Vai und Toplou. Wie die Zeit vergeht …

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Der Januar bietet eine Chance. Den Strand und den Palmenwald von Vái so zu sehen, wie ihn die ersten Aussteiger in den 60er Jahren noch gesehen haben.
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img_8806_a400_vaiGut, man muß sich den (gebührenpflichtigen) Parkplatz wegdenken,  die Toilettenhäuschen, den Erfrischungskiosk, den Souvenir-Shop, das Restaurant „Palm Beach“ am Hang, die Informationsbaracke, die Holzstege, die zum Strand führen, den Zaun, der das Naturschutzgebiet einzäunt bzw. einzäunen sollte.
Alles geschlossen, alles verlassen.
Man ist allein.
Völlig allein.
An den zahlreichen Stellen, wo die Besucher sich für ein hirnrissiges selfie küssen sollten, wartet niemand darauf, abgeschmatzt zu werden.
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img_8782_a400_dionysiosvillageWir hatten auf dem Hinweg noch kurz im „Dionysos Village“ angehalten. Ein mißlungener Versuch, ein Touristen-Ghetto zu planen, wohl von Leuten erdacht, die sonst Einkaufszentren gestalten, mit abfallüberschwemmtem Strand.
Die Müllverbrennungsanlage Sitias bläst in unseren Tagen ihren Qualm genau in Richtung des menschenleeren Gebildes. Schon die Gestaltung des Eingangstores dreht Ästheten wie Dionysos (und mir) den Magen um.
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Wenn man dann noch liest, daß die Bucht von Vái an Sommertagen von bis zu 3000 Leuten angesteuert wird … und die Ghetto-Investoren geben nicht auf. Und der Bezirk Lassithi ist auch auf ihrer Seite.
Seit Jahren streitet man sich mit den Naturfreunden gerichtlich um den Bau gleich von mehreren „holiday villages“ in der wasserarmen Gegend („Cavo Sidero Resort“ beispielsweise, mit 7000 Hotelbetten und 3 Golfplätzen).
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Also, zurück. Und für die Nicht-Naturfreunde am Tisch … Vái: Die kretische Palme (Phoenix theophrastii) ist endemisch und gewinnt ihre Nährstoffe aus Salzwasser, kommt aber auch an anderen Stellen der Insel vor.
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1908 empfiehlt Baedekers „Griechenland“ einen „Ausflug von Piräus nach Kreta“. Eine Fährgesellschaft läuft sogar einmal in der Woche Sitia an. Aber Baedeker weiß im Osten Kretas nichts zu finden, was den Touristen interessieren könnte. Knossos soll reichen. Gut, die Städte Iraklio, Chania und Rethymnon seien durchaus sehenswert.
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Erst in der 1960er Jahren wurde Vái „entdeckt“. Von jungen Aussteigern, die ganz weit von den Schrecken der Zivilisation ein neues, unabhängiges, naturnahes Leben führen wollten.
Es kamen zuerst nur einige Sommersiedler, von überall her, aber der Ort ließ sich nicht geheimhalten. Es kamen einfach mehr und immer mehr.
Bis es den kretischen Behörden reichte. Der Widerstand der Blumenkinder … sorry … Palmenkinder war schnell gebrochen. Es kamen die Naturschutzgesetze. Es kam der Zaun. Und das Waldbetretungsverbot. Und das Nacktbadeverbot. Es kamen verschärfte Drogengesetze. Ein Jahr später kamen die organisierten Ausflugsbusse.
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Es kam auch weiterhin das Meer und spülte den Sand in den Palmenwald, wie gehabt. Seit unzähligen Jahren. Es kommt heute noch, klar. Im Sommer sieht man es hinter den Reihen der Sonnenschirme nur nicht mehr so gut.
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Jetzt im Januar wirkt der Strand wie frisch gefegt. Keine Strandmöbel, keine Plastikflasche, verlorene Badewäsche, keine angeschwemmten Muscheln, keine kompostierten Algenfetzen.
Ein bißchen müffelt der brackige Binnensee hinter dem aufgeworfenen Sand, wo der schmale Bach versucht, pflichtgemäß ins Meer zu münden, nachdem er das Palmen-Ensemble durchschnitten hat.
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Und der Zaun, der den Wald eingrenzt? Wir haben beide unabhängig voneinander ein offenes Tor entdeckt, das uns den behördlich verbotenen Spaziergang ermöglichte. Und beim Spaziergang auf dem sumpfigen Boden wurde man ganz andächtig.
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img_8821_a400_vaiFrage: Fallen die verwelkten Palmzweige eigentlich von selbst ab? Oder kommt auch im „Naturwald“ der Ranger mit der Säge?
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Egal. Unter den Palmwedeln am Rande des Strandes zeigte sich schon der Frühling.
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Berichte aus Vái aus der Hippie-Zeit, oder aus der Vor-Hippie-Zeit, nein, sind mir nicht bekannt. Der Merian-Band „Kreta“ von 1963 weiß vom „jungen Volk von überallher, das wohlfeile Quartiere zu schätzen weiß“. Hier geht es aber noch um Matala.
Wo man den Zustrom der Blumenkinder, die die dortigen Höhlen ungefragt besetzt hatten, auch nicht so besonders schätzte. Besonders nachdem dort eine Typhus-Epidemie ausgebrochen war …
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Und auch die 1975 zum ersten Mal erschienene Freak-Bibel „Griechenland“ des Velbinger-Verlages weiß schier gar nix vom Vái-Wald.
Ja, Martin Velbinger ignoriert in seinem Buch die ganze Insel Kreta. Auch noch 1985. Obwohl er sogar Anafi und Astypalaia und Karpathos nicht ausläßt. (Das ist ungefähr so, als veröffentlichte man einen Reiseführer über die deutschen Nordseeinseln, und ließe Sylt aus.)
Erst 1993 soll angeblich ein Velbinger-Reiseführer „Kreta“ erschienen sein, von dem aber heute nirgendwo ein Exemplar aufzutreiben ist.
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Hier noch ein paar Zitate aus der Zeit des Wandels: Beispiel „Anders reisen: Kreta“, Rowohlt 1986, von Rainer Karbe und Ute Lattermann-Pröpper:
„Unter der Flower power der Hippies verwandelte sich der einzigartige Palmenstrand von Vái im Nordosten der Insel innerhalb weniger Jahre in ein Müll- und Rattenparadies. Die Behörden wußten sich auch hier nicht anders zu helfen, als den Dattelpalmenhain rigoros einzuzäunen und zum Naturdenkmal zu erklären. Das Palmenparadies bleibt bis auf weiteres für Menschen verschlossen; allerdings bringen riesige Klimabus-Karawanen unentwegt Tagesausflügler zum schmalen Streifen Reststrand, dessen Betreten noch von 7 bis 21 Uhr erlaubt wird.“
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1985 schreibt Wolfgang Kopp im „Wander- und Reiseführer Kreta“, Nelles Verlag/München:
„Mit Abstand am beliebtesten ist der Sandstrand von Vái, mit direkter Busverbindung nach Sitia im Sommer, mit Restaurants und mit einem kleinen Wäldchen von allerdings etwas unansehnlichen Palmen, die aber in der Werbung voll ausgeschlachtet werden.“
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Nebenbei, da sind noch ein paar Worte zu Sitia, dem östlichsten Städtchen in Kreta:
„Im neuen Boom werden die charakteristischen zweigeschossigen Laden- und Handwerkerbauten abgerissen und durch gesichtslose drei- bis vierstöckige Neubauten ersetzt. Sitia ist inzwischen zu einer durchschnittlich häßlichen griechischen Kleinstadt geworden.“
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Sitia ist eine sehr alte Hafenstadt, die aber im späten Mittelalter völlig entvölkert war. Wir haben im Januar 2017 dort gewohnt, mit schönem Blick auf die Bucht.
Der 8000-Einwohner-Ort scheint immer noch kleiner zu sein als der Flugplatz in seinem Rücken.
Kleiner auch als der Windpark, der als nächtliches Ungeheuer mit fünfzig gespenstisch roten Augen am westlichen Horizont erscheint:
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Sitia. Zur Abendzeit, wo man vom Balkon in die Taverne wechselt …
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Mich hatte es 1986 auch nur ins zentrale und westliche Kreta gezogen. Sitia stand nur mal auf meiner Liste, weil ich unbedingt von Karpathos nach Kassos fliegen wollte (dauert ein paar Minuten, einer der kürzesten Linienflüge Europas). Sitia wäre eine Station weiter gewesen … aber noch habe ich mir diese „Umweltsünde“ nicht genehmigt.
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Im Sommer sieht am Strand von Vái so aus (bitte scrollen und vergrößern):
http://www.reisen-und-entdecken.eu/reiseziele/kreta/
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img_8825_a400_vaiDas Gelände der Halbinsel am äußersten Ende Kretas gehört übrigens der orthodoxen Kirche, speziell dem Kloster Toplou (dort, wo es nicht dem Militär gehört). Die NATO passt auf ihre Sperrgebiete besser auf als die Naturschützer auf ihre Palmen.
Meiner Karte nach hätte man bis zum letzten Ende der Halbinsel fahren können.
Aber schon ein paar Kilometer vor dem Kap standen wir vor einer Straßensperre. Wachsoldat mit Gewehr, Stahlhelm und Wachhund, Fotografierverbot – und das in Zeiten der Satelliten- und Drohnenkameras:
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Im Kloster Toplou hätten wir eher erwartet, am Eingang angehalten zu werden. Um eine Eintrittskarte zu kaufen. Fotografierverbot herrschte dort auch (im Museum und in der Klosterkirche).
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Meine Lebensabschnittsreisegefährtin hatte befürchtet, dort auf den geschäftstüchtigen Abt des Klosters zu treffen, der aus allem Gewinn schlägt. Lokale Produkte wie Öl und Wein zu nicht gerade bescheidenen Preisen verstauen sonst die Rundfahrt-Teilnehmer in ihren Bussen.
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Heute? Ja, wir sehen tatsächlich zwei schwarze Gestalten im Ausgehanzug. Die steigen aus ihrem Auto und verscheuchen irgendwelches Viehzeug. Uns ignorieren sie. Der Klosterhof ist offen. In der Ecke des Hofes steigt ein überdimensionales Phallus-Symbol himmelwärts:
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img_8792_a350_toplouDas Kloster stammt aus dem 15. Jahrhundert, und es ist festungsartig gemauert („toplou“ heißt „mit Kanonen bewaffnet“).
Den Wintergästen zeigt es seinen Besitz in der Kirche und im Museum nicht, jedenfalls nicht heute.
Im Klostergarten rosten noch zwei Kanonenrohre vor sich hin.
Unter Glas, im Klosterhof, eine Steinplatte mit einem eingemeißelten Vertragstext aus dem 2. Jahrhundert v.Chr., der früher mal als Altartisch-Platte diente. Im 19. Jahrhundert entdeckte ein englischer Reisender ihren Wert:
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img_8791_a350_toplouUnd für den Nostalgiker in mir, der die Autos aus den 50er und 60er Jahren schätzt – steht neben dem Gebäude ein alter Landrover … ja, unverkennbar, ein Adidas-Landrover!
Gehört die Firma zu den Sponsoren des Klosters …?
🙂
Kirchlich topgepflegt seit einem halben Jahrhundert. Bestimmt Weihwasser im Kühler. Auf der einen oder anderen Straße hätte ich unseren Fiat gerne gegen diesen Allrad-Oldtimer ausgetauscht. Auch wenn meine Lebensabschnittsreisegefährtin da vielleicht widersprechen würde …
🙂
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3 comments

  1. Wir haben das Kloster Toplou im Mai 2016 gegen Abend besucht und auch eine ruhige Atmosphäre genossen. Den Klostershop allerdings fanden wir sensationell gut. Was es dort alles für Bücher – auch in deutscher Sprache – gab, war begeisternd. Für ein Buch über die minoische Schrift konnten wir uns dort noch nicht entscheiden. Wir dachten dann, wir könnten es wahrscheinlich im Museumsshop in Heraklion erwerben. Das war jedoch ein Trugschluß, der Museumsshop ist eigentlich nicht existent. Das Olivenöl aus dem Kloster empfinde ich allerdings als sehr scharf und mische es immer mit milderem.
    Gruß Dea

    1. Zitat Theo: “Ja, Martin Velbinger ignoriert in seinem Buch die ganze Insel Kreta. Auch noch 1985.”

      Na ja, nicht ganz. Im Velbinger von 1978/79 (mit Tips und Hilfe von Michael Müller – Neuseeland) wird Kreta schon mal auf Seite 104 erwähnt:
      “Heißer Tip!! Von Githion gibt´s einen Dampfer rüber nach KRETA. Die Verbindung ist etwas billiger, als direkt ab Athen/Piräus. Vorallem aber Zeitersparnis, und man kann auf der Fahrt nach Kreta die Peloponnes noch mit einbauen!”

      Es folgen ein paar Infos über die Route der “Ionion” einmal pro Woche ab Do. Nacht, Githion-Kastelli/Kreta 16-33 DM
      oder “Kanaris” einmal pro Woche ab So. Githion-Kythira-Kastelli/Kreta 15-33 DM…

      Das ist doch schon mal ein Anfang!

      Gruß,
      Richi

  2. Ich hoffe, es hat sich niemand drauf eingelassen, SO nach Kreta zu kommen. Zuerst mit dem Bus von Athen nach Githion, und auf Kreta ausgerechnet in Kastelli ankommen … das sei “Zeitersparnis”! Das ist krank.
    Den Velbinger 78/79 habe ich auch, Richi. Da steht auch noch, daß die Kanaris Pkws noch per Kran aufgenommen hat. Rührend.
    Da steht nur nicht ein einziger Grund, warum man von Githion (!) oder Monemvasia (!!) oder Neapolis (!!!) ausgerechnet nach Kreta fahren sollte …

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