Kappadokien 4 – Zelve

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Kappadokien Zelve 1
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Blick aus einer Höhlenwohnung in das Tal von Zelve
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„Nach der Abwanderung der Byzantiner übernahm die einheimische Bevölkerung das Felsendorf, das erst vor kurzem wegen Baufälligkeit von den letzten Einwohnern verlassen worden ist.“
(Ömer Demir „Kappadokien – Wiege der Geschichte“, 1968 – 1977, 2. Auflage, undatiert)
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Zelve 1987, das durch eine schmale Steilwand zweigeteilte Tal ist menschenleer. Keine Bewohner, keine Besucher, keine Aufsicht. Mit Hinweistafeln wird man davor gewarnt, die Hänge und die Höhlenwohnungen zu betreten:
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Zelve Warhinweis
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Göreme Karte wikipedia(Karte: wikipedia)
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Der Bus nach Avanos hielt für uns in einiger Entfernung vom Talzugang. Schon auf der Straße war hinter Göreme/Avcilar fast niemand mehr unterwegs. Ein paar unentwegte Souvenir-Händler hatten trotzdem ihre Pferde gesattelt und ihre Autos beladen und lauerten neben der Straße auf Kunden. Souvenirkram aus Plastik und (zu 150% garantiert) echte alte handgeknüpfte Teppiche. Wir haben uns auf Zehenspitzen an der Touristen-Falle vorbeigeschlichen, um nicht aufgehalten zu werden. Nicht zur Seite schauen! Fußgänger, mit denen man Blickkontakt hatte, kriegten sonst immer einen Tee und eine längere Konversation geboten:
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Göreme Souvenirs
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Und wir waren froh, daß uns nur die Aprilsonne auf den Weg schien. Im Hochsommer hier zu Fuß unterwegs zu sein, ist wohl der reine Horror:
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Kappadokien Zelve
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Aber völlig allein waren wir nie. Wenn Sie genau hinsehen, dort hinter dem Triple-Felskamin ist tatsächlich eine Frau in den Weingärten unterwegs, zwischen winterkahlen Apfel- und Aprikosenbäumen, eine einsame Touristin:
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Felskamin Kappadokien
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Und wer hatte bloß die “göttliche” Idee, in diesem bizarren Felsturm unten eine Kapelle einzurichten? (Würde heute auch eine kleine Moschee samt Minarett abgeben …) Als Maßstab für die Höhe des Felsens dient das Moped links:
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Felskamin Kappadokien 2
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Was Maßstäbe angeht … im verkleinerten Maßstab kriegt man Abbilder der kappadokischen Felstürme auch im Restaurant serviert. Hier etwa, mein Tomatensalat am Abend:
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Tomatensalat
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Exklusives Arrangement. Hoffentlich hat sich der Koch beim Tomatenschälen nicht in die Finger geschnitten …
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Ja, für exklusiven touristischen Service wurde ständig gesorgt. Nur für uns alleine wurde das Tal von Zelve so dramatisch ausgeleuchtet …🙂 …:
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Kappadokien Zelve 2
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Kappadokien Zelve 3
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Alle Wohnhöhlen im Tal waren nach 30 Jahren völlig ausgeräumt. Es war nichts übrig geblieben von dem Besitz der Einwohner, die vor über 30 Jahren das Dorf verlassen mußten. Zu welchen Zwecken die leeren Räume gedient hatten, ließ sich meist nur noch ahnen. Am einfachsten waren die ehemaligen Kirchen zu erkennen, an der Bauform, an Resten eines Freskos oder Reliefs. Waren sie ab 1924 von den muslimischen Bewohnern, die den ausgewiesenen griechischen Christen gefolgt waren, auch als Andachtsräume genutzt worden?
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Kappadokien Zelve Kirche
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„The village of Zilve was used as a hide-out for the Christians. After the moving out of the Greek and Armenian Christians, the Moslems invaded the town. Before the moslems, Zilve was an important center of monasteries and churches which must have been built during the age of Iconoclasm.“
(Sigrid und Hartmut Geerken, „A guide to Göreme“, 1967)
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Die Zeit des Ikonoklasmus war die Zeit des Bildverbots in sakralen Räumen, im 8. Und 9. Jahrhundert. Man vergißt leicht, daß nicht nur fast alle Griechen, sondern auch die christlichen Armenier damals, am Anfang des 20. Jahrhunderts, aus der türkischen Bevölkerungsstatistik gestrichen wurden! Um das mal ganz vornehm auszudrücken …
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Oft waren die Kirchen in die obersten Spitzen der ausgehöhlten Felspyramiden gesetzt worden. Nur, an der Spitze fängt der Verfall immer zuerst an:
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Zelve Kirchen Hügel
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Wie war die linke Kirche im Bild oben ursprünglich geplant? Ihr vorderer Teil war ja eingestürzt. War die Kirche zweistöckig, vielleicht mit einer Balustrade, oder hatte der untere Raum, der mit der aus dem Naturstein herausmodellierten Säule schon wieder ein andere Funktion? Schauen wir uns das mal aus der Nähe an:
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Zelve Kirche Säule
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Hier mal einer der Verschlußsteine, die früher wie rollende Tore die Zugänge zu den Zufluchtsräumen versperrten:
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Zelve Verschlußstein
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Was mag der Stein heute noch verbergen?
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Hier ist ein mehrstöckiges Gebäude (bzw. Höhlensystem) teilweise glatt abgestürzt. Wofür waren unten in schräger Linie Löcher in die Wand gehauen worden? Für Treppenbalken? In dieser holzarmen Gegend?
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Kappadokien Zelve Absturz
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In der oberen Hälfte der Struktur sind die Fenster- bzw. Türöffnungen wohl nachträglich verkleinert worden. Die neuen Mauern haben kleine Einfluglöcher für die dahinter legenden Taubenhäuser, die heute noch genutzt werden. Ein- oder zweimal im Jahr steigt da jemand durch einen verborgenen Gang oder über die Außenwand in die Nisträume und fegt den Taubenmist zusammen. Ein wertvoller Dünger. Und ein gefährlicher Job:
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Zelve Taubenhaus
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Erst nach unserer Rückkehr aus Kappadokien hatte ich diesen Text über das Zelve-Tal gelesen: “In dem Höhlensystem, das man nur unter fachkundiger Führung besichtigen sollte, gab es sorgsam geplante Fallen – Fallgruben zum Beispiel oder unechte Gänge -, die alle angelegt wurden, um den Eindringling in ein Labyrinth ohne Ausgang zu locken. Äußerste Sorgfalt ist außerdem geboten, weil hier Boden oder Decke einstürzen können.” (Rolf D. Schwarz “Göreme”, Harenberg/Dortmund, 1986)
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Uns hatte niemand fachkundig geführt, aber wir waren vorsichtig genug, im Zelve-Tal nie Räume oder Gänge zu betreten, in die kein Rest Tageslicht mehr eindrang. Übrigens, die oben genannten Vorsichtsmaßnahmen werden für eine Besichtigung der Höhlenkirchen im Göreme-Kirchental nicht empfohlen …
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Irgendwann wirkte die Stille des Tals doch bedrückend. Und wir hatten genug vom Hin- und Herwandern auf den Fußwegen zwischen den ausgehöhlten Hügeln. Wir beschlossen, noch das Dorf Cavusin anzusehen. Ist ja nicht weit. Vielleicht konnte man da sogar einen Tee kriegen?
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Kappadokien Cavusin
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Hier sah es aus, als ob, vor gar nicht langer Zeit, ein ganzer hohler Berg in sich zusammengebrochen wäre. Eine gebogene Seitenwand war stehengeblieben, an der man an mehreren Stellen einfach hindurchschauen konnte. Irgendwo oben stehen die Reste einer große Kirche, der Johannes-Basilika. Baubeginn für diese Kirche war im 5. Jahrhundert, erhalten sind die Fresken aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Wir waren schon zu müde, um hinaufzusteigen, um den Eingang zu finden.
Die historisch wertvollen Fresken in dieser Kirche waren früh ins Restaurationsprogramm aufgenommen worden. Sigrid und Hartmut Geerken schreiben im Jahr 1967, daß man den Wachmann (!) an der Johannes-Basilika in Cavusin nach einem Führer für das Zelve-Tal fragen soll.
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Das alte Höhlen-Dorf war zum größten Teil vernichtet oder wenigstens unbewohnbar. Die Häuser des Dorfes waren unten an der Straße neu aufgebaut worden, oft in völlig freistehender Bauweise. (Auch für die ehemaligen Einwohner von Zelve war ein neues Dörfchen gebaut worden, Yeni Zelve.)
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Daß wir da am Spätnachmittag alleine in Cavusin auftauchten, und dann auch noch zu Fuß, machte wohl das ganze Dorf mißtrauisch. Besucher aus der Fremde kommen doch nicht ohne Fahrzeug! Kinder folgten uns, zu zweit, zu dritt, immer schweigend, mit verschlossenen Gesichtern. Frauen starrten uns verstohlen hinterher. Fotografiert habe ich kaum etwas. Aber diese wunderbare alte Mühle, die mußte ich doch festhalten. Der Fels, in den sie hineingebaut wurde, sieht aus, als wäre er aus geschmolzenem Wachs. Oder … ein Lebkuchenhaus, das einen Tag im Regen stand:
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Kappadokien Cavusin Ölmühle
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Im Dorf gab es nichts an Infrastruktur, keine Pension, kein Laden, kein Teehaus, kein Telefon. Auf Fremde war man hier nicht vorbereitet. Ich weiß nicht mehr, wie wir von da aus den Weg zurück nach Nevshehir hinter uns gebracht haben. Jedenfalls nicht zu Fuß (fünfzehn Kilometer Entfernung).
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