Ikaria – 1 (von 3)

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Ikaria wird durch die von Ost nach West querende Wetterscheide der Atheras-Bergkette in zwei eigenständige Hälften geteilt. 2001 führte nur eine einzige asphaltierte Straße durch die bis zu 1000 Meter hohen Berge hindurch. Sie verbindet den Inselhauptort Agios Kirikos im Südosten mit Evdilos, dem kleineren Hafen im Norden.

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Evdilos

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Man hat der bergigen Insel das Terrain für einen winzigen Flughafen abgetrotzt (indem man die Start-und-Landebahn ein Stück ins Meer hinaus gebaut hat, siehe oben), aber zu 98% läuft der Verkehr über die beiden Fährhäfen Agios Kirikos und Evdilos.

WICHTIG: Wenn Sie in Piraeus das Ticket kaufen, überlegen Sie genau, WOHIN Sie wollen. Die Fähren laufen in der Regel nur einen der beiden Häfen an, und sie kommen oft mitten in der Nacht an! Und sie werden kaum jemanden finden, der sie nachts auf die andere Seite der Insel hinüberfährt. Da ist es oft praktischer, bis Samos (Endstation) an Bord zu bleiben, und mit dem gleichen Schiff wieder zurückzufahren. Auf dem Rückwege nach Piraeus wird nämlich gewöhnlich die ANDERE Inselseite angefahren ( … wenn das Wetter es erlaubt!).

Wir kamen mit dem Tragflügelboot von Kalymnos. Das hält unterwegs auch an der kleinsten Insel und fährt nur selten. Im stürmischen Frühjahr 2001 nur einmal in der Woche. In Agios Kirikos waren wir froh, den Wirt des Hotels Kastro zu finden, der uns in seinem völlig leeren großen Haus ein nettes Zimmer mit Aussicht anbieten konnte.

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Agios Kirikos, vom Hotel Kastro aus gesehen

Er konnte uns zur Begrüßung noch eine einzige Flasche Weißwein überlassen, deren Etikett im Kühlschrank über den Winter schon Schimmel angesetzt hatte. Der Wein war jedoch gut. Man ist ja nicht verwöhnt …

Ikaria hat 7000 Einwohner, die meist an der Küste wohnen, und ist nicht klein (255 km²) … es gibt jedoch kaum einen Grund, einen öffentlichen Nahverkehr anzubieten. Wenn Sie etwas von der Insel sehen wollen, müssen sie motorisiert sein. Und ihr Fahrzeug sollte schwierige Wegstrecken überwinden können.

Unser Kastro-Wirt besorgte uns zum Test einen bejahrten Suzuki-Jeep für eine erste Fahrt in den Norden. (Der Tagespreis für den Jeep war der Preis einer Taxifahrt Kirikos-Evdilos.) Den Wagen haben wir dann 9 Tage lang behalten, denn trotz all seiner kleinen Mängel bewährte er sich. Papiere oder Werkzeug hatte das Auto nicht, die Gurte waren kaputt, das linke Bremslicht ebenso, und dann fehlte plötzlich die Bremsflüssigkeit … sowas kann ein großes Problem darstellen, besonders da es auf der Insel auch nur 2 Tankstellen (!) gab … ja richtig, eine im Norden, eine im Süden. Der Inhaber der Tankstelle im Norden hatte zum Glück, was wir brauchten.

Das mit den fehlenden Tankstellen fiel uns erst bei einem Tagesausflug über die Schotterpisten zum letzten Ort im Südwesten auf … den man nur von Norden (!) erreichen konnte … unser Benzin war knapp, Tanken ging aber in Karkinagri und Umgebung nicht, und dann stritt sich das halbe Dorf darum, ob wir durch die Berge (kürzere Strecke) oder an der Nordküste entlang die bessere Chance hatten, noch zur Tankstelle-Nord zu kommen.

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Hier, bei Nas, hört die gut befestigte Strecke auf (oben), dahinter sieht es 20 km lang eher so aus:

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Man muß dazu sagen, daß die Insel jahrzehntelang von Athen aus vernachlässigt wurde … ob es nun um Straßen, Fähren oder sonstwas ging. Sie war in der Bürgerkriegszeit auch Verbannungsort, u.a. mußte Mikis Theodorakis in Christos Rachon leben. Und Ikaria war immer eine kommunistische Hochburg. Die Drähte nach Athen waren nur dünn, und sind es immer noch.

Beim Erhalt von EU-Mitteln sagt jedoch in Athen selten jemand “nein” zu Entwicklungsfragen, und so findet man im Süden (hier bei Manganitis, in tektonisch schwierigstem Berggelände) schon mal schön ausgebaute neue Fahrtstrecken, die von nirgendwoher nach nirgendwohin führen:

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Ja, die “rote” Insel Ikaria lebt sonst etwas abseits. Die Aufmerksamkeit der Medien fiel in den letzten Jahren nur einmal auf die Insel:

Im Jahr 2002 wurde durch einen Zufall das Problem der “Organisation 17. November” gelöst. Die (nach dem militärischen Sturm der Juntaregierung auf das besetzte Athener Polytechnikum am 17.11.1973) benannte Organisation war seit 1975 mit vielen politischen Morden, Banküberfällen und Bombenanschlägen aktiv. Häufig richteten sich die Anschläge gegen US-amerikanische, türkische oder NATO-Anlagen und Personen. Doch in all den Jahren war der griechischen Polizei nie auch nur der kleinste Fahndungserfolg gegönnt. Es gab absolut keine Verdächtigen. Es wurde schon spekuliert, daß antiamerikanische Kräfte innerhalb des sozialistischen Regierungsapparats die Fahndung zumindestens “nicht gerade förderten” …

Am 29.06.2002 mißlang der Anschlag des “17. November” auf das Flying Dolphin Büro in Athen. Der dabei schwerverletzte Täter Savvas Xiros wurde festgenommen, und in kurzer Zeit wurde nun auch der ganze Rest der Organisation enttarnt. Im Gegensatz zu den Beschwörungen der Medien um die intellektuelle Genialität der geheimnisvollen Leute im Untergrund handelte es sich (mal abgesehen vom Organisationsführer, dem Wirtschaftsprofessor Alexandros Giotopoulos) jedoch um “ganz gewöhnliche Leute mit ganz gewöhnlicher Herkunft und Bildung”.

Savvas Xiros und seine beiden ebenfalls verhafteten Brüder lebten unauffällig auf Ikaria. Sie waren im Dorfleben voll integriert und hatten ganz gewöhnliche Berufe. Die 14 Organisationsmitglieder wurden 2003 meist zu lebenslanger Haft verurteilt.

FORTSETZUNG AUF IKARIA – 2

11 comments

  1. Lieber Theo,
    per Zufall bin ich auf deine Seite gestoßen. Ich bin begeistert und kann mit dem Lesen nicht mehr aufhören. Wir haben auf Ikaria Ferienapartments, unser Haus wird auf der Seite auch erwähnt, und ich habe auf unserer Seite einen Link zu deiner Seite gemacht. Ich hoffe, dir ist das recht.
    Helga von Villa Dimitri

  2. Hallo Helga, danke für den Hinweis – ich habe auf Ikaria2 ja auch seit ewig einen Link auf euer Haus (mit einem Foto). Wir haben uns da auch mal kurz kennengelernt.
    Theo

  3. Vrakadhes ist ein winziges Dorf im Hinterland von Christos Rahon, wenn man (mit dem Jeep …🙂 …) durch den Wald rauffährt, nicht Richtung Stausee und Pezi, sondern rechts über Kouniadhi. Das zähle ich zum Bezirk Christos Rachon.
    Aber danke für den Link mit der Zeichnung!

  4. Vrakades erreicht man inzwischen über eine carrerabahnartig ausgebaute sowie bestens asphaltierte Straße auch völlig jeeplos. Von Christos sind es etwa 8 Kilometer. Und im Link steht “Bezirk Vrakhades”…
    Wenn oberhalb des Ortes nicht gerade eine Windhose tobt, kann man von Vrakades auf einem traumhaften Höhenweg in einer guten Stunde nach Lagada wandern.

  5. Nach der Gemeindeordnung vielleicht “Bezirk 4. Ordnung” …🙂 … also absolut unselbständig. Die Nomarchia ist Christos Rachon.
    Aber daß man da oben wunderbar wandern kann, stimmt! Ist die Straße hinter dem Stausee denn auch ausgebaut? (Es wäre eine ziemliche Geldverschwendung …)

  6. Wo schreibst du oben was von Nomarchia?😉
    Nein, die asphaltierte Straße endet am Stausee. Ich wollte weiterfahren (die Piste ist sehr breit und eher wenig löchrig, aber halt nicht befestigt) und konnte bei der Gelegenheit erleben wie es ist wenn das der Beifahrerin nicht konveniert. Zu Fuß gehen wollten wir nicht – ein mächtiges Gewitter zog auf…
    Der Stausee präsentierte sich komplett eingezäunt und wenig spannend.

  7. Nomarchia, was für ‘ne Nomarchia? Wer ist dieser Theodorakis?🙂
    Doch ganze Hochtal ist sehr bequem zu befahren. Wird erst wieder haarig, wenn es am Ende wieder runter Richtung Küste geht! Serpentinen, so eng, daß du ab und zu in der Kurve zurücksetzen mußt, direkt am Steilabhang, und sowas … das wäre dann sicher nix gewesen für deine Beifahrerin.

  8. Ich höre jetzt immer “KYkladen” , sagte aber früher (1961 Ios,
    als die Dorftreppen noch nicht kaugummigestirnt waren) ZYkladen.
    Deshalb gegoogelt und so zufällig diese wahre THEOPHANIE gehabt. Complimenti!
    Sander Ort
    Maler http://www.elandarts.com/sander-ort
    Übersetzer: Jaccottet/ Fliegende Saat / Hanser Verl.
    Ich schreibe über den (unter dem) TURM DER WINDE (Plaka).
    Chairete!
    S.O.

  9. Traurige Nachricht – das Wanderwegenetz in Ikaria wird nicht mehr weiter gepflegt, informiert Eleni’s Blog in Ikaria.
    “As some of you may know, I have been the designer and administrator of an expanded network of hiking trails in Ikaria for over 15 years. However, today, with mixed feelings of grief and relief I am shutting down the project. Unfortunately I can’t afford to work anymore without recognition and substantial support from the locals and the local authorities. It was my mistake to suppose that such a thing would happen in the course of time. Yet, my initiative, despite it’s success, remained unperceived even by those who drew a direct profit from it every year (hotel and restaurant owners etc.).” Angelos K.
    Siehe:
    http://islgr.wordpress.com/2013/01/24/trail-network-shutdown/

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