Hesse-Wartegg: Albanien 1917

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Ernst von Hesse-Wartegg (1851-1918), Geheimer Hofrat, Generalkonsul, östereichischer Diplomat, Weltreisender und Reiseschriftsteller, in dessen Werkliste Arbeiten über Nord- und Südamerika, Ozeanien, Asien, Nordafrika und den Vorderen Orient zu finden sind. Er war bereits 1872 zum ersten Mal auf dem Balkan. Sein “Die Balkanstaaten und ihre Völker” von 1917, aus dem ich zitiere, war das letzte Buch, das vor seinem Tod veröffentlicht wurde.
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Hesse-Wartegg weiß, daß er sein Buch in einer schwierigen Zeit veröffentlicht. Er will sich darum jeder politischen Stellungnahme enthalten. Denn welche Landschaft auf dem Balkan morgen zu welchem Nationalstaat gehöre, wer könne das schon wissen …! Nur die Albaner, die seien ja schon überall! Ob in der Staatsführung in Konstantinopel oder in der königlichen Garde in Athen …
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Aber das Erstaunlichste an den Albanern sei: “Dafür dulden sie Fremde nur ungern in ihrer Heimat.” Hesse-Wartegg meint mit “Heimat” in diesem ZUsammenhang die Gegend um “Janina”. Also Ioannina/Epirus als albanischen Hauptsiedlungspunkt, wo die Griechen um 1917 noch eine Minderheit sind!
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Und wo sieht Hesse-Wartegg die Albaner noch? “Ebenso sind die einstigen Residenzen der altbulgarischen Zaren, Prespa und Ochrida, in ihre Hände gefallen. Sie haben sich gerade mit den beiden letzten die schönsten Gegenden der Balkanhalbinsel erobert. Ja, ich würde die beiden Seen von Prespa und Ochrida mit den schönsten Schweizerseen vergleichen. Gäbe es in Albanien Wege, Straßen, Hotels, wäre es nicht das einzige Land Europas, wo noch niemals der Pfiff einer Lokomotive erscholl, und wo meines Wissens noch nicht einmal eine Dampfmaschine oder eine Straßenbahn ihren Einzug gehalten hat, Prespa und Ochrida würden das Ziel Tausender moderner Touristen sein.”
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“Allerdings sind die Bewohner des nördlichen Albaniens viel ursprünglicher, ungezähmter, wilder, als jene des Südens. Den Epirus bewohnen die Südalbanier oder Tosken, die jahrtausendelang mit den Griechen in Beziehung standen und mildere Sitten angenommen haben.” Hesse-Wartegg bestätigt, was Siebertz, Steinmetz und Georgevitch ebenfalls festgestellt hatten. Ich zitiere darum einfach ein paar seiner Zeilen kommentarlos hintereinander weg. (Das soll auch der endgültige Abschluß meines Ausflugs ins historische Albanien sein!)
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Albanische/Toskische Kleidung: “Ihre Kleidung ist höchst eigenartig und von einem Schnitt, als hätten sie ihn europäischen Ballettmädchen abgeguckt, wenn solche jemals nach Albanien gekommen wären. Die Beine stecken in enganliegenden weißen Filzhosen, ihre roten Lederschuhe schmückt vorne ein Ball aus schwarzer Wolle und von den Hüften steht ein faltenreiches, kurzes, weißes Röckchen weit ab, das kaum zum halben Schenkel reicht. Den Oberkörper bedeckt ein buntes, reich besticktes Jäckchen von spanischem Schnitt und um den Leib ist eine ebenso bunte Schärpe gewunden, in welcher jeder Albanier ein oder zwei Pistolen, gewöhnlich mit Silbergriff, und vielleicht auch einen Dolch stecken hat. Die Kopfbedeckung bildet bei den Anhängern des Islam ein roter Fes mit langherabfallender blauer Quaste, bei christlichen Albaniern ein weißes Käppchen. In den Städten wird von manchen Albaniern leider schon die häßliche Europäertracht getragen.”
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Albanische Frauen, Sitten und Ehre: “Die Frauen sind bei weitem nicht so malerisch gekleidet wie die Männer und spielen auch im Leben keine beneidenswerte Rolle. Die schwersten Haus- und Feldarbeiten werden von ihnen besorgt, und in den Ortschaften sah ich selten einen Albanier Lasten zu Markte tragen. Gewöhnlich waren es Weiber, die, einige Schritte hinter ihren Männern des Weges kommend, mit den Landprodukten beladen waren.”
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“Das Sittenleben ist bei dem uralten Volke sehr rein. Mädchen können allein das ganze Land durchwandern, ohne von einem Manne belästigt, ja auch nur scharf angeblickt zu werden, und jeder männliche Verwandte, der sie begleitet, ist gegen jeden Akt der Blutrache, jeden Angriff gefeit.”
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“In verschiedenen albanischen Städten wurde ich besonders gewarnt, keine photographischen Aufnahmen von Frauen zu machen. Das allzu kühne Anblicken eines Mädchens kann der Albanier mit dem Tode büßen, und wäre es in den Hauptstraßen der Ortschaften. Das Leben gilt dem Albanier wenig, die persönliche Ehre und Eitelkeit alles. Ich war Zeuge, wie ein albanischer Hirte einen Stammesgenossen niederschoß, einfach weil er seinem Schäferhund einige Stockhiebe versetzte.”
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Albanisches Recht und Rechtsgefühl: “Gesetzbücher gibt es keine; die Tradition, der Gebrauch bildet das ungeschriebene Gesetz, und auf den einsamen Höfen waltet das Familienoberhaupt nach eigenem Urteil.”
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“Der Albanier wird keinen Meuchelmord begehen, sondern seinem Gegner offen gegenübertreten, anvertraute Gelder, und seien es noch so unbedeutende Summen, wird er niemals unterschlagen, sondern ihrer Bestimmung zuführen, mit Reisenden, die bei ihm einkehren, seinen letzten Bissen teilen und sein Wort niemals brechen.”
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1912, nach dem Ersten Balkankrieg, war Albanien sozusagen “unabhängig” geworden. Das Land hatte 1914 sogar für sechs Monate einen deutschen Fürsten als Staatsführer, Wilhelm zu Wied. Zu sagen hat er allerdings nichts. Und im Land herrscht das Chaos. Siehe: BERLINER ZEITUNG 28.06.1997
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Im Ersten Weltkrieg war das Land von den kriegführenden Mächten besetzt. 1917 war von Hesse-Wartegg noch pessimistisch für die Zeit nach dem Krieg. Was sollte aus dem Staat werden?
“In ihrem Freiheitsgefühl und ihrer eifersüchtig gehüteten Unabhängigkeit würden sie sich auch niemals der Rekrutierung und dem Zahlen von Steuern unterwerfen. Ohne Straßen, Eisenbahnen, Brücken und Häfen ist eine regelrechte Regierung unmöglich, und aus welchen Mitteln sollten diese gebaut werden? So wird es Generationen dauern, ehe in Albanien ein geordnetes Staatswesen mit Aussicht auf Erfolg zur Einführung kommen kann.”
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Die Balkanstaaten und ihre Völker
Ernst von Hesse-Wartegg
Friedrich Pustet Verlag, Regensburg, mit 33 Abb., 1917

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