Im Benaki: Balkankriege

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Benaki Balkankriege 1
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Benaki Balkankriege 2
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Benaki-Museum, die Sonderausstellung „Balkankriege“
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Es kommen immer weniger … den griechischen Museen geht es auch nicht so gut. Mal eben sonntags 10 Euro pro Person für einen Besuch im Benaki in Athen, samt Sonderausstellung, fällt nicht so leicht, wenn man (etwa als angestellter Krankenhaus-Arzt) nur noch 1100 Euro monatlich aufs Gehaltskonto überwiesen kriegt.
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Und die Touristen als Museumskunden? Sind auch weniger geworden. Laut ELSTAT, der griechischen Statistikbehörde, sind die Touristenzahlen (aus dem Ausland) im vergangenen Jahr (Periode Januar-September 2012) um 5,2% zurückgegangen (aus Deutschland sogar minus 13,1%, aus Großbritannien minus 12,6%).
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Und die Subventionen? Die haben erheblich nachgelassen. Das private Benaki-Museum ist zwar nur zu 6% staatsgefördert, aber die Kürzungen merkt man doch. Für die Sonderausstellung „Βαλκανικοί Πόλεμοι 1912-1913 / Η αυγή του Ελληνικού εικοστού αιώνα (Die Balkankriege 1912-1913 / Griechenland zu Beginn des 20. Jahrhunderts) mußten also Sponsoren gesucht werden. Auch wenn die Ausstellung nicht sehr kostspielig ist – es sind ja weniger historische Objekte als Bilder zu sehen.
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Die linksliberale Tageszeitung „Ta Nea“ sprang als Hauptsponsor ein. Man staunt, was eine Zeitung, die nur eine Auflage von 53.000 Exemplaren hat (für griechische Verhältnisse ist das viel), so leisten kann. Jeder Besucher kriegt, bei 3 Euro Eintritt zur Sonderausstellung, ein äußerst umfangreiches, großformatiges, illustriertes Katalogbuch geschenkt!
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Katalog Einband
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Das Buch ist ausschließlich in griechischer Sprache verfaßt, in der Ausstellung selbst sind alle Textinformationen auch ins Englische übersetzt. Zusammengestellt wurde die Ausstellung vom Eleftherios K. Venizelos Forschungsinstitut und der Stadt Thessaloniki.
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Warum Thessaloniki …? Na, die Stadt gehört ja erst seit den Balkankriegen zum griechischen Staat!
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Soldatenfoto
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Benaki: Rückseite eines vergrößerten privaten Soldaten-Portraitfotos aus der Balkankriege-Zeit (jetzt ca. 2,50 x 1,50 m)
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EINE SEHR (!) KURZE GESCHICHTE DER BALKANKRIEGE:
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Die Probleme fingen an mit der Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn (1908). Rußland versuchte (jetzt noch mehr als vorher), die Balkanländer zu stärken, um Wiens Expansion auf Kosten des geschwächten Osmanischen Reiches im Balkan zu verhindern. Jeder der kleinen Staaten (Montenegro, Serbien, Bulgarien und Griechenland) ist nun darauf aus, ein maximal großes Territorium aus einer Kriegserklärung an das Osmanische Reich zu gewinnen.
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Im Oktober 1912 erklären die vier Kleinstaaten den Türken den Krieg. 470.000 Balkankämpfer stehen bereit gegen die 290.000 Soldaten, die Istanbul auf dem Balkan stationiert hat. Die osmanische Armee ist nicht sehr motiviert, altertümlich ausgerüstet und schon vom verlorenen Türkisch-Italienischen Krieg geschwächt (1912). Die griechische Kriegsmarine behindert stark ihren Nachschub aus Kleinasien.
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Schon am 24.10.1912 hat Griechenland die Gegend um Kozani und Giannitsa besetzt und zieht nun in Richtung Nordosten nach Thessaloniki, in einem Wettlauf mit den Bulgaren, die es auch auf diese Stadt abgesehen haben. Am 07.11.1912 besetzen die Griechen die Stadt, nur einige Stunden vor den Bulgaren. Im Februar 1913 sind auch Ioannina und die epirotischen Berge griechisch besetzt, wie die nordostägäischen Inseln Lesbos, Chios und Lemnos, wie Thassos und Chalkidiki. Die Bulgarien haben sich Thrakien gesichert und damit einen Zugang zur Ägäis.
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Am 30.05.1913, im Londoner Vertrag, verliert das Osmanische Reich fast sein ganzes europäisches Territorium. Zu den besetzten Gebieten gewinnt Griechenland auch noch Kreta.
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Aber der Streit unter den Siegern im „Balkanbund“ fängt jetzt erst an! Noch ist der Status von Albanien nicht geklärt, und die mit ihrem Kriegsgewinn unzufriedenen Bulgaren greifen im Juni 1913 gleichzeitig Serbien und Griechenland an (2. Balkankrieg). Sie scheitern jedoch völlig, und müssen alle im 1. Balkankrieg erzielten Eroberungen wieder abtreten. Nur Westthrakien bleibt ihnen, aber auch nur bis zum Vertrag von Lausanne 1923, dann geht Thrakien an Griechenland.
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Insgesamt 400.000 tote Bewaffnete und ungezählte getötete Zivilisten waren der Preis. Der Krieg war auch insofern ein „moderner“ Krieg des 20. Jahrhunderts, als er sich  ausdrücklich durch ethnischen Terror und Vertreibung der Zivilbevölkerung auszeichnete.
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Psara Flüchtlinge
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Ganz neu ist der Einsatz gegen die Zivilbevölkerung ja nicht: Griechische Flüchtlinge aus Psara bei der Revolution 1821. Wer von der Insel damals nicht flüchten konnte, wurde ermordet. (Benaki Dauerausstellung)
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Benaki Museum Haupthaus
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Das Benaki-Museum (Hauptgebäude) an der Vassilissis Sophias
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Die Ausstellung war am Sonntagmittag, 20.01.2013, gut besucht. Na, nicht so gut besucht wie das Restaurant des Museums (das ist übrigens empfehlenswert!), aber immerhin. Die Bildungsbürger, meist ältere Semester, informierten sich über eine längst vergangene Zeit, in der sich Griechenland noch mit Ruhm bekleckern konnte. Ist ja heute auch tröstlich, und mancher hatte seine Enkel mitgenommen …
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Griechische Luftwaffe 1912
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Die vollständige griechische Luftwaffe von 1912 (Katalogbild)
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Der (technische) Fortschritt, der den griechischen Staat damals prägte, wird natürlich herausgestellt: Hier, der erste griechische Pilot (der den Krieg nicht überlebte), die griechische „Luftwaffe“ (ja, drei eroberte türkische Maschinen – die verbündeten Bulgaren hatten allerdings schon 4 eigene Maschinen, von Albatros aus Deutschland, und flogen am 16.10.1912 den ersten militärischen Einsatz in Europa) … der Einsatz von Telegrafen, Torpedobooten und Automobilen (im immer noch oft straßenlosen osmanischen Ausland), der „Chor“ der internationalen Kriegsberichterstatter, die modernste Medizintechnik im Einsatz. Es wurde vor Ort an der Front fotografiert, gemalt und gefilmt – einiges vom historischen Filmmaterial wird in der Ausstellung vorgeführt.
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Thalia Flora-Karavia
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Die Malerin Thalia Flora-Karavia (1871-1960) bei Studien an der Front (Katalog-Doppelseite, Ausschnitt)
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Maria Bonaparte
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Prinzessin Maria Bonaparte auf ihrem privaten Lazarettschiff
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Ja, die Griechen trug der patriotische Einsatz von 1912 und 1913 (reguläre Truppen, Irreguläre aus Kreta, griechische Migranten als Freiwillige aus dem Ausland, bewaffnete Athos-Mönche, gespendete private Lazarettschiffe und so weiter) von Tag zu Tag nach vorn: Thessaloniki und Makedonien wurde erobert, Thrakien, die Athos-Halbinsel, die Inseln in der nordöstlichen Ägäis, Epirus!
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Athos Mönche
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Kriegsbewaffnete Athos-Mönche (Katalogbild)
Na, besser kein Kommentar …

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Nun, das ging nicht ohne Rivalitäten mit den verbündeten Bulgaren ab. Die hatten es sich ja zum Ziel gesetzt, einen Hafen an der Ägäis zu kriegen, am besten Thessaloniki, und auf die Mönchsregion der Athos-Halbinsel waren sie auch scharf.
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Das Zeitgeschehen ist in der Ausstellung mit Fotos ausgiebig dokumentiert. Besonderer Wert wird auf das individuelle Schicksal der Kämpfer und Opfer gelegt. Private Fotos von Kriegsopfern sind auf XXL-Poster vergrößert, samt der privaten Notizen der Hinterbliebenen auf den Rückseiten der Bilder. Und so manches Bild von Kriegsgrauen, Verletzten und Toten ist im dunklen Raum an den Wänden dokumentiert. Das beeindruckt mehr als so manches vaterländische Kriegerdenkmal …
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Balkankrieg Artillerie
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Kriegsopfer bei Kampfhandlungen (Katalogseite, Ausschnitt)
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Balkankrieg Kriegsreporter
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Zwei Löffel, eine Blechdose … Kriegsreporter und Soldat teilen sich ihr Mittagessen (Katalogbild, Ausschnitt)
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Viele Bilder stammen aus der Sammlung der Journalistin und Kriegsberichterstatterin Elda Lambisi – ihr Archiv wurde 1973 auf Chios wiederentdeckt.
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Βαλκανικοί Πόλεμοι 1912-1913
Benaki Museum, Hauptgebäude:
1 Koumbari, Ecke Vassilissis Sophias, Kolonaki Athen
Mi u. Fr 09:00-17:00, Do u. Sa 09:00-24:00, So 09:00-15:00
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Die Ausstellung ist leider nur bis zum 10.02.2013 zu sehen, aber ein Besuch im Benaki-Museum lohnt immer, wenn Sie an der griechischen Geschichte interessiert sind. (Ich habe mich gerne für gut zwei Stunden der Athener Januar-Sonne entzogen …) Die Parterre widmet sich noch der Antike, das gibt es im Archäologischen Museum von Athen besser, aber ein ganz wichtiger Schwerpunkt in den oberen Etagen liegt auf den letzten 250 Jahren:  www.benaki.gr
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Und zur staatlichen Nationalgalerie sind es nur ein paar Schritte.
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