Aegina – Der Junta-Knast 1996

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Die Zeiten ändern sich: Das ehemalige Gefängnis wird 1996 u.a. als Büro der Renten- und Sozialversicherung IKA genutzt.
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Als ich 1996 zum ersten Mal auf Aegina war, war es nur ein Tagesbesuch. Der Grund klingt heute vielleicht seltsam: Damals war die Erinnerung an die griechische Junta-Diktatur (1967-1974) noch nicht vergessen, und neben den Militärgefängnissen und Verbannungsinseln (wie Jaros) gab es auf Aegina das (hauptstadtnahe) Gefängnis, in dem politische Gegner interniert und gefoltert wurden, und das auch für Exekutionen nach Todesurteilen genutzt wurde.
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Ich versuche, an die Juntajahre am Seitenende so kurz wie möglich zu erinnern.
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Ich hatte damals keine genauen Informationen über den Standort des Gefängnisses.
Irgendwo in der Nähe des Sportstadions am Südrand der Stadt Aegina sollte es sein. Daß das Gefängnis genauso große Außenmaße hatte wie dieses Stadion, hätte ich nicht gedacht. Links unten am Meer das Stadion, rechts oben das Gefängnis:
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Foto: Google Earth
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Irgendetwas in mir hatte es abgelehnt, sofort nach diesem Gebäude zu suchen. Wie ein zu spät gekommener Katastrophentourist wollte ich wohl nicht sein …
Das Gewusel am Hafen und in der Altstadt war mir auch nicht recht, und so wanderte ich zunächst auf der Küstenstraße bis zum Dörfchen Marathónas. Mittagessen in einer leeren  Strandtaverne, und zurück. Von Süden kommend, vor dem Stadion links abbiegen, und schon hatte ich es vor mir, das Foltergefängnis:
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Das Gebäude stand nun schon lange leer und verfiel. Zwei kleine Bereiche wurden noch genutzt, von der IKA und von einem kleinen Theater. Auf jeder Seite des heruntergekommenen quadratischen Kastens unzählige kleine vergitterte Fenster.
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Und nein, die doppelten (!) Gitter reichten nicht einmal. Es gab Bereiche, wo noch Sichtblenden aus Wellblech die Öffnungen verdeckten. Was für eine Hölle war es wohl dahinter, in Sommerhitze oder Winterkälte …
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Auf der Ostseite des Gebäudes konnte man durch ein ausgehängtes Tor sogar hinein in den schuttüberdeckten Innenhof. Wenn man bis dahin noch nicht deprimiert war, dann wurde man es spätestens jetzt:
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Schnell wieder zurück ins wahre Leben. Und noch um die nächste Ecke. Hier die der Stadt zugewandte Nordseite des Gebäudes:
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Und ein letzter Blick auf die Nordwestecke:
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Und zurück zum Hafen. Der kam mir nun, in der Spätnachmittagsruhe, fast sympathisch vor. Man konnte ein ganzes Glas Frappé leeren zwischen zwei der nur selten vorbeifahrenden Touristen-Pferdekutschen – das ginge im heutigen Touristenbetrieb kaum noch:
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Haben Sie an den Knast-Fotos oben etwas bemerkt? Vielleicht, daß die Fenster des Gebäudes wohl viel kleiner waren, als der Architekt es sich gedacht hatte?
Ja, der untere Teil der ursprünglichen Fensteröffnungen war tatsächlich später vermauert worden! Das Foto der Nordwestecke zeigt den Unterschied deutlich.
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Das Gefängnis war nämlich nicht immer ein Gefängnis.
Das sollte ich aber erst 22 Jahre später erfahren.

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Drei Wochen nach dem 21.04.1967 wurde der Putsch im Spiegel zum Titelthema.
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DIE MILITÄRJUNTA 1967-1974, UND DIE INSEL AEGINA
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Der Militärputsch in der Nacht zum 21.04.1967 erregte in ganz Europa Proteste und Widerstand. Zehntausende (linke) Gegner wurden interniert und verschwanden mit oder ohne Gerichtsurteil, viele Intellektuelle flüchteten ins Ausland, oder gingen zunächst in den Untergrund, wie Mikis Theodorakis (der im August 1967 verhaftet wurde).
Selbst die NATO – der die Junta Treue geschworen hatte – war irritiert, da sogar der Mannschaft eines nach Italien geflohenen Kriegsschiffes politisches Asyl gewährt werden mußte. Aber schon seit dem Bürgerkrieg galt Griechenland dem Westen als Risikopartner …
Es wurde das Standrecht verhängt und eine strenge Medien-Zensur. In Griechenland traute niemand niemanden mehr, und die Hälfte des Militärs bewachte die andere Hälfte.
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Papadopoulos167_200Georgios Papadopoulos, der Anführer der Obristen, erklärte als Ziel seiner Aktionen, „die Demokratie vor der kommunistischen Übernahme retten zu müssen“. Für die später im Jahre 1967 abzuhaltenden Wahlen war eine linke Mehrheit prognostiziert worden.
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Nachdem der erste Schock die griechische Bevölkerung überstanden war, und sich immer mehr herausstellte, daß die Militär-Junta ihre Verbesserungsideen (Korruption beseitigen, Renten erhöhen usw.) nicht durchsetzen konnte oder wollte, wurde der Unwillen im Lande immer größer. Der Widerstand gegen den militärischen Terror wandelte sich von anzüglichen Witzen im Kafeneion zu offenen Gewaltaktionen. Selbst der machtpolitisch kaltgestellte König Konstantin versuchte im Dezember 1967 einen Gegenputsch mit Hilfe royalistischer Militärs aus Griechenlands Norden. Führte zu nichts als zu neuen Verhaftungen und der Flucht der Königsfamilie nach Rom.
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Panagoulis_200Der ehemalige Vertreter der Jugendorganisation der Zentrumsunion (die Georgios Papandreou führte) Alexandros Panagoulis verübte auf der Straße nach Sounion ein Bomben-Attentat auf Papadopoulos, das jedoch mißlang. Er wurde im November 1968 zum Tode verurteilt und danach zur Exekution nach Aegina gebracht.
Nach Druck aus dem Ausland wurde die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe abgewandelt.
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Am 17.11.1973 stürmte das Militär die Technische Hochschule in Athen, die Studenten und Regimegegner aus Protest besetzt hielten.
Es gab ein Bürgerkriegsszenario im Athener Zentrum und 24 Tote,
Papadopoulos wurde gezwungen, die Staatsführung abzugeben.

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Es folgte der Versuch des neuen Juntachefs Dimitrios Ioannidis, im Juli 1974 auf Zypern gewaltsam die Regierung des Erzbischofs Makarios abzusetzen, um die Insel mit Griechenland zu vereinen. Das widersprach dem griechisch-türkisch-britischen Schutzvertrag, und führte prompt zur türkischen Intervention und zur Teilung der Insel. Jetzt gab die Junta auf.
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Am 24.07.1974 hieß der neue Premierminister Konstantinos Karamanlis (Nea Dimokratia). Freie Wahlen folgten, und Todesurteile für die Führer der Militärdiktatur wegen Hochverrat. Die Urteile wurden später in Haftstrafen verwandelt. Die Kommunistische Partei wurde wieder zugelassen, die Monarchie abgeschafft.
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PanagoulisZeitung_250Alexandros Panagoulis starb im Mai 1976 bei einem mysteriösen Verkehrsunfall auf der Vouliagmenis Avenue, kurz bevor er hochbrisantes Archivmaterial der Militärpolizei veröffentlichen konnte, das er sich verschafft hatte.
Die Unterlagen, die die geheime Zusammenarbeit von einigen griechischen Politikern mit der Junta dokumentierten, verschwanden spurlos.
Der Unfall wurde als politischer Mord interpretiert, zu Panagoulis’ Beerdigung kamen mehrere hunderttausend Menschen.

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Quelle Grafik und Textauszug:
Der Spiegel, 15.05.1967

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Ja, die Zeit vor dem Putsch der Junta hatte wenig Positives. Aber es wurde noch viel schlimmer:
“Die Bilanz seit 1967 – über 130.000 Festnahmen, Tausende Männer und Frauen, die die Verließe der Polizei, die Gefängnisse und Konzentrationslager kennengelernt haben – und noch kennen. Nicht zuletzt die Folterungen. (…) Die Europäische Kommission für Menschenrechte (bezeichnete) 1969 Folterungen als eine ‘in Griechenland übliche Verwaltungsmaßnahme’ “

(aus Athènes Presse Libre, 1972)
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3 comments

  1. Hast du das Buch “Ein Mann” von Oriana Fallaci gelesen? Ist über Alekos Panagoulis, mit dem sie einen Beziehung hatte, und ich fand es sehr eindrücklich.

  2. Nö, habe ich nicht gelesen. Ich bin gerade dabei, die “Waisenhaus”-Informationen zu sortieren. Gute Zeit dafür, solange es noch regnet …

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