01 Das zivile Land

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Greek Traditional Architecture: Pelion
Rea Leonidopoulou-Stylianou, Melissa Verlag 1988

.Die folgenden Pilion-Seiten sind nicht nur für die an Architektur interessierten Leser geschrieben, aber diesen sei dringend die oben genannte Dokumentation empfohlen, die auch noch politische Geschichte, Landschaftsbild und Sozialstruktur umfaßt.
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Die Pilion-Halbinsel war immer so reich wie abgelegen. Zur Ägäis fallen die bewaldeten Küsten meist steil ab, der Streifen der Golfküste ist eher flach und fruchtbar. Der Pilion lebt von der Landwirtschaft und hat einen ausgesprochen angenehmen “zivilen Auftritt” … weil es nirgendwo Reste von Befestigungen oder dominante Burgen gibt … keine Orte, die der Verwaltung, Repräsentation oder der militärischen Unterdrückung dienten (so romantisch sowas heute auch woanders wirken mag, nachdem es nicht mehr gebraucht wird).
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Les peuples heureux n’ont pas d’Histoire …
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Portaria im frühen 19. Jahrhundert, von Edward Dodwell
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Die frühesten Siedlungen des Mittelalters, die heute noch existieren, wie Portaria oder Makrinitsa, umgaben Klöster (Und wieder nein, auch hier bauten die schwarzgewandeten Mönche keine herrschaftlichen Strukturen wie auf dem Athos auf, und die alten Klosterbauten des Pilion sind inzwischen verschwunden …).
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Und bei Angriffen (wie von Piraten) zog man sich diskret zurück in die Berge. Viele Pilion-Bewohner ziehen noch heute (jahreszeitbedingt) zwischen ihren Tal- und Bergsiedlungen immer hin und her. (Im Winter kann man am Golfstrand in der Sonne draußen sitzen, unter Olivenbäumen, während in nur 20 Kilometer Entfernung auf 1500 Metern Höhe Ski gefahren wird …)
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Die freistehenden Häuser der wohlhabenden Bauern haben allerdings einen (individuellen) festungsartigen Charakter. (Lediglich im isolierten Trikeri am Südwestende der Halbinsel wurde der gesamte Ort als Festung angelegt.)
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Es sind Häuser, in denen man den kleinen räuberischen Gruppen, die von der Küste vorstießen, wiederstehen konnte. Häuser, in denen die untersten Etagen gewöhnlich massiv gemauert sind, und die dort nur winzige, schießschartenartige Öffnungen zeigen. Lediglich die oberste Etage öffnet sich der Außenwelt. Diese Etage ist in der Regel aus Holz gebaut, hat eine Reihe von Fenstern (mit den speziellen Oberlichtern), und wird von einem massiven Schieferdach gedeckt. Diese oberste Etage diente zwar zur Repräsentation, wurde aber auch oft genug für die Seidenraupenzucht genutzt.
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Veredeltes Obergeschoß eines Herrenhauses (Vizitsa)
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Auch die Türken, die 1423 Thessalien eroberten, ließen den Pilion unberührt. Die heutige Großstadt Volos existierte zur Zeit der osmanischen Besetzung lediglich als Festungsanlage, zum Schutz des landwirtschaftlich reichen Umlandes, besonders gegen die Attacken der Venezianer.
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In den Hügel des Pilion wurde produziert: Gerste, Weizen, Seide, Obst und (ab 1650) Oliven. Herden zogen durch die Wälder. Handwerker produzierten Holzartikel und Bekleidung, und nach Gewährung recht großzügiger Steuerprivilegien durch Sultan Mehmet IV (1669) ging es nur noch aufwärts. Es entwickelte sich eine Art gehobener ländlicher Mittelklasse, die auch vom See- und Landhandel, Schiffbau und Transport profitierte. Schulen wurden gebaut, die auch die Erinnerung an die alte griechisch-byzantinische Herrschaft pflegten.
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Jedoch blieb Thessalien nach der Revolution und der Begründung des griechischen Nationalstaats außen vor. Bis zur Angliederung an den griechischen Staat (1881) wurde es auf dem Pilion unruhig. Ökonomisch ging es jahrzehntelang bergab.
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Und weitere hundert Jahre unter griechischer Regierung blieb die Halbinsel auch eher im abseits. Selbst die Flüchtlinge aus Anatolien siedelten nach dem griechisch-türkischen Krieg nur in den Ebenen. 1955 verwüstete ein Erdbeben die Golfgegend.
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1975 begann das Programm der GNTO (Greek National Tourist Organisation), das dazu diente, traditionelle Architektur und ländliche Kultur in Griechenland zu erhalten (mehr auch auf den Monemvasia- oder Mani-Seiten). In der Regel wurden von den Hausbesitzern die Gebäude für elf Jahre übernommen und grundsaniert. Die Gebäude wurden im Innern so hergerichtet, daß dort in Zukunft ein qualitativ hochwertiger Tourismus stattfinden konnte. Innerhalb der elf Jahre wurde irgendwann bereits mit der touristischen Nutzung von staatlicher Seite begonnen. Nach elf Jahren wurden die Häuser an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben, mit der Verpflichtung, diese Nutzung fortzuführen. (Was nicht immer unproblematisch ist, dazu später …)
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Das GNTO begann im Pilion in Makrinitsa, Vizitsa, Milies und Pinakates, verschiedene Häuser auf diese Weise umzuwidmen.
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Vizitsa: Das Varfiadis Archontiko vor der Restaurierung (Foto GNTO)
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Das Varfiadis Archontiko heute
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Um noch einmal an die Verteidigungsstruktur der Häuser zu erinnern: Beachten Sie die Stärke der Mauern im Erdgeschoß des Karayiannopoulos Archontiko (Vizitsa) (Zeichnung GNTO) …
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… und im Gegensatz dazu die luftdurchwehte Holzstruktur des Obergeschosses des renovierten Kontos Archontiko in Vizitsa (Foto GNTO):
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Das Kontos Archontiko war übrigens in den 1990er Jahren eine Basis von Studiosus-Gruppenreisen im Pilion.
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Fortsetzung: Seite Pilion 02  Vizitsa, bei Apostolis
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