La Scala Bar, Ermoupolis


.
Mai 2008. Das ist von der La Scala Bar geblieben …


Syros, Ermoupolis. Ein paar Jahre her. 23 Uhr Ortszeit. Was tun? Das Leben in Griechenland fängt doch gerade erst an um Mitternacht. Oder …? Und das ist hier doch eine Hafenstadt, und ein Spielkasino gibt es auch …


Um vom Rathausplatz zum Hotel zu kommen, muß ich immer an der schwarzweißen Tür von ‘La Scala’ vorbei. Wo oft bin ich in den letzten Jahren zu allen möglichen Tageszeiten an dieser Tür vorbeigekommen und habe mich gefragt, was wohl dahinter los ist. Die ‘Scala’ öffnet immer erst spätabends. Ein kleines Spotlight läßt dann den handgemalten weißen Schriftzug auf der kleinen schwarzen Tafel über dem Eingang aufleuchten, und im geschwärzten einzigen Fenster leuchtet dann diskret ein senkrechter roter Streifen. Eigentlich doch mehr oder weniger eindeutig, was einen dort erwarten läßt …


Ich umkreise erst einmal zögernd das geheimnisvolle Haus. Dann überwinde ich doch meine Schwellenangst, steuere auf die Tür zu, öffne sie und drücke sie mit demonstrativ lässigem Schwung nach innen. Was kostet die Welt …!?


Vier Augenpaare beobachten mein Eindringen in die ‘Unterwelt’ dieser so brav erscheinenden kleinen Hafenstadt. Links von mir verläuft eine lange Theke, die am Ende des Raumes L-förmig abknickt. Dort hinten sitzen sie am Tisch, zu viert. Drei Frauen, eine rothaarige, eine schwarzhaarige, eine Ältere in witwenschwarz, und ein Mann. Das Inventar. Und ich bin der einzige Gast …


Ich grüße knapp und setze mich genau hinein in den Knick der Bar, Rücken zur Wand, Gesicht zum Eingang. Sofort entsteht eine professionelle Unruhe. Die Gruppe stiebt auseinander.


Oh Kleinstadtleben! Die kindliche Frau mit der hautengen Leopardenfellhose und der Löwenmähne aus roten Locken, die sich jetzt mit professionellem Lächeln hinter der Theke an mich heranschiebt, habe ich doch erst heute nachmittag auf der Hafenpromenade vom Kafeneion aus gesehen! Und nicht nur einmal!


Ich werde nun gleich von zwei Seiten auf griechisch angesprochen, aber mein Wunsch nach einem Campari mit Eis bleibt unverstanden. Der Typ in der Lederjacke, der bisher weiter auf die Schwarzhaarige neben ihm einredete, muß eingreifen.

“Campari you want? With ice?”

Er übersetzt meinen Wunsch. Die Rote stellt mir das Glas hin, ohne zu kassieren.


„You want to talk?“ fragt der Typ, mit einer Andeutung von kumpelhaftem Grinsen. Er wird etwa vierzig sein. Sein Englisch ist grob behauen, aber passabel. Ihm gehört der Laden hier, erfahre ich später. Wenn ich es mir nicht schon gedacht hätte.

Ich nicke.

„You want to talk to the girls? Buy them a drink! But if you want to stay alone, OK, no problem. Can stay alone, if you want to!“

„Yes, sure I would want to … talk! But … if she can’t speak English … I don’t speak Greek! Just a little bit.“ Ich deute mit zwei Fingern das geringe Sprachvermögen an.

Wir lachen alle. Die lockige Schwarzhaarige schlängelt jetzt auch heran. Eine Hand auf meinem Knie.

Sie steigt auf den Hocker neben mir. Ihr Minirock rutscht herauf bis zum Po. Sie hat tiefblaue Augen, sieht wirklich attraktiv aus. Sie legt mir eine Hand auf die Schulter, fordert mit flatternden Augenlidern nur „Uiski!“

„Whisky? OK. Whisky!“ Ich nicke der Roten hinter der Theke weltmännisch zu.


Die macht gleich zwei. Füllt zwei fingerhutgroße Gläser. Einen Whisky für die Schwarzhaarige, einen Drambuie für sich selbst. Ich sage nichts dazu. Wir stoßen an.

Leider ist ‘Uiski’ das einzige ausländische Wort, daß der Schwarzhaarigen zur Verfügung steht.


Der Typ in der Lederjacke ist in der Nähe geblieben, zum Glück, und stellt uns erstmal einander vor: „This is Maria!“

Die Schwarzhaarige nickt, hält den Kopf schräg, lächelt wimpernflatternd.

„This is Elsie!“

Die Rothaarige nickt, ohne aufzublicken.

„I am Janni! And your name?“

Ich gebe ihm gleich die griechische Version: „Theodoros!“

„Theodoros? Bravo!“

Es folgt wohin, woher, business or holiday, er übersetzt immer gleich für die Damen, die auf Distanz bleiben. Dann wird es ihm langweilig. Er geht. Ende der Konversation. Maria versucht es noch mal: „Uiski!?“

Meine Güte, dieser Blick von ihr!

„Two thousand!“ sagt die Rote sehr deutlich. Es klingt wie eine freundliche Warnung.


Janni hat das Licht dämpfen lassen und die Musik lauter gestellt. Ich winke ihn heran.

„Janni … tell me, what do your girls do? Do your girls do anything else than … talk?“

Janni versteht, was ich andeute. Er schüttelt bedauernd den Kopf.

„No. Just drinks and talk. They don’t go with you and … you understand?“

Ich verstehe. Der Erzbischof wohnt ja direkt um die Ecke. Wie konnte ich da so eine naive Frage stellen …?

„Janni, I cannot talk to Maria. The language. If you don’t mind … I would rather pay and leave. OK?“

„No problem. No problem!“ versichert er.

„But, I always wondered … if your girls don’t … are there any girls on this island that …?“

„To take to the room? For money?“ Janni grinst. „No, not in this town. Have to go to Athens, if you want girls like that!“


Maria versucht herauszukriegen, was jetzt los ist, schaut ratlos zwischen Janni und mir hin und her, streichelt mit Nachdruck meinen Oberschenkel. Sie trägt eine enge, grüngold melierte Strickjacke, der Reißverschluß hochgeschlossen bis zum Hals. Ein schwarzer Mini, schwarze Strümpfe, hohe Absätze.

„Uiski!“ Fast im Befehlston kommt nun die Forderung. Vielleicht bin ich ja schwerhörig …!?

Ihre Nase noch eine Handbreit von meiner Nase. Ich spüre ihren Atem. Sie versucht noch einmal ihren allerbetörendsten Blick.

Janni gibt ihr ein Zeichen, zu verschwinden. Sie rutscht vom Hocker, schmollt.


Die Rothaarige hinter der Theke beugt sich vor: „It’s five thousand two hundred!“

Hey, Moment mal, sie spricht doch mehr Englisch, als sie sich bisher hat anmerken lassen …

Umgerechnet fünfunddreißig Mark. Naja. Hm, da sollte ich jetzt wenigstens noch in Ruhe mein Glas leeren.


Ich bleibe alleine mit Elsie, der rothaarigen Kindfrau. Sie ist groß und schmal, und enorm langbeinig. Sehen kann ich ihre Beine hinter der Theke ja jetzt nicht, aber ich weiß es vom Nachmittag …

Dafür sehe ich jetzt ihr Gesicht aus der Nähe, und ihre Hände. Ihre Hände! Diese Fingernägel! Jeweils drei ihrer Fingernägel an jeder Hand sind mindestens sechs Zentimeter lang, vorne gerade abgeschnitten, haben bereits angefangen, sich um die eigene Achse zu drehen.

Daumen und Zeigefinger sind normal kurz. Alle Nägel sind tiefschwarz hochglanzlackiert. Mindestens ein Dutzend dünne Ringe verteilen sich über ihre Finger. Sie legt die Hände zusammen, stützt die Ellenbogen auf die Theke, während wir uns unterhalten. Ihre grotesken Nägel sehen ineinanderverflochten so aus, als hielte sie eine Tarantel in der Hand.


Sie trägt einen winzigkleinen Ring im Nasenflügel. Ihr Lippenstift ist mehr schwarz als dunkelrot. Ein hübsches Kind, sicher erst Anfang zwanzig, mit einer vorwitzigen Nase, die sie beim Lächeln krauszieht, einem kreisrunden Gesicht, und einem herzerwärmenden Hasenlächeln.


Wir kriegen mit kleinen Schwierigkeiten fast eine flüssige Konversation hin. Ein Thema gibt das andere. Ich passe nebenbei auf, daß das 2000-Drachmen-Campariglas nicht leer wird. Hin und wieder läßt sie sich mit einer Vokabel von Janni helfen, der wieder am Tisch sitzt. Elsie ist aus Athen. Sie jobt hier nur über die Feiertage. Sie mag diese Insel, sie mag die kleine alte Stadt, die neoklassizistische Architektur. Sie weiß eine Menge darüber. Ich staune.
Sie bedauert, mir nicht immer alles so sagen zu können, wie sie es möchte. Trotzdem. Es wird nun fast eine Fachsimpelei über Bauästhetik …

Janni muß her. Ihr beim Thema helfen. Sie winkt ihn heran.


Janni ist nämlich ein „builder“. Er versteht was von Architektur. Aber nicht diesen alten Kram, den überläßt er gnädig Elsie und mir. Wir sind ja nicht von hier und sehen die alten Kästen mit sentimentalen Augen. Janni macht Beton. Und vermietet darin rooms: „Here. Take my card! You want another drink? Campari? It’s on me, no problem!“

Warum nicht? Elsie füllt ein neues Glas. Janni hebt sein Whiskyglas. Sein Glas ist wenigstens fünf Mal so groß wie das Maß für die Girls …
„Jammas!“ „Jammas!“ „Jammas!“

Er hat günstige Preise für seine Apartments. Aber sie liegen alle im Raum Finikas und Posidonia, einem Teil der Insel, wo nur im Hochsommer was los ist.


Janni schmachtet Elsie die ganze Zeit an. Das ist überdeutlich zu merken. Ständig verwickelt er sie in eine Nebenunterhaltung, auf griechisch. Er weiht mich endlich ein: „I want to have kamaki with her. Flirt. But she says no!“

Elsie lacht auf.

Janni tut traurig. „You married?“ fragt er mich dann.

„No.“

„Bravo, bravo!“ sagt er mit Nachdruck, „I’m not married too. Have new girls every day …!“

Elsie verzieht ironisch lächelnd das Gesicht, nickt: “Yeah …”

„Janni, I heard that you called her kardiamou …! Sweetheart …!“

„Oh, you know that word? I must be careful!“ Janni lacht. Er faßt sich ans Herz, nimmt dann seinen Schlüsselbund, legt ihn auf die Theke: „I tell her, this is the key to my house, this the key to my business, this to my car, this to my other car, take it! You have the key to my heart already!“


Sein Finger geht demonstrativ zwischen den Schlüsseln und Elsie hin und her. Sie kriegt sich nun kaum ein vor Lachen, schüttelt heftig den Lockenkopf, schiebt die Schlüssel weg.


Nun ja, er sieht ganz annehmbar aus, aber er könnte altersmäßig ihr Vater sein …


Von Maria sehe ich nur noch den Rücken. Sie schmollt immer noch. Bis endlich ein neuer Gast kommt, ein weißhaariger Grieche, der gleich am Eingang sitzen bleibt. Maria steuert auf ihn zu. Sie kriegt wieder einen Fingerhut Alkohol. Sie unterhalten sich wie alte Bekannte. (Vielleicht ist das ja der Erzbischof, in zivil. Wer weiß …) Die Ältere, von der ich nicht mal den Namen weiß, sortiert hingebungsvoll die CDs in der Disko-Ecke.


Ich sollte wirklich so langsam gehen. Obwohl es hier doch eigentlich ganz gemütlich ist …

Janni versteht mich: „You tired? I understand. No problem!“

Ich wünsche ihm, bereits stehend: „And good luck with your kamaki!“

Elsie versteht den Satz eher als Janni, lacht und droht mir mit dem Finger.

Janni bedankt sich für den Wunsch, gibt mir die Hand. Elsie nicht. Ich verstehe. Die Nägel. Zu riskant …


Ein Uhr. Die Besitzerin des Hotels, in dem ich immer wohne, wenn ich auf der Insel bin, sitzt noch an der Rezeption, telefoniert. Sie blickt überrascht auf, unterbricht ihr Gespräch: “Noch ganz alleine unterwegs …?”

„Hab’ das Nachtleben der Stadt erforscht!“

Ich grinse. Sie lacht. Sie weiß ja, daß es hier kein Nachtleben gibt.
.
ZURÜCK  ZUR STARTSEITE


(Dialoge damals unmittelbar nach dem Abend notiert. Warum und wofür? War wohl schlechtes Wetter auf der Insel …?)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s