Serifos 1 Nix ist umsonst

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Eberhard Fohrer (M. Müller: Kykladen) sagt, der lokale Wein reiche auf Serifos nur für ein paar Wochen im jeweiligen Herbst. Nein, es gibt im Mai tatsächlich noch lokalen Wein vom Vorjahr. Aber ich war in der Taverne in Koutalas nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte …

09. Mai. Der Anleger ist leer, völlig leer. Nur die Frau von der Hafenverwaltung, die von ihrem Mofa gar nicht erst absteigt, kontert lachend die Zurufe von der Besatzung der Speedrunner 2. Hier wartet in der Vorsaison keiner mit einem “rooms”-Schild am Hafen, schon gar nicht, wenn das Schiff aus Folegandros bzw. Milos kommt statt aus Piräus. Außer mir verläßt lediglich ein Aktentaschenträger im Businessanzug den leeren Frachtraum, und der Kartoffel-Lkw, der in Sifnos aufs Boot kam.

 

Also hin zur ersten Telefonzelle, und mal die Nummern der Hoteladressen aus Michael Müllers Kykladen-Band runtertelefoniert. Nichts. Nach den ersten sechs Anrufen hat sich noch kein Mensch gemeldet. Also rein ins Dorf für einen Kaffee. Es ist sommerwarm, aber an der “Promenade” von Livadi ist es so still wie mitten im Winter. Da, auf der Terrasse der Taverne “Kritikos”, hinter einem See von leeren Tischen, sitzen zwei Leute und essen. Hey, sie sehen aus wie Einheimische. Hin …

 



Kritikos. Morgens um halb zwei. Jorgo und Kostas und ich vertreiben uns jeden Abend die Langeweile. Und zu jeder Gelegenheit gibt es noch einen Gratis-Raki für mich …
Keine Einheimischen, die beiden. Aber so-gut-wie. Da sitzt Jorgo, der Wirt, er stammt aus Anogia auf Kreta … und er spricht deutsch. “Auf Kreta habe ich mehr Verwandte als Serifos Einwohner hat!” … und Kostas, der Kellner, aus Saloniki. Vor ihnen Teller mit Loukaniko und Patates. Beide lassen ihre Gabeln fallen. Ich suche ein Zimmer? Ich soll mal das Buch hergeben. Jorgo geht ans Telefon. Wieder nichts. Hätte ich prophezeien können …

Kostas wird losgeschickt, um in der Nachbarschaft nachzufragen. Schnell noch die Serviette übers Essen gedeckt. Er lacht, kein Problem, die Griechen essen doch sowieso am liebsten alles kalt …

Mir wird die Hilfsbereitschaft der beiden schon geradezu peinlich. Kostas ist bald zurück, nein, er findet keinen der Vermieter. Und auch keinen, der irgendwas weiß. Hm, da wäre sonst nur das Hotel Nostos! Das wäre vielleicht nicht so exakt, was ich suche, aber ehe es gar nichts gibt …

Fünf Minuten später sitze ich hinter Kostas auf dem Kritikos-“Dienstmofa” (ausgerechnet ich, der aller Welt immer predigt, in Griechenland nicht zu zweit auf dem Mofa zu fahren …), bergauf zum Hotel, Richtung Livadhakia. Das Hotel ist wirklich nicht “exakt das, was ich suche”, aber nach der ganzen Mühe bleibt mir aus Höflichkeit nichts anderes, als wenigstens eine Nacht da zu verbringen. Ich bin der einzige Gast. Es gibt nur Zimmer mit Hofblick, die seit dem letzten Oktober scheinbar noch nicht gelüftet worden sind. Der Desinfektionsmittelgeruch ist atemberaubend.

 

Ich mache mich als erstes auf, um eine Alternative zu suchen. Da, direkt über der Telefonzelle am Anleger finde ich sie: Christi’s Rooms. Hätte ich von unten sehen müssen! Und um Christi herum gleich ein halbes Dutzend anderer Übernachtungsmöglichkeiten. Aber nur das Hotel Areti (direkt am Friedhof) ist geöffnet. Der Rest ist noch im Winterschlaf. Stamatina, die Inhaberin von Christi, hat auch keinen einzigen Gast und macht einen günstigen Preis, um mich vom Nostos “abzuwerben”. Weniger als die Hälfte von dem, was ihre offizielle Preisliste für Mai als Maximum zu fordern erlaubt.

 


Blick von der Terrasse bei Christi
auf Livadi und Chora. Die Zimmer sind klein, aber die Aussicht ist prächtig. Wenn Sturm und Mai-Regen das Draußensitzen erlauben, was besonders nachts nicht selbstverständlich ist …

 

Abends zum Kritikos. Ja, hm, an jedem der nächsten Tage werde ich dort einmal auftauchen. Und werde ab und zu noch Wanderer mitbringen, die ich irgendwo auf der Insel aufgesammelt habe. Ich bin ja kein Gourmetkritiker, der jeden Abend woanders sitzen muß …

Es ist nämlich absolut nichts los in Livadi, auch abends nicht. Nirgendwo. Winterstille. Jorgo und Kostas freuen sich. Ein bißchen Geld in der Abendkassse, und eine Gelegenheit zum Quatschen. Nichts ist schlimmer für den Griechen als schweigen. Und ich habe nach der ebenso ruhigen Zeit auf Milos, wo die Leute in den Tavernen meistens aus Polen und anderen osteuropäischen Staaten stammten und immer in geschlossenen Gruppen auftraten, ebenfalls Bedarf nach Gesellschaft.

Ich komme aus Milos? Aha. Beim Unterhalten mit Griechen geht es schnell ums Geld: Die Inflation, und was die Deutschen noch so verdienen. Und wie teuer war es da auf Milos? “Teuer, 10 Euro für eine Portion Kalamarakia zum Beispiel.” Jorgo ist fassungslos. “Zehn? Bei mir zahlst du sieben!” (Ist aber auch nur ein Kinderteller …). Jorgo nimmt sogar 11 Euro für seine Superspezial-Pizza. OK, die ist gut und reicht auch für 2 Personen, und zwei Tage später kostet sie auch nur noch 9,50. (Jorgo hat noch keine Speisekarte für 2008.) Die Ortspolizei holt einmal gleich ein halbes Dutzend, mit Salat. Was die wohl zahlen? Jorgos Hauptgerichte kosten zwischen 5,50 (pastitio) und 8,00 (Sardellen, frisch). Alles ohne jede Beilage außer einer Handvoll Pommes zu den Gerichten vom Grill. 4,50 ein Salat (ohne Feta) dazu, Carbonara 7,50 Euro und 4 Euro der halbe Liter Wein.

 

Jorgo macht sich wegen der Preise Sorgen um seinen Ruf als Tavernenwirt. Seine Kneipe ist die einzige auf der Insel, die das ganze Jahr auf hat. “Und ich habe den Laden gemietet. Weißt du, was ich hier zahle? 3.000 Euro!” “Im Jahr?” “Im Monat. Und ich verdiene Geld von Juni bis September. Im Juli und August habe ich fünf Leute in der Küche und fünf Kellner. 45 Tische, mit denen auf dem Strand. Acht Monate im Jahr zahle ich drauf. Im Winter habe ich nur eine Küchenfrau, und im Frühjahr den da!” Kellner Kostas lacht, er hat einen Arbeitsvertrag bis Ende September. “Und ich kaufe im Supermarkt, wo du auch kaufst! 3,50 das Kilo Tomaten. Was meinst du, was mir von deinem Tomaten-Gurken-Salat für 4,50 da bleibt?”

100 Euro Tagesmiete … und im Fernsehen zeigen sie gerade die Lebensmittelpreisstatistik. Gemüse ist in Griechenland bis zu 150% teurer als im Vorjahr. Und hier gibt es keinen Großmarkt und keine Metro für die Wirte. Ja, da lohnt es sich schon, mit dem vollen Kartoffel-Lkw von Athen aus über die Inseln zu fahren …


Jorgo ist auf Serifos gelandet, weil seine Frau von der Insel stammt. Zwei Tage später ist auch seine ganze Familie zum Essen da … eine wirklich sehr attraktive Gattin und zwei Bilderbuchkinder, ein Sohn von acht und eine kleine kapriziöse Prinzessin von vier. Der Sohn hat vom Vater das Wirt-Gen abgekriegt …🙂 … er grüßt mich schon auf der Straße nach unserem ersten Treffen. Jorgos Schwiegervater kommt jeden Abend auf ein Glas.

 

Jorgo ist seit zehn Jahren im Geschäft, und er kann sich was Schöneres vorstellen. Er weiß, was die Einheimischen hier mit ihren Grundstücken verdienen. “Was war deren Land schon wert, bevor die Touristen kamen! Alle paar Jahre verkaufen sie wieder einen Streifen, und dann leben sie davon, und ich bringe ihnen das Essen an den Tisch … wenn sie überhaupt noch hier wohnen und nicht in Athen!”

 


Das Geschäft der Baufirmen geht eindeutig weg von den “rooms” und hin zum privaten Ferienhaus. Das füllt Serifos und den Rest der Ägäisinseln mit Gebäuden, die elf Monate im Jahr leer stehen. Tja, was das Sozialprodukt eines Landes nicht alles in die Höhe treibt …

Manche der Heime haben wohl auch ein paar Gästeräume für Freunde:

Villa hoch über dem Strand von Vaghia, Bucht von Koutalas

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Nachtrag:
Ich habe gerade zufällig bei James Theodore Bent (“The Cyclades, or Life among the Insular Greeks”, 1885) diese Stelle gefunden:

 



Hat jemand im Tal von Livadi auf den Feldern noch Reste von solchen Gräbern gesehen?

6 comments

  1. Ja, ja, die Welt ist klein!
    Auch wir waren – im Juni 08 auf Serifos – fast jeden Abend bei Jorgos und Kostas.
    Spannend fand ich, als Jorgos erzählte wie er Deutsch gelernt hat: nicht in Deutschland, sondern in der Schule in Athen. Er hat zuhause allerlei Gegenstände auf den Tisch gestellt, mit deutschen Bezeichnungen, und immer wieder gebüffelt. So kam es, dass eines seiner ersten deutschen Wörter das Wort “Aschenbecher” war. (Wie heißt das eigentlich auf Griechisch?)

    Gruß

    Richi

  2. Hallo Theo!

    Wieder mal eine weitere Bereicherung des Webs Deine neuen Berichte. Ist ja der Wahnsinn die Miete für die Taverne. Bist Du sicher, dass sich die Taverne auf einer kykladischen Insel befindet? Dort ist ja noch nicht mal der Haupttourismus. Das mit den Ferienhäuschen hab ich noch gar nicht so gesehen. Ob die meisten dann dort auch ihren Ruhestand verbringen? Wenn sie die Häuschen wenigstens für den Rest des Jahres vermieten würden….
    Viele Grüße
    Ulli

  3. Hallo Theo!
    Dein Beitrag ist wirklich super geschrieben!
    Ich habe selbst eine Beziehung zu Serifos und konnte mich gut in deine Erlebnisse versetzen!

    Grüße!

  4. Hallo Theo,

    wir waren jetzt Ende September 2011 wieder auf Serifos und mussten leider feststellen, das Jorgos sein Restaurant aufgegeben hat.

    Die steigende Miete für sein Lokal konnte er wohl nicht mehr erwirtschaften. Ein weiteres Szenecafé “bereichert” jetzt die Paralia.
    Schade.

    Gruß
    Richi

    (Richi, ich hab den Text hervorgehoben, damit man ihn nicht übersieht. Einen Trauerrand hat der WordPress-Editor ja nicht zur Verfügung … Theo)

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