Choiseul-Gouffier 1776: Mastix auf Chios

PirgiMastix sortieren
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Pirgi heute: Suchen nach Mastixresten im gefallenen Herbstlaub. Bei 8 Cent pro Gramm eine lohnende Arbeit.
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Nein, zum Thema Mastix auf Chios  ist hier noch längst nicht alles gesagt! Gehen wir auf dieser Seite also mal gut zwei Jahrhunderte zurück. Naturwissenschaftliche Arbeiten hatten damals schon einen gewissen gehobenen Standard. Obwohl Alexander von Humboldt (1769-1859) noch zur Grundschule ging, als die folgende Reise gemacht wurde. Und bis wir zum Stichwort “Mastix” kommen, folgt hier erstmal eine längere Einleitung …🙂 … denn wer kennt schon noch diesen Autor:
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Choiseul-Gouffier Portrait„Im Jahre 1776 nahm (Marie Gabriel Florent Auguste de) Choiseul-Gouffier  (geb. in Paris 1752 – gest. 1817 in Aachen) mit einigen Malern und Architekten an einer Expedition des Astronomen Joseph Bernard de Chabert (1724–1805) nach Griechenland teil. An Bord der Atalante bereiste die Gruppe den Peloponnes, die Kykladen sowie einige Inseln der Ägäis und Kleinasien.
Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er einen Reisebericht unter dem Titel Voyage pittoresque de la Grèce.“

Zitat aus wikipedia. (30.04.2016)
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Titelseite Choiseul-GouffierReise des Grafen von Choiseul-Gouffier durch Griechenland
(Voyage pittoresque de la Grèce)
Erster Band, erstes Heft
Ettinger/Gotha, 1780
Zitate = Seite 182-189
(Dank an die Heidelberger Uni-Bibliothek)
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Der Bericht wurde zwischen 1780 und 1822 in mehreren Teilen veröffentlicht.
Der im Text zitierte „Herr Galand“ mag ein gewisser Michèle Galand sein, der in dieser Zeit ein Buch über Charles (Karl Alexander) von Lothringen schrieb.
Ich habe jedoch keine schlüssigen Informationen zur Person des Autoren gefunden … ja, die Internet-Landkarte hat noch einige weiße Stellen …
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Es gibt eine Dissertation bei der Universität Wien, von Julia Chatzipanagioto-Sangmeister, von 2002: „Graecia Mendax – Das Bild der Griechen in der französischen Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts“. Hier sind chronologisch die der Verfasserin bekannten damals veröffentlichten Werke aufgeführt. Choiseul-Gouffiers Arbeit wird besonders herausgestellt. Der Name „Galand“ fehlt in der Liste.
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Karl Alexander von Lothringen stand auf der habsburgischen Seite, den Erzfeinden des Sultans. Choiseul-Gouffier war jedoch später französischer Botschafter am osmanischen Hof. Aber für unser Thema sind die Biografien der Autoren nicht so wichtig.
Aber … nebenbei … vielleicht möchten Sie die damalige standesgemäße Unterkunft des französischen Botschafters am Bosporus mal sehen? Hat etwas von Versailles (Petit Trianon):
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Frz Botschaft Konstantinopel
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Choiseul-Gouffier betrat den Hafen von Chios am 16. Juni 1776. Drei Tage hatten sie wegen widriger Winde gebraucht, um vom türkischen Festland dorthin zu gelangen. Spuren der Antike erwartete er bei seinem Inselbesuch nicht … gut, Homer wird mit auch Chios in Verbindung gebracht … aber als Geograph war Choiseul-Gouffiers Interesse geweckt.
Neben den Befestigungsanlagen des Hafens, die ihn an Genua erinnerten („Scio ist die am besten gebaute Stadt in der Levante.“), dem Silber- und Goldhandwerk, der Tuchfertigung und der Wein- und Zitrusfruchterzeugung gab es eins, was die Insel einmalig machte:
Den Mastix-Anbau und dessen Produkt-Vermarktung!
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Leider kam Choiseul-Gouffier in einer Jahreszeit, in der es noch zu früh für die Mastix-Ernte war. Darum greift er in seinem Text auf Aufzeichnungen eines früheren Reisenden aus dem Jahre 1747 zurück:
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„Aber es giebt noch einen anderen, der Insel Scio eigenen Handelszweig, der, bey aller seiner Einschränkung, beträchtliche Summen einbringt: dies ist der Bau der Bäume, die das Gummi geben, das man Mastix nennt, und wovon die türkischen und griechischen Damen einen so großen Gebrauch machen. Sie kauen ihn beständig. Diese Specerey giebt ihrem Athem einen aromatischen Geruch, der nicht unangenehm, aber der Schönheit ihrer Zähne höchst nachtheilig ist. Man wird vielleicht mit Vergnügen hier einige nähere Umstände von diesem Produkte erwarten. Dies kann ich nicht besser thun, als wenn ich wiederhole, was Herr Galand, königlicher Dollmetscher, an Ort und Stelle selbst, im Jahr 1747 darüber aufgesetzt hat.
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Kalamoti Chios
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Kalamoti, eins der fünf Dörfer auf Chios, die das Erdbeben von 1881 überstanden haben.
(Foto von 1936)

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Mastix Territorium Chios„Der Dörfer, um denen der Mastix gefunden wird, sind zwanzig. Sie liegen fast alle im Süden der Insel, gegen dem Mastix-Vorgebirge, das seinen Namen davon hat. Die Bäume sind hie und da im Feld zerstreut, und gehören dem Großherrn. Er hat den Bauern dieser Dörfer große Freyheiten zugestanden, damit sie diese Bäume warten, und den Mastix einsammeln. Diese Bauern, ob sie gleich Christen sind, tragen einen weißen Tulbant (= Turban), wie die Türken, und haben, außer anderen Privilegien, Glocken in ihren Dörfern. Sie zahlen weiter keinen Tribut, als die kleinste Steuer, und sind vor allem, Gerechtigkeiten, Auflagen und Frohnen, wie sie auch heißen mögen, ausgenommen. Ein eigener Aga, der jährlich diese Pacht zu Konstantinopel übernimmt, regiert sie, ohne daß sie der gewöhnlichen Jurisdiktion der Insel unterworfen sind.
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Für diese Freyheiten sind sie verbunden, die Bäume zu unterhalten, und wenn die Erndtezeit kommt, das Erdreich darunter wohl zu schlagen, zu ebnen und zu kehren, damit der Mastix, der darauf fällt, hübsch klar und rein bleibt. Sie müssen ihn mit Zangen einsammeln, wenn er am Baum ist, und mit der Hand, wenn er auf der Erde liegt, und ihn säubern und von dem Staub reinigen, der sich immer daran hängt, wenn gleich der Boden noch so nett gehalten wird. Ist nun der Mastix gesäubert, so wird er nach seinen verschiedenen Qualitäten von einanders gesondert.
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Mastixtropfen
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Mastixtropfen an der Baumrinde – die beste Qualität
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Man schäzt den am höchsten, der am reinsten, klärsten und in Tropfen ist. Man sammelt ihn gemeiniglich am Baum, ehe viel davon weggelaufen oder auf die Erde gefallen ist. Diese ganze erste Sorte nimmt das Serail des Großherrn zu Konstantinopel weg. Der am Fuß der Bäume gesammelte ist immer mit etwas Erde vermischt; er ist weder klar, noch in Tropfen, sondern in runden, langen, unförmigen und undurchsichtigen Stücken. Es wird davon nur so viel ins Serail gesandt, als an der ersten Sorte fehlt, um das Gewicht von 60000 Pfund voll zu machen.
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So hoch beläuft sich die Taxe, welche der Aga oder Pachter jährlich an das Serail des Sultans abliefern muß. Jedes Dorf ist auf 3000 Pfund, wo eins das andere überträgt, oder auf 2000 Thaler bares Geld, in Ermangelung des Mastix, angeschlagen. Da man aber immer, selbst zur schlechtesten Erndte, mehr einsammelt, so kauft der Pachter den Ueberschuß, das Pfund um vierzig Sols (= frz.: 40 Sou) und etwas mehr, von den Bauern,und verkauft es hernach wieder, Kraft eines ausschließlichen Privilegiums, zu drey bis vier Franken. Er hat das Recht, nicht allein allen Mastix wegzunehmen, der nicht durch seine Hände gegangen ist, sondern auch die Bauern zu strafen, die den Unterschleif getrieben haben. Er kann die sämtlichen Einwohner eines Dorfs zur Strafe ziehn, wenn er den eigentlichen Schleichhändler nicht im Stande ist herauszubringen. Dies nöthigt die Bauern, auf einander genau Acht zu geben, und zur Erndtezeit des Nachts die Thore ihres Dorfs wohl zu verschließen, damit niemand hinauswische, auf dem Grund seines Nachbars Mastix sammle, und hernach nach Gefallen verkaufe.
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Mastiha Shop Chios
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Heute läuft es anders mit der Mastix-Vermarktung …
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Es wird den Bauern ein Monat Zeit gelassen, um den Mastix zu fegen, und ihn in den Stand zu setzen, an den Pachter abgeliefert zu werden, der vom 11ten November an alle Dörfer bereiset, um die 60000 Pfund des Serails zu heben und den Rest an sich zu handeln.
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Vom Anfang der Erndtezeit, bis zu dem Augenblick, wo der Pachter sein Einsammeln vollendet hat, werden Wachen an die Eingänge und Engen der Berge gestellt, durch die man nach dem Mastix-Vorgebirge kommt. Diese Wachen visitieren jeden, der paßiert, auf das sorgfältigste, damit er nichts mit sich fortschleppe.
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Wenn der Aga oder Pachter in die Stadt kommt, wird er von Trommeln und Pfeiffen und den Bauern begleitet, welche den Mastix gesammelt haben; sie tragen ihn unter vielen Freudensbezeugungen aufs Schloß.
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Zuweilen übernimmt der Aga, der die Statthalterstelle und die Zölle gepachtet hat, auch die Mastixpacht. Die Erndte kann sich, in gemeinen Jahren, ungefähr auf 150.000 Pfund belaufen. In vielen anderen Vierteln der Insel trifft man auch Mastixbäume an, aber sie geben keinen Mastix.
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Man unterscheidet vielerley Arten von Mastixbäumen: Skinos, Skinos-Aspros, Votomos und Piscari. Der Skinos und Skinos-Aspros tragen den besten Mastix, das ist, den durchsichtigsten und trockensten; man nennt ihn den männlichen Mastix. Diese beyden Bäume gleichen sich so sehr, daß man sie miteinander verwechseln würde, wenn sich nicht der Skinos-Aspros durch eine größere Fruchtbarkeit auszeichnete.
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Mastix Beeren
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Das Blatt des Votomos ist kleiner, und er breitet sich gemeiniglich mehr aus als die andern. Er allein trägt Beere oder Körner, die denen vom wilden Mastixbaum ziemlich gleichen. Man bekommt vom Votomos sehr wenig Mastix, aber er ist männlich und von guter Eigenschaft. Vor dem 15ten September, als der Zeit ihrer Reife, können die Körner nicht eingesammelt werden. Unterdessen machen sich die, welche den Mastix bauen, wenig aus ihnen, und können sich nicht überreden, daß sie prolificisch seyn könnten, wie einige versichern.
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Der Piscari ist schön, laubigt, und bildet eine Art Busch, der sich bis auf die Erde rundet und ausbreitet. Seine Blätter sind breiter als der anderen ihre. Er ist der fruchtbarste unter allen. Sein Mastix rinnt in so großem Ueberfluß, daß man zuweilen Stücken von der Breite eines Thalers erhält; aber er ist nicht durchsichtig, schlapp, trocknet schwer, und wird von der geringsten Wärme weich. Auch wird er am wenigsten geschäzt, und der weibliche genannt.
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Alle diese Bäume blühen im März, ihre Blüthe ist Traubenartig; nur der Votomos trägt Körner, wie ich schon oben angemerkt habe.
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Die Bauern, denen die Wartung dieser Mastixbäume obliegt, pflanzen sie im Jänner, durch stecken oder pfropfen. Aber blos die Reiser des Piscari dienen zu dieser Wiederhervorbringung. Die Reiser der anderen, oder männlichen Mastixbäume, taugen auf keinerley Weise dazu.“
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Herr Galand wurde falsch benachrichtigt, wenn er sagt, daß in verschiedenen Cantons der Insel die Mastixbäume keinen Mastix gäben. Und was sollte sie daran verhindern? Geben sie ihn doch in Welschland, Sicilien, Portugal, wenn gleich minder gut und minder reichlich.
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In der Arzneykunst bedient man sich des Mastix; er kommt in viele Arzeneyen, und wird, in Pillen, vor Magenschmerzen genommen. Aber in unseren Tagen consummiren Künstler das meiste davon. Man braucht ihn sonderlich zu den klaren und durchsichtigen Firnissen. Vor vielen anderen Specereyen, von gleichem Gebrauch, hat er den Vortheil, sich in Weingeist und Essenz aufzulösen. Man richtet sich mit der Dosis des Mastix nach der Natur der Arbeiten, zu welchen man ihn bestimmt. Die Insel Scio liefert auch treflichen Terpentin, aber nicht in großem Maaß, weil man so wenig auf die Vermehrung der Bäume bedacht ist, die ihn hervorbringen.“
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Ich habe die Orthografie nicht aktualisiert. Der klare Originaltext wirkt so unmittelbarer. Und wenn Sie was über “Herrn Galand” wissen, schreiben Sie mir!
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Pirgi Xysta Kratzputz
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Die Dörfer der Mastixgegend prägt eine besondere Architektur: Xysta-Kratzputz in Pirgi
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> WEITER MIT:  MASTIX FÜR METHUSALIX  (Mastixerzeugung heutzutage)
> WEITER MIT:  CHIOS 2011 (u.a. ausführliches Kapitel über Pirgi)
> WEITER MIT:  CHOISEUL GOUFFIER 1776: FRAUEN AUF TINOS
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