1 Trans Hellas pauschal


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Die “bessere Gesellschaft” unterwegs: Atlantik, Begegnung mit der Kaiser Wilhelm des Norddeutschen Lloyd
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Privatdampfer von Thomas Cook & Son auf dem Nil
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Um 1900 war der Begriff ‘Tourismus’ noch kein Begriff im Griechenland-Handbuch von Adolf Struck. Die geringen nationalen Einkünfte aus Verkehr und Übernachtung konnte man getrost ignorieren. Sie wurden in der Landesstatistik wohl nicht einmal gemessen! Dabei rührte sich das Geschäft bereits. Heute ist Tourismus in Griechenland die (zweit)wichtigste Industrie!
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Während das frühe 19. Jahrhundert fast nur Individualreisende nach Griechenland brachte, änderte sich die Szene später durch Reiseveranstalter wie Cook’s oder den Österreichischen Lloyd, die etwa ab 1865 mehr oder weniger luxuriöse organisierte Schiffsreisen anboten.

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Die Tages-Reiseziele erreichte man in der Regel vom Schiff aus, und abends hatte man wieder vertraute Verhältnisse. Auf den Schiffen wurde ja nach nordeuropäischen Verhältnissen gelebt. Kein Ärger mehr mit störrischen Maultieren auf halsbrecherischen Wegen, mit befremdlichen Landessprachen, mit versifften Hotels und hygienisch und kulinarisch unzumutbaren Lokalen, das war die Geschäftsidee …
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Aus einem Prospekt des Norddeutschen Lloyd: Ja, der Genuß aus der Ferne ist doch oft das Schönste …
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Aus dem Mittelalter kam das Wortspiel … die “Kreuzfahrt” per Schiff war erneut geboren. Cook’s war am Ende des 19. Jahrhunderts bereits ein ausgesprochener Großbetrieb im Tourismus, mit Büros und Leistungsangeboten rund um die Welt. Mit Verspätung erschienen die deutschen Anbieter am Markt, erst, nachdem ihr Kaiser seine Liebe zur Flotte entdeckt hatte. Die Passagierschiffe waren oft quasi “nebenbei” entstandene Ingenieurleistungen seiner Werft- und Rüstungsindustrie. Die deutschen Fracht-Reeder boten nun immer mehr Personentransportangebote an – und viele sorgten gleich für die Rundumversorgung der oft neureichen Reisenden. Der nationale Ehrgeiz trieb sie voran. Während Europa auf den I. Weltkrieg zusteuerte, stritten sich deutsche und englische Schiffe um das berühmte “Blaue Band” für die schnellste Atlantiküberquerung.
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Im Mittelmeerverkehr dominierten jedoch die Schiffe des Österreichischen Lloyd (Verkehr ab Triest).
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1896 war der Schriftsteller Adam Karrillon auf seiner Orientreise (siehe nächste Seite) noch in einer relativ kleinen Gruppe unterwegs: 32 Personen an Bord der “Stephanie” des Österreichischen Lloyd auf dem Weg nach Athen, Konstantinopel, Palästina und Kairo. Es war eine damals ganz typische Kombinations-Reise.
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Und … die Jahrhundertwende war eine Hochkonjunkturzeit für Reiseveranstalter! Zahllose Reiseprospekte, Handbücher, Reiseführer, Erinnerungsbücher entstanden. Jeder Reisende verschickte gewöhnlich nicht Dutzende, nein … gleich Hunderte von Ansichtskarten. Lord Elgin konnte noch Schiffsladungen von Marmorskulpturen einsammeln, später war eine Handvoll heimlich gekaufter antiker Münzen ein schönes Souvenir, nun blieben nur noch die Erinnerungsbilder! In allen Hafenstädten des Orients arbeiteten professionelle Fotografen. Und der Amateur hatte sogar allmählich selbst das Fotografieren gelernt …
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Griechenland war auf diesen pauschalen Orient-Reisen fast immer nur Zwischenstation auf dem Weg nach Osten. Um die Antike in Hellas zu verstehen, das erforderte von den Reisenden ja ein gewisses Fachwissen … mehr als die Schule geboten hatte (erst 1883 erschien der erste Baedeker-Reiseführer Griechenland). Und man sollte doch nur wegen der Antike nach Griechenland fahren, das war ja klar!
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Aber nein – es wollten nicht nur Archäologen und Philologen hinaus in die Welt des Orients. Was nun? Man brauchte doch einen guten Grund zum Reisen! Jerusalem war da das beste Verkaufsargument. Einmal eine Wallfahrt zu den christlichen Gedenkstätten, das erforderte glücklicherweise kein großes Fachwissen … Weihnachten in Bethlehem, Ostern auf dem Tempelberg … das wurde jedenfalls nicht als “sinnlose” Vergnügungsreise und Geldverschwendung  angesehen!
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Norddeutscher Lloyd, Speisesaal 1. Klasse, um 1900
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Was die Mißgunst zu Hause hätte wecken können, war die Tatsache, daß Palästina gewöhnlich auch nur einen kleinen Teil der Rundreise beanspruchte. Aber was man später zu Hause erzählte, konnte man ja anders gewichten …🙂 …
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Ja, in den Reiseberichten der modernen “Kreuzfahrer” muß man oft zwischen den Zeilen lesen … und nicht zu vergessen: Der Orient hatte damals einen ganz enorm erotischen Bezug. Man(n) war in der Phantasie bewegt von den Harems-Geschichten aus 1001 Nacht, und nicht nur gewisse französische Schriftsteller eilten nach Reiseende mit einem diskreten Anliegen zum Arzt …
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Aber in der Öffentlichkeit war man jedenfalls immer auf der Suche nach importiertem Flaschenbier! (siehe Seite: Hilfe für Biertrinker)
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Ich war ganz erstaunt, als ich Teilnehmerlisten von solchen Kreuzfahrten sah. Die Individualreisenden waren vorher zum allergrößten Teil Männer, nur in seltenen Fällen begleitet von ihren Ehefrauen (Schliemann). Jetzt – um 1900 – findet man plötzlich fast zur Hälfte Frauen auf den Passagierlisten! Die meisten sind in Begleitung unterwegs, aber der Begleiter bzw. die Begleiterin waren oft nicht der Ehegatte! Na sowas …
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Töchter und Tanten wurden gerne mitgenommen. Und des öfteren begleitet der Priester der Heimatgemeinde eine wohlhabende Dame auf der Reise – weil deren Gatte seine prosperierende Firma oft nicht so lange allein lassen konnte. Eine Begleitung der “besseren weiblichen Gesellschaft” durch den Pfarrer auf der “Wallfahrt” nach Jerusalem erschien selbst dem spießigsten wilhelminischen Kleinbürger noch als ehrenhaft, und der Pfarrer freute sich, wenn ihm die teure Reise spendiert wurde. Über das Ereignis  hatte er später noch wochenlang zu predigen, und wenn er ein Reisebuch schrieb (das taten Pfarrer gerne), steht vorne die unterwürfige Danksagung an Herrn und Frau von XY für die Gewährung der frommen Pilgerreise …🙂 …
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Mahnung in Cook’s Reiseprospekt: Wallfahrt hin, Wallfahrt her, aber verderbt uns die Einheimischen nicht …
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WEITER MIT SEITE: 2 MODERNE KREUZFAHRT 1896
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