Was früher schon schmeckte – Wein und Bier

Vevey Weinfest Boissonnas
Dionysos lebt! Beim Weinfest in Vevey/CH, August 1905 (Foto Fred Boissonnas).
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DAS KOMATRINKEN
– WANN TRANK DER ANSTÄNDIGE GRIECHE?
– UND NIE TRANK DER GRIECHE ODER RÖMER PUREN WEIN
– DIE TRINKTEMPERATUR
– JAHRGANGSWEIN
– BETRUG UND VERFÄLSCHUNG
– FRAUEN UND ALKOHOL
– NÜCHTERNHEIT ALS STRAFTATBESTAND
– DER GERSTENWEIN
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Reben Skyros
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„In der historischen Zeit wurde der Wein in solchem Überflusse gebaut, daß er das allgemeinste, ja einzige Getränk der Hellenen außer dem Wasser bildete.“
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Es ist schon über drei Jahre her, als ich auf der Seite „Was früher schon schmeckte“ (wo es ums Essen ging) andeutete, daß ich auch die Erkenntnisse von Hermann Göll über „Bier und Wein“ in der griechisch-römischen Antike aufbereiten wollte.
(Hermann Göll: „Kulturbilder aus Hellas und Rom“, Spamer/Berlin/Leipzig, 3. Auflage 1880)
Gut, manche Sachen bleiben länger in der Schublade, als man meint.
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Goell EinbandEs ist erstaunlich, wieviel sich von den antiken Trink-Traditionen bis in die heutige Zeit erhalten hat. Vorweg eins: Göll weiß nichts über den Alkoholanteil des damals produzierten Weines. Aber daraus, daß es fast verpflichtend war, den Wein vor dem Genuß zu verdünnen, kann man auf einen hohen Alkoholanteil schließen.
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Auch heute ist man ja überrascht, daß Landwein, der nicht für den Markt produziert wird, so stark wie Likör sein kann. Ich erinnere mich (ungern) an ein Dorffest auf Ikaria, wo sie uns Rosé mit circa 25% Alkoholanteil vorgesetzt haben, ohne Warnung vor dem hochprozentigen Gehalt. Da die Bedienung ziemlich überlastet war, haben wir am Anfang gleich 2 Liter kommen lassen (wir waren zu viert). Dann stellten meine Begleiter fest, daß sie das Zeug absolut nicht mochten (was übrigens auch das Essen, Ziege vom Grill, anging).
Ich war der Meinung, man sollte das Zeug in den Karaffen nicht schlecht werden lassen, und habe zugelangt. Ziegenfleisch und Wasser zum Wein habe ich leichtsinnigerweise fast weggelassen, meine Stimmung wurde ja immer großartiger, und … Sie glauben nicht, wie schlecht es mir ging am nächsten Tag.
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DAS KOMATRINKEN
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Das Komatrinken gab es schon zu Zeiten Alexander des Großen. Der hatte ein Trinkgefäß von 6 Quart (6,5 Liter!) für offizielle Anlässe. In Indien soll er Wett-Trinken (mit Preisgeld) veranstaltet haben – laut Chares (1) aus Mytilini. Die Folgen waren erstaunlich: 35 der Mittrinker starben noch während des Gelages, und 6 kurz danach.
Es wurde „lauterer Wein“ getrunken. Der Sieger, Promachos, hatte „13 Liter vom stärksten Wein vertilgt“. Er starb vier Tage später …
...(1) Chares, griech. Geschichtsschreiber im Auftrag Alexander des Großen, 4. Jh.v.Chr.
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WANN TRANK DER ANSTÄNDIGE GRIECHE?
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Aber man vermied den Exzeß, wenigstens in der Öffentlichkeit. Unverdünnten Wein zu trinken, wurde als anstößig empfunden, und in eine Kneipe ging kein anständiger Bürger. Göll: „Ferner waren die öffentlichen Weinschenken so verrufen, daß ein anständiger Mann sich scheute, sie zu besuchen.“
Und überhaupt, der Grieche trank nie etwas vor der abendlichen Hauptmahlzeit des Tages.
Er trank auch nicht bei der Hauptmahlzeit, sondern erst danach, in Gesellschaft, beim Symposion! Da durfte ruhig zugelangt werden.
Göll vergleicht die antiken Trinkgewohnheiten mit den studentischen Trinkgelagen seiner Zeit.
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Vizitsa
Symposion in Vizitsa/Pilion, nach dem Oster-Mittagsfestmahl (siehe unten) …
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Göll: „Vor der Hauptmahlzeit Wein zu trinken, galt auch in Rom lange für unanständig. Plinius (2) nennt es „eine neue Erfindung”, nüchtern zu trinken, und erklärt es für höchst schädlich.
Ebenso spricht sich Seneca (3) aus: „Scheinen Dir diejenigen der Natur nicht gerade zuwider zu leben, die nüchtern trinken, die den Wein mit leerem Magen aufnehmen und betrunken zum Essen übergehen? Aber dies ist gerade ein häufiger Fehler junger Leute, welche ihre Kräfte üben, daß sie beinahe an der Schwelle des Bades trinken, ja sogar zechen. Nach dem Frühstücke oder Mittagsmahle zu trinken ist gemein, das tun die Bauern und Alle, die den wahren Genuß nicht kennen!(siehe oben …🙂 …)
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“Obgleich man nun bei der Mahlzeit Wein trank, folgte doch derselben häufig ein eigentliches Trinkgelage, das sich zuweilen bis tief in die Nacht ausdehnte. Im Allgemeinen waren diese Konvivia den griechischen Symposien sehr ähnlich, nur daß die Römer sich hinsichtlich der Unterhaltung passiver verhielten, und sich lieber an den Vorstellungen von Musikern, Tänzern, Schauspielern, Gauklern und Gladiatoren ergötzten als durch heitere Gesellschaftsspiele und angenehme Gespräche erheiterten.“
(2) gemeint ist wohl Plinius der Jüngere, ca. 62 – 113 n.Chr.
(3) wohl Lucius Annaeus Seneca, ca. 1 – 65 n.Chr., Philosoph, Erzieher des Kaisers Nero.
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UND NIE TRANK DER GRIECHE ODER RÖMER PUREN WEIN
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Das Verdünnen des Weines hat sich empfohlen, denn noch konnte niemand den Alkoholanteil messen. Wie der Wein wirkte, wußte man erst, wenn man ihn konsumiert hatte – das war der Schlüssel zur Erkenntnis!
MalamatinaGöll: „Das gewöhnliche Verhältnis zwischen Wein und Wasser ist schwer zu bestimmen, da natürlich viel auf die Schwere des Weines und noch mehr auf Geschmack, Alter und Geübtheit des Trinkenden ankam. Es gab Sorten, die einen dreifachen Zusatz von Wasser recht gut vertrugen, während andere schon an sich dünn genug waren; die homöopathischeren unter ihnen nannte man freilich im Scherze: Froschwein!
Das Vermischen geschah, wie bereits in der homerischen Zeit, in großen Urnen oder Kratern von gebranntem Thone oder Metall, aus denen dann wieder vermittelst Schöpfkannen oder Instrumenten, die unsern Punschlöffeln nicht unähnlich sind, in die Trinkbecher geschöpft wurde.“
Und weiter: „Nur die Barbaren genossen den Wein ohne Wasser und Platon (4) hebt namentlich die Perser, Karthager, Kelten, Iberer, Thrakier und Skythen hervor.“
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Wein Wasser Skyros
So läßt sich Wein und Wasser heute gut verbinden:
Wein in der Wasserflasche …

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Und es gab natürlich Regionen bzw. Inseln, die für ihren Wein berühmt waren (was sich auch deutlich im Preis niederschlug): Der beste Wein aus Chios war zu Sokrates (5) Zeiten 25 Mal so teuer wie attischer Landwein.
Göll: „Was ferner die Weinsorten selbst betrifft, so sind wir eigentlich über die griechischen weniger unterrichtet, als über die italischen, da überhaupt die Römer gar bald in der Kunst der Feinschmeckerei die Hellenen übertrafen. Der attische Wein war geringer Qualität; die vorzüglichsten Arten baute man auf den Inseln, besonders auf Thassos, Lesbos und Chios. Der letzte stand im höchsten Ansehen.“
Der Wein aus dem Vatikan war bei den Römern geradezu verrufen als „Gift“.
(4) Platon, Philosoph, ca. 427 – 347 v.Chr.
(5) Sokrates, Philosoph, ca. 469 – 399 v.Chr.
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DIE TRINKTEMPERATUR
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Den Wein zu temperieren, war allgemein üblich. Schnee wurde zum Kühlen herbeigeschafft, Eis in Eisgruben vergraben. Aber es ging auch andersherum – Göll: „Außerdem kannte man recht wohl den Glüh- und Würzwein.“ Ja, Geschmackskorrekturen aller Art waren möglich! Auf Thassos rührte man einen Teig aus Weizenmehl und Honig in den Wein.
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Göll: „Die Römer folgten beim Weintrinken insofern der griechischen Sitte nicht, als sie nicht nur beim Vorgericht süßen Most tranken, sondern auch zwischen den Speisen Wein. Dagegen wurde auch bei ihnen der Wein mit Wasser gemischt und der Genuß des reinen Weines galt ebenfalls für das Merkmal eines Trunkenboldes. Das gewöhnlichste Verhältnis des Weines zum Wasser war wohl 1:2, und in ihm wurde auch den Magenkranken nach Plinius gewöhnlich der Wein verabreicht.”
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Retsina leer

Manche trinken noch heute zwischen den Speisen Wein, und vorher und nachher …
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“Da der Wein nach der römischen Behandlungsart viel Hefensatz behielt, so mußte man ihn vor der Mischung klären und dies geschah entweder vermittelst eines Eies oder indem man ihn der Nachtluft aussetzte, oder am gewöhnlichsten durch Filtrieren, wozu man einen metallenen Durchschlag oder (bei geringeren Sorten) einen leinenen Sack nahm. Freilich verlor dabei der Wein an Kraft, und man sprach deshalb auch von „Kastrieren” desselben.”
Ich hoffe, die veganen Weintrinker haben das gelesen …🙂 …
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“Im Sommer pflegte man Schnee in das Sieb zu legen und den Wein darauf zu gießen. Überhaupt scheinen die Römer, als größere Feinschmecker, in der heißen Jahreszeit noch mehr Schnee und Eis konsumiert zu haben, als die Griechen.
Seneca tadelt den Genuß des Schnees als eine luxuriöse Verwöhnung seiner Zeitgenossen am heftigsten. „Nicht einmal zufrieden sind sie mit Schnee,” sagt er, „sondern Eis lassen sie kommen, als ob es vermöge seiner größeren Festigkeit sicherer Kälte entwickle, und dieses wird nicht von der Höhe geholt, sondern, damit es größere Kraft und durchdringendere Kälte besitze, aus Verstecken herausgegraben.“
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JAHRGANGSWEIN
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Und man trank lieber alten als jungen Wein! Göll zitiert Athenäus (6): „Alter Wein ist nicht nur des Genusses, sondern auch der Gesundheit wegen zuträglicher; denn er macht die Speisen verdaulicher, giebt den Leibern Kraft, dem Blut Farbe und bewirkt ruhigen Schlaf.”
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Der meiste Wein in Griechenland wurde jedoch nicht alt. Einige Sorten wurden jedoch bis zu 15 Jahre gelagert.
Göll: „Die geringeren Sorten wurden sogleich vom Faß weg getrunken, sobald der Wein ausgegoren hatte, weil er das Lagern nicht vertrug.“
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Kiefernharzgewinnung
Kiefernharzgewinnung auf Skyros
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Vom Konservieren wußte man nicht allzu viel, Lebensmittelchemie bot noch keine Uni an🙂, aber die Eigenschaften des Kiefernharzes waren bekannt, in Griechenland wie Italien.
Göll: „Nach Plutarch (7) setzten die Bewohner von Euböa und die Anwohner des Po ihren Weinen Harz zu, um ihre Haltbarkeit zu vermehren, und aus demselben Grunde wurden die großen irdenen Weinfässer (hölzerne Fässer und Reifen brauchte man noch zu Plinius Zeit nur in den Alpengegenden), welche die geschickteren griechischen Töpfer bis zu einer Größe von beinahe 10 Eimern (8) verfertigten, allgemein ausgepicht.“
(6) Athenaios, da hätten wir gleich 4 Autoren zur Auswahl …
(7) Plutarch(os), griech. Schriftsteller, 45 – 125 n.Chr.
(8) 1 Eimer (ja, das Maß gab es wirklich) galt zu Gölls Zeiten als 60 Quart = ca. 68 Liter!
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BETRUG UND VERFÄLSCHUNG
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Und natürlich wurde betrogen, verfälscht und mächtig übertrieben, was die Qualität anging.
Göll: „Darum heißt es bei Lukian (9): „Die Philosophen lehren die Wissenschaften, wie die Händler den Wein verkaufen, indem sie verdünnen, verfälschen und schlecht messen.” Auch der Redner Dion Chrysostomos (10) sagt von ihnen: „Die Weinhändler, die im Maße betrügen und davon leben, haßt Ihr wegen ihrer schändlichen Gewinnsucht.” Auch die Schenkwirtinnen waren in dieser Kunst geübt.“
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WeinleseAuch bei der Jahrgangsbestimmung wurde oft betrogen und gelogen. Ist heute noch so: Glaube versetzt (Wein)berge …
Göll: „Kato (11) war doch ein eifriger Rebenzüchter, und gibt selbst in seinem Buche über den Landbau Anleitung zur Kultur des Weinstockes. Auch wußte er nebenbei die koischen Weine nachzukünsteln, indem er Meerwasser und Gips zu gutem italischen Most nehmen und die Fässer ein paar Jahre an der Sonne stehen ließ. Das beste italische Weinjahr war das 633ste der Stadt, das Konsulatsjahr des Opimius (12), nach dem man den ganzen Jahrgang nannte.
Seine Berühmtheit wurde benutzt, um zwei Jahrhunderte lang das Publikum zu betrügen und die Blößen anderer Jahrgänge zu decken. Bereits 151 Jahre später zweifelte der Geschichtsschreiber Bellejus (13) an dem Vorhandensein von Wein aus jener Zeit.
Aber noch Plinius will beinahe 200 Jahre nach Opimius eine Probe gesehen haben „zu einer Art von herbem Honig verdickt”!
Selbst zu Martials (14) Zeit, der einige Jahrzehnte später lebte, gab es noch viele Leute, die sich einbildeten, echten „schwarzen Opimianer” zu besitzen und zu trinken.“
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Weiter: „Eine Beschleunigung des Alters wurde auch schon durch die eigentümliche Behandlungsweise des Weines erzielt. Nachdem nämlich derselbe in kühlen Gewölben und in großen offenen Gefäßen, die zum Teil in die Erde eingelassen zu werden pflegten, seinen Gährungsprozeß durchgemacht hatte, wurde er auf ausgepichte Amphoren abgezogen, verkorkt und versiegelt und in die eigentliche Weinniederlage gebracht, die im oberen Stocke lag und vom Rauch durchzogen wurde, weil man diesem eine mildernde Kraft zuschrieb.
(…) Darum wurde auch, was uns komisch klingt, der Wein „heruntergeholt”, und Horaz (15) sagt selbst zur Flasche: „Steige herab!”
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Ano Syros Vassilis
“Steige herab!” in der Neuzeit! Können Sie sich noch erinnern, wie vor zwanzig Jahren noch die alten Weinfässer in den Tavernen auf den Kykladen benutzt wurden? Die Blechkaraffen wurden vom Faß gezapft und dann in der Theke gekühlt. Hier bei Vassilis in Ano Syros – genauso sah es bei Lilli aus, im “1930”, oder auf Tinos …
Damals durfte man in den Tavernen ja auch noch rauchen! Klar, der Rauch konservierte den Wein in den Fässern, wie in den ganz alten Zeiten …🙂 …
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Wein in Ioannina

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Natürlich wurde das Mittel der Räucherung vielfach gemißbraucht, um das Alter des Weines zu erzwingen, Plinius erklärt die ganze Methode für höchst schädlich und für eine Erfindung der Weinhändler.“

(9) Lukian von Samosata, Schriftsteller, Reisender, 120 – 180 n.Chr.
(10) Dion Chrysostomos, Philosoph, 40 – 120 n.Chr.
(11) wohl Marcus Forcius Uticensis, 95 – 46 v.Chr.
(12) Quintus Opimius, röm. Konsul im Jahre 154 v.Chr. oder (wahrscheinlich) Lucius Opimius, röm. Konsul im Jahre 121 v.Chr. (wenn man glaubt, daß die Stadt Rom im Jahre 753 v.Chr. gegründet wurde!)
(13) Velleius Paterculus, röm. Historiker, 20 v.Chr. – 30 n.Chr.
(14) Martial, röm. Dichter, 40 – 120 n.Chr.
(15) Horaz, röm. Dichter, 65 – 8 v.Chr.
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FRAUEN UND ALKOHOL
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100 Drachmen 1935Frauen und Alkohol, das schloß sich in besseren Kreisen und nach herrschender Männer-Moral oft aus, aber …
Göll: „Aber auch das schöne Geschlecht bleibt nicht ganz frei von dem Vorwurfe allzu starken Durstes. Bei den Marseillern freilich und Milesiern waren die Weiber gesetzlich bloß auf das Wassertrinken angewiesen und auch bei den Lakedämoniern tranken die Jungfrauen entweder gar keinen Wein, oder wenigstens sehr stark verwässerten.“
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NÜCHTERNHEIT ALS STRAFTATBESTAND
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Da war noch dieser ägyptische König, der angeblich Nüchternheit bestrafte.
Göll: „Der ägyptische König Ptolemäus XI (16), der sich selbst den Beinamen „Dionysos” gab, führte den Kultus des Weingottes in allen seinen Konsequenzen so leidenschaftlich durch, daß er zu gewissen Zeiten die Nüchternheit bei seinen Untertanen streng ahndete.“
(16) Fragwürdig … Ptolemäus XI, 105 – 80 v.Chr., herrschte nur ein paar Tage. Er hatte seine Stiefmutter geheiratet (die bis dahin allein herrschte), um König zu werden, und hatte sie nach 18 Tagen ermorden lassen, worauf ihn das erboste Volk in Alexandria lynchte. Möglicherweise war das Lynchkommando auch nicht ganz nüchtern …
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Fix Mythos Karpathos
Hellas-Bier, Blindverkostung auf Karpathos (Foto: Katharina R.).
Nein, es wurde bestimmt nicht aufs Etikett geguckt! 🙂

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DER GERSTENWEIN
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Das Kapitel über die Bierherstellung und den Biergenuß kann man ruhig ans Ende stellen. Biertrinken war nix für die alten Griechen und Römer. Der Biersuff war eine üble Gewohnheit der Barbaren jenseits der Grenzen, wo bedauerlicherweise (noch) keine Trauben angebaut werden konnten: Bei den Kelten, Germanen, Iberern, Ägyptern usw.
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Göll: „Wo bleibt nun aber bei dieser Allgemeinheit des Weingenusses im Altertume das edle Bier? Auf diese Frage des geneigten Lesers muß man freilich erwidern, daß weder Griechen noch Römer sich des Bieres oder anderer Surrogate bedient haben und daß Plinius bloß dem Weine nachsagt, daß die Menschen es ihm verdankten, allein von allen Geschöpfen trinken zu können, ohne Durst zu haben!
Wie konnte er auch ahnen, daß einst eine Zeit erscheinen würde, wo die Bierkonsumtion sich tief in die Weingegenden hineindrängte, wo die Ruhe ganzer Länder teilweise von dem Preis des Gerstensaftes abhinge?“
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Wie sehr das Biertrinken seit einigen Jahren auch in Griechenland immer mehr in Mode kommt, konnte Göll noch nicht wissen. (Zu seiner Zeit war Bier in Griechenland noch ein exotisches Getränk – und nur Fix in Athen braute es!) Ein gezapftes Bier einer Marke mit einem edlen Image hat in griechischen Lokalen heute einen höheren Status als eine Karaffe Landwein, und oft ist auch der Preis höher.
Griechisches Bier wird inzwischen auch zum Lidl-Sonderangebot, sogar in deutschen Filialen. Sehen Sie mal, wie sich die Mitglieder des InGreece-Forums sofort auf den Hinweis gestürzt haben:
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Lidl Fix Schalimara
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Göll: „Gerade die ältesten Kulturvölker, die Inder und Ägypter, haben das Bierbrauen verstanden. Herodot erwähnt es, daß die Ägypter aus Mangel an Weinbergen sich Gerstenwein bereiteten. Athenäus erzählt dasselbe und fügt hinzu: „Die den Gerstenwein genießen, werden dort so fröhlich, daß sie auch singen und tanzen, und alles tun, was wir an Weinberauschten wahrnehmen.”
Die berühmteste Bierstadt Ägyptens scheint das als der Schlüssel des Landes bekannte Pelusium gewesen zu sein.
Wenigstens nennt Kolumella (17) die Mohrrüben und Lupinen als Reizmittel bei den Pokalen des Musischen Bieres, wobei wir unwillkürlich an den in den eigentlichen Biergegenden unentbehrlichen Rettig denken! Außerdem wurde auch in Alexandria viel Bier gebraut.“
(17) Lucius Iunius Moderatus Columella, römischer Schriftsteller und Landwirtschaftsspezialist, gest. 70 n.Chr.
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„Nächst Ägypten ist Kreta zu nennen, wo, wie Posidonios (18) erwähnt, die ärmeren Leute eine Art Weizenbier, mit Honig gemischt, zu trinken pflegten, das sie Kurmi nannten. Auch den Griechen war das Bier nicht unbekannt, da ihre Nachbarn, die Thraker, es liebten. Sie nannten es Pinon, Bryton und Zython.“
(18) Poseidonios, griech. Philosoph, lebte lange auf Rhodos, 135 – 51 v.Chr.
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„Neben den Thrakern war der Gebrauch des Bieres bekannt den Illyriern, Pannoniern und Dalmatinern, welche Dio Kassius (19) zu den Völkern rechnet, die am erbärmlichsten lebten, weil sie weder Öl noch Wein bauten, und Hirse und Gerste nicht bloß äßen, sondern auch tränken!
(19) Lucius Cassius Dio, ca. 163-229 n.Chr., röm. Historiker griech. Herkunft.
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Fix Karpathos

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„Bekannt ist vor allem die Leidenschaft unserer Vorfahren für „die Flüssigkeit, die,” wie Tacitus (20) sie beschreibt, „aus Gerste oder Weizen zu einiger Ähnlichkeit mit Wein zugerichtet ward.”
Nur die nächsten Anwohner des Rheins kauften Wein, während die großen Stämme der Nervier und Sueven (21) nach Cäsars Bericht sogar die Weineinfuhr verboten, weil sie von diesem Luxusartikel entnervende Folgen fürchteten.
Da nun aber, wenn Tacitus recht unterrichtet war, das Zechen Tag und Nacht fortdauerte und selbst die politischen Angelegenheiten beim Becher abgemacht wurden, so muß der Verbrauch des Gerstensaftes bereits ein ungeheurer gewesen sein.
Nächst den Germanen waren die Kelten in Gallien und Spanien in Bereitung und Vertilgung des Gerstenweines sehr erfahren. Die Gallier nannten ihn „Cervisia“, die Spanier „Ceria” oder „Celia”.“
(20) Tacitus, röm. Historiker und Senator, ca. 58 – 120 n.Chr.
(21) Nervier = belgische und Sueven = germanische Volksgruppen
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Göll: „Ist nun also über den Gebrauch und die berauschende Kraft eines aus Gerste bereiteten Absuds kein Zweifel, so wissen wir fast nichts Näheres über die Bereitung und besonders über die in Spanien erfundene Kunst, dem Biere Haltbarkeit zu verleihen. Von der Anwendung des Hopfens (…) findet sich keine Spur, und doch muß jenes Mittel irgend ein Pflanzendekokt gewesen sein.
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Am meisten lernt man noch aus Orosius (22), der in seiner zu Anfang des fünften Jahrhunderts n. Chr. entstandenen Weltgeschichte auch der Belagerung Numantias (23) gedenkt und als geborener Spanier besonderen Glauben verdient, wenn er über das dabei getrunkene Bier schreibt: „Jene feurige Kraft wird erweckt aus dem Keime des naß gemachten Getreides, das dann getrocknet und in Mehl verwandelt mit einem milden Safte vermischt wird, durch dessen Gährung die Herbheit des Geschmackes und die berauschende Glut erzeugt wird.”
Die Natur des „milden Saftes” bleibt zwar dunkel, aber sonst stimmt mit der Beschreibung die Angabe des Zosimos (24) aus Panopolis in Ägypten, von dem noch der kleine Rest einer Schrift über das Bierbrauen vorhanden ist. Auch dieser spricht nur von Luftmalz, das geschrotet und mit Sauerteig zu Brot gebacken werden soll, und das dann mit einem Aufgusse von süßem Wasser gelind gekocht wird.“
(22) Paulus Orosius, 385 – 420 n.Chr.
(23) Numancia = ehemalige Hauptstadt der Keltiberer, 133 v.Chr. von den Römern erobert.
(24) Zosimos aus Panopolis, griech. Alchemist, lehrte in Alexandria, um 400 n.Chr.
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Zehn Jahre vor Erscheinen von Gölls Buch wurde in Paris eine antike tönerne Bierflasche gefunden. “Wirtin, fülle die Flasche mit Bier!” steht drauf. Und das Historische Museum der Pfalz in Speyer zeigt eine Weinflasche aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. – und der Inhalt ist noch flüssig! (Hinweis von Katharina R.)
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Die Zitate sind aus der zweiten Auflage des Buches (1863) und hauptsächlich aus der dritten Auflage von 1880. Göll macht keine Angaben zu den antiken Autoren – solche Kenntnisse wurden im 19. Jahrhundert bei den klassisch gebildeten Lesern wohl vorausgesetzt. Aber wir haben ja wikipedia.🙂 Die Orthographie habe ich manchmal aktualisiert.
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