Agia Markella : Ali Pasha

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Mützenopfer an der Märtyerstätte der kopflosen Agia Markella
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Auf Chios liegt mehr Fluch als Segen. Nur zur Erinnerung: Die Türkenmassaker von 1821 und 1822, das schwere Erdbeben von 1881 … und seit Jahrhunderten Streit um die Insel, weil sie ein weltweit einzigartiges Luxusprodukt hervorbringt: das Harz des Mastixbaumes (Pistacia lentiscus).
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Die düstere geschichtliche Vergangenheit spiegelt sich auch in den personenbezogenen Legenden der Insel. Im fast menschenleeren Nordwesten, bei Volissos, erinnert man sich zum Beispiel an die heilige Markella …
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Dimitri, mein Gastgeber in Volissos, wundert sich nicht, daß ich gleich am zweiten Tag zu ihrer Wallfahrtsstätte will. Er wundert sich nur, daß ich zu Fuß hin will. Dimitri geht nirgendwo zu Fuß hin. Aufpassen soll ich. Es ist Jagdzeit. Da draußen in der Natur wird zwar nur auf Vögel und Kaninchen geschossen, aber im Prinzip eigentlich auf alles, was sich bewegt. Aber es ist ja Freitag. Am Wochenende ist es schlimmer …
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Ich bin Wanderer, kein Wallfahrer. Das Ziel ist für mich eher Zufall. Der Weg ist das Ziel …
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Der Weg zum Kloster erfreut einen jedoch nur, wenn man mit dem gelegentlichen Blick auf weite Panoramen zufrieden ist. Berge und Meer. Steifer Nordwind. Nichts blüht mehr. Nicht mal eine Eidechse ist unterwegs. Mal umdrehen … hinten mir in der Ferne die Reste der Festung von Volissos. Sieht von weitem aus wie ein von unseren Jägerfreunden aufgeklapptes fieses Tellereisen:
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In Volissos wurde auch unsere Markella geboren, angeblich irgendwann im 14. Jahrhundert. (Es gibt auch Legenden, die ihr Leben ins 16. Jahrhundert verlegen.) Ihre Mutter war Christin, märchenfromm, ihrem Vater wird nachgesagt, er sei ein “idolater” (Götzendiener) gewesen. Ein Götzendiener, so so. Was immer das bedeuten mag … Einzelheiten konnte ich nicht herausfinden, auch nicht, was diese Ehe trotz der weltanschaulichen Gegensätze zusammenhielt …
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Jedenfalls starb Markellas Mutter ziemlich früh. Was ihre Tochter nicht davon abhielt, ein ebenso gottesfürchtiges Leben anzustreben. Als sie achtzehn war, hatte ihr “götzenbesessener” Rabenvater endgültig genug von dem ungeratenen Nachwuchs … doch ehe sich Markella mit Gewalt von ihrem Glauben abhalten ließ, floh sie in die Berge. Der Vater suchte sie und ließ den gesamten Hügel mit ihrem Versteck abflammen. Aber Markella rettete sich aus dem Feuer und flüchtete zum Meer. Weiter ging es jedoch nicht …
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Was nun? Na, beten hilft doch immer. Markella betet also. Wie üblich, öffnet sich der Boden, sie versinkt darin, dummerweise nur bis zum Hals. Die Himmelsmächte sind Sadisten. Oder haben wenigstens ab und zu einen schlechten Tag. Der Vater findet sie in ihrem Loch, und schlägt ihr prompt den Kopf ab. Den wirft er ins Meer, jetzt hat er seine Ruhe. Ein paar Jahre später wird der (von Kerzen feierlich erleuchtete) Kopf jedoch wieder angeschwemmt … 
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Gedenkstätte an der Stelle am Meer, wo Markella im Boden versank und den Kopf verlor.
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Der Weg dahin, an der Felswand entlang, könnte allerdings andere Köpfe gefährden … Ihren eigenen zum Beispiel! Ja, Nichtgläubige tragen dort besser einen Helm …
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Wenn Sie kein Risiko eingehen wollen, bleiben Sie also lieber im sicheren Kloster-Tal. Am Ende der Fahrstraße. Der Fußweg “zur Stätte des Märtyrertums” am Meeresufer beginnt oben links.
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Ja, ein Wunder ist also geschehen, ein Wunder … und die Reste des Quellwassers an der Stelle, wo das fromme Mädel den Kopf verloren hat, verfärben sich immer noch blutrotbraun, wenn sie verdunsten … nein, das liegt nicht an den Mineralien in der Felswand, das ist ein Wunder. Was denken Sie denn! Am 22. Juli ist Panagiri. An dem Tag erhitzt sich da übrigens auch immer das Meerwasser …
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Heute ist es ruhig im Märtyrerkloster. Der Kleinbus von Kanaris-Tours, der aus Chios-Stadt herüberkam, hat direkt die Kloster-Taverne angesteuert. Die Gruppe sitzt schon beim Mittagessen. Der Pappas aus Thessaloniki, früh ergraut, im nachtblauen Outfit, mit Gattin und züchtig miniberockter Tochter, macht sich jedoch umgehend auf den Weg zur Märtyrerstätte. Dahin bin ich auch schon unterwegs. Ab und zu schlagen kleine Wellen über den Weg, ab und zu rieseln Steinchen aus der sonnenheißen Wand. Am Märtyrer-Häuschen steigt die Frau des Pappas zwei Schritte ins Meer und füllt eine Plastikflasche mit Wasser. Der Pappas guckt verlegen weg, als ich dabei zuschaue. Die Tochter hebt ihr Handy, fotografiert ihre Mutter mit ihrem nassen Rocksaum und kichert ungeniert dazu.
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Selbst zweihundert Meter von der Wallfahrtskapelle findet man noch Agia Markellas angetrocknete Blutspuren am Fuß der Felswand. Sogar 2011, mitten im September …
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Chios-Kastro, Osmanischer Friedhof, Sarkophag des Kara (Nasuhzade) Ali Pasha
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Nachtrag: Ein eher echtes Wunder auf Chios haben wir auch noch … das Grab des Befehlshabers des Chios-Massakers von 1822, Nasuhzade Ali Pasha, in Kastro, der Altstadt von Chios-Stadt, ist immer noch erhalten! Man sollte meinen, daß die Chioten nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft doch einige ganz besonders verhaßte Erinnerungsstücke aus der alten Zeit beseitigt hätten. Aber nein …
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Gut, man vergreift sich nicht an den Ruhestätten der Toten, normalerweise. Aber das “Massaker von Chios” aus dem griechischen Unabhängigkeitskrieg war keine blindwütige Spontanaktion, die man irgendwann nachsichtig verzeiht … nein, dieses “Massaker” zog sich über vier Monate hin und war kaltblütig geplant und ausgeführt! Vier Monate dauerte es, um nach dem vergeblichen Aufruhr der Griechen über 20.000 griechisch-orthodoxe Inselbewohner brutal zu foltern und zu ermorden und weitere 25.000 in die Sklaverei oder ins Exil zu vertreiben.
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Man sollte meinen, daß das genug Haß produziert hätte, um spätestens nach der Befreiung von den Türken (1912) nicht mit dem Grab des Urhebers der mörderischen Aktion weiterleben zu wollen …
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Nasuhzade Ali Pasha (Quelle: tr.wikipedia.org)
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Aber vielleicht hat man sich ab 1912 auch einfach nur noch an der bizarren Schönheit der Grabsteine erfreut, nachdem man genug Abstand zu den Befreiungsunruhen hatte … so wie wir es heute tun können:
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Aber trotzdem … auch das große Erdbeben von 1881 hat der kleine Friedhof überstanden, das die Hauptstadt der Insel dem Erdboden gleichmachte … und Kastro war ja am Ende das Arme-Leute-Viertel von Chios-Stadt. Ein Wunder, daß sich keiner an den Marmorplatten vergriffen hat, um daraus Kalk zu brennen! Schon ungewöhnlich, daß der Friedhof mitten in der Siedlung angelegt wurde. War er früher mal versteckt vor der Öffentlichkeit?
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Überlebenswunder oder nicht, ist ja auch egal … es ist jedenfalls wunderbar, an den Café-Tischen vor diesem osmanischen “Friedhöfchen” zu sitzen, an einem Sonntagnachmittag … Schatten, Schweigen, Kaffee, Zeitung, Tavlispieler, Horiatiki und ein Glas Wein und solange die Spatzen nicht in den Brotkorb scheißen, können sie von mir aus drin sitzen bleiben …
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WEITER MIT  DIE FABRIKA VON VOLISSOS
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WEITER MIT  MASTIX FÜR METHUSALIX?
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WEITER MIT  PYRGI UND HENRY FORD …
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WEITER MIT  ANÁVATOS UND AVGÓNYMA
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3 comments

  1. So wie ich das oben mit Nasuhzade Ali Pashas Befehlsgewalt dargestellt habe, ist es vielleicht zu einfach. Während des Chios-Massakers herrschte eine ziemliche Anarchie auf der Insel, bei der niemand die Übersicht hatte. David Howarth schreibt in “The Greek Adventure” (Atheneum, New York 1976):
    “On the Sultan’s orders, the Archbishop and seventy-five of the leading citizens were executed, and probably that was as far as the Sultan himself would have gone: He had no interest in killing off his tax-payers or his mastic growers. But the army was out of hand, and the fanatical volunteers who had crossed the straits were under nobody’s orders.

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