Leros

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Schon zum Wahrzeichen von Leros geworden: Die Mühle im Wasser bei Aghia Marina. Am besten betrachtet man sie aus der Taverne nebenan!
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Noch mehr Mühlen! Hier am Kastro Panteli. Nein, keine Ägäis-Insel ohne Mühlen und Burg. Nein, damit kann man sich nicht mehr wirklich profilieren. Leros fehle jede nennenswerte Sehenswürdigkeit, schrieb der finnische Autor Göran Schildt, darum sei sie zum Wohnen gut geeignet …
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“Leros ist eine elende Insel ohne jeden Charakter. Gott helfe denen, die dort geboren sind, und denen, die dort leben.” Lawrence Durrell
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Wahrscheinlich stammt Durrells Zitat aus einer finsteren Zeit Griechenlands. Griechenland hatte viele finstere Zeiten im 20. Jahrhundert. Eine finstere Zeit für Griechenland war für Leros immer eine Zeit der der Hochkonjunktur, das schrieb Göran Schildt vor dreißig Jahren.
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Leros profilierte sich anders: Leros war die Gefängnis-Insel, die Verbannungs-Insel, die Psychiatrie-Insel, die Klinik-Insel, die Militär-Insel.
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Die Psychiatrische Klinik auf Leros sorgte 1981 für internationales Aufsehen, als die menschenunwürdige Unterbringung und Versorgung der Patienten durch eine Gruppe von jungen Ärzten in die Presse gebracht wurde. In der Psychiatrie lebten 2700 Kranke, auf 1000 Patienten kamen nur 2 Psychiater. Die 800 ‘Pfleger’ hatten praktisch überhaupt keine Ausbildung und setzten sich oft mit roher Gewalt durch. Seitdem hat man sich bemüht, die Zustände zu verbessern.
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“Leros steht in schlechtem Ruf bei den Griechen. Es war einst Insel der Leprösen, dann, nach der Rückkehr von Italien ins Griechen-Reich 1947, Umerziehungslager für 3000 Kinder geflohener oder im Bürgerkrieg getöteter kommunistischer Partisanen. Der griechischen Obristen-Junta diente die Insel (1967 bis 1974) als eines ihrer Konzentrationslager für die Regimegegner. Prominenteste Häftlinge: der am Zustandekommen der heutigen Übergangsregierung beteiligte KP-Chef Charilaos Florakis und der Dichter Iannis Ritsos. Doch der lastendste Schatten auf dem sonnigen Eiland ist ihr schauriger Ruhm als “Insel der Verrückten”, als Endreiseziel Tausender psychisch kranker und behinderter Griechen, die – oft in Ketten – auf den berüchtigten “Irren-Schiffen” seit 1957 dort angelandet wurden.” (Der Spiegel, 18.09.1989)
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Leros ist eine kleine, aber relativ dicht besiedelte Insel. So klein, daß man nirgendwo mehr als zwei Kilometer weit vom Wasser entfernt ist. Die Südspitze von Leros und die Nordspitze von Kalymnos liegen zwei Kilometer auseinander. Leros macht keinen wirklich wohlhabenden, aber auch absolut keinen armen Eindruck. Aber wovon leben die Leute bloß heute noch? Die finsteren Zeiten sind vorbei. Hier gibt es keine Industrie, kaum Land- und Fischwirtschaft, wenig Tourismus. Aber wenn sich eine bürgerliche “Zivilisation” mal entwickelt hat, auch aus finsteren Zeiten, dann beschäftigt sie sich wohl ganz gut mit sich selbst. Die Kliniken sind auch heute noch ein Hauptwirtschaftsträger.
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Leros spielt Korfu: Aghios Isidoros in der Ghournes Bucht
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Was ich hier wollte auf dieser Insel? Mich hatte Göran Schildt neugierig gemacht, der seit 1950 mit seiner Yacht Griechenland und das Mittelmeer kreuz und quer ‘erfahren’ hatte. Schildt wohnte hier seit 1965. Ich wollte wenigstens einmal sein Haus, seine Wahlheimat sehen.
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NACHTRAG: Von Ludwig Roß, der 1841 auch schon die Vorurteile über die Bewohner von Leros kannte.
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Roß war ja damals in erster Linie im Auftrag der griechischen Regierung unterwegs, auf dem Territorium des damaligen griechischen Königreichs. Leros gehörte 1841 noch nicht dazu. Als Archäologe zog es Roß jedoch auch durch die osmanischen Teile der Ägäis. Was die Bewohner auf Leros etwas verwundert. Unterwegs wird Roß des öfteren angehalten. Wo er dennn herkomme? Na, aus Griechenland. Man ist überrascht, aus Griechenland kommen jetzt auch schon Touristen zu uns?
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“Weit mehr ergötzten wir uns unterwegs an den vielen uns begegnenden Personen, die unseren Eseltreiber fragten, wer wir denn wären; und, wenn er (wie es uns schien, nicht ohne Selbstzufriedenheit) antwortete: “Sie sind von den Unsrigen, sie sind aus dem griechischen Königreiche, aus dem neuen Griechenland.”, so äußerten die Fragenden jedesmal sehr naiv ihre Verwunderung über die erstaunlichen Fortschritte im neuen Hellas, daß es jetzt auch schon, wie das übrige Frankenland, Milordos aussende, das heißt müßige Reisende, die nichts Besseres zu tun haben, als ihr Geld auszugeben und sich nach alten Steinen umzusehen.”
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Roß sucht tatsächlich überall ‘nach alten Steinen’, er findet auf Leros jedoch nicht viel. Das Kastro über dem Hafen von Aghia Marina kann er nicht besuchen. Es ist verrammelt. Ein einziger Mönch bewohnt es, der zur Zeit auf dem türkischen Festland unterwegs ist, um in einer griechischen Gemeinde mit seinen Gebeten die Heuschrecken aus den Weinbergen zu vertreiben. Im Süden sieht Roß “die Hafenbucht von Lakki,  Xirokampos und die Ruine von Paläokastro, die ihn nicht beeindruckt.
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Im Westen watet er “bis über die Kniee” hinaus zu der Klippe, “auf der die elende Kapelle des Agios Isidoros steht”. Er erkennt die Fundamente eines hellenischen Turms, immerhin. Partheni im Norden findet er vielversprechend, aber zur Erforschung der weiten sumpfigen Niederung fehlt ihm die Zeit. Das Kloster von Partheni ist älter als das von Patmos, obwohl es inzwischen nur noch ein Teil davon ist. In den Mauern des “schlecht gebauten Klösterchens” finden sich nur ein paar alte Steine.
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Jedenfalls muß Roß neben seinen archäologischen Skizzen noch berichten, daß die Esel auf Leros fast alle keine Ohren haben. Warum nicht? Sie fallen einer Art Esel-Scharia zu Opfer … jeder, der einen fremden Esel auf seinen Feldern oder Gärten entdeckt, darf ihm nämlich die Ohren abhauen. “Und dieser Fall kommt, da die meisten Grundstücke sehr nachlässig oder fast gar nicht eingefriedigt sind, sehr häufig vor.”
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Roß findet daher, daß die antike Spruch “Alle Lerier sind voll Tücke, nicht nur dieser oder jener …” doch was Wahres an sich hat. Und reist nach kurzer Zeit weiter nach Patmos.
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Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres
Band 2, Zweiundzwanzigster Brief: Leros
Ludwig Roß
Cotta, Stuttgart u. Tübingen, 1843

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12 comments

  1. … stimmt. Aber das ist ja bisher auch nur ein Fötus-Text …!
    Geht eigentlich erst in Teil 2 in die “Gegenwart”.
    Teil 2 ist auch fast fertig. Nächste Tage …
    Aber du bist sowieso fast die einzige, die was über Leros lesen will!

  2. Liebe Freunde,
    in den 80iger Jahren korrespondierte ich einige Male mit Göran Schildt
    und besuchte auf einer Segeltour sein Haus in Spilia. Ich besitze alle
    Bücher von Schildt, die ich immer wieder lesen kann, weil sie so unterhaltend und voll von Wissen und Humor sind. Wer mehr erfahren
    will über das Wesen des Griechen, der lese “Mein Haus auf Leros”!

  3. Hallo Theo,

    ich bin gerade auf deiner Seite gelandet und zwar wegen Leros, womit wir schon Zwei wären die sich dafür interessieren. Ich habe die Insel 1996 zufällig mit einem Freund besucht. Eigentlich sollte es nur die erste Station unseres dreiwöchigen Urlaubs sein, irgendwie sind wir dann dort hängengeblieben. So schlecht kann es nicht gewesen sein, denn vor knapp drei Jahren bin ich nach Griechenland gezogen, so wie ich es mir 1996 vornahm…

    Du verschaffst hier wirklich eine schönen Einblick. Ich habe etwas ähnliches vor, aber auf Peloponnes. Ich werde dir in nächster Zeit bestimmt noch ein paar Fragen stellen.

    Beste Grüße aus Achaia,

    Lutz

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