18 Nomadische Hirten 2

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Tim Salmon (Foto: Maro Koutroumanou, Lycabettus Press)
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Tim Salmon war 1960 als 18jähriger zum ersten Mal nach Griechenland getrampt. 1964, nach seinem Universitätsabschluß, lebte er in Kreta. Ab 1976 hatte er einen permanenten Job in Griechenland, war mit einer Griechin verheiratet und sprach die Landessprache.
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1977 ist er in Evritania unterwegs, dem ärmsten Bezirk des griechischen Berglandes. Die Sarakatsani findet er noch, aber ihr Leben ist im Umbruch. Im Gegensatz zu den Vlachen, die ihre eigene (lateinisch/rumänisch) gefärbte Sprache sprechen und im Winter in den Steinhäusern der Bergdörfer wohnen, in einer eigenen Subkultur, ist die Lebensweise der nomadischen Sarakatsani eher flüchtig. Wo hinter ihnen ihre Reisighütten zerfallen, verschwindet auch ihre Tradition.
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Und ihre Sprache ist im Grunde ja griechisch … ihre Dialektbegriffe beziehen sich in erster Linie auf ihre Berufsausübung, die Herde, die Berge. Also hält sie (sprachlich) nichts davon ab, sich in den Städten und in anderen Berufen zu assimilieren. Und sie tun es auch.
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Die Vlachen mit ihrer lateinischen Sprachform sind traditionell isolierter vom “Rest der griechischen Welt”. Es wird spekuliert, daß dieses Bergvolk von den Straßenwächtern abstammt, die die Römer entlang der Via Egnatia postiert hatten.
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Tim Salmon findet noch halbnomadische Sarakatsani-Familien in Vrangiana oder Kritharia. Aber er hat nie jemanden in traditioneller Sarakatsani-Kleidung gesehen. Und in den geflochtenen konaki lebten nur noch die alten Leute. (Und auch die haben mittlerweile Propangaskocher oder sogar einen generatorbetriebenen Fernseher.)
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Die Jüngeren kommen nur mal vorübergehend, für ein paar Tage im Sommer, wenn die Schafe oben in den Bergen sind … wo sie von entlohnten Schäfern bewacht und versorgt werden. Denn … immer noch werden Teile der Schafherden den Töchtern zur Aussteuer mitgegeben.
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Eine Familie hat längst ein Haus in Agrinio, aber die 70jährige Großmutter will niemals ständig im Tal leben: “I long all winter for the spring to come to return to the mountains. In the old days we came up on foot. It took three weeks with the sheep, mules, dogs, chickens and families. We tied the hens to the saddles and carried the babies. It was hard but it was beautiful. The young ones don’t know anything about that.”
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Und diese hergekommene “sanfte” und naturverträgliche Lebensweise ist in Griechenland auch nicht mehr erwünscht. Tim Salmon faßt die Zerstörung des Vertrauten so zusammen: “It is the gratuitous destruction of the familiar, of the old and tried, that is one of the most shocking und psychologically disturbing features of contemporary Greece, and the total lack of respect for people that goes with it.”
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Die osmanische Regierung hatte die Berge immer ingnoriert. Darum heißt Salmons Buch auch “The Unwritten Places” (Ta Agrafa), weil die Gegend dort oben nicht im osmanischen Steuerverzeichnis verzeichnet war. Gut, auf den Höhen des Pindusgebirges war zwar prinzipiell finanziell auch was zu holen für den Staat, aber das war viel zu mühsam …
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Aber im 20. Jahrhundert leert sich das Bergland. Es werden Talsperren gebaut, um (zum Beispiel) in Thessalien den ökonomisch irrsinnigen Baumwollanbau zu unterstützen, es werden von vielen Generationen gegangene Pfade und alte Wälder zerstört, weil Asphaltstraßen mit dem Lineal und der Planierraupe durch die Berge gezogen werden.
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Der Bedarf für diese Straßen? Ach, der kommt später schon nach, vielleicht kommen ja mal die Skifahrer aus Athen für’s Wochenende, oder wir räumen da mal ein paar Hektar Wald ab …
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Pindus, Hirtengebiet, am Horizont der Smolikas
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Einige Jahre später ist Salmon mit mehreren vlachischen Hirtenfamilien befreundet. (Inzwischen hat er seinen Wanderführer “The Mountains of Greece: A Walker’s Guide” veröffentlicht.)
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Er ist in der Nähe von Samarina (ein vor dem II. Weltkrieg sehr reiches und großes Dorf am Hang des schneebedeckten Smolikas, von dem am Ende des Bürgerkrieges fast nichts mehr geblieben ist) bei seinem Freund Tsiogas. Einen langen Weg in die Berge hat er hinter sich, hat gelernt, sich Horden von vor Hunger giftigen Hunden mit Steinen und seinem Schäferstab vom Leib zu halten. Denn er will den Abtrieb mit der Herde miterleben und miterarbeiten … 12 Tage unter dem schwarzen Schäferumhang im nebligen Herbst.
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Als sie in der Ebene von Larissa auf den Winterweiden ankommen, ist Salmon zerzaust und dreckig und gleichgültig gegen zivilisatorische Gewohnheiten und Tabus. Und müde. So müde, daß er unterwegs verpaßt, daß nachts ein Wolf die Herde angreift. Die Hunde waren unterwegs, die Hirten alarmiert, es wurde geschrieen und geschossen, aber Tim Salmon schlief wie ein Stein …
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Bücher, die das Thema betreffen, von Tim Salmon und Patrick Leigh Fermor
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The Unwritten Places
Tim Salmon, Lycabettus Press/Athen 1995, ISBN 960-7269-44-6
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