nichts am Zuschnitt geändert worden …
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Zum Tanz spielt eine Zigeunergruppe. (Die Sarakatsani spielen nur die Flöte.)
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Frauen schweigen gewöhnlich in Gesellschaft der Männer. Sie halten sich auch beim Hochzeitsfest abseits, sind aber ziemlich angeregt, und ihre Themen sind oft ausdrücklich sexuell. (Das ist nur an Tagen wie dieser Hochzeit erlaubt.) Ja, über Sex wird von den Frauen mit einer Direktheit gesprochen, daß es Fermor sehr irritiert …
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Die Braut hält sich sehr zurück. Sie erscheint Fermor inmitten ihrer Aussteuer wie eine ausgestellte Figur in einem Folkloremuseum.
“Doesn’t she ever speak?” will er wissen.
“Not now.”
“It’s sad, during her own wedding.”
“Ah! That’s the way it is … That’s as it should be.”
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Draußen wird Wein getrunken bis zum Umfallen, viele der Männer liegen später draußen in den Büschen und schlafen “as though snipers had laid them low in mid-career”. Fermors Heckenschützen-Vergleich ist nicht so weit hergeholt, in früheren Zeiten sei bei Feiern oft herumgeschossen worden … lahme Pferde, Verletzungen, selbst Tote, das sei üblich gewesen.
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1650 sind die Sarakatsani zum ersten Mal als Volk nachweislich beschrieben worden (Eugenius der Aetolier). Ihre Herkunft ist umstritten, und sie selbst haben ja nie etwas aufgezeichnet. Es herrschen viele Legenden über sie … sie sorgen selbst dafür durch ihre Unnahbarkeit.
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Ob sie mit den anderen Nomaden denn nichts zu tun haben wollen, will Fermor wissen. Man lacht. “If you hear a shepherd use the word lapte (vlachisch = Milch) hit him over the head”, ist die Antwort.
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Sarakatsani galten als Wilderer und Banditen (Berühmte Klephten waren Katsandonis und Karaiskakis aus den Agraphabergen). Sie zahlten nie Steuern und wurden nicht zum Militär eingezogen. Sie und die Mönche der Klöster galten jedoch immer als Kern des Widerstandes in Griechenland, von der Revolution gegen die Osmanen bis zum II. Weltkrieg. “The border between pastoral life and lawlessness is often vague”, urteilt Fermor.
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Nur noch ein paar Stichworte zum Brauchtum:
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Sie leben nach uralten Traditionen und Regeln, nichts wird in ihrem Leben improvisiert … ihre Sprache hat keine regionalen Einfärbungen … obwohl sie nur 80.000 im Land weit verstreute Personen sind … und bezeichnenderweise ist die Tracht der Frauenkleidung immer und überall gleich (obwohl sonst von Dorf zu Nachbardorf die griechische Tracht völlig anders sein kann!).
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Die patriachalische Lebensform zeigt sich auch hier: Frauen werden gewöhnlich nicht mit ihrem eigenen Vornamen, sondern mit der weiblichen Form des Namens des Ehemannes angesprochen … Nicolaina, Yorgaina, Andonaina …
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Aber Frauen werden gewöhnlich selten von Männern angesprochen, auch kaum von ihrem Ehemann. Und Männer wie Frauen haben eine panische Abneigung gegen Nackheit. “They never wash from the day they are born till the day of their death”, hört Fermor über sie … obwohl seiner Nase bei seinen Besuchen nie etwas auffällt. Die Hütten riechen immer angenehm nach warmer Milch, Holzfeuer und Tabak. Und eine Sarakatsani-Familie hatte früher fünf bis fünfzehn Kinder …
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Glauben und Aberglauben: Sie kennen keine Dreifaltigkeit, ihr Gott ist “Ai”, Gottvater und Jesus sind eine Person … Ai ist abgeleitet von ayios/hagios.
Sie haben wundervolle abergläubische Vorstellungen (zu viele für diese Seite, und sehr viele haben mit Vampyren zu tun). Die Daouti (flötenspielende pan-artige Geschöpfe) gehören zu den schlimmsten unter den finsteren Kräften. Daouti rufen einen gerne mit dem Vornamen im Wald, dann muß man ganz still bleiben und bloß nicht anworten, man könnte davon sonst stumm werden …
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Das Feuer ist heilig und wird oft rituell besonders bewahrt (Advent). Die Weihnachtsgeschichte halten sie für eine ureigene Sarakatsani-Legende … die Situation in Bethlehemer Schafstall bietet sich dazu ja auch an …
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Sterberituale: Oben auf den Almen muß man sich (ohne Priester) selbst helfen. Männer werden so hoch wie möglich begraben (wo sie ihre Herde “sehen können”), das Grab wird mit dem Schäferstock geschmückt. Frauengräber erkennt man an der Dekoration mit der Spindel. Frauen werden mit allem Schmuck beerdigt, nach etwa fünf Jahren wird das Grab geöffnet (wie es orthodoxerweise überall so üblich ist). Die skelettierten Knochen werden entnommen und der Schmuck unter die Kinder verteilt. Wenn ihn nicht vorher “zweibeinige Wölfe” geholt haben …
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Ja, zweibeinige Wölfe (Viehdiebe) waren so verhaßt wie die vierbeinigen. Vor 50 Jahren gab es in der menschenleeren Zagoria noch Wolfsrudel mit bis zu 20 Tieren. Und Schakale, die den Jungtieren der Herden nachstellten.
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Epirus: Der Katara-Paß am Anfang der 1950er Jahre
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21.01.08. Meine Hirten-/Sarakatsani-Seiten sind sicher “ergänzungswürdige” Texte (nach wikipedia-Maßstab). Wenn Sie Fehler sehen oder Ergänzungen vorschlagen wollen, freue ich mich, etwas von Ihnen zu hören!

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2 comments

  1. Hallo!

    Was Sarakatsanos ist und bedeutet, haben Sie mit den Auszügen echt super hinbekommen!

    Wikipedia-Maßstab, von wegen, Ihre Zeilen stützen sich auf Fakten und haben Hand und Fuß, Wikipedia-Infos bezüglich dagegen, sind stellenweise echt ein Witz!

    Frohe Weihnachten!

    I. Efstathiadis

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