Im Winterschlaf – das venezianische Erbe

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Spinalonga, die Lepra-Insel Kalidon
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img_8666_a400_plakaMerkwürdig. Wo das minoische Erbe Kretas gezeigt werden kann, sitzen auch im Januar an den entlegensten Stellen noch Leute in den Kassenhäuschen.
Wenn auch nur ein halbes Dutzend Leute am Tag ihre Eintrittskarten (Lato = 1 Euro, Zakros = 3 Euro) in Empfang nehmen.
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Das venezianische Erbe (Beispiel: Insel Kalidon, Hafenkastell Ierapetra) ist weitgehend unzugänglich.
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img_8657_a400_plakaAuf das Übersetzen zur Lepra-Insel waren wir echt gespannt. Wenigstens am Wochenende sollte ab dem Anleger von Plaka (bei Bedarf) ein Boot hinüber gehen.
Unsere Vermieterin Barbara in Almiros war der Meinung, man könne auch hinüberschwimmen. Nun ja, vielleicht nicht heute, bei 12°C Wassertemperatur.
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Das schmale Inselchen Kalidon, ursprünglich eine venezianische Küstenbefestigung, ist noch gut erhalten. Ist so sehenswert wie deprimierend. Von 1903 bis 1957 diente es als Lepra-Kolonie. Es gab kein Mittel gegen die Seuche. Wer hierher verbannt wurde, hat die Insel nie mehr verlassen dürfen.
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Es ist ein sonniger Vorfrühlingstag, der uns erst vom luxushotelbesetzten Küstenort Elounda auf die menschenleere Halbinsel Spinalonga leitet, für einen entspannten Vormittagsspaziergang. (Elounda hat im Sommer auch eine Verbindung zur Leprainsel.)
Plaka, der kleine Fischerort nördlich von Elounda, der inzwischen auch stark vom Tourismus geprägt ist, ist unsere letzte Hoffnung. Der Anleger ist leer. Keine Spur vom Transferboot. Zwei kleine Kähne schaukeln in der Dünung unterhalb der Kaimauern.
Wir fragen in einer der beiden offenen Tavernen. Ein paar plaudernde Stammgäste mit der Metaxaflasche auf dem Tisch. Nee, nix geht. Würde uns vielleicht einer im Privatboot übersetzen? Die Metaxa-Parea lacht. Bei dem Super-Wetter? Da sind die paar hiesigen Fischerboote doch alle draußen auf dem Meer!
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Aber einen guten (und selbstlosen) Tipp kriegen wir, unter den Augen der Wirtin. Wir sollen zur Nordküste weiterfahren, das Fischrestaurant Tsitsanis an der Küstenstraße zwischen Kato Selles und Vlichadia lohne einen Besuch. Dessen Inhaber versorgt sich selbst aus dem Meer, und ja, ein Schnellboot hätte er auch. Die Entfernung von seinem Anleger zur Lepra-Insel ist natürlich gut dreißigmal so lang wie von Plaka … da sollen wir uns besser keine Hoffnung machen.
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Also gut, bei 500 Meter Höhenunterschied rauf auf die Hügelkette und wieder runter auf null zur einsamen Nordküste. Schauen wir mal, was Tsitsanis im Kühlfach auf Eis hat. Bestimmt besser als das Champagner-Meeresfrüchte-Menu (ächz) im künstlerisch gestalteten Restaurant Thalassa nebenan mit Leprainselblick (50 Euro/Person), aber das hat sowieso zu:
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Wir folgen dem kurvigen Küstensträßchen durch karges Land. Hier, im absoluten Nirgendwo, soll ein ortsberühmtes Fischrestaurant sein?
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img_8676_a350_tsitsanisTatsächlich! Es stimmt. Der Laden ist sogar sehr geräumig, und der Parkplatz ist sportplatzgroß, und von einer langen Reihe von Hühnerställen gesäumt. Tsitsanis ist weitgehend Selbstversorger.
Und Selbstdarsteller.
ZZ Top hätte einen Job für ihn, wenn er Gitarre spielte.
Und Steuern spart er auch. Das Gebäude gilt nämlich als „unvollendet“, ist quasi eine grundsteuerfreie Baustelle – man beachte die Moniereisen in den Betonsockeln auf dem Dach.
(08.02.2017 – Anmerkung: Nachdem Griechenland seit Krisenbeginn so alle 14 Tage seine Steuergesetze ändert, habe ich versucht herauszukriegen, ob diese Neubau-Regelung noch gilt. Es gab sie ja schon in den 80er Jahren. Habe mich also durch einige Artikel im griechenland-blog.gr gearbeitet, ohne Erfolg. Habe dabei aber gemerkt, daß nichts komplizierter ist als griechisches Steuerrecht. Was Sie schon alles berücksichtigen müssen bei der Kfz-Besteuerung, oder bei Mini-Jobs, ist unglaublich … und viele Regeln sind völlig absurd.)
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img_8670_a350_tstsanisWir – anfangs die einzigen Gäste – lassen uns auf ein halbes Kilo Barbounia ein, ohne nach dem Preis zu fragen. Nachträgliche Empfehlung an die Wirtin: Stärker in Mehl wälzen, Öl besser abtropfen lassen, und vor allem besser ausnehmen.
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Aber insgesamt sind wir zufrieden, der Preis bleibt im üblichen. Bodenständiges Inselessen.
Nicht so ein infantiler Firlefanz wie am folgenden Abend im voll angesagten und lärmigen „Karnagio“ in Aghios Nikolaos. Um 21:30 wartet eine Schlange von Gästen auf freie Plätze im Lokal. Und uns legt man also mit dem Dessert ungefragt die Rechnung auf den Tisch. Wir gehen gerne, und das Essen war erbärmlich.
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Tsitsanis. Der alte Mann und das Meer …?
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Halt. Ich komme vom Thema ab. Zwei Tage später. Schauen wir nach den Hinterlassenschaften der Venezianer an der SÜDKÜSTE. In Ierapetra.
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Nein, schauen wir zuerst auf die Küstenebene westlich von Ierapetra. Wo um Nea Anatoli herum der Wintergemüsebedarf für die nordeuropäischen Supermärkte erzeugt wird. (Der im Dezember wegen des griechischen Fährenstreiks auf den Lkws im Hafen von Heraklion verrottete …)
Ich wollte sehen, ob die Gewächshauskulturen immer noch unter so schlimmen Umständen wie vor 30 Jahren in der Messara-Ebene erzeugt werden. Damals: zerrissene Plastikplanen auf zusammengeschusterten Metall- und Bambusrohr-Gestellen, zerfetzte Blätter von Bananenstauden, rostige Öfen, sonnenversengte Müllhaufen, tief zerfahrene Feldwege, schmierige Abwasserpfützen …
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Heute herrscht – in Augenhöhe – eine geradezu agrar-preußische Bau-Ordnung:
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Aber, wie intensiv genutzt das von einem Stausee bewässerte Gelände ist, sieht man am besten vom GoogleEarth-Satelliten. Erschrecken Sie sich nicht: Das hier ist nur ein winziger Teil der überbauten Küstenebene:
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Gut, in Andalusien oder in der südlichen Türkei sind die Gewächshäuser genauso dicht zusammengerückt, und dort hat man noch billige Hotels in die Zwischenräume geklemmt.
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Das venezianische Erbe der Stadt Ierapetra sieht von oben auch reizvoll aus …
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… wirkt aber – auf Augenhöhe – nicht besonders eindrucksvoll. Das von den Venezianern wohl im 14. Jahrhundert errichtete Kastell (Pfeil) ist ein niedriger schmuckloser Steinkasten. In schöner Lage, immerhin. Hinein kommt man im Januar nicht.
1780 hatte ein Erdbeben die Festung zusammenstürzen lassen, und 1898 waren die umliegenden Befestigungsanlagen von den rebellischen Kretern niedergerissen worden, schreibt Eberhard Fohrer.
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Hier, an dieser Ecke des Hafens, bin ich tatsächlich mal ein bißchen salzwassergetränkt geworden. Die Libysche See war unruhig. Die Gischt stürzte in Schauern über die Wellenbrecher des Hafens. Aber die Spuren der unfreiwilligen Dusche trockneten schon beim Spaziergang durch die Altstadt.
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img_8755_a450_ierapetraGut, das muslimische Erbe in der türkischen Altstadt von Ierapetra ist auch nicht umwerfend: Eine bescheidene Moschee, in der nicht mehr gebetet wird, und ein Brunnenhäuschen im Schatten der „Pizzeria Family“.
Da hat Makedonien und besonders Thrakien mehr zu bieten.
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Und ein gewisser korsischer Heerführer („Nappo-eins“ nannte ihn unser Geschichtslehrer) soll hier 1798 auf dem Weg nach Ägypten mal übernachtet haben.
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Ierapetra bleibt mir in Erinnerung als Stadt mit mehr Apotheken als Parkplätzen.
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Kurz zurück zur Libyschen See. Östlich von Ierapetra streckt sich bis Makrigialos das flache Küstenland aus. In den menschenleeren Strandorten sind jedoch die Bürgersteige noch hochgeklappt.
Die Stand-up-Paddler hielten sich auch nicht längere Zeit auf ihren Brettern … sorry „SUP-boards“. Es waren übrigens nicht drei, sondern vier Winter-Wassersportler, aber einen hatte es gerade mal wieder vom Untersatz gehauen:
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