Italien wie es wirklich ist …? Teil 3

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< Nicolais Reise dauerte 106 Tage, davon 53 Tage in Italien (29. Mai bis 21. Juli 1833). >
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Wo hat es Gustav Nicolai denn gefallen? Generell war die Rückreise (ab Neapel) besser als die Hinreise … hat sich der Autor etwa an Italien gewöhnt?
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Triest = So modern und sauber, gemessen an der Scheußlichkeit von Venedig in den folgenden Tagen (Hotel Royal an der Riva degli Schiavoni), schlechtes Essen, schöne Aussicht … gegessen wird nur noch im Hotel d’Angleterre … ansonsten … der stinkende Fischmarkt, die schwarzen „Trauerschiffe“ (Gondeln), die düsteren Palast-Ruinen, Unrat, Gestank und Gesindel, und im Kanalsystem unterwegs sein ist nicht so schön wie ein Sonntag im Spreewald … das Singen der Gondoliere tut Nicolai in den Ohren weh.
JWithamVenedig2Förster empfiehlt, die Rundreise nicht in Venedig zu beginnen: „Der aus Neapel und Rom Rückkehrende ist durch die ausserordentlichsten Eindrücke sehr verwöhnt … (da reizt Florenz oder Mailand nicht mehr) … aber Venedig ergreift noch einmal mit seiner wunderbaren Eigenthümlichkeit als etwas durchaus Fremdes, und bildet somit den besten
Reiseschluss.“

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„Venedig ist auch nicht viel größer als Ehrenfeld.“
(anonym, Autor wohl aus Köln)
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Neapel = Sehr guter ‚guide‘ und erstklassiges Hotel … da gab es im Hotel jeden Tag auf Gästewunsch sogar ‚Kartoffelmus‘! Toller Ausflug auf den Vesuv mit Tragesesseln, zwei Mal nach Pompeji trotz der unanständigen Wandbilder … 🙂 …
Pompeji wurde 1748 zufällig von Bauern entdeckt. Erst 1808 begann die planmäßige Ausgrabung. Zur Zeit des Nicolai-Besuchs war vielleicht ein Viertel der gesamten Bausubstanz sichtbar. Auch in Rom ist der Bereich des Forum Romanum noch weitgehend Brachland.
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Genua = So modern und sauber … trotz Regenwetter „entzückend schöne Umgebung“ … im Hotelrestaurant abends „achtzehn Schüsseln“ … darunter Austern, Hummersalat, Sardellen in pikanter Salzsauce, leckere Mehlspeisen, Pastete mit Trüffeln und Hühnerleber und „die feinsten französischen Weine“! Wein wird aus dem Freihafen ‘abgezweigt’ und ist daher recht preiswert.
Auf dem Weg nach Norden über Mailand schafft Nicolai beim Abendessen (table d’hôte), einige ankommende Deutsche, die nach Süditalien wollen, nach Südfrankreich umzulenken. Das rettet ihm den Tag, denn es regnet wieder in Strömen, und alle Theater haben abends geschlossen.
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Lago Maggiore/Isola Bella = Ist so schön, wegen der Nähe zu Deutschland … und hier blüht Mitte Juli angeblich noch der Magnolienbaum. Merkwürdig …
Noch hat Nicolai (S. 446) sein Urteil über Italien nicht völlig geändert: „Der Lago Maggiore und seine Umgegend liegt ganz nahe an Deutschland, welches unendlich viel schöner ist als Italien.“
Hier findet Nicolai endlich eine schöne Frau, „das schönste Mädchen, das wir in Italien gesehen hatten“, aber sie ist keine Italienerin, sondern Engländerin …
Nicolai (S. 463) macht eine See-Rundreise per Dampfschiff und schwärmt: „Die Fahrt auf dem Lago Maggiore ist die lieblichste Erinnerung unserer ganzen Reise.“ Hm, hätte hier nicht was über Maschinenlärm und Ruß und Rauch kommen müssen 🙂 ?
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Schweizer Alpen = Hier, am St. Gotthard, holt Nicolai wieder das Tiefdruck-Wetter ein: „Der Himmel hatte sich in graue Wolken gehüllt. Plötzlich fing es an zu schneien. Welch ein Schauspiel am 22. Juli! Es schneite so heftig, dass sich die kahlen Felsen hinter den fallenden Flocken wie Nebelgebilde darstellten.“
Ab hier gibt es wenigstens keine Flöhe mehr … 🙂 … und wie kultiviert man in Zürich im Gasthofe zum Schwert (Hôtel de L’Epée) untergebracht ist!
Nicolai: „Die Aussicht aus unseren Fenstern war vielleicht die köstlichste unserer ganzen Reise.“
Wenn Sie die Aussicht mal sehen wollen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Haus_zum_Schwert_(Z%C3%BCrich)
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Und in der ganzen Schweiz ist man Nicolai „mit biederer Herzlichkeit“ entgegengekommen, und „wir sind nirgend betrogen worden“.
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Nicolai erwähnt (S. 438) „Tausende von Reisenden, die sich gegenwärtig mit uns in Italien aufhalten“.  Tausende, mehr nicht …? Da hat er ja noch Glück gehabt!
Worüber Nicolai sich nicht ärgern mußte (Video verfügbar bis 04.07.2024):
https://www.3sat.de/wissen/wissenschaftsdoku/tourismus-kollaps-104.html
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NACHTRAG / BIBLIOGRAFIE
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Zunächst, googlebooks, in vielen deutschen und internationalen Uni-Bibliotheken wird der ebenfalls frei und kostenlos verfügbare (!) Online-Bestand in der Regel farbig und mit mäßigem Kontrastbereich gescannt (Schrift dunkelgrau, Fond hellbeige).
Vielleicht wird die Vorlage sogar nicht maschinell durchgeblättert, sondern von einer gewissenhaften studentischen Hilfskraft in den Scanner gelegt …!?
Klar, das macht mehr Mühe, die Sorgfalt kostet was und bringt einen größeren Datenumfang mit sich (wen stört das heutzutage noch?), aber es lohnt sich.
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Egal. Ich denke immer noch, daß „echte“ Bücher so etwas wie eine „Seele“ haben, jedenfalls eine besondere Geschichte, ebooks oder scans eher nicht. Aber das ist ein anderes Thema …
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Beispiel:
Shapero-333Shapero’s Rare Books Store
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Meine 8. Ausgabe von Försters „Italien“ (1866) ist kein download, sondern stammt aus dem schönen und gutsortierten Reisebuch-Antiquariat von Bernard Shapero in der Saint-George-Street in London.
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Leontine-zu-Fürstenberg_333Leontine zu Fürstenberg
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Das Buch stammt aus der Bibliothek von Prinzessin Leontine zu Fürstenberg (geborene Gräfin von Khevenhüller-Metsch) (1843-1914).
Sie heiratete 1860 Maximilian, Fürst zu Fürstenberg. Der starb 1873. 1875 erneute Heirat mit Emil, Prinz zu Fürstenberg (starb 1899).
Prinzessin Leontine hat das Buch also wohl erst nach 1875 in ihrer Bibliothek registrieren lassen.
Prinzessin, schöner Beruf.
Vielleicht sagt Ihnen der Name Ira von Fürstenberg ja was … 🙂 …?
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Meine Ausgabe der 4. Auflage von Försters „Italien“ von 1848, der ich die Textbeispiele entnehme (unten) ist allerdings nur ein download, aber von guter Qualität (Düsseldorfer Universitätsbibliothek).
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Verwendete Literatur:
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Italien, wie es wirklich ist – Bericht über eine merkwürdige Reise im Jahre 1833 in den hesperischen Gefilden als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen
Gustav Nicolai. Neuausgabe von 1834, Beide Teile in einem Band.
Comino-Verlag 2016, ISBN 978-3-945831-07-6
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dto
., 2. vermehrte und verbesserte Auflage, 1./2. Teil, Otto Wigand’sche Verlags-Expedition, 1835. Neu im 2. Band auf S. 286-391 Abdruck der Rezensionen des Buches in einem einzigen Jahr!
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Schreiben eines deutschen Flohs, welcher mit Herrn Gustav Nicolai die Schnellfahrt durch die hesperischen Gefilde gemacht hat, an seine Freundin, eine Wanze in Italien
K. E. L. R. S. Adamssohn. F.W. Goedsche, Meissen, 1836
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Handbuch für Reisende ITALIEN
Erster Teil: Ober-Italien, Zweiter Teil: Mittel- und Unter-Italien

Dr. Ernst Förster
Literarisch-Artistische Anstalt der J.G. Cotta’schen Buchhandlung
4. Auflage 1848, 8. Auflage 1866
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Meyers Reisebücher: Italien in 50 Tagen
Dr. Th. Gsell-Fels, Bibliographisches Institut, Leipzig 1875
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Travels in Europe for the use of Travellers on the Continent,
including the Island of Sicily

Marina Starke, John Murray/London, 9. Auflage 1837
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Das Pfennig-Magazin
Hrsg.: Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse
Nr. 107, 18.04.1835
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Bäume, Himmel, Wasser – ist nicht alles wie gemalt?
Italien, das Land deutscher Sehnsucht

Gunter Grimm. Stuttgarter Zeitung 04.07.1987
http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/wissen/projekte-pool/italien/grimm_italien_sehnsucht.pdf
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12 ausgesuchte Texte aus dem Italien-Reiseführer von Ernst Förster:
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Über die Reisedauer:
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Über das Wetter:
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Über Pässe und Formulare:
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Über Empfehlungsbriefe und Behörden:
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Über Lohndiener:
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Über Bettler:
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Über die Armut:
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Über Bücher und die Zensur:
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Über Straßenräuber:
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Über Italiener auf Reisen:
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Über Kaffeehäuser:
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Über Wohnungen in Italien:
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Das alles wäre noch weiter und weiter und weiter auszuführen … besonders in Nicolais Text finden sich so viele kuriose Stellen. Aber in einer Zeit, wo auch der blondierte oberste Häuptling der USA im Internet nur 280 Zeichen gleichzeitig verdauen kann, will ich niemanden allzusehr überfordern … 🙂 …
Jedenfalls vielen Dank, wenn Sie es bis hierhin durchgelesen haben!
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Abschließend, noch zwei Karten … zur Erinnerung: Gustav Nicolai war 106 Tage lang auf der Strecke Berlin-Dresden-Prag-Wien-Triest-Venedig-Padua-Bologna-Florenz-Siena-Rom-Neapel-Rom-Pisa-Genua-Mailand-Arona/Lago Maggiore-Schweizer Alpen unterwegs.
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Foerster1848_RouteNicolai_A700
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… oben die Routenkarte aus Försters “Italien” von 1848, unten die Eisenbahn-Routenkarte aus Meyers “Italien in 50 Tagen” (1875). Einfach unglaublich, in welchem Tempo sich ab 1860 die Eisenbahnen im Land verbreitet hatten:
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……….Routenkarte-Meyers-1875_A600
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> WEITER MIT:  UM 1866 – DIE “WALDMENSCHEN” IN ROM
> WEITER MIT:  UM 1866 IN ROM – DREI NACHTRÄGE
> WEITER MIT: VERHARREN IM DIESSEITS – TEIL 1 – 6..

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