Bulgarien-Tour zur Wendezeit – 2

Rila Kloster Nebel
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Regentag im Rila-Gebirge. Nebelschwaden wehen über die Hänge.
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28.05.1990. In der Tupolev von Balkan-Air verteilen sich 30 Passagiere (Kapazität fast 200 Sitzplätze). Am Flughafen in Sofia holt unsere Dreiergruppe Iliana A. ab, eine „Linguistin“ mit Diplom, die ein makelloses Deutsch und Englisch spricht.
Dreiergruppe …? In Wien war Jutta Z. aus Graz zugestiegen, die für die Kronen Zeitung schrieb. Sie machte diesen Job und auch die Reise mit Widerwillen, besonders wegen ihrer Flugangst. Flugangst, und dann ausgerechnet Balkan-Airlines …
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Im Vitosha-Hotel hatte sich nicht nur das gute Dutzend Funktionäre versammelt, das wohl auf keinem Ausflug mit ausländischen Journalisten und „Kulturschaffenden“ fehlen durfte, sondern auch Journalisten und Journalistinnen und Reise-Autoren aus Portugal, Spanien, England, Frankreich, Deutschland, Italien, Finnland, aus Bulgarien, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Die Frau des Premierministers ist auch da, irgendwo in der Gästemenge. Wir beide werden als Vertreter der Niederlande vorgestellt.
Und schon am ersten Abend teilte sich die Reisegesellschaft auf in zwei Fraktionen, wegen der Umgangssprache und wegen des Alkoholkonsums. Die Ostfraktion, im Gegensatz zur Westfraktion, ist meist männlich, ist wesentlich trinkfester…
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Rila Kloster Chreljo Turm
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Der 3.000 Quadratmeter große Klosterhof. Links der Chreljo-Turm aus dem 14. Jahrhundert.
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29.05.1990. Wir verabschieden uns schon am nächsten Morgen. Auf uns wartet Stephan, seit zwanzig Jahren Mercedes-Fahrer, und Zornitza St., unsere persönliche Reiseleiterin. Zornitza zeigt uns auf einem Spaziergang die repräsentativen Gebäude im Zentrum Sofias, das kommunistische Hauptquartier, die Synagoge, die Kathedralen und frühere Moscheebauten.
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Mittags geht es hundert Kilometer Richtung Süden. (Stefan nimmt auf dieser Tour noch nicht die Radkappen ab, das tut er erst in Plovdiv, wo unser Hotel kein verschließbares Parkhaus hat …)
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Rila Kloster Eingang 300D
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Das Rila-Kloster wartet, und es regnet, und manche Horde von wildlebenden Hunden jagt unser Auto auf den einsamen Landstraßen. Stephan guckt deswegen nicht einmal in den Rückspiegel. Wenn die Hunde nicht überfahren werden, werden sie abgeschossen. Das Rila-Gebirge und die gesamte Rhodope-Gebirgskette ist nämlich ein berühmtes Jagdrevier für Großwild. Wildernde Hunde sind extrem unerwünscht.
1964 schreibt die Zeitschrift MERIAN noch:
„Balkantourist verfügt über zwei komfortable Jagdschlösser, die eigens für ausländische Jagdinteressenten gebaut wurden. (…) Unter Umständen kann man sich auch ein paar (!) Bären reservieren lassen.“
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Im Rila-Kloster sind mehrere bulgarische Reisegruppen unterwegs, fast ausschließlich Frauen vom Land, aber im weitläufigen Gelände verstreuen sie sich gut. Griechenland hat Kloster von diesen Dimensionen fast nur auf der Athos-Halbinsel. Heute gehören die Meteora-Klöster zu den bevorzugten Zielen der religiösen Reisegruppen aus Bulgarien. (Was wird erst passieren, wenn die fundamentalistischen Athos-Mönche von einer übergeordneten Gleichstellungsinstanz gezwungen werden, weibliche Touristen in ihr Gebiet zu lassen …?)
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Rila Museum Pilgerinnen
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Rila-Touristinnen. Hochbetrieb im Museums-Shop.
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Das Kloster soll vor nicht langer Zeit sogar mal als Hotel gedient haben. Als Tagungscenter kann ich mir immer noch gut vorstellen. So einsam die Lage auch ist. Stephan muß den 300D vor der Tür parken, er wartet auf uns am Steuer. Der Regen läßt nach, die Wälder dampfen. Fotografieren in der Klosterkirche ist verboten.
Vor der Tür üben drei volksrepublikanisch erzogene Jungs Kreuzzeichen, bevor sie hineingehen. Das mit dem Kreuzzeichen scheint gar nicht so leicht zu sein. Kein Wunder, daß man es uns schon im Kindergartenalter beibrachte …
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Die Rückfahrt dauert, in strömendem Regen, wieder zwei Stunden. Mehrere schwere Unfälle halten den Verkehr auf. Störche waten durch überflutete Wiesen.
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Rila Klosterhof Kirche
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Die Kirche im Hof des Rila-Klosters
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Das Rila-Kloster ist das größte Kloster in Bulgarien. Es wurde im frühen 10. Jahrhundert gegründet. Innerhalb der folgenden vier Jahrhunderte erhielt das von zahlreichen Pilgern besuchte Kloster zahlreiche Privilegien. Um 1335 befestigte der byzantinische Regent Stefan Chrel Dragowoj (Chreljo) das Kloster mit einer Mauer und einem Wehrturm (der heute noch steht).
Sechzig Jahre später eroberten die Osmanen das bulgarische Gebiet, ließen das Kloster jedoch zunächst nicht zerstören. Das passierte jedoch etwa 120 Jahre später.
1466 hatte das Rila-Kloster mit der Mönchsrepublik Athos einen Partnerschaftsvertrag abgeschlossen, und es besaß nun einen Schutzbrief des Sultans in Konstantinopel. Viele Mönche des Rila-Klosters stammten inzwischen aus Rußland.
1833 zerstörte ein Großbrand das Kloster. Nur der Chreljo-Turm und eine Kapelle überstanden die Katastrophe. 1837 war der Bau der noch heute stehenden großen Klosterkirche vollendet, bis 1860 die Innengestaltung. Auch die den Klosterhof umschließenden Wohnbauten (etwa 300 Räume!) wurden fertiggestellt.
Das Rila-Kloster wurde wieder zum Pilgerziel, und im bulgarischen Freiheitskampf zu einem wichtigen Zentrum. Dort lebte und starb zum Beispiel Nikola Benin, genannt Neofit Rilski (1793-1881), Pädagoge, Theologe, Aktivist im Befreiungskampf und Verfasser der ersten neubulgarischen Grammatik.

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Rila Galerien KLosterhof
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Nur ein kleiner Teil der Galeriengänge, die die zahlreichen Zimmer des Klosters verbinden.
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Genug Geschichte. Unsere weiteren Blicke in die Geschichte sind auf der Reise auch eher beiläufig.
Wie sehen wir Reisende die Gegenwart von 1990? Fragen wir mal unser Portemonnaie:
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Preisvergleiche 1990 in Sofia (8 Leva entsprechen jetzt 1 $):
Abendessen für zwei im Vitosha-Hotel 45 Leva, doppelter Cognac im Budapest-Café 4 Leva, 3 Espresso und 2 Wasser im Sheraton-Hotel 6 $ (die Rechnung beläuft sich auf 16 Leva, offiziell 2 $ nach Tageskurs, aber die Leva-Akzeptanz wird schlicht verweigert, und das Hotel rechnet nach Kurs von 1988 um – damals waren 3 Leva noch 1 $), kurze Taxifahrt im Zentrum 2 Leva, Farbfernseher im Kaufhaus ZUM von 1200 bis 1500 Leva.
Bulgarisches Durchschnitts-Monatseinkommen 250 Leva. Auf den Straßen in Sofia wird man häufig mehr oder weniger diskret wegen „change“ angesprochen.
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Sheraton Sofia Rechnung
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Was sind schon 6 $, wenn der bulgarische Arbeitnehmer im Monat 30 $ verdient …?
Vier Tageslöhne.

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