In Schildts Kielwasser 2

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ZURÜCK ZU  IN SCHILDTS KIELWASSER TEIL 1
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“Im Sommer 1965 leuchtete noch eine sorglose Sonne über einem unschuldigen Griechenland. Ganz besonders verführerisch leuchtete sie fünf Uhr nachmittags am 10. Juli über den beiden Buchten Pandeli und Alinda auf Leros, als Daphne vor einer ersterbenden Brise träge hereintrieb. Wir glaubten, kein kykladisches Dorf breitete seine weißen Häuserwürfel, Kuppelkirchen, bescheidenen Strandcafés und silbern glänzenden Olivenbäume so verführerisch aus wie diese schmucke Ortschaft unter der Kreuzritterburg auf dem hohen Kap.”
Göran Schildt: Segeln im Mittelmeer, 1971
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Als Schildt 1965 zum ersten Mal herkam, kam er durch die Meerenge zwischen dem türkischen Festland und der Insel. Er sah die Dörfer und die Burg darüber im Sonnenschein, es erschien ihm wie die schönste Idylle sonstwo auf den Kykladen. In Aghia Marina ging er an Land und in den folgenden drei Tagen traf er die … ja … nettesten Leute der Welt und er wußte, auf dieser Insel bleib ich. Sie ist schön und sie hat keine Sehenswürdigkeiten, super … wer verkauft ihm jetzt ein Haus?
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Zur Erinnerung: “Leros ist eine elende Insel ohne jeden Charakter. Gott helfe denen, die dort geboren sind, und denen, die dort leben.” (Lawrence Durrell)
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Ich kam 2001 auch auf dem gleichen Weg wie Schildt, leider nicht unter Segeln im Nachmittagslicht, sondern in einem torpedoförmigen russischen Tragflügelboot, mit gelblich verfärbten Frontscheiben. Durch die milchigen Gischtwolken erschien die Insel nur als trübgrauer Schatten. Ob da irgendwo Vromolithos oder Panteli oder sonstwas an der Küste auftauchte, hätte ich nicht sagen können. Ob ich hier ein Haus hätte haben wollen? Ich weiß nicht … und zehn Minuten später bin ich wieder weg.
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September 2010. Sonnenschein. Ich komme im 37-Sitzer der Olympic Airways. Im Spätsommer sieht das tabakbraune Leros aus der Luft jedoch wieder nicht so aus, als hätte ein Immobilien-Makler es leicht, hier zum Vertragsabschluß zu kommen … und nachdem der Taxifahrer für den Katzensprung vom Flughafen bis zum Hafen von Panteli 18 Euro kassiert hat (ja, offizieller Insel-Tarif), da hätte ich mich von jedem Makler gleich wieder verabschiedet.
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Der Fahrer nimmt noch zwei alte Leute von Zentrum von Aghia Marina zum Marktplatz nach Platanos mit. 350 Meter. Vier Euro schwarz. Er, frommer Christ, bedankt sich bei mir, dem Hauptfahrgast, mit gefalteten Händen für das Entgegenkommen. Eine Quittung kriegt der Hauptfahrgast später auch nicht …
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Panteli: Viele Tavernenstühle, wenig Betten
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Kyria Elpida verlangt 35 Euro für das “Studio” am Ende des Flurs … jaha, wenn man auf den Balkon hinaustritt, hat man durchaus einen eingeklemmten Hafenblick. Unten im Hof liegt, was in der Saison so liegenbleibt. Aber die drei Studios mit dem “richtigen” Aussichtsbalkon vorne sind tatsächlich ausgebucht. Ich staune. Also, mal den Kühlschrank füllen. Bei den Preisen im Mini-Markt von Panteli schaue ich erst noch einmal nach, ob draußen kein Apothekenschild an der Tür hängt. Nein, da hängt keins. In Alinta, an der Straße zum Flughafen, gibt’s einen Supermarkt. Da fährt der Händler von Panteli wahrscheinlich mit dem Taxi hin und kauft seine Vorräte. Griechenland im Krisenjahr …
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Die Tavernen von Panteli sind alle noch geöffnet, und sie haben noch gut zu tun. Hierher kommt die ganze Insel zum Essen. Mein erster Verdauungsspaziergang führt mich an der Bucht entlang nach Süden, wo der Weg am Steilhang abrupt endet. Aber da steht ein Hinweisschild: nach Spilia rechts! In Spilia, da wohnte Göran Schildt! Und ich habe immer gedacht, Schildt hätte den Ortsnamen für seine Bücher erfunden! Um sein Haus vor seinen Lesern zu “verstecken”. Denn der Ort Spilia findet sich auch nicht in der besten Landkarte der Insel (Terrain/SKAI 1:25.000).
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Die Dörfer von Leros sind aber auch zu einer Art Siedlungs-Konglomerat zusammengewachsen! Und Spilia ist komplett “mittendrin” eingekeilt. Das war noch anders, als Schildt hier einzog. Seine Beschreibung von 1976 gilt nicht mehr: “… wir sind uns der Vorteile bewußt, nicht mitten in Spilia zu wohnen, sondern ein bißchen oberhalb des Menschengewühls, auf Abstand.”
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Es gibt heute keinen ‘Abstand’ mehr. Hier gibt es kaum Bauernhäuser, kaum Gewerbebauten, hier gibt es nur anonyme Einfamilienhäuschen, große und kleine, aber eben sehr viele, und wo ein Ort aufhört und der andere anfängt, kann man oft kaum sagen. Aus militärischen Gründen haben die italienischen Faschisten in den 30er Jahren angefangen, Asphaltstraßen bis in den letzten Winkel der Insel zu bauen, was in der Folge die private Bautätigkeit überall erleichterte …
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Auch in der Junta-Zeit, als Leros Verbannungs-Insel war, erlebte die Insel eine Art “Hochkonjunktur” mit reger Bautätigkeit und Modernisierung, wie Schildt schreibt: “Natürlich war die Junta-Ära auch für Leros schwer und bedrückend: die deprimierende Nähe der Konzentrationslager, die widerliche, auf Schritt und Tritt auftauchende Militärpolizei, die Furcht vor freier Meinungsäußerung und die überall herrschende Willkür; aber im Vergleich zu den Großstädten, wo der wirkliche Kampf ausgetragen wurde, lebten wir trotz allem in einer Idylle.”
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Das läßt sich jedenfalls schon nach 24 Stunden sagen, Leros ist keine Insel für Wanderer. Wenn Sie mal irgendwo 200 Meter Schotterweg finden, sind Sie wahrscheinlich schon mitten in irgendeinem militärischen Sperrbezirk … da müssen Sie auch hin, wenn sie mal diese landestypischen Nutztiere … ja, Schafe oder Ziegen … sehen wollen.
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Ich folge jedenfalls hoffnungsvoll dem Schild nach Spilia und lande in einem kykladisch  anmutenden Kleinbürger-Häuserdurcheinander … Schildt wohnte ja “unterhalb der Umgehungsstraße” … da bin ich bald, und nichts sieht so aus wie auf den alten Fotos … also steige ich langsam wieder hinab, und schon bin ich im Nachbardorf Vromolithos. Ich gebe es erstmal auf.
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Mastro Eleptheris alte Werft in der Bucht von Aghia Marina
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Die Werft zu finden, wo die alternde Daphne früher zur Wartung und Reparatur lag, das ist einfacher. Das Gebäude hatte ich 2001 schon vom kurz anlegenden Delphin her erkannt, rechts vom Fährenanleger, am Burghang. Die Werft sollte schon in den 60er Jahren verschwinden, sie stand der “Stadtentwicklung” im Wege, doch Mastro Elephteri, der Inhaber, hatte Beziehungen, und bis heute hat sich fast nichts geändert …
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“Aber Elephteri, und mit ihm die Fischer und Schiffer der Insel, weigern sich, den Strand zu räumen, da Boote an keiner anderen Stelle so leicht an Land gezogen werden können. (…) Die Werft hat keine Elektrizität … auch eine eigentliche Helling gibt es nicht. Die Boote werden mit einer Winde heraufgezogen, wie man sie einst auf den Schiffen Nelsons gehabt haben mag.”
Göran Schildt, Mein Leben auf Leros, 1976
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Unter Elephteris Händen wird die Daphne mit der Zeit Planke für Planke zu einem neuen Boot. Und für den Antrieb gab es auf Leros ‘das Erfindergenie’ Jorgo, den unglaublichen Mechaniker: “(In Jorgos Werkstatt) surren selbstgefertigte Drehbänke, Bohrer, Sägen, rätselhafte Maschinen mit klatschenden Treibriemen, pumpende Kolben und zuckende Hebel – Konstruktionen, wie sie ein Jean Tinguely hätte machen können.” (Mein Leben auf Leros). Nebenbei: Schildt hat wunderbare liebevoll-kritische Personenbeschreibungen seiner Insel-Nachbarn in seinem Buch festgehalten. Leider ist für eine Zusammenfassung hier kein Platz.
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Links Jorgo, das Erfindergenie und Rosalie, sein aus Resten selbst gebautes Auto; rechts Mastro Eleptheri (aus ‘Mein Leben auf Leros’)
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Mein nächster Versuch führt zunächst auf das Kastro von Panteli hinauf, um eine Übersicht zu gewinnen. Die Burg gehört mir an diesem Sonntagnachmittag fast allein. Vorbei an den Mühlen auf dem Hügelkamm, und schon hat man im Norden den Blick auf die weite Bucht von Alinta. Im Süden der Fischereihafen von Panteli (Bild oben), der ‘Termitenhügel’ von Spilia, und Platanos (außerhalb des Fotos) auf halber Höhe rechts.
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Meine Wirtin, Elpida Forozi. Nachdem sie von mir erfahren hatte, daß die Taxifahrer von Leros teurer sind als die von Mykonos, wird erst einmal die Taxizentrale angerufen. Steht ihr gut, der Versuch, nützt aber auch nichts …

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Nach meinem zweiten fehlgeschlagenen Versuch, Schildts Haus zu finden, wende ich mich an meine Wirtin Elpida (schließlich lautet ihr Name übersetzt die ‘Hoffnung’). Ich zeige ihr Schildts Buch. Sie kennt es. Sie lacht. Sicher weiß sie, wo “Christinas” (!) Haus ist! (Unter den Griechinnen hier ist Göran … also ‘Jorgo’ … lediglich Christinas Mann, und hier besitzen die Frauen die Häuser, gewöhnlich kriegen sie den Grundbesitz als Mitgift!) Ja, da sind doch zwei Durchgangsstraßen! Ob ich das nicht gemerkt habe? Ich muß noch weiter hinauf! Ich soll mich mal setzen, sie holt jetzt einen Kugelschreiber und einen Notizblock und malt mir einen Plan. Und wenn ich da oben bin, soll ich irgendjemand von den Nachbarinnen fragen, das sieht da nämlich nicht mehr so aus wie vor dreißig Jahren!
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Schildts Haus 1976, Sicht von Norden. Das Doppelhaus mit 8 Zimmern hat 1965 umgerechnet 5000 DM gekostet (damals etwa sechs deutsche Facharbeiternettolöhne). Die Vorbesitzer waren mit dem Preis sehr zufrieden.
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Montagmorgen. Ich ziehe wieder los, hinauf in das fußläufige Chaosviertel. Wo sind die Nachbarinnen? Ein offenes Schlafzimmerfenster, eine alte Frau telefoniert, sonst ist es völlig still. Bald stehe ich auf der zweiten Durchgangsstraße, von oben muß es leichter sein, Schildts Haus hat doch diese merkwürdigen Verzierungen am Dach …
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Da, endlich! Das ist das Haus, schräg unter mir. Es ist nicht leicht, den Weg zur Haustür zu finden … nur um dort festzustellen, hier war ich vor zehn Minuten schon einmal! Das Foto aus Schildts Buch läßt sich heute nicht mehr reproduzieren, direkt neben seinem Haus steht jetzt ein anderes. Auf der anderen Seite der Gasse steige ich mit der Kamera (ja, ein bißchen Hausfriedensbruch …) auf ein Flachdach, um wenigstens ungefähr den gleichen Blick zu haben:
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Der Garten ist samt Umfassungsmauer inzwischen völlig zugewuchert. Und was hier nicht zugewachsen ist, ist zugebaut. Als ich meine Kamera in den Rucksack packe, tauchen plötzlich Leute auf, Nachbarn aus Schildts Nebenhaus. Ein smarter Business-Typ Mitte fünfzig in sommerweiß, mit Gattin und Schwiegermutter.
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“Do you speak english?” frage ich ihn.
“Yes.” (nicht unfreundlich, nicht nett)
Ich zeige auf Schildts Haus: “This was the house of the Swedish writer Göran Schildt …”
“Yes. But he is not here.”
Ich nicke, grinse: “I know. He died last year.”
Er ignoriert mein Grinsen. “Are you from Sweden?” will er wissen.
“No. From Germany. I read all of his books. They were published in Germany and …”
“I see. Anyway, he is not here!”
Nee, klar, das haben die Toten so an sich, sie sind selten zu Hause …
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Jetzt habe ich in etwa das  Ziel meiner romantischen Reise erreicht, und komme mir albern vor. Was wollte ich hier eigentlich? Ist das hier Graceland oder die Neverland Ranch? Muß der Fan nicht einen Teddybär mit einer Matrosenmütze mitbringen? Oder einen Elch, der ‘kalimera’ sagt? Ein Steiff-Rentier mit einer roten Nase?
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Reicht lesen nicht?
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Möglicherweise wird Schildts Haus in der Zukunft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht … dann haben die Nachbarn (neben der schönen Aussicht) sicher noch viele schöne Gespräche vor der Haustür vor sich.
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Die Treppenstufe vor Schilds Haustür: Kalos Irthate, Willkommen!
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GÖRAN SCHILDTS REISEN UND LEBEN MIT DER YACHT DAPHNE:
Alle Bücher erschienen im F.A. Brockhaus Verlag, Wiesbaden
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Die Wunschreise (Schweden-Frankreich-Riviera 1948) 1956
Im Kielwasser des Odysseus (Griechenland 1950) 1954
Das Sonnenboot (Nilreise 1955) 1958
Das Meer des Ikarus (Türkei, Zypern 1954) 1959
Das Goldene Vlies (Nordafrika, Schwarzes Meer 1962) 1965
Segeln im Mittelmeer (1969) 1971
Mein Leben auf Leros (1976) 1978
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Alle Bücher sind noch problemlos im Antiquariat zu finden. Es gab noch viele weitere Reisen mit der Daphne. Aber nicht alle wurden von Schildt in Reisebüchern geschildert. Insgesamt hat Schildt noch ein umfangreiches Werk von Bänden zu Themen aus dem Bereich Kunstgeschichte und Architektur hinterlassen.
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NACHTRAG: Schildt entschuldigt sich öfters dafür, daß er nur “so’n kleines Boot” gehabt hat. Zehn Meter lang. Ich, Landratte von Geburt, habe noch nie ein Boot gesteuert, das länger war als drei Meter fünfzig.
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Ausgerechnet in der Ostsee … auf den Aaland-Inseln … habe ich in voller Fahrt eins auf offener See auf einen Felsen gesetzt. Der Felsen war direkt unter der Wasseroberfläche. Gemein. Und einmal hab ich den Motor absaufen lassen. Da mußte ich das Boot aus einer Bucht wieder rausrudern. Gegen die Strömung. Ist aber sehr gesund. Einmal hab ich in den finnischen Schären von einem Ruderboot die Halterung des linken Ruders verloren. Und mußte dann mit dem Ruder zurück zum Ableger staken.
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Insofern erschienen mir Göran Schildts Mittelmeer-Touren mit der Daphne immer sehr eindrucksvoll.
Kapetan Theodoros i.R.

One comment

  1. Ich war 1988 im Sommer auf Leros und besuchte das Haus des
    Autors. Einige Jahre stand ich mit ihm in Korrespondenz.Leider war es mir nicht vergönnt, den Autor persönlich kennenzulernen.
    Seine geistreichen Bücher schätze ich sehr. Alle!

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