Rethymno. Zu Hause in der Favela?

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Ein Bekannter aus Venezuela, der zum ersten Mal nach Europa kam, fuhr mit dem Zug vom Frankfurter Flughafen durch die erste Kleingartensiedlung seines Lebens. Entsetzt drehte er sich vom Fenster weg: „Ich dachte, Deutschland ist so reich! Aber die Favela da draußen sieht ja aus wie bei uns in Caracas!“
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Das fiel mir ein, als ich zum ersten Mal von der Festung von Rethymno auf unser gemietetes Haus blickte. Unser Haus, die „Casa di Maria“, ist das ziegelgedeckte Gebäude, das sich fast an die Festungsmauer lehnt. Ja, das Umfeld sieht aus wie eine illegal zusammengeschusterte Siedlung in einer südamerikanischen Großstadt. Aber … im Oktober 2017 wurde das Haus noch erfolgreich zu einem dreistelligen Tagespreis vermietet.
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Im Januar wird es eigentlich nicht vermietet, doch Katharina gab ihr bestes an Überzeugungskraft. Wir kriegten das Haus, mit einem unglaublichen Winterrabatt. Es ist ein zweckmäßiges und sinnvoll eingerichtetes Dreizimmer-Küche-Bad-Gebilde, und die Vermieter hatten uns sogar den Kühlschrank gut gefüllt, als Gastgeschenk.
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Zum Haus gehört ein großer baumbewachsener Garten (Avocado, Mandarinen und Oliven) …
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… deren Früchte die Gäste im Winter abernten können. Und die Aussicht vom Psiloritis über das Stadtpanorama bis zu den Weißen Bergen ist auch nicht zu verachten. Im Westen die Lefka Ori:
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Und es ist ganz nah an der Altstadt, aber so abgelegen (und nicht barrierefrei), daß man nachts die absolute Stille genießen kann (verhaltensgestörte Hähne und gelegentliche Gewitter müssen Sie ignorieren).
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Rethymno ist mit seinen 25.000 Einwohnern nur eine Kleinstadt, die sich im Sommer natürlich durch den Touristenzustrom gewaltig aufbläht. Die Hafenzeile ist für ihre aggressiven Lokal-Reinschmeißer berüchtigt. Im Winter ist hier nichts los, gar nichts.
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Trotzdem habe ich anfangs mit der hafennahen Gegend und der parallel laufenden Shopping-Zone arg „gefremdelt“. Chaniá kam mir so viel sympathischer vor. Doch je weiter man in die dahinter liegenden Wohnbereiche eindringt, desto entspannter wird es. Die schmalen Gassen sind autofrei, nach griechischen Verhältnissen natürlich nur fast autofrei.
Und die Pizza-Express-Lieferanten auf ihren Zweirädern haben stark suizidale Verhaltensweisen … dabei essen die Griechen doch alles lieber lauwarm …
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IMG_9583_A350Die großen Hotels liegen im Osten der Stadt. Aber an mehreren Stellen kann man auch in eleganten Unterkünften in der Altstadt wohnen. Nur ist es nicht so leicht, sich standesgemäß mit dem Taxi dorthin transportieren zu lassen.
Der Ortsansässige lernt in Rethymno früh, daß man sich mit kleinen Fahrzeugen zufriedengeben muß.
Das Bild stammt aus „unserem“ Wohnzimmer.
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Und man merkt immer noch die Auswirkungen der Anonymität der Großstadt, die in Griechenland auch ein kleiner Ort wie Rethymno bietet. An den Hauswänden nämlich:
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Auch offizielles Graffiti hat sich etabliert. Hier am Platz neben der Tis Nerantzes Moschee:
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IMG_9548_A350Die osmanische Besatzung (bis1879) hat das Stadtbild stärker geprägt als die Venezianer, die die Stadt im 13. Jahrhundert übernahmen.
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Von denen stammt zwar die geräumige Festung, die „Fortezza“ an der Spitze der Halbinsel – aber die haben zunächst die türkischen Piraten (1571), dann die osmanische Armee (1646) problemlos überrannt und weitgehend zerstört. Die Umfassungsmauer steht heute wieder.
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Gut, da ist mal eine Brunnenanlage geblieben (Rimondi-Brunnen), die auch in Norditalien stehen könnte …
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… da steht noch der Leuchtturm am alten – immer wieder erneut versandenden –
venezianischen Hafenbecken …
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… und so manches baufällige Haus aus alter Zeit, das Sie sogar kaufen können. Da manchmal ein Zustand erreicht ist, wo man in der Nähe des Gebäudes nicht mehr husten darf, würde ich oft vom Erwerb eher abraten:
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Ein paar Repliken aus dem lokalen Museums-Shop reichen Ihnen doch auch:
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Oder ein paar schöne Arbeiten eines lokalen Kunsthandwerkers. Ein Bergdorf aus Olivenwurzelholz, ein Leuchtturm mit LED-Blinklicht, oder das Umriss-Puzzle der Insel, die vier Regierungsbezirke fein ausgesägt. Small is beautiful, sowieso:
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Aber kommen Sie dazu lieber im Sommer. Im Winter ist der Laden geschlossen – der Künstler auf Urlaub in Florida, Zermatt oder Paris, oder er sitzt in einer der gut versteckten kleinen Tavernen in den gut versteckten Ecken der Altstadt. In Kneipen, die nicht mal ein Fenster zur Straße haben, und nur fünf kleine Tische mit vielleicht fünfzehn Stühlen.
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Da saßen wir auch. Da war dieses rein zufällig gefundene Etablissement. Mit je drei verschiedenen Portionen mezedes zu jedem halben Liter krassi. Mezedes, die die Wirtin für uns frisch zubereitet hat … und für zwei Liter Wein und neun Portionen mezedes verlangt sie am Ende dann die Irrsinnssumme von 20 Euro. Dazu klassischer Blues in dezenter Lautstärke.
Da verrate ich Ihnen doch lieber nicht, wo Sie das Lokal finden … na gut, es heißt: Παρελθόν …
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Und hoffentlich finden die Studenten von Rethymno den Laden nicht. Kretische Studenten und Studentinnen können beim Essen so laut werden, mit ständig ansteigender Dezibelstärke, da fällt ihnen von der Schallwelle die Gabel aus der Hand.
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Wenn Sie in einer Gasse der Altstadt wohnen wollen, achten Sie also auch darauf, ob in der Nähe Ihres Quartiers Tische und Stühle vor den Häusern stehen. Kretische Studenten und Studentinnen sind ausdauernd – und wenn ein Wirt auch nur noch drei Leute zu bewirten hat, wird er vor drei Uhr morgens nicht die Musik runterdrehen.
Ich kann Ihnen da was erzählen von unserem Winteraufenthalt 2016 in dieser handtuchengen Gasse von Chania und dieser Musikbar schräg gegenüber …
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